Ein Ziel, Zwei Wege: Keine Lösung — China, Südkorea und die strategische Gegensätze

Eben habe ich einen Artikel in der Korea Times gelesen, der — wenn auch eher versteckt — auf ein Grundproblem auf der Koreanischen Halbinsel aufmerksam macht. Der Artikel verarbeitet den Input, den Nicole Finnemann, die Direktorin für Forschung und akademische Fragen am Korea Economic Institute im Rahmen eines Interviews gegeben hat. Er ist überschrieben mit „North Korea manipulates China very effectively“ und daher dachte ich, es käme wieder der übliche Schnus vonwegen „China muss mehr tun und eine verantwortliche Position einnehmen, ohne China können Südkorea und die USA garnichts tun.“Aber die Dame ist wohl nicht ohne Grund in der Position in der sie ist und hat dementsprechend eine wesentlich differenziertere Position bezogen. Zwar würde China von Nordkorea manipuliert und fühle sich in gewisser Weise mit dem Schicksal Nordkoreas verbunden, aber nicht, weil es so in guter Verbündeter sei, sondern weil man Angst vor Instabilität habe. Das wüsste Kims Regime zu nutzen. Das Regime an sich sei eher ein Stachel in Chinas Fleisch, sozusagen ein notwendiges Übel, das man ertrüge, um die Stabilität in der Region und damit im eigenen Osten zu bewahren. Das ist natürlich nichts grundlegend Neues und dass daher die USA und Südkorea kreativer sein sollten, was die Interaktion mit China hinsichtlich Nordkorea angehe, ist nur Folgerichtig. Aber das eigentliche Problem, das zwar recht einfach ist, das man sich aber irgendwie viel zu selten bewusst zu macht, wird im letzten Absatz angesprochen, wenn Finnemann wie folgt zitiert wird:

But it doesn’t mean ‘giving in to the bad guys,’ or giving the regime anything that it doesn’t deserve. For the stability of the region, we need other more subversive engagement tactics that would benefit different stakeholders.

Hier wird aufgezeigt, wo der eigentliche Haken liegt, leider jedoch ohne es pointiert zu benennen.

Die Frage ist die, was man in den Fokus der eigenen Strategie nimmt. Für China ist die Stabilität der Region das Leitmotiv, an dem sich die Politik ausrichtet. Für Südkorea hingegen steht Kims Regime im Fokus. Und die USA, naja, die haben sich in letzter Zeit in die unselige Position manövriert, Gefolgsleute Lee Myung-baks zu sein (auch wenn sie das euphemistisch immer „enge Absprache und Kooperation“ nennen). Natürlich ist auch für die südkoreanische Regierung das Ende des Kim Regimes kein Selbstzweck. Ich bin überzeugt, dass man im Blauen Haus glaubt, dass dies der einzige Weg ist, langfristig Stabilität zu erreichen. Ob das stimmt oder nicht, darüber will ich mir ehrlich gesagt kein Urteil erlauben, allerdings ergeben sich hieraus viele der Probleme im Umgang mit Nordkorea und in der Kooperation und Kommunikation zwischen den Parteien. China und Südkorea (mit Washington im Schlepptau (jedenfalls momentan)) verfolgen mittelfristig grundlegend unterschiedliche strategische Ziele in der Region. Südkorea sagt: „Kim muss weg, weil er die Stabilität gefährdet.“ China sagt: „Kim muss bleiben, weil er die Stabilität sichert.“ Bei solch auseinanderklaffenden Zielsetzungen ist klar, dass man nicht an einem Strang ziehen kann. Daher hat Finnemann recht, wenn sie sagt, dass die Südkorea und die USA „kreativer“ mit China interagieren müssen. Allerdings hätte es nichts geschadet noch dazu zu sagen, dass ein Dialog über die Möglichkeiten zur Sicherung der regionalen Stabilität, der erste Schritt sein sollte.

Wenn man die chinesische Führung überzeugen kann, dass es auch ohne Kim eine stabile Ordnung in der Region geben wird, dann gibt es keine Gründe mehr, auf Biegen und Brechen an dem teuren und auch für China unberechenbaren Diktator festzuhalten. Dazu reicht es aber nicht eine relativ planlose Politik der absoluten Blockade zu fahren und China als Despotenstützer anzuprangern. Vermutlich wäre es möglich, die Ziele beider Seiten in Einklang zu bringen — schließlich wollen beide grundsätzlich eine stabile Region — man müsste nur eben ernsthaft darüber reden und vor allen Dingen bereit sein, sich von bestehenden Dogmen zu lösen und nach Kompromissen zu suchen. Solange aber an den beiden Grenzen Nordkoreas diametral gegensätzlich Ziele angestrebt werden, führt dies (wenn es überhaupt zu etwas führt) höchstens dazu, dass das große Ziel der Stabilität Schaden nimmt. Beide Seiten verschwenden Mittel und Ressourcen darauf, sich gegenseitig Beine zu stellen, und verlieren dabei das gemeinsame Ziel vollkommen aus den Augen.

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Eine Antwort

  1. Hallo,

    oft vernachlässigt werden die Beziehungen zwischen Südkorea und China, die – ähnlich wie zwischen USA und China – ambivalent sind. Auf der einen Seite ist Südkorea ein wichtiger Handelspartner für China. Beides sind hochindustrialisierte Länder (China jedenfalls zum Teil). Auf der anderen Seite ist Sükorea eng mit de USA verbunden und auch in der Realität ein sehr westliches Land. So dürfte China auch froh über Nordkorea als Pufferzone zu Südkorea sein.

    Die einzige Lösung ist, wenn China und Südkorea/USA beschließen, was mit Nordkorea zu tun ist und dieses Ziel dann versuchen, mit einem Embargo durchzusetzen.

    Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, denn China interessiert sich nicht für verhungernde und gefolterte Nordkoreaner.

    Außerdem müsste die Durchsetzung eines Embargos an der nordkoreanischen Ostküste von Russland gebilligt oder sogar unterstützt werden.

    Abgesehen davon wären die Folgen eines Embargos nicht abzusehen.

    Vielleicht ist es besser, Kim Jong-il nach China zu locken und dort zu zwingen, aufzugeben.

    Grüße
    Andreas

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