„Building socialism with Chinese characteristics“?

Eben habe ich mal geschaut, was so über den Besuch des chinesischen stellvertretenden Außenministers Zhang Zhijun in Pjöngjang geschrieben wird und eigentlich war es – wie erwartet – nicht viel Interessantes. KCNA berichtet über ein Zusammentreffen Zhangs mit Kim Yong-nam, dem Präsidenten der obersten Volksversammlung und Außenminister Pak Ui-chun. So weit so unspektakulär, denn viel mehr, als das sie sich freundlich unterhalten haben wusste KCNA nicht zu sagen. Wesentlich spannender fand ich da schon, was der People’s Daily Online geschrieben hat. Das ist so eine Art kleines Rätselspiel und je nach Ergebnis ist eine Aussage Kim Yong-nams sehr interessant, ja fast revolutionär, oder relativ langweilig. Ich zitiere mal die gesamte Passage aus der People’s Daily, damit ihr den Kontext habt:

Kim introduced the DPRK’s efforts in developing its economy to build a prosperous country and the achievements in this regard.

He also wished that China could make more achievements in promoting the scientific outlook on development as well as building socialism with Chinese characteristics.

Zhang said the Chinese government has unswervingly remained committed to consolidating and developing the friendship between the two countries.

China is ready to work with the DPRK to make constant efforts toward promoting common development and safeguarding regional peace and stability, Zhang said.

Also ich sehe hier zwei Möglichkeiten: Entweder Kim Yong-nam wünscht, dass China die Möglichkeit hätte, mehr Anstrengungen zu machen, die wissenschaftliche Sichtweise von Entwicklung zu fördern und den „Sozialismus mit chinesischen Charakteristika“ (das ist ein feststehender Begriff, der in China seit einigen Jahren als Euphemismus für „Kapitalismus mit sozialistischem Deckmantel“ genutzt wird (kurze Erklärung des Begriffs von der Peope’s Daily hier)) weiter zu entwickeln. Oder aber: Kim Yong-nam wünscht, dass China Nordkorea stärker dabei unterstützen würde, den „Sozialismus mit chinesischen Charakteristika“ in Nordkorea zu entwickeln. Alternative eins wäre langweilig, Alternative zwei wäre höchste bemerkenswert. Erstmals würde man damit offen bekennen, in der Wirtschaftspolitik künftig dem chinesischen Vorbild folgen zu wollen.

Von der reinen Übersetzung her ist es nicht wirklich eindeutig, aber ich würde dazu tendieren, dass Kim Yong-nam den Chinesen wünscht, dass sie in ihrem Land besagten Sozialismus weiterentwickeln könnten. Aber nimmt man den Kontext hinzu, fände ich das sehr seltsam, denn warum sollte Kim Yong-nam den Chinesen etwas über ihre Wirtschaftspolitik erzählen und warum sollte er das tun, während sonst nur über Nordkorea gesprochen wird. Es wäre allerdings auch sehr erstaunlich, wenn die nordkoreanische Führung plötzlich beginnt davon zu sprechen, dass sie ihr System nach chinesischem Vorbild gestalten möchte. Zwar gibt es Hinweise, die darauf hindeuten könnten, wie die verstärkte Suche nach Investoren, aber die wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie beispielsweise die Währungsreform, die Ende 2009 durchgeführt wurde, sprechen dagegen. Außerdem würde man sich damit erstmals offen zu einem wirtschaftspolitischen Umlenken bekennen. Jedoch würde dies erklären, weshalb China in der letzten Zeit so nachsichtig mit der aggressiven Führung in Pjöngjang war. Man hat die Hoffnung, dass ein „vernünftiges“ wirtschaftspolitisches Modell zu einer nachhaltigen Stabilisierung des Verbündeten führen könnte und möchte dieses junge Pflänzchen nicht durch weiteren wirtschaftlichen Druck zerquetschen.

Ich weiß  nicht genau was davon zu halten ist, aber ich werde sehr genau beobachten, ob die Signalphrase „Sozialismus mit chinesischen Charakteristika“ in Zukunft von der nordkoreanischen Führung genannt wird.

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