Artikel in der Asia Times: Ein nordkoreanisches Horrorendzeitgossipmärchen mit Zitat von Kim Jong Un

Zeitungen wollen ja nicht ausschließlich Information liefern, sondern ihren Lesern quasi ein rundum-sorglos-Paket anbieten. Die meisten Zeitungen haben dafür Karikaturisten, Comiczeichner, Franz-Josef Wagner oder andere spaßige Gesellen in ihren Reihen. Die Asia Times hingegen hält das ultimative Unterhaltungsangebot bereit. Sie lässt von Zeit zu Zeit Kim Myong-chol einen Artikel veröffentlichen. Kim ist das wohl prominenteste Sprachrohr des Regimes in Pjöngjang (ich habe mich nach dem Untergang der Cheonan schonmal mit einem seiner Artikel beschäftigt) und versteht sich hervorragend auf das sprachrohr Geschäft. Seine Artikel bieten eine Mischung aus dem üblichen KCNA-Charme (Drohungen und Beleidigungen), Gruselgeschichte und Endzeitmärchen, die diesesmal auch noch mit ein bisschen „Pjöngjang Klatsch und Tratsch“ vermengt wurde. Aber nun zum Inhalt des Artikels.

Kim leitet den Artikel geschickt ein mit Zitaten einiger berühmter Generäle, die eine herausragende Rolle für die Geschicke der Koreanischen Halbinsel spielten: Omar Bradley, Mark Clark, Douglas McArthur und Kim Jong Un. Was? Kim Jong Un? Ja, ihr habt richtig gelesen. Bei Kim Myong-chol ist damit wohl erstmals ein quasi offizielles Zitat des designierten Nachfolgers Kim Jong Ils zu lesen. Naja und weil es sich hier um ein Horrorendzeitgossipmärchen handelt, klingt dieses Zitat Kim Jong Uns auch ziemlich martialisch:

Should the US and South Korea disregard our repeated warnings to unleash war, we must lose no time in going to the heart of the enemy to show them what it is like to fight nuclear war on their own land.

Eine klare Ansage, auf die ein klarer Text folgt. Nach einer sehr kurzen Charakterisierung Kim Jong Uns (er kommt scheinbar ganz nach dem Vater),

Kim Jong-eun given an opportunity to prove his unprecedented military genius

sowie seiner Rolle im Regime,

He would preside over the evaporation of the world’s sole superpower in the first thermonuclear exchange ever fought on the spaceship Earth.

Acting for supreme leader Kim Jong-il, the young general is one click away from issuing a long-awaited order to the Korean People’s Army’s (KPA) shiny and sleek, quick-response global strike force. This would see the torching of the bulwark of the US empire, the skyscrapers of New York City and other centers of metropolitan America.

kommt der Autor aber erstmal zu eher technischen und weniger horrormäßigen Angelegenheiten. Er versucht die Schuld für den Granatenbeschuss der Insel Yonpyong Südkorea in die Schuhe zu schieben (Das versucht man ja zurzeit täglich in Nordkoreas Medien) und auch alles was jetzt sonst noch passieren könnte (also zum Beispiel der erste Thermonukleare Krieg auf dem Raumschiff Erde). Dazu hat er sich nach eigenem Bedarf Ausschnitte von Artikeln westlicher Medien zusammengeschnipselt, die bei völliger Ignoranz des Kontextes, in dem diese Schnipsel standen, tatsächlich so etwas wie eine logische Argumentationskette ergeben und darüber hinaus vermuten lassen könnten, all diese Medien seien eher auf der Seite Nordkoreas (erstaunlicherweise werde sicherlich ein paar Minderbemittelte/Verblendete/ich-weiß-nicht-was-mit-ihnen-nicht-stimmt Leute in diversen Foren und Freundschaftsverbänden dieser Argumentation eins zu eins folgen).

Dann kommt der gleichermaßen humorige wie gruselige Abschlussteil. Auch der baut in großen Teilen auf der Rezeption westlicher Medien auf. Der Autor hat nämlich ein paar der vielen Horrorgerüchte die so kursieren genommen, ausgeschmückt und zu einem „Nordkorea ist unbesiegbar Gesamtkunstwerk“ zusammengeführt.

Emerging as the fourth most powerful nuclear weapons state after the US, Russia and China, North Korea has several hundred nuclear warheads in its arsenal, including plutonium and uranium-based hydrogen bombs, neutron bombs, nuclear mines and shells.

North Korea has about 8,000 ultra-modern centrifuges operating at underground sites, churning out highly enriched uranium (HEU) like hot cake.

Even one look at them seems to have petrified Dr Siegfried Hecker, the American nuclear scientist whose jaws dropped at a sight of a mere 2,000 above ground during his visit to a plant in November.

Ein ganzschön ausgefeiltes Arsenal schreibt er den Nordkoreanern da zu. Die scheinen Frankreich und Großbritannien schon weit hinter sich gelassen zu haben. Ach, und 8.000 Gaszentrifugen. Das deckt sich ja hervorragend mit dem Gerücht von den drei oder vier Urananreicherungsfabriken. Man nehme die 2.000 aus Yongbyon, multipliziere mit vier, et voila…

Und so geht das in einem fort:

Fortress North Korea can withstand thermonuclear strikes and shoot down 80-90% of enemy warplanes, missiles and cruise missiles.

Fortress North Korea can easily sink nuclear-powered American aircraft carriers and reach metropolitan US with long-range missiles.

Ganzschön optimistisch!

Its electronic warfare units are capable of playing havoc with the enemy infrastructure of command, control and communications. In the most important development, as a member of the elite space and nuclear clubs, North Korea has the ability to inflict merciless retaliatory strikes on the remotest strategic target on the American mainland, nearly half the earth away.

Die Hackerbrigaden kenne ich doch irgendwoher. Ach ja. Mit dem Internetauftritt von KCNA haben diese Elitenerds jedenfalls nichts zu tun.

It will only take Kim Jong-eun a couple of minutes to turn Seoul into a sea of fire, five minutes to torch Tokyo, and 15-20 minutes to evaporate New York and Washington in a „day-after“ scenario.

Der Film ist wirklich gut (kam kürzlich auf RTL 2 glaub ich, da hab ich mir den Schinken mal angeguckt obwohl ich Katastrophenfilme eigentlich nicht mag), obwohl er ziemlich erschreckend ist. Aber passt ja zum Artikel.

Bombing one nuclear power station would render the Japanese archipelago and South Korea uninhabitable. Doing the same to the US may require bombing one plant on its west coast and another on its east coast.

Hier frage ich mich allerdings, was mit Nordkorea ist. Aber wahrscheinlich wird man dort einfach ein paar Tausend Jahre in den Bunkern sitzenbleiben.

Nothing is easier than bombing a power plant on a coastline. There is no need to use a ballistic missile. Primitive means will do the job.

Der Fein dist schon unter euch…

Zum Abschluss trägt Kim Myong-chol nochmal mit einem düster grollenden Unterton die Hauptgründe vor, aus denen sein Land unbesiegbar ist, Kim Jong Il und sein junger General:

The moment of truth will come sooner than originally expected, vindicating the validity of the military-first policy mapped out by Kim Jong-il and demonstrating how wise the Korean people are in selecting Young General Kim Jong-eun as heir to the supreme leader.

Also gegen diesen Text stinkt wohl alles ab, was von KCNA in den letzten Wochen geschrieben wurde. Der Autor versteht sich aufs Drohen und er versteht sich darauf, konkrete und nicht unmögliche Szenarien zu zeichnen. In einem anderen Leben hätte er vielleicht Drehbücher für irgendwelche Endzeitthriller schreiben können. In diesem Leben droht er im Auftrag Kim Jong Ils. Dabei bewegt er sich permanent auf dem schmalen Grad zwischen Parodie auf die westlichen Medien (denn eine Vielzahl der Fähigkeiten die er bei seinen Drohungen aufzählt, wurden dort erfunden und das dürfte er wohl wissen) und glaubwürdigen Drohungen. Denn wer kann sicher sein, dass man im Zweifelsfall nicht doch mal ein Atomkraftwerk im Süden oder in Japan bombardieren wird? Dadurch funktioniert Kims Artikel ähnlich einem Horrorfilm. Als Mischung zwischen Unterhaltung und Grusel. Und auch noch Kim Jong Uns hervorragenden militärischen Genius, sowie seine unbedingte Entschlossenheit in Form eines Zitats in den Artikel einzubeziehen. Damit hat der Autor auch für die society Interessierten etwas reingepackt.

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3 Antworten

  1. Siegfried S. Hecker (http://cisac.stanford.edu/people/siegfriedshecker/) hat jetzt auch einen interessanten Google Talk gehalten:

    • Vielen Dank dafür. Ich werds mir die Tage mal ganz anschauen. Hecker hat bestimmt einiges zu berichten, das spannend ist.

  2. Ist besagter Kim Myong-Chol nicht erst vor ein paar Jahren von Nordkorea nach Japan uebersiedelt und darf dank Japans Gnaden (welche Gegenleistung?) dort Propaganda für Nordkorea betreiben ?

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