Von einfachen Argumentationsketten und meinungsbildenden Medien. Oder: 20 Millionen Nordkoreaner versorgen sich auf Schwarzmärkten!

Eben habe ich einen Artikel in der Chosun Ilbo gelesen den ich recht interessant fand. Blöd nur, dass er in der Chosun Ilbo stand, einem Blatt das einen beträchtlichen Anteil seiner Storys auf nicht verifizierbare Informationen und Gerüchte stützt. So auch hier. Da berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen nicht genannten Regierungsbeamten, 20 Millionen Nordkoreaner müssten sich bei ihrer Nahrungsmittelversorgung auf private Märkte verlassen. Nur vier Millionen würden vom Verteilungssystem der Regierung voll versorgt. Ganz schön viel wäre das, wenn es wahr wäre (ich weiß es nicht. Es kann stimmen, aber genauso gut kann es auch den Vorstellungen eines oder mehrere ungenannter Regierungsbeamten entsprungen sein). Im Umkehrschluss würde das heißen, dass Fünfsechstel der Bevölkerung regelmäßig mit kapitalistischen Ideen in Kontakt käme und sich folglich recht bewusst darüber sein dürften, dass das nordkoreanische Wirtschaftssystem absolut nicht funktioniert. Wenn das wahr ist, sind natürlich auch die Folgerungen, dass die „interne Energie für Wandel wachse“ nur logisch. Allerdings, und das ist das Problem, weiß das keiner so genau wie es in dem Artikel glauben gemacht wird.

Also nur eine gut klingende Schlagzeile? Nicht ganz. Denn in dem Beitrag wird auch erläutert, warum nun soviele Nordkoreaner auf privaten Märkten einkauften und sich daher die Chancen für einen Wandel verbesserten. Dies sei eine Folge des Endes der „sunshine policy“. Nun würden nicht mehr hunderttausende Tonnen von Nahrungsmitteln und Dünger zu den verfeindeten Brüdern gebracht. Vor allem habe die Regierung aber Nordkoreas durchsichtige Versuche erkannt, an neue Hilfen zu gelangen. Die Wünsche des Nordens nach Verhandlungen seien dahingehend einzuordnen. Daher habe die Regierung bisher alle Gesprächsanfragen des Nordens abgelehnt und damit — das wird zwar nicht explizit gesagt, ist aber folgerichtig — die Kräfte des Wandels die im Wachsen begriffen sind, verstärkt. Und so wird — egal ob die Geschichte wahr ist oder nicht — ein Schuh draus. Denn zufällig sind ja heute auch die vorbereitenden Gespräche für eine Wiederaufnahme von Verhandlungen auf Ministerebene angelaufen. Das scheint einigen nicht zu behagen und die machen dann eben (für meinen Geschmack recht perfide) Stimmung gegen jegliche Gespräche. Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass in diesem Artikel alle Hinweise auf hungernde Menschen fehlen, denn das würde die unglaublich einfache Argumentationskette (Keine Gespräche à kein staatliches Versorgungssystem à Leute kaufen auf den Märkten à Leute leisten Widerstand) irgendwie mit Moral belasten. Und das will man dann wohl doch nicht. Wie gesagt, es wäre natürlich spannend zu wissen, ob tatsächlich 20 Millionen Nordkoreaner nicht vollständig vom staatlichen Versorgungssystem versorgt werden (ob sie es sich dann leisten können und die Möglichkeit haben auf privaten Märkten einzukaufen steht wohl auf einem anderen Blatt, aber ihr wisst ja: Die Argumentationskette), aber das werden wir so schnell wohl nicht erfahren. Mindestens genauso spannend wäre natürlich zu wissen, woher die Versuche kommen, mögliche Gespräche schon in der Anfangsphase zu torpedieren. Die Chosun Ilbo, na klar, aber jedes Land braucht ja ein Medium, das dir deine Meinung bildet. Aber derjenige, der mit der Chosun Ilbo über diese Umstände gesprochen hat, der dürfte damit wohl auch etwas im Schilde geführt haben. Es scheinen also nicht alle in der Lee Regierung mit der Andeutung eines Kurswechsels, die momentan zu beobachten ist, einverstanden zu sein.

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Eine Antwort

  1. … hat der ’nicht genannte Regierungsbeamte‘ 🙂 da mal durch gezählt… ? ( „Alle mal die Hand hoch, die nicht vom staatlichen… ?“)

    „Und so wird – egal ob die Geschichte wahr ist oder nicht… (???)… – ein Schuh draus.“

    Nur dann stimmt im Grunde genommen ja fast alles, wenn’s eh egal ist (???),.., oder…?

    Naja…

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