Der Mann hinter dem Angriff auf Yonpyong — Kim Kyok-sik: Nicht nur ein General?

Nachdem die Lage in der Folge des nordkoreanischen Artilleriebeschusses der südkoreanischen Insel Yonpyong nun seit einer Woche stabil geblieben ist (wenn man mal von dem Manöver samt Flugzeugträger im Westmeer und den markigen Worten auf beiden Seiten der Demarkationslinie absieht), möchte ich mich heute kurz dem Mann widmen, der auf nordkoreanischer Seite wohl der Befehlshaber des Beschusses war. Kim Kyok-sik ist es nämlich durchaus wert, dass man ihm einige Zeilen widmet, denn einerseits ist sein Werdegang sehr interessant und andererseits hat er seinem Kerbholz in der letzten Zeit einiges hinzugefügt.

Kim Kyok-siks etwas verworrener Werdegang

Kim Kyok-sik kommandiert heute das westliche Regionalkommando der Koreanischen Volksarmee oder das IV Armee Korps und ist damit (so oder so) auch für die Stellungen verantwortlich, die das Feuer auf die Insel Yonpyong eröffnet haben. Mit 72 (oder Ende 60, wie fast immer unterscheiden sich hier die Angaben) Jahren ist Kim noch relativ jung und hat gute Chancen Kim Jong Il zu überleben. Nach seinem Studium an der Militärakademie der Kim Il Sung Universität führte ihn seine Karriere ab 1971 erst mal ins Ausland. Er war für einige Jahre als Militärattaché in Syrien tätig und zwar just zu der Zeit, als der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel, Syrien und Ägypten ausgefochten wurden, an dem nachweislich auch nordkoreanische Piloten teilnahmen. Wenn er auch ich nicht direkt ins Kriegsgeschehen eingegriffen hat so dürfte Kim dort trotzdem mehr Erfahrungen gesammelt haben, als Altersgleiche, die Nordkorea nicht verließen. Dies ist daher interessant, weil Kim zu der ersten Generation gehört, die nicht auf Kampferfahrungen aus dem Guerillakrieg gegen die japanische Besatzung oder am Koreakrieg zurückgreifen können. Nach seiner Tätigkeit im Ausland machte Kim eine recht gewöhnliche Militärkarriere, in der er ab 1994 Kommandant des II Armee Korps wurde und 1997 den Generalsrang erreichte. 2007 wurde er dann, für Beobachter sehr überraschend, zum Chef des Generalstabs der Koreanischen Volksarmee ernannt, ohne jedoch zum stellvertretenden Marschall der Armee befördert oder in die Nationale Verteidigungskommission berufen zu werden. Lediglich ein vierter Stern sprang für ihn heraus. Ebenso überraschend wie seine Beförderung kam Anfang 2009 dann auch seine (faktische) Degradierung, als Ri Yong-ho seinen Posten übernahm und er an seine jetzige Position wechselte. Auch hier wurde viel über mögliche Hintergründe spekuliert, da auch Ri aus dem relativen Nichts in die erste Reihe befördert wurde. Im Gegensatz zu Kim wurde Ri auch zum Vizemarschall der Armee gemacht.

Kerbholz wird immer kerbiger

Sein Wirken an der neuen Arbeitsstelle konnte der Weltöffentlichkeit dann kaum entgehen. Schon im November 2009 wurde schoss die Armee bei einem Manöver unter seinem Kommando Artilleriegeschosse in die Nähe der Seegrenze zu Südkorea. Auch die Schießübungen im Januar und August 2010, zu denen Nordkorea Sperrgebiete für Schiffe ausrief, fanden in seinem Kommandobereich statt. Die Versenkung der Cheonan schließlich, bei der es sich ja grundsätzlich um eine Marineoperation gehandelt haben dürfte, fand ebenfalls in Gewässern statt, die wohl am ehesten unter sein Kommando fallen. Daher dürfte er auch hierüber zumindest informiert gewesen sein, allerdings wurde er gerüchteweise auch als der Drahtzieher des Zwischenfalls vermutet. Diese lange Reihe von Vorfällen unter dem Kommando Kim Kyok-sik fand nun ihren bisherigen Höhepunkt in der Attacke auch Yonpyong. Zwar wird gemutmaßt, Kim Jong Il und sein Sohn Kim Jong Un könnten den Befehl persönlich erteilt haben, allerdings ist der Befehl in diesem Fall an Kim Kyok-sik ergangen, der ihn dann ausführte.

Versetzung, Eskalation und ein großer Plan

Und nimmt man all diese Informationen zusammen, die man über den Unruhestifter in Nordkoreas Südwesten hat, ergeben sich einige interessante Schlussfolgerungen bzw. Fragen.

  • Kim ist mit seinem relativ jungen Alter ein Kandidat für die Führungsgruppe in der Übergangszeit nach dem Tod Kim Jong Il. Er könnte darüber hinaus in seiner Zeit als Militärattaché etwas Erfahrung in Kriegssituationen gesammelt haben, eine Qualifikation die viele andere Militärs seines Alters nicht haben.
  • Kim wurde fast aus dem Nichts heraus zum Generalstabschef der Armee befördert, ohne jedoch einen entsprechenden Rang zu bekommen. Nach zwei Jahren wurde er ebenso überraschend wieder abgelöst. War es von vorne herein geplant, dass er als erfahrener und loyaler Militär den Lückenfüller gab, bis der Neue bereitstand? Oder war seine Degradierung auch für ihn überraschend?
  • Letztere Frage könnte eine Theorie von einem frustrierten Hardliner stützen, der nun von seiner Position aus die Politik Kim Jong Ils torpediert. Allerdings wäre er dann wohl schon nicht mehr im Amt. Daher wäre es schlüssiger, wenn sein Intermezzo als Generalstabschef schon vorher so geplant war und die eigentlich ihm zugedachte Position seine jetzige ist, zumindest vorerst.
  • Wenn dem so ist,  genießt er Kim Jong Ils höchstes Vertrauen, denn immerhin wurde er in eine Machtposition eingesetzt um dann wieder entfernt zu werden. Das muss man erstmal mit sich machen lassen.
  • Als Vertrauensmann wird er vermutlich recht strikt den Befehlen Kim Jong Ils folgen, was dann wohl bedeutet, dass die Eskalationen im Westmeer von Seiten des Regimes zumindest als Option schon früher eingeplant waren und dass diese vielleicht sogar schon von langer Hand vorbereitet wurden. Denn wenn man eine bewaffnete Eskalation vorbereitet, braucht man einen Befehlshaber vor Ort, der sich minutiös an die von oben vorgegebenen Befehle und Grenzen hält, um keinen Ausweitung des Konflikts zu riskieren.

Aus diesen Überlegungen heraus ist es gut möglich, dass Eskalationen im Westmeer einem großen Plan folgen und schon länger vorbereitet wurden. Vielleicht seit 2007 als Kim Kyok-sik die Führung des Generalstabs erlangte aber wahrscheinlich seit Anfang 2009, als er seine jetzige Position einnahm. Was genau das Ziel des Plans ist, bleibt natürlich wie so oft offen. Es könnte mit Kim Jong Uns Nachfolge zusammenhängen (ich glaube das tut im Moment das Meiste), es könnte aber auch mit der außenpolitischen Strategie Nordkoreas oder der Frustration über Lee Myung-baks Politik in Verbindung stehen. Man weiß es nicht. Natürlich weiß ich auch nicht ob meine These vom großen Plan zutrifft, allerdings bin ich mir sehr sicher, dass das Vorgehen Nordkoreas gegenüber Yonpyong kein Zufall war und nicht von irgendwelchen „Provokationen“ Südkoreas ausgelöst wurden, sondern einem eiskalten Kalkül folgten.

2 Antworten

  1. Wenn es stimmt, was japanische Zeitungen melden, dass hinter der Attacke Kim Jong Un steckt, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass sich der junge Mann profilieren möchte.
    Hoffentlich hält er sich ab jetzt zurück und kommt nicht in Versuchung, die riesige Militärmaschine als lustiges Videospiel zu mißbrauchen. Aber so erfahrende Leute wie Kim Kyok-sik steuern da vermutlich gegen

    • Naja, japanische Zeitungen melden oft ganzschön viel über Nordkorea.
      Aber ist in dem Fall natürlich gut möglich, dass Kim Jong Un tatsächlich was damit zu tun hat. Dahinter wird er wohl nicht stecken, zumindest nicht allein. Von daher muss man sich glaube ich auch keine großen Sorgen machen, dass er im Alleingang was sehr dummes tut.

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