Flugblattpropaganda gegen Kims Regime. Warum „gut gemeint“ oft nicht viel mit „gut“ zu tun hat.

Kürzlich habe ich mich ja damit beschäftigt, welche Lehren Kims Regime aus den Ereignissen in den Staaten der arabischen Halbinsel und Nordafrikas ziehen kann. Dabei spielte die Frage eine zentrale Rolle, inwiefern es dem Regime weiterhin gelingt, Informationen zu monopolisieren. Ohne dieses Informations- und Kommunikationsmonopol dürfte es auf Dauer unmöglich sein, Widerstand aus dem Volk (welche Ausmaße der erreichen kann ist eine andere Frage) zu verhindern. Eben dieses Monopol haben zivilgesellschaftliche Gruppen aus Südkorea schon länger im Visier, indem sie auf verschiedenen Wegen Flugblätter über den 38. Breitengrad bringen. Auf diese Art versuchen diese Gruppen momentan, Informationen über die Ausbreitung des Widerstands in den arabischen und nordafrikanischen Staaten, in Nordkorea zu verbreiten.

Doppelte Gefahr für die öffentliche Ordnung aka Grabesruhe

Solche Nachrichten sind für die Grabesruhe, in der Kims Regime das Land halten möchte, natürlich doppelt gefährlich. Einerseits weil sie die Menschen in Nordkorea generell (so wie andere Flugblattaktionen auch) darüber aufklären, dass ihnen vieles von dem, was in der Außenwelt geschieht vorenthalten wird und dass die staatliche Propaganda wohl hinterfragenswert ist. Darüber hinaus kann sich durch diese speziellen Informationen aber auch die grundsätzliche Idee verbreiten, dass Widerstand möglich ist. Solange die herrschende Ordnung quasi als gottgegeben akzeptiert wird, ist es ein fast unmöglicher Schritt, sich gegen die Führung zu wenden. Wird dieser Gedanke aber durch die Annahme verdrängt, dass herrschende Ordnungen menschengemachte Systeme sind, die auch von Menschen niedergerungen werden können, dann wird Widerstand wahrscheinlicher. Interessant dürfte auch sein, inwiefern Informationen über übergelaufene Militärs in Libyen enthalten sind. Denn irgendwen wird das Regime wohl damit beauftragen, die gefährlichen Schriftstücke einzusammeln. Und da ist es ja durchaus vorstellbar, dass der eine oder andere Militär nach Lektüre besagter Zettel auf Ideen kommt, die Kims Regime ganz und gar nicht gefallen dürften.

Informationen sind im Norden leichter zugänglich

Im Zusammenhang mit dem Einsickern von Informationen, sind auch die Nachrichten, die die Chosun Ilbo über Unruhen im Norden des Landes verbreitet (wie immer unter meinem „Chosun Ilbo vorbehalt“) interessant. Denn in dieser Region ist die Grenze durch den kleinen Grenzverkehr recht porös und auch Mobiltelefone mit chinesischen Netzbetreibern scheinen dort verfügbar zu sein. Daher dürften die Menschen im Norden des Landes „aufgeklärter“ sein, als in anderen Regionen.

Eine gute Idee? Weiß nicht!

Die Idee hinter der Flugblattaktion ist interessant und bestimmt gut gemeint. Ob sie gut ist weiß ich aber nicht so genau. Meine Zweifel beruhen auf zwei unterschiedlichen Überlegungen.

Die erste ist eher grundsätzlicher Natur. Wenn man eine Aktion startet, dann ist es natürlich vorher immer gut zu überlegen, was eigentlich genau ihr Ziel ist. Zuerst denkt man ja, das Ziel sei klar. Man will die Leute zum denken bewegen und Widerstand im Volk befeuern. Schön, und dann? Denkt man ein bisschen weiter, dann stellt sich nämlich die Frage, wo das denn hinführen soll. Will man, dass diejenigen, die das Lesen nach der Lektüre auf die Straße stürmen und protestieren? Das wäre eine schlechte Idee. Will man, dass sich langfristig ein oppositioneller Kern entwickelt, der auf seine Chance wartet und irgendwann loslegt? Wäre schon besser, aber dann müsste man immernoch ein Stück weiterdenken. Ok, ganz abgesehen von den Unwägbarkeiten (stark euphemistisch formuliert), die mögliche Reaktionen des Kim Regime mit sich brächten, nehmen wir einfach mal an, es läuft irgendwie ähnlich wie in Libyen, meinetwegen auch besser. Die Kims packen recht schnell ihre Koffer und suchen Asyl in China. Dann haben die Südkoreaner was sie wollten. Oder nicht? Südkoreas Premier Kim Hwang-sik sagte kürzlich in einem Interview gegenüber Yonhap, der Weg einer Absorption Nordkoreas sie als Wiedervereinigungsoption nicht gewünscht. Nagut, dann hätte man ein verarmtes Kopfloses Armenhaus in direkter Nachbarschaft, für das man irgendwie Verantwortung übernehmen müsste, ohne aber eine staatliche Einheit anzustreben. Das dürfte schwierig werden. Was man nicht will ist ein nuklear bewaffnetes Somalia vor der Haustür. Also reicht Grenzen dicht machen wohl nicht. Einen eigenen starken Mann installieren? Ist wohl schwer vertretbar. Was dann? Gut das ich dafür keine Antwort liefern muss. Aber wer solche Flugblattaktionen positiv sanktioniert (das macht die südkoreanische Regierung), der sollte sich auch über möglich mittelbare Folgen Gedanken machen. Mein Gefühl ist, dass es hier (wie in der gesamten Politik gegenüber dem Norden) keinen wirklichen Plan gibt, sondern man einfach mal ein bisschen Unruhe stiften will. Aber aus Unruhe werden — wie man zurzeit ja eindrucksvoll beobachten kann – oft unverhofft Unruhen. Und die sollte man dann gleich mal mit einplanen.

Die zweite Überlegung, die mich die Flugblattaktionen hinterfragen lässt, betrifft die Adressaten. Würde mich Gott oder ein fieser Teufel vor die Wahl stellen, wo in Nordkorea ich leben wollen würde, dann würde wohl kein Ort dazu zählen, der in Reichweite der südkoreanischen Flugblätter liegt. Man stelle sich vor ich fände einen solchen Zettel. Ich könnte ja nichts mehr richtig machen. Egal ob ich ihn verstecke, oder den Behörden  gebe. Ich stehe den Rest meines Lebens unter Druck. Entweder werde ich als potentielle Gefahr (weiß ja keiner was ich gelesen habe und welchen Reim ich mir darauf gemacht habe) unter Dauerbeobachtung stehen (bestenfalls), oder ich muss mein Leben lang fürchten, dass jemand was von meinem Geheimnis weiß. Beides ist nicht erstrebenswert. Es ist klar, dass das Regime weiß, dass die Flugblätter da sind und es ist klar, dass dem besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Als menschenverachtender Diktator lassen sich daraus einige perfide Methoden entwerfen, um vertrauenswürdige Leute von unsicheren Kantonisten zu trennen. Daher weiß ich nicht, inwiefern die Menschen die in den Genuss dieser Informationen kommen, den Absendern wirklich dankbar sein können. Wer sein Radio manipuliert um den Auslandssender zu empfangen der macht dies aus eigenem Willen. Wem ein Stapel Flugblätter in den Garten fällt, der kann daran nichts ändern und auch nicht unbedingt an den Folgen die das nach sich zieht.

Die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Auge behalten und sich eine Strategie überlegen

Es ist wie so oft im Fall Nordkorea. Es muss immer kritisch hinterfragt werden, inwiefern die Mittel, mit denen man gegen das Regime vorgeht, verhältnismäßig sind. Eigentlich will man ja die Lebenssituation der Bevölkerung Nordkoreas verbessern. Ist es da verhältnismäßig, keine Nahrungsmittelhilfen zu geben, weil dies vielleicht auch das Regime trifft? Das erinnert mich irgendwie an der berühmt gewordenen „Wir mussten das Dorf zerstören um es zu retten“ Aussage aus dem Vietnamkrieg. Ist es verhältnismäßig Menschen ungefragt Informationen zu geben, die sie in Gefahr bringen können und die sie vielleicht garnicht haben wollen? Ist es verhältnismäßig den Sturz von Kims Regime zu befeuern, scheinbar ohne auch nur im Geringsten eine Idee zu haben, was danach sein soll? All das sind Fragen die ich nicht wirklich beantworten kann, aber irgendwie fände ich es gut und wichtig, wenn sich die verantwortlichen in Seoul und Washington zumindest mal eine Nordkorea-Strategie überlegen würden, die funktioniert und die aus einem Guss ist. Die jetzige Strategie scheint mir oft nur bis zu Kims Ende zu reichen und ob sie funktioniert, naja, kann man bezweifeln…

Wo ich gerade so von „gut“ und „gut gemeint“ schreibe und ganz nachdenklich geworden bin, fällt mir das grandiose Lied von Kettcar ein. Viel Spass beim hören…

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