Der Typ vom Bahnhof, Nordkorea und was man daraus über Nahrungsmittelhilfen lernen kann

Kürzlich hab ich mir am Hauptbahnhof eine Fahrkarte gezogen und dummerweise bekam ich vom Automaten ein bisschen Rückgeld. Wie das in solchen Fällen ja öfter mal der Fall ist, kam ungefähr vier Sekunden später ein ziemlich abgerissen aussehender Typ und hat mich gefragt, ob ich ein bisschen Kleingeld hätte. Das war eine eher rhetorische Frage, wir wussten ja beide, dass ich welches habe. In solchen Situationen mache ich mir meistens zwei Sachen bewusst. Erstens gebe ich oft Geld für Sachen aus, die ich nicht brauche und die mitunter hätte ich das Geld genausogut ins Klo schmeißen können. Zweitens bedeutet ein „Nein“ ja nicht, dass ich kein Kleingeld habe — wir wissen ja beide, dass ich gerade welches vom Automaten bekommen habe — sondern, dass ich kein Geld für ihn habe. Und das ist eine Sache, die ich Leuten, die mich um was bitten nur ungern sage. Also hab ich ihm die 60 Cent gegeben. Eine dritte Überlegung, die meist noch im Spiel ist, ist die, dass er das Geld vermutlich für etwas ausgeben wird, das meine potentielle Ausgabe wie ein hervorragendes Investment hätte aussehen lassen. Aber hätte es ihm was geholfen, wenn ichs ihm nicht gegeben hätte? Naja, so weit so unspektakulär. Allerdings war er damit noch nicht fertig: Weil ich ihm das Geld ohne viel Murren gegeben habe und weil ich ihn nicht darauf verpflichtet habe, sich davon nen Apfel und ne Bionade zu kaufen, vielleicht auch noch weil ich aussehe wie ein Idiot (weiß ich nicht, aber scheint das gedacht zu haben), hat er mir dann noch eine langatmige Geschichte erzählt, vom Arzt, den Medikamenten und überhaupt und warum er deshalb noch weitere zehn Euro von mir bräuchte. Naja, irgendwie war mir das dann doch ein bisschen bunt und er musste zu seiner Enttäuschung feststellen, dass ich nicht so blöd bin wie ich aussehe. Grundsätzlich hat sich aber an den Überlegungen, die ich oben schonmal dargestellt habe, nicht wirklich was geändert. Ich geb auch schonmal zehn Euro für irgendeinen Mist aus und wer läuft schon rum, ohne zehn Euro in der Tasche zu haben? Die zehn Euro fließen vermutlich genauso in sein Budget für ungesundes Zeug, wie es die 60 Cent getan haben. Grundsätzlich also zweimal die gleiche Situation nur mit verschiedenen Ergebnissen. Seis drum. Vermutlich könnt ihr euch denken, warum ich euch das alles erzählt habe. Es hat nicht unbedingt was damit zu tun, dass ich euch mein unbegrenztes Gutmenschentum beweisen möchte oder so, sondern da sind ja schon gewisse Analogien zu erkennen, oder um es anders auszudrücken: Vor ähnlichen Fragen stehen Politiker beispielsweise in den USA und Südkorea, aber auch in mindestens vierzig anderen Ländern ebenfalls. Mit einem extrem wichtigen Unterschied, aber dazu später mehr.

Zeichen für eine Hungersnot in Nordkorea verdichten sich

In den letzten Monaten habe ich ja schon öfter über die Nahrungsmittelsituation in Nordkorea geschrieben, die sich zunehmend in Richtung einer Krise entwickelt. Nordkorea hat über seine Botschaften im Ausland um Nahrungsmittelhilfen gebeten und ähnliche Anfragen an die USA und Südkorea gerichtet. Die ohnehin dauergespannte Situation wurde in diesem Jahr noch verschärft durch Überschwemmungen im letzten Sommer und den ungewöhnlich scharfen Winter. Nach Einschätzungen eines Bewertungsteams von fünf NGOs haben sowohl die Fluten, als auch der Frost Schäden in den Ernten bewirkt, die in manchen Regionen bis zu fünfzig Prozent der Erträge reichen können. Gleichzeitig bewirken gestiegene Weltmarktpreise, dass nur etwa zwei Drittel der geplanten Lebensmitteleinkäufe auf dem Weltmarkt getätigt werden können. Daraus resultiert eine erhebliche Knappheit, die vor allem Diejenigen betrifft, die vom öffentlichen Verteilungssystem abhängig sind, also Kinder, Schwangere und Ältere. Vor allem in der Zeit bis zur Haupternte im Herbst, könnte es daher zu bedrohlichen Engpässen kommen. In den letzten Tagen war eine Gruppe von Mitarbeitern der Food and Agriculture Organization und des World Food Programme in Nordkorea, um die Situation zu bewerten. Ergebnisse hiervon werden Ende des Monats erwartet. Dann wird das Bild der Situation noch schärfer und belastbarer sein.

Wie mit der Situation umgehen

Jedoch dürfte schon jetzt klar sein, dass ernsthafte Versorgungsengpässe schon bestehen und noch ernsthaftere Schwierigkeiten zu erwarten sind. Vor diesem Hintergrund beginnt nun auch langsam die Diskussion darum anzulaufen, wie die internationale Gemeinschaft auf die Situation in Nordkorea reagieren sollte. Die USA haben in der letzten Zeit verstärkt darauf verwiesen, dass Krisenhilfe unabhängig von politischen Überlegungen geleistet werden kann. Allerdings muss dazu gewährleistet sein, dass die Nahrungsmittel auch bei denjenigen ankommen, für die sie gedacht sind und nicht beispielsweise für das Militär verwendet werden, während die Schwachen genauso auf der Strecke bleiben wie vorher (in durchaus sinnvoller Grundsatz, der aber häufiger zu Konflikten mit dem nordkoreanischen Regime führte). In Südkorea ist die Stimmungslage scheinbar eine Andere. Laut Aussagen der Lee Myung-bak Regierung sieht man in Südkorea keine krisenhafte Entwicklung im Nachbarland. Wiedervereinigungsminister Hyun In-taek  vertritt die Position, die Nordkoreaner würden zurzeit Reis einlagern, um für das Jahr 2012 gewappnet zu sein, wenn das Land eine „starke und blühende Nation“ sein will. Wäre dies die tatsächliche Situation in Nordkorea, wären Nothilfen natürlich nicht angebracht. Allerdings hat Lees Regierung ja ein recht eigenwilliges Verhältnis zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea. So geht aus einem der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente (das aus dem letzten Jahr stammt) hervor, dass man erstens die offiziellen Schätzungen über die Versorgung in Nordkorea um 1 Million Tonnen höher ansetzte als die inoffiziellen und dass man zweitens inoffiziell „hier und da“ mit Hungertoten rechnete. Also muss man nicht unbedingt damit rechnen, dass die Regierung in Seoul sagt was sie weiß, oder dass es sie wirklich interessiert, wenn in Nordkorea „hier und da“ Leute verhungern.

Von „short-term costs“ und „long-term benefits“ und anderem Quatsch

Da könnte Leicht die Vermutung aufkommen, dass Südkorea dabei ist eine Strategie zu wählen, die Obamas Regierung nicht gutheißen will und nicht kann (wenn Obama auch nur einen Funken Glaubwürdigkeit bewahren will). Das Alte „Aushungern-bis-sie revoltieren-Spiel“ scheint in Lees Erwägungen eine gewisse Rolle zu spielen. Eine Zusammenfassung des Spiels bietet Christopher Hill, George W. Bushs Verhandlungsführer mit Nordkorea von 2005 bis 2009:

In the coming weeks, South Korea’s government will confront one of the toughest choices that any government can face: whether the short-term cost in human lives is worth the potential long-term benefits (also in terms of human lives) that a famine-induced collapse of North Korea could bring.

Klingt natürlich nach einer schweren, aber lösbaren Aufgabe. „Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende!“ Ha, Herr Hill, wenn das so einfach wäre! Man kann weder abschätzen, wie die „short-term costs“ aussehen werden noch weiß man genaueres über die „long-term benefits“. Aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass man das „Spiel“ spielt. Von 1994-1998 sind in Nordkorea zwischen 800.000 und 2 Millionen Menschen verhungert, weil die entscheidenden Regierungen dachten, man müsste nur warten, bis das Regime kollabiert und könnte dann schön blühende Landschaften bauen. Aber stimmt, jetzt ist ja alles anders und es sieht viel schlechter aus als damals. Hm, was eigentlich. Damals hatte Nordkorea keinen Supporter wie China im Rücken. Eine Machtübergabe war im vollen Gange und gerade erst waren annähernd alle befreundeten Staaten in sich zusammen gefallen. Also ich würde nicht fahrlässig auf die „long-term benefits“ des Aushungerns bauen.

Aber selbst wenn das Aushungern zu Erfolgen führen könnte, muss die Frage erlaubt sein, ob man das Ernsthaft als Strategie verfolgen darf. Im Endeffekt sagt das doch Folgendes: „Die Menschen die da leben sind uns völlig Egal. Was uns stört ist Kim und sein Regime. Mögen halt hier und da ein paar verhungern…“ Sowas ist natürlich vor keiner Öffentlichkeit vertretbar. Also muss man sich unterstützend ein paar Argumente dazunehmen, die das Ganze auch moralisch rechtfertigen. Das sind vor allem die schon vorher angeführte Aussage, dass die Hilfen ohnehin nicht bei den Bedürftigen ankämen, worauf man natürlich die Frage stellen kann, ob das schon rechtfertigt, Hilfen von vorne herein auszuschließen. Ich würde mal sagen, man weiß es nicht, aber da beispielsweise das Welternährungsprogramm im Land ist und Hilfen weitergibt, würde ich behaupten, dass dieses Argument zweifelhaft ist. Weiterhin hört man die Aussage, dass Nordkorea selbst verschuldet in dieser Situation ist und dass man, wenn man mit Nahrungsmitteln hilft, nur Ressourcen freimacht um weiter am Nuklearprogramm und Raketen zu basteln. Das Argument zieht aber auch nur solange man Nordkorea als eine verschlossene Kiste sieht. Völlig unverschuldet in der Situation sind nämlich die Menschen, die im Endeffekt zu leiden haben. Die bauen keine Raketen oder sonstwas sondern sind nur damit beschäftigt, nicht zu verhungern. Das Problem ist, dass man ja theoretisch gerne den Menschen helfen würde, aber eben nicht dem Regime, das will man los sein. Wer sich aber dafür entscheidet, die Menschen zu opfern, nur um das Regime vielleicht zu stürzen, der sollte nie wieder mit Moral oder Menschenrechten argumentieren. Vermutlich hat Obamas Regierung das erkannt und sieht das Problem daher differenzierter. Für Lee und seine Leute sollte es allerdings schwierig werden (wenn sie bei einer Ablehnung bleiben), sich in Zukunft darauf zu berufen, dass man den Menschen in Nordkorea helfen will.

Was Nordkorea mit dem Bahnhofstypen gemein hat und was nicht

Und irgendwie bin ich damit wieder in meinem Hauptbahnhof angekommen. Da ist ein Typ, der vermutlich Drogen oder Schnaps kaufen will, ich weiß es zwar nicht ganz genau, aber es ist doch ziemlich wahrscheinlich. Nun will ich eigentlich ja nicht seine Drogensucht fördern, denn schließlich schadet ihm das. Aber was wäre die Konsequenz, wenn ich ihm das Geld nicht gäbe. Es gäbe vermutlich keine. Entweder er würde etwas länger betteln müssen, um seine Ration zusammenzubekommen, oder es würde ihm bald echt dreckig gehen oder er würde sich das notwendige Geld irgendwie anders beschaffen (was dann gelegentlich Auswirkungen auf die Kriminalitätsstatistik der Umgebung hat). Natürlich tue ich nichts Gutes, wenn ich ihm Geld gebe, aber eben auch nichts Schlechtes. Schwarz und Weiß sind eben relativ seltene Farben in der Realität.

So ähnlich ist es auch mit Kims Regime. Die Hilfen die benötigt werden, können gewährt werden oder nicht. Gewährt man sie, dann weiß man, dass man nicht nur etwas Gutes tut. Man kann nicht sicher sein, dass das Militär nicht einen Teil der Hilfen abzweigt (Ach übrigens: „Das Militär“ besteht in großen Teilen aus „normalen“ Nordkoreanern irgendwo zwischen achtzehn und dreißig Jahren. Ob die einfach riesige Lager mit Nahrung horten, während ihre Eltern verhungern ist eine interessante Frage…) und man kann sich annähernd sicher sein, dass das Regime Geld für Waffen ausgibt, während es das Geld nicht für Nahrung ausgibt. Den Kopf verlangt es nach Dingen, die bewirken, dass der Körper verfällt. Eine interessante Parallele zu dem Kerl am Bahnhof, aber auch zur Juche Ideologie, denn der Suryong ist der Kopf, den der Körper zur Führung braucht, der aber eben auch entscheidet, was gut für den Körper ist. Aber da liegt eben auch der Unterschied zwischen dem Bahnhofsbeispiel und Nordkorea. Bei dem Kerl am Bahnhof lassen sich Kopf und Körper nicht ohne größere Schäden auseinanderdividieren. Es ist tatsächlich ein Organismus und es ist daher schwieriger zu sagen „Der arme geschundene Körper, was der Kopf ihm antut!“ In Nordkorea kann man die Menschen nicht im Geringsten dafür verantwortlich machen, was ihnen von oben angetan wird. Daher gibt es meiner Meinung nach kein vernünftiges Argument gegen Nothilfen für die Menschen in Nordkorea. Und wer sich gegen solche Hilfen ausspricht, der sollte sich das nächste Mal was schämen, wenn er Geld für eine gute Sache spendet oder einem Bettler in den Hut schmeißt, denn der denkt entweder nicht besonders weit, oder er ist ein Heuchler. Das sollten sich alle Entscheider mal durch den Kopf gehen lassen, bevor sie mit Begriffen wie „Menschenrechten“ operieren. Man muss ja nicht anfangen, dem nordkoreanischen Regime das Geld leichtfertig in den Rachen zu schaufeln, wie es wohl unter Lees Vorgängern passiert ist. Aber Menschen verhungern lassen, für eine nicht abschätzbare Chance auf Wandel, das geht schon zweimal nicht.

Natürlich hat die Bahnhofsmetapher so ihre Haken und Ösen, aber irgendwie musste ich kürzlich daran denken und das führt dann schnell mal dazu, dass sich meine Finger in Bewegung setzen…


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