Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea: Sechs Millionen von Hunger bedroht

Der  Bericht, den das Welternährungsprogramm (WFP), die Food and Agriculture Organization (FAO) und die UNICEF auf bitte der nordkoreanischen Regierung, hinsichtlich der Ernährungssituation im Land angefertigt haben, ist vorgestern erschienen und ich hab ihn mir mal etwas genauer angeschaut. Wie man es bei den Berichten zur Nahrungssituation in Nordkorea, die WFP und FAO ja ohnehin regelmäßig veröffentlichen, gewohnt ist, ist auch dieser wieder sehr detailliert und informativ. Er geht auf die Ursachen der momentanen Nahrungsmittelsituation ein, beschreibt die aktuelle Versorgungslage und wie die Bevölkerung mit der Knappheit umgeht. Außerdem wird der Grad der Unterernährung in der Bevölkerung erfasst und es werden die gefährdetsten Gruppen beschrieben. Abschließend wird ein umfangreiches Paket an Handlungsempfehlungen gegeben, um die aktuelle Situation zu stabilisieren und für die Zukunft solche Knappheit zu verhindern.

Der Beobachtermission wurde scheinbar eine ungewöhnliche Offenheit seitens der nordkoreanischen Behörden entgegengebracht. Sie bekam Zugang zu Provinzen in denen das WFP aktuell nicht aktiv ist und konnten Märkte besuchen, zu denen zuvor kein Zugang gewährt wurde (jedoch war die Bevölkerung dort den Fremden gegenüber scheinbar recht zurückhaltend). Im Endeffekt stellt der Bericht fest, dass nach Abzug von eigener Produktion und kommerziellen Importen eine Bedarfslücke von 886.000 Tonnen klafft, was 21 % des Nahrungsbedarfs des Landes darstellt.

An uncovered deficit of 886,000 MT is equivalent to 3.68 months of PDS rations for the entire nation. If this uncovered deficit can not be filled by commercial imports or food assistance, the national average per capita food consumption (including cereal, potato, and soybean) will have to be reduced from 174 kg/year to 138 kg/year.

Für die Knappheit ist nicht nur der Rückgang der inländischen Produktion aufgrund von Überschwemmungen und hartem Winter verantwortlich (die Auswirkungen der Maul- und Klauenseuche werden später noch dazukommen) auch der Rückgang von Hilfen aus dem Ausland schlägt im Saldo stark zu Buche. Bis vor drei Jahren wurden aus Südkorea noch jährlich etwa 400.000 Tonnen Reis geliefert. Das wurde seit Amtsantritt Lee Myung-baks auf Null heruntergefahren. Auch die Hilfen des Welternährungsprogramms reichen bisher bei weitem nicht aus, da sich nur wenige Geberländer finden, die das Programm mit Hilfen für Nordkorea ausstatten möchten:

In 2010, WFP received only 20 percent of the resources needed to implement its PRRO. As a result of these funding constraints, many vulnerable groups are no longer receiving food assistance. Of those still receiving food, many receive food fewer days each month. Total food assistance distributed in DPRK in 2010 amounted to only 44,318 MT of cereals, a small fraction of what is needed.

Auch kommerzielle Importe können die Lücke vermutlich nicht schließen. Einerseits führen erhöhte Kosten für Treibstoff (der ebenfalls auf dem Weltmarkt eingekauft werden muss und 2011 vermutlich mit etwa 580 Millionen US-Dollar zu Buche schlagen wird) dazu, dass weniger Ressourcen für Nahrungsmittelimporte frei sein werden. Andererseits sind auch die Preise für Nahrungsmittel erheblich gestiegen. In der Saison 2008/2009 hat das Regime etwa 60 Millionen US-Dollar für Nahrungsmittelexporte ausgegeben in der vergangenen Saison knapp 120 Millionen. Im Januar dieses Jahres waren 18 Millionen. (Natürlich kann man jetzt den Bedarf an Hilfen wieder wegreden indem man sagt, das Regime solle einfach weniger Geld für das Militär ausgeben und mehr für die Ernährung des Volkes. Das ist aber ungefähr genauso hilfreich als würde man sich hinstellen und sagen: „Gaddafi muss weg. Er hat jedes Recht verwirkt, für sein Volk zu sprechen“ aber gleichzeitig möglichen Wegen dorthin verbauen. Klingt gut, ist aber nicht hilfreicher als ein Kropf, weil Gerede nicht satt macht und auch keine entfesselten Diktatoren stoppt.)

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass etwa 6,1 Millionen Nordkoreaner besonders anfällig für Nahrungsmittelunsicherheit sind und durch die internationale Gemeinschaft unterstützt werden sollten. Zu dieser Gruppe zählen vor allem Kinder, schwangere und stillende Frauen, ältere und allein lebende Menschen, Menschen die in großen Haushalten mit wenig „Versorgern“ leben, Menschen die für längere Zeit krank sind und behinderte Menschen. Für diese Gruppen empfiehlt der Bericht die Bereitstellung von knapp 300.000 Tonnen Getreide und 137.000 Tonnen „Fortifed Blended Foods„.

Allerdings ist die Situation bisher noch nicht krisenhaft. Neben der chronischen Unterernährung, die quasi den „Normalzustand“ darstellt:

The nutrition situation, as assessed during the mission, appears to be relatively stable.

Allerdings gebe es

increased risk of malnutrition and infectious diseases (including tuberculosis) due to the lean season (May-July), possible reductions in PDS ration, and other public health issues. At risk is the health and nutrition status of children under five and pregnant and lactating women. A substantial number of households currently subsist on a carbohydrate-based diet which lacks in diversity and nutrients (protein, fat, vitamins and minerals). Given this current precarious nutrition and food security situation, the likelihood of a deterioration of acute malnutrition (wasting) must be considered high.

Das Fazit, das aus diesem sehr informativen Bericht also gezogen werden kann ist, dass das Kind bisher nicht in den Brunnen gefallen, aber bereits tief darüber gebeugt ist. Ich hoffe, dass es einige Regierungen gibt, die sich nicht von politischen Erwägungen leiten lassen, sondern humanitäre Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Die indische Regierung scheint hier mit gutem Beispiel voraus zu gehen. Ich bin mal gespannt, ob in einigen westlichen Regierungen da sowas wie Schamgefühl aufkommt, wenn das nicht eben superreiche Indien bereit ist zu helfen, während man selbst bisher nur am Rand steht.

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