Warum Kims Regime Wahnsinnig ist und wie man es heilen kann

Eigentlich gilt es ja mittlerweile als common sense, dass das Handeln Kims und seines Regimes einer – wenn auch oft nur schwer verständlichen – Ratio folgt. Die Tatsache, dass manche Zeitungsmacher das nicht wahrhaben wollen kann man getrost ausblenden. Alles was man nicht versteht (und das ist scheinbar viel) als irre oder dumm zu bezeichnen ist zwar leicht, aber, naja, es hat eben nichts mit einem Bild der Welt, wie sie wirklich ist, zu tun. Allerdings fällt es auch Menschen, die Farben zwischen schwarz und weiß kennen, in Zeiten wie diesen schwer, das Vorgehen Nordkoreas nicht einem akuten Anfall von Wahnsinn zuzuschreiben. Dazu habe ich eben einen interessanten Artikel in der Foreign Policy (via Zirkumflex) gelesen (ich habe gestern auch einen sehr guten Kommentar mit ähnlicher Ausrichtung in den Tagesthemen gesehen, den ich euch nicht vorenthalten möchte). David Rothkopf fasst darin Kim Jong Ils Methode zusammen und dem Schluss den er zieht ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen:

In short, call Kim strange, joke about his quirks and collection of VHS tapes. I can’t help doing so sometimes. But we ought to stop suggesting he is irrational or unpredictable. What he is doing, it’s completely in character, following a clear pattern and may very well … and yet again … pay off, precisely as he intended it to.

Kims Regime exportiert Waffen, es exportiert nukleares Know how, es liefert auch sonst so ziemlich alles was Geld bringt und von Zeit zu Zeit exportiert es eben auch Angst. Doch das eigentliche Exportgut ist wohl das „Gesamtkunstwerk“ es vermittelt der Welt das Bild eines pervertierten und aggressiven Staates, der so Wahnsinnig agiert, dass man sich nie sicher sein kann, was als nächstes passiert, der aber leider nicht so wahnsinnig ist, sich in den eigenen Untergang zu stürzen.

Was „Wahnsinn“ ausmacht

Und das ist eigentlich die Krux der Geschichte. Wahnsinn ist nicht gleich Wahnsinn und was ist überhaupt „Wahnsinn“? In diesem Fall möchte ich mal auf den Wikipedia Artikel zu dem Thema zurückgreifen um das Phänomen Wahnsinn etwas näher zu beleuchten:

Als Wahnsinn oder Verrücktheit wurden in der Geschichte des Abendlandes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen. Dabei bestimmten stets gesellschaftliche Konventionen, was als „Wahnsinn“ verstanden wurde: Der Begriff konnte dabei für bloße Abweichungen von den Konventionen (vgl. lat. delirare aus de lira ire, ursprünglich landwirtschaftlich „von der geraden Furche abweichen, aus der Spur geraten“), für geistige Störungen, bei denen ein Mensch bei vergleichsweise normaler Verstandesfunktion an krankhaften Einbildungen litt, bis hin zur Kennzeichnung völlig bizarrer und (selbst-)zerstörerischer Handlungen verwendet werden. Auch Krankheitssymptome, wie etwa jene der Epilepsie oder eines Schädel-Hirn-Traumas, wurden zeitweilig als Wahnsinn bezeichnet.

Da der Begriff des „Wahnsinns“ in Europa historisch zum einen in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wurde, er zum anderen rückblickend auf verschiedene Phänomene angewendet wird, ist er ein medizin- und kulturgeschichtlich nur schwer eingrenzbares, kaum zu definierendes und zum Teil widersprüchliches Phänomen. Welche Normabweichungen noch als „Verschrobenheit“ akzeptiert wurden und welche bereits als „verrückt“ galten, konnte sich abhängig von Region, Zeit und sozialen Gegebenheiten erheblich unterscheiden. Daher lassen sich moderne Krankheitskriterien und -bezeichnungen in der Regel nicht auf die historischen Ausprägungen von Wahnsinn anwenden.

„Wahnsinnig“, nicht irrational

Ach wie schön, dasteht ja auch: Wahnsinn ist nicht gleich Wahnsinn. Wenn wir also Kims Regime als Wahnsinnig bezeichnen, haben wir eine schön griffige Vokabel gefunden, mehr aber auch nicht. Jeder kann sich selbst seine eigene Definition dessen bilden, worin Kims Wahnsinn genau zu finden ist. Dummerweise wird Wahnsinn aber oft mit Irrationalität in Verbindung gebracht. Und das ist ein Schritt zu viel, denn dadurch macht man es sich gleichzeitig leichter und schwerer, wenn man mit dem Problem Nordkorea irgendwie hantieren muss:

Leichter macht man es sich, weil man sagt: „Das Regime handelt irrational, es weiß also selbst nicht was es tut und tun wird und dementsprechend ist es völlig aussichtslos, dass wir uns Gedanken machen, was das Regime wollen könnte und was seine Motive sind. Das Handeln des Regimes ist dem Zufall überlassen und unser Job ist es, die Folgen des zufälligen Handelns einzudämmen. Auf das Handeln selbst haben wir keinen Einfluss.“ Man entledigt sich also schlicht und einfach der komplizierten Denkaufgabe.

Schwere macht man es sich, weil man damit das Handeln des Regimes quasi als höhere Gewalt qualifiziert. Im Endeffekt sitzt man lethargisch und voller Angst im blauen, oder im weißen Haus rum und kann nichts tun, außer warten, bis der Wahnsinn in Form eines völlig irrationalen Handelns wieder Besitz von Kims Regime ergreift und irgendwo ein Schiff sinkt, Granaten niedergehen oder ein Flugzeug in der Luft gesprengt wird. Wenn man an ein irrational handelndes Regime glaubt, entzieht man sich selbst jegliche Handlungsoptionen, denn alles was man Täte um Einfluss zu nehmen, wäre nach dieser Logik Ressourcenverschwendung. Die Vorstellung eines irrational handelnden Regimes sollte man also ganz schnell begraben.

Wahnsinn als Verstoß gegen Normen und Werte

Was aber dann? Dazu liefert die Beschreibung des Wahnsinns wieder Anhaltspunkt: Als Wahnsinn wurden „bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen“. Und das trifft schon irgendwie recht genau auf das Handeln des Regimes zu. Permanent tut es Dinge, die unseren Norm- und Wertvorstellung komplett entgegenlaufen. Eine kurze Auflistung mancher dieser Regelverstöße gibt es ja oben, eine erschöpfende Liste wäre allerdings ganzschön lang. Menschenrechte, Indoktrination, politisches  System, Außenpolitik, sucht euch was aus.

Und Normen und Werte?

Aber vielleicht sollte man sich, wenn man über diese Werte und Normen spricht, nochmal kurz Gedanken machen, weshalb sie eigentlich da sind. Im Endeffekt sind sie Ausdruck des Wunsches nach einem Staatensystem, in dem die würdige Existenz aller Staaten nebeneinander garantiert wird (Menschenrecht gehen dann noch einen Schritt weiter, indem sie die Existenz nicht nur der Staaten, sondern auch der Individuen, die sie konstituieren sichern sollen). Ohne diese Normen gäbe es noch mehr Konflikte und das reine Faustrecht würde gelten. Naja, worauf ich hinaus will ist jedenfalls, dass die grundlegendste Norm die Sicherung der Existenz ist. Darauf bauen die Anderen auf.

Kims Regime als Vertreter der grundlegendsten Norm: Existenzsicherung

Was Nordkoreas Regime tut ist nichts anderes, als auf diese Norm zurückzugehen. Vielleicht fühlt es sich auch auf die Norm zurückgeworfen, aber im Endeffekt zielt das Handeln des Regimes einzig darauf ab, seine Existenz und damit die der Demokratischen Volksrepublik Korea zu sichern (natürlich kann man sich vorstellen, dass nach dem Ende des Regimes ein Gebilde in den jetzigen Staatsgrenzen weiterexistiert, aber es hätte nichts mehr mit dem Staatswesen wie es heute ist zu tun). Da dies nicht innerhalb der sonst gängigen Normen der Staatengemeinschaft zu funktionieren scheint, fühlt man sich nur noch der einen Norm, Existenzsicherung verpflichtet, das dabei Menschenrechte als Norm völlig über den Haufen geworfen werden ist nur folgerichtig, denn die stehen ja noch eine „Normstufe“ höher.

Wie man Kims Wahnsinn „heilen“ könnte

Würde man das Handeln des Regimes in diesem Kontext verstehen und irgendwelches Gefasel von wegen Irrational ein für alle Mal über den Haufen werfen, wäre schon viel gewonnen. Akteure wie die USA und Südkorea könnten einerseits wieder mit Vertrauen in die Erfolgschancen ihres eigenen Handelns agieren, da sie wüssten, dass ihnen da keine höhere Gewalt gegenübersteht, sondern ein, auf einer anderen Wertbasis handelnder Spieler. Andererseits weist diese Überlegung aber auch den Weg zu einer Lösung des Problems. Man kann das Regime in Pjöngjang nicht von seinen Normverstößen abbringen, indem man mit Strafen oder gar der Beendigung seiner Existenz droht (in den Augen des Regimes dürften die Unterschiede ohnehin marginal sein), denn damit ändert man ja nichts an der Grundlegenden Situation des Regimes, dass sich mit oder ohne Drohungen und Sanktionen in seiner Existenz bedroht fühlt. Man muss das Regime davon überzeugen, dass es innerhalb der Norme und Werte, denen die Staatengemeinschaft folgt, existieren kann. Sobald das geschafft ist, stellen die keine Bedrohung mehr dar, sondern bieten die gleiche Erleichterung, wie sie allen anderen Staaten und das Regime wird sich dann hinsichtlich der zwischenstaatlichen Normen nicht mehr wahnsinnig verhalten. Bis das dann auch noch auf die Menschenrechte zutrifft, kann allerdings noch etwas dauern. Das kann man auch ganz gut daran erkennen, wie viele Staaten sich zwar hinsichtlich zwischenstaatlicher Normen nicht wahnsinnig verhalten, was die Menschenrechte angeht aber schon.

Unschöne Alternativen…

Der Weg Nordkorea davon zu überzeugen, dass es einen Platz innerhalb des bestehenden Normen und Wertesystems für es gibt ist sicherlich ein schwerer und steiniger. Allerdings gibt es, wenn man nicht bereit ist ihn zu gehen, nur zwei Alternativen. Die Eine ist, dass man es weiterhin behandelt, als sei es irrational und seine Ausbrüche weiter über sich ergehen lässt, bis das Regime irgendwann zusammenbricht. Jedoch muss man dann auch bereit sein, alle Spielarten des Wahnsinnsexports zu akzeptieren und da ist noch Einiges vorstellbar, das schlimmer ist als das Gegenwärtige. Dies könnte dann auf direktem Wege zu der zweiten Alternative führen. Man räumt das Regime mit militärischer Gewalt weg. Davor hat man mit Recht Angst, aber diese Alternative ist immernoch besser als die vorher genannte, denn dann findet es wenigstens ein schnelles Ende und man erspart sich und den Menschen, die davon betroffen sind das, was sich Kim und seine Leute noch alles an Wahnsinnstaten einfallen lässt, um dann am Ende doch Gefahr zu laufen, Krieg führen zu müssen. Aber wie gesagt, das ist nur die zweitbeste und wahrscheinlich auch wesentlich kostspieligere Alternative.

…man muss sich nur für eine entscheiden!

Ich weiß, dass nichts von dem, das ich hier aufgeschrieben habe, wirklich neu ist. Außerdem ist es ziemlich abstrakt. Aber was bringt es, jede einzelne Tat oder Untat des Regimes auf Sinn und Zweck hin zu zerpflücken und dabei das zugrundeliegende Problem aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig immer nur in Form kurzfristiger Reaktionen zu handeln, ohne die langfristigen Alternativen abzuwägen. Jeder Tag an dem das Handeln Nordkoreas als Naturgewalt gesehen wird und an dem man sich nicht für eine wirkliche Alternative entscheidet ist ein verlorener Tag und es wäre mal langsam an der Zeit, dass man das in Washington und Seoul auch erkennt.

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