Wie Donald Rumsfeld die Welt sah (und besonders Nordkorea): Ein Blick in sein Archiv

Euch ist ja vielleicht aufgefallen, dass es mir immer besondere Freude bereitet, in Dokumenten und Quellen  rumzustöbern und meine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Deshalb habe ich mich über die Wikileaks-Veröffentlichungen gefreut und deshalb war ich jetzt auch positiv überrascht, als es von (von mir) unerwarteter Seite neues Lesefutter gab. Donald Rumsfeld, der Verteidigungsminister der USA in den ersten Regierungsjahren der George W. Bush Administration, hat nämlich nicht nur vor gut einem Monat seine Memoiren „Known and Unknown“ veröffentlicht, in denen er nach allen Seiten auskeilt (aber dazu später mehr), er hat auch begonnen freigegebene Dokumente zu veröffentlichen, die die Aussagen seines Buches unterstützen sollen. Nun mag man zu Rumsfeld so oder so stehen (ich finde ihn eher so(lala)) aber das, was er da der Öffentlichkeit zugänglich macht ist schon eine interessante Fundgrube und irgendwie auch gar kein so schlechtes Beispiel für Transparenz. Natürlich wird er genau überlegen, was er veröffentlicht und was nicht und vieles dient vielleicht dem Zweck, diesem und jenem eine auszuwischen. Aber was solls! Ich bin ihm schon ein bisschen dankbar dafür, denn wie kann man die Vorgänge innerhalb eines relativ geschlossenen Apparats schon besser verstehen, als durch die Lektüre interner und teilweise eher informeller Memos. Wenn ich aus irgendeinem Grund eine Analyse über die US Außen- und Sicherheitspolitik unter George W. Bush schreiben müsste, dann wäre ich vermutlich extrem glücklich über die Dokumente gewesen, aber für jemanden, der sich für einen kleinen Ausschnitt interessiert, ist das hochinteressant. Naja, jedenfalls habe ich mich, wie ich es immer mache, wenn ich sowas schönes finde (ich habs nicht selbst gefunden, sondern bin Marcus Noland für den seinen Blogeintrag darüber dankbar), gleich ein bisschen in die Lektüre gestürzt.

Rumsfeld und Rice über Kreuz

Relativ schnell hatte ich das Gefühl, dass sich Rumsfeld und Condoleezza Rice alles andere als grün waren. Irgendwie waren ihre Kommunikationen immer recht formell, wenn nicht latent feindlich. Besonders spannend fand ich ein Memo Rumsfelds an seinen Staatssekretär Doug Feith vom 25. Juni 2004:

I would like to see a piece of paper that shows precisely what was presented in the North Korean talks. I never did get a good report back as to what happened. The report I got from Condi when I was meeting with the President is different from what you said. I think you said they went with the original proposals. She claims they walked it back after my memo. What is the truth? I cannot sort it out.
Thanks.

In diesen Tagen gab es Sechs-Parteien-Gespräche, in deren Rahmen die US-Vertreter vorsichtig auf die Nordkoreaner zugingen. Betrachtet man die Meinung, die Rumsfeld hinsichtlich Nordkorea gebildet zu haben scheint (er scheint einen Zusammenbruch in der Zeit davor für gut möglich gehalten zu haben), kann ihn das nicht wirklich gefreut haben (das könnte auch das Memo zum Thema gehabt haben, das er erwähnt). Und scheinbar hat jemand mit den richtigen Informationen hinter dem Berg gehalten. Also macht sich Rumsfeld auf die Suche nach der Wahrheit. Tja, und wenn man die Wahrheit sucht, dann muss wohl einer lügen. Wen er da im Verdacht hat, ist recht klar, immerhin fragt er denjenigen, dem er wohl mehr vertraut, was denn jetzt die Wahrheit sei…

Rumsfeld fühlte das Ende des Regimes…

Seinen Gefühlen scheint Rumsfeld ohnehin oft mehr getraut zu haben, als dem was ihm so zugetragen wurde. Deshalb kam er wohl auch zu folgender Überzeugung:

Everything in me says that the North Korean military may be vastly weaker than the current assessment suggests, and that the country may be in considerable decay.

Daher bittet er seinen Staatssekretär für Aufklärung, Stephen Cambone, die Geheimdienste mögen doch Wege suchen

to figure out ways to get the truth.

Naja, wenn das so einfach wäre…

Ein paar Striche mit dem Kuli

Hochspannend fand ich auch diesen Entwurf von Condoleezza Rice zur Politikplanung gegenüber Nordkorea. Das Ganze ist wirklich faszinierend, denn es sieht aus wie eine Blaupause der Politik der Obama Administration, hat aber nicht so viel mit dem Vorgehen der Bush-Regierung zu tun. Aber naja, ist halt wie an Sylvester. Was aus den guten Vorsätzen wird, sieht man immer erst hinterher. Toll fand ich aber vor allem die Korrekturen, die Rumsfeld eingearbeitet hat:

The United States seeks a peaceful, diplomatic solution. The President has said that while all options remain on the table, the United States has no intention of invading North Korea.

So sah Condis Vorlage aus. Rumsfeld machte daraus:

The United States seeks a peaceful, diplomatic solution.; The President has said that while however all options remain on the table, the United States has no intention of invading North Korea.

Noch Fragen zu Rumsfelds Sicht der Dinge?

Außerdem hat er noch eine Passage weggekürzt in der eine Bereitschaft der USA, im Rahmen multilateraler Verhandlungen über alle Themen, einschließlich einer Sicherheitsgarantie, beinhaltet war. Schon erstaunlich, wie man den Inhalt eines solchen Papers durch wenige gezielte Striche mit dem Kuli ändern kann…

Ansonsten gibt es auch noch das eine oder andere spannende Papier, aber ich habe gerade mehr Lust euch noch ein paar Kuriositäten zu berichten:

Nordkoreaner in der US-Army? Sieht ganz so aus…

Einmal finde ich spannend, dass in einer Auflistung von Ausländern in Diensten der US-Armee auch 69 Nordkoreaner, davon zwei Offiziere, aufgelistet sind. Wie das wohl kommt? Vielleicht gibt sind ein paar von denen „Berater“ mit besonderem Insiderwissen?

Wolfowitz weitsichtig, irgendwie…

Hat zwar nicht direkt was mit Nordkorea zu tun, aber irgendwie bin ich doch über die Weitsicht der Planer im Hintergrund überrascht: Rumsfeld hat nämlich nach dem 11. September 2001 Paul Wolfowitz gebeten, mögliche unerwartete Ereignisse aufzulisten, die Einfluss auf die US Politik haben könnten, damit es nicht nochmal zu solch extremen Überraschungen kommen könnte. Die erste positive „Überraschung“ wäre nach Wolfowitz: „Capture UBL“… Ich hätte schon gedacht, dass man in den USA von den eigenen Fähigkeiten so überzeugt war, dass man es nicht als „Überraschung“ sehen musste, Osama zu fangen. Aber im Endeffekt hatte er ja recht. Auch ansonsten sind die Ereignisse aus der „Good Things“ Liste von Wolfowitz eigentlich nicht eingetreten. Kein Bürgerkrieg in Kuba, kein Zusammenbruch in Nordkorea, kein Aufstand im Iran und kein schneller Sieg in Afghanistan. Nur Saddam ist gestorben. Aber das hat sich Wolfowitz damals vermutlich auch noch anders vorgestellt…

Dagegen sind von den „Bad Things“ schon einige eingetreten: Die Situation in Afghanistan hat sich verschlechtert und es gab Bürgerkrieg. Es gab Terroranschläge auf europäische Verbündete und US-Bürger als Geiseln. Und Russland hat auch noch Krieg mit Georgien geführt. Naja, aber wenigstens war man zumindest um Rumsfeld nicht überrascht von all den schlechten Neuigkeiten.

Wie gesagt, da gibt es durchaus noch ein paar Schätze zu finden in den Rumsfeld Papers. Und da er scheinbar noch mehr hochladen will, werde ich da öfter mal vorbeischauen…

Eine Antwort

  1. More on the Rumsfeld papers at http://www.piie.com/blogs/nk/?p=676

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