Mach’s noch einmal Jimmy: Carter plant (Vermittlungs-)reise nach Nordkorea

Berichten zufolge plant Jimmy Carter, ehemaliger US-Präsident, eine Reise nach Nordkorea. Dort wird er wohl versuchen, die zurzeit sehr festgefahrene Situation etwas zu entspannen und zwischen Nordkorea und den USA und Südkorea zu vermitteln. Allerdings ließ das amerikanische Außenministerium umgehend verlauten, dass Carter nicht auf einer offiziellen Mission sei, dass er keine Nachricht der US-Regierung mit sich führe und dass sich der bisherige Kontakt mit Carter auf die reine Information beschränkt habe, dass Carter diese Reise plane. Also genau das, was die Regierung in letzter Zeit immer gesagt hat, wenn ein hochrangiger Politiker (Clinton, Carter, Richardson) für sie die Kastanien aus dem Feuer (mehr oder weniger), oder die US-Bürger aus dem Knast geholt hat. Carter stehe momentan mit der nordkoreanischen Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York im Kontakt um die Reise vorzubereiten und es sei wahrscheinlich, dass er in etwa einem Monat nach Nordkorea aufbreche. Angeblich plane er, weitere ehemals hochrangigen Persönlichkeiten des globalen politischen Lebens wie Kofi Annan, der ehemaligen irischen Präsidentin Mary Robinson und der früheren norwegischen Regierungschefin Gro Harlem Brundtland, die Nordkorea auch schonmal als WHO-Chefin besucht hat, für die Reise zu gewinnen.

Druck auf die Politik

Das Vorhaben Carters ist sehr interessant, denn dieses Mal liegt kein unmittelbarer Anlass vor, wie das bei den vorherigen „rein privaten Besuchen“ wichtiger Persönlichkeiten der Fall war. Vielmehr scheint dieser Besuch allein durch das Bewusstsein motiviert zu sein, dass die Parteien auf der Koreanischen Halbinsel in einer Sackgasse stecken, aus der sie sich allein scheinbar nicht herausmanövrieren können. Daher mag man Carters Plan rein privat nennen oder nicht, er wird wohl wesentlich mehr vorhaben, als nur die Sehenswürdigkeiten Nordkoreas ein weiteres Mal anzuschauen. Carter hat seine Unabhängigkeit ja bereits bewiesen, als er 1994 die Pflöcke einschlug, auf denen später das Genfer Rahmenabkommen ruhte (dieser Artikel des Spiegel von 1994 zeigt in einigen Passagen erstaunliche Parallelen zur heutigen Situation und ist auch ansonsten ein spannendes Dokument über die Wahrnehmung der Reise und Nordkoreas in der damaligen Zeit), dass in der Rückschau zwar nicht als großer Erfolg zu bezeichnen ist, dass aber immerhin für fast zehn Jahre eine Phase der vorsichtigen außenpolitischen Entspannung einleitete, bevor es am Unwillen, vor allem der USA und Nordkoreas, scheiterte. Carter hat selbst wenn man die politischen Eliten Nordkoreas zum Maßstab nimmt, ein ehrwürdiges Alter erreicht, strebt nicht mehr nach poltischen Ämtern und baut vermutlich gerade an seinem Denkmal für die Nachwelt. Damit ist er der ideale Mann, die einfalls- und ideenlosen Staatenlenker in Seoul und Washington mit einer eigenen Initiative vor sich her zu treiben. Er ist nicht mehr in der Pflicht, irgendwelche politischen Rücksichten nehmen zu müssen und nachdem nach seiner Reise zur Befreiung von Ajialon Mahli Gomes aus nordkoreanischer Haft keine Veränderung der Positionen festzustellen war, hat er sich nun vermutlich entschlossen, den Druck vor allem auf Barack Obama etwas zu erhöhen. Natürlich ist Carter in den USA nicht unumstritten, aber diejenigen, die ihn nicht so gut finden (um es nett auszudrücken), sind vor allem Konservative, die eher dem republikanischen Lager zuzurechnen sind. Auf seiner Seite stehen Menschen, die auch Wähler von Barack Obama sind. Wenn Carter nun mehr oder weniger offen auf ein Versagen Obamas in der Politik gegenüber Nordkorea hinweist, kann das diesem im Hinblick auf kommende Präsidentschaftswahlen, nicht gefallen und vielleicht bewirkt bereits die Drohung damit einen Nachdenkprozess in der US-Regierung.

Elder Statesmen im Boot?

Aber wie gesagt hat Carter scheinbar vor, nicht allein zu fliegen, sondern einige wirklich prominente ex-Politiker mitzunehmen. Da ist natürlich die Frage berechtigt, wie Carter auf die anderen potentiellen Teilnehmer seiner Reisegesellschaft gekommen ist. Hat er sich hingesetzt und überlegt, wer auch noch Lust haben könnte, mal ein bisschen in Nordkorea zu vermitteln? Hat er dann den Telefonhörer abgenommen und irgendwas wie: „Hi Kofi, du wolltest doch schon immermal die U-Bahn von Pjöngjang angucken“ gesagt? Naja, ich hab kurz recherchiert und bin auf eine interessante Gruppe gestoßen, in der sich neben den vier im Text genannten (Carter, Annan, Robinson, Brundtland) noch einige weitere hochehrwürdige Persönlichkeiten tummeln, die der Welt auf die eine oder andere Art ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich habe bis zu dem Zeitpunkt noch nie bewusst was von „The Elders“ gehört, aber die Gruppe von Weltverbesserern (im besten Sinne) versucht schon seit 2007 ein moralisches Korrektiv in der oft interessengeleiteten internationalen Politik darzustellen und will unter anderem mit Reisen, z.B. in den Sudan, nach Zypern oder den Mittleren Osten, vermittelnd wirken, aber auch den Blick der Öffentlichkeit auf die dort herrschenden Konflikte lenken.

Ehrliche Makler: Das was der Konflikt braucht

An der Auflistung ihrer bisherigen Aktivitäten lässt sich erkennen, dass die Elders sich auch an sehr schwierige bis unlösbare Probleme ranwagen. Daher wäre die Koreanische Halbinsel wohl ein optimales Tätigkeitsfeld für die Gruppe. Auf ihrer Internetseite steht bisher nichts von einer Reise nach Nordkorea, aber da es diesen Club für solche Probleme gibt, wäre es ein guter Schritt von Carter, ein paar andere „Elder Statesmen“ ins Boot zu holen. So könnte sich Carter ziemlich sicher sein, dass die Reise mit der gewünschten Medienaufmerksamkeit begleitet wird und man so einen gewissen Handlungsdruck auf die Parteien erzeugen könnt. Außerdem wäre es der geballten Ladung von Ehrwürdigkeit wohl möglich, jeden Amtsträger außerhalb Nordkoreas zum zuhören zu „zwingen“. Da könnte es durchaus sein, dass auch Lee Myung-bak einigen Aussagen lauschen müsste, die mit seinen Ideen und seiner politischen Linie nicht unbedingt konform gingen. Aber wie sähe das denn aus, wenn er keine Zeit für einige Altvordere der Weltpolitik hätte. Vielleicht kommt hier mal etwas ins Spiel, das dem Konflikt auf der Koreanischen Halbinsel solange gefehlt hat. Ein unabhängiger, (relativ) interessenfreier, aber keinesfalls unwichtiger, ehrlicher Makler.

Vorerst dürfen wir allerdings gespannt sein, wie sich Carters Reisevorbereitungen weiter entwickeln und ob er zum Schluss nicht doch alleine fährt (was ich nicht hoffe). Seine Reise kann zumindest als ein kleiner Hoffnungsschimmer gesehen werden, dass in Korea in den nächsten Jahren doch noch etwas Positives passieren kann.

Der coolste Typ der Welt

Achja, „The Elders“ müssen schon allein deshalb ein guter Verein sein, weil der (ich gebe ihm einfach mal den Titel) absolut größten Sympathieträger der Welt bei ihnen mitmacht. Ich bin immer wieder beeindruckt wie jemand, der lachen kann (und das sehr gerne tut) wie eine verrückte alte Hexe, trotzdem eine solche Autorität ausstrahlen  und auf eine einfache und symphatische Art, Wahrheiten aussprechen kann. Ich finde ihn super…

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