GIGA-Paper zu den Motiven Nordkoreas für den Beschuss Yonpyongs und das Vorzeigen des Uranprogramms

Johannes Gerschewski und Patrick Köllner, vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA), bei dem man öfter mal was zu Nordkorea lesen kann, haben sich in einem kurzen Paper mit dem Beschuss der Insel Yonpyong durch Nordkorea und der Offenbarung des Programms zur Urananreicherung befasst. Die beiden Autoren kennen sich wirklich gut mit Nordkorea aus und da man ja recht selten was deutschsprachiges Wissenschaftliches über Nordkorea zu lesen bekommt, stell ich euch das Paper vor.

Die Autoren beschreiben kurz die jüngsten Ereignisse und versuchen darauf aufbauend, sich der Motivation Nordkoreas für dieses aggressive Verhalten anzunähern. Grundsätzlich nehmen sie an, dass die Offenlegung des Uranprogramms und der Beschuss der Insel in einem Zusammenhang stehen. Als mögliche Erklärungen für das Vorgehen Nordkoreas ziehen sie drei Argumentationsstränge in Betracht.

  1. Nordkorea will wieder verhandeln. Dazu folgt es einem altbekannten Verhaltensmuster, indem es die Situation zuerst eskaliert, um die anderen Parteien damit an den Verhandlungstisch zurückzuzwingen und ihnen dann größtmögliche Konzessionen (nicht zuletzt materielle Hilfen) für ein künftiges „friedlichsein“ abzuringen (was aber nur kurzfristige Verbesserungen mit sich bringt).
  2. Die Sicherheitslage Nordkoreas war der Auslöser. Entweder man fühlt sich bedroht und versucht so, seine Potenz zu beweisen und mit den USA ins Gespräch zu kommen um das Bedrohungsgefühl abzubauen, oder man dachte es sich schlicht erlauben zu können und so vielleicht das Machtverhältnis auf der Koreanischen Halbinsel zu seinen Gunsten zu verschieben.
  3. Die Machtweitergabe von Kim Jong Il an seinen Sohn Kim Jong Un ist ausschlaggebend. Man wollte einerseits die Bedürfnisse des immer wichtiger gewordenen Militärs befriedigen und sie an die Führerfamilie binden. Andererseits sollte Kim Jong Uns Legitimationsbasis gegenüber der Bevölkerung gestärkt werden, indem der Beschuss Yonpyongs ihm zugeschrieben wird und er mit diesem militärischen Erfolg in die Reihe der brillanten Militärs der Familie gestellt werden kann. Dieser Erklärungsstrang wird von den Autoren als der wichtigste angesehen.

Jedoch sagen sie auch, dass vermutlich keine der Erklärungen allein des Pudels Kern trifft. Vielmehr dürfte von allem etwas hineingespielt haben. Und das rettet die Argumentation der Autoren. Denn setzt man einen Zusammenhang zwischen der Offenlegung der Urananreicherung und dem Beschuss von Yonpyong voraus, kann ich beim besten Willen nicht sehen, wie beides Zusammengenommen direkt mit der Nachfolge Kim Jong Uns zusammenhängt. Das Vorzeigen des Uranprogramms war in erster Linie nach außen gerichtet. Es wurde in den eigenen Medien nicht breitgetreten (für interne Propaganda wäre eine bebilderter Artikel á la „Kim Jong Il besichtigt die Yonpyong Urananreicherungsanlage“ vermutlich besser geeignet gewesen. Gabs aber nicht), kann also nicht in die gleiche Kategorie wie ein Atomtest geordnet werden. Es erzielte dort einen Effekt wo es das sollte. In den USA (schließlich lud man einen amerikanischen Wissenschaftler ein, nur um ihm das zu zeigen). Also dürfte das Vorgehen des Regimes Zumindest gleichermaßen nach außen wie nach innen gerichtet gewesen sein.

Abschließend geben die Autoren ihre Einschätzungen zu den Auswirkungen und zu einem potentiell guten weiteren Vorgehen gegenüber Pjöngjang ab. Sie plädieren für die

beste der schlechten Optionen,

nämlich internationale Sanktionen und dies tun sie

obwohl auch diese Option inzwischen weitgehend ausgereizt ist und angesichts der mangelnden Umsetzung auf chinesischer Seite in ihrer Effektivität bisher stark begrenzt ist.

Warum? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau, aber eine symbolische Komponente scheint dabei eine große Rolle zu spielen (ansonsten gibt es ja nichts was dafür spricht). Warum sie eine Politik der Annäherung nicht in Betracht ziehen verstehe ich nicht wirklich. Die Autoren sagen, dass weder die Umarmungspolitik der progressiven Regierungen von 1998 bis 2007 noch die härtere Politik der Lee Administration

erkennbaren nachhaltigen Einfluss im Sinne einer Mäßigung und/ oder echten Öffnung auf Pjöngjang gezeigt

habe. Allerdings wurden von 1997 bis 2008 keine Schiffe versenkt und auch keine Inseln beschossen. Nachhaltigkeit ist hier wohl Definitionssache. In diesem Absatz hätte ich mir etwas mehr Argumentation gewünscht, wenn man schon für weitere Sanktionen plädiert, oder man hätte sich das besser ganz gespart.

Aber generell gibt das Papier natürlich einen guten Überblick über die Ereignisse Ende letzten Jahres und mögliche Motivationen des Regimes in Pjöngjang. Am besten ihr lest es daher selbst (sind ja nur 8 Seiten) und bildet euch euer eigenes Urteil.

7 Antworten

  1. Mit dem Satz „Allerdings wurden von 1997 bis 2008 keine Schiffe versenkt und auch keine Inseln beschossen“ soll hoffentlich nicht suggeriert werden, dass diese acht Jahre eine friedvolle Phase darstellten, denn auch in dieser Zeit kam es entlang der NLL zu etlichen Gefechten, allerdings ordnete Kim Dae Jung damals den südkoreanischen Medien eine zurüchhaltende Berichterstattung an, damit kein Schatten auf seine Sunshine-policy falle.
    Hier eine Liste von „Zwischenfällen“ an der Grenze:
    http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_border_incidents_involving_North_Korea

    • Eine Phase der absolut friedvollen Koexistenz war das natürlich nicht und das wollte ich auch nicht sagen. Aber in dieser Zeit gab es keine so großangelegten militärischen oder terroristischen Provokationen Nordkoreas. Streitigkeiten um Seegrenzen die mitunter auch massiver werden gibt es in der Region ja auch zwiscehn anderen Staaten. Gestern erst ein kleinerer zwischen Japan und Südkorea bei Dokdo. Kürzlich zwischen Japan und China und in aller regelmäßigkeit zwischen den Parteien, die glauben Rechte in der südchinesischen See zu haben.
      Was ich aber eigentlich mit dem Satz – vielleicht etwas überspitzt – illustrieren wollte ist, dass die Politik Lees meiner Meinung nach schon eine nachhaltige Einfluss auf Nordkoreas Vorgehen hatte. Nur dass sie sich eben nicht mäßigend, sondern gegenteilig auswirkte.

      • „Gestern erst ein kleinerer zwischen Japan und Südkorea bei Dokdo.“
        Ist das jener Zwischenfall, wo ein südkoreanischer Fischer heute zugegeben hat, dass er illegal in die japanische EEZ einegdrungen ist und nach Entdeckung durch die jap. Marine in den Schutz der südkor. Navy floh ?

        Ich meine. dass das militärische Verhalten Nordkoreas während Kim Dae Jungs + Noh Moo-Hyuns früherer Präsidentschaften einerseits und Lee Myung-Baks jetziger Präsidentschaft sehr ähnlich sind, nur die gegenwärtige Politik anders reagiert als die frühere, was dann eventuell auch als ein anderes Verhalten Nordkoreas interpretiert wird. (ich sehe kein verändertes Verhalten Nordkoreas; NK versucht halt stets mit allen Mitteln ausländische pekuniäre und sonstige Ressourcen anzuzapfen, die die Unlänglichkeiten der eigenen Planwirtschaft wettmachen sollen)

        • Genau der, zugegeben nicht sehr spektakulär, aber die Tatsache, dass sich die Seestreitkräfte beider Länder direkt gegenüberstehen, wenn ein Fischer ein Stück zu weit in eine Richtung fährt, zeigt, dass auch da die Verhältnisse alles andere als geklärt sind.

          Vielleicht nochmal das Zitat aus dem Paper:
          „Weder die Umarmungspolitik der progressiven Regierungen in Südkorea (1998-2007), noch der härtere Kurs der derzeitigen konservativen Regierung haben erkennbaren nachhaltigen Einfluss im Sinne einer Mäßigung und/ oder echten Öffnung auf Pjöngjang gezeigt.“
          Ich setze den Punkt dagegen, dass Lees Politik definitiv weit weniger „mäßigend“ auf Nordkorea wirkt, als die der Vorgänger. In Lees Präsidentschaft fallen zwei Vorfälle, die zu den Schwersten seit dem Ende des Koreakriegs gezählt werden. Vergleichbares kam in den zehn Jahren davor nicht vor. Das war wie gesagt alles was ich sagen wollte, nicht mehr und nicht weniger.
          Was ich nicht sagen will ist, dass Kim und Roh mit ihrer Politik das komplette außenpolitische Verhalten Nordkoreas verändert haben. Das wäre einerseits Unfug (ich gebe dir bei deiner Einschätzung hinsichtlich der „Ressourcenanzapfung“ recht), ist aber auch nicht nötig.

          • Ich sehe es auch so wie „das Zitat des papers.“

            Schloss nicht auch vor kurzem das Schweizer Büro für Entwicklungszusammenrabeit in Pyongyang seine Pforten mit der Begründung, egal was man versuchte, es war keine Veränderung des eigenen politsichen Weges Nordkoreas absehbar.

            Noch was zur Berichterstattung über die Marinegefechte entlang der NLL:

            Nach dem Gefecht bei Daechong vom Nov. 2009 berichtete die kcna zuerst noch stolz, dass die südkoreanischen Boote in die Flucht geschlagen werden konnten:
            http://www.kcna.co.jp/item/2009/200911/news10/20091110-08ee.html

            11 Monate später schreibt dieselbe Nachrichtenagentur, dass einem bei diesem Gefecht getöteten nordkoreanischen Soldaten eine Büste errichtet wurde und nach ihm eine Schule umbenannt wurde:
            http://www.kcna.co.jp/item/2010/201010/news16/20101016-09ee.html

            Daraus leite ich ab, dass man die Medienberichte aus Korea sehr behutsam lesen muss, um nur annäherungsweise zu erfahren, was sich wirklich abgespielt hat.

            Und bei der 2. Schlacht bei Yeongpyoeong-Do am 29.Juni 2002 (einen Tag vorm Finale der Fußball-WM in Südkorea/Japan) wurden ein südkoreanischen Boot versenkt, ein nordkoreanisches Schiff kaputt geschossen und auf beiden Seiten gab es eine größere Zahl von Toten und Verletzten zu beklagen (und Kim Dae-Jung ordnete an, darüber nicht zu reden und schreiben):
            http://en.wikipedia.org/wiki/Second_Battle_of_Yeonpyeong

          • Ok, da kommen wir wohl nicht auf einen Punkt, aber wäre ja auch langweilig, wenn immer alle einer Meinung wären…

  2. Danke für den Link. Steht zwar letztlich nichts Neues drin, aber der Artikel ist gut geschrieben und lässt sich wunderbar lesen.

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