Origin of Symmetry — Nordkorea das Mutterland der Symmetrie

Manchmal schaue ich mir bei KCNA auch einen der Berichte an, von denen man ganz genau weiß, was drinsteht und dass die Lektüre nicht wirklich zu einem Erkenntnisgewinn führen wird. Vor allem Fotos finde ich spannend und kürzlich ist mir auch bewusst geworden, warum das so ist. Man stelle sich vor, in einer Lokalzeitung hier wäre ein Foto abgedruckt, dass eine Gruppe von Leuten beim Besuch einer beliebigen Sehenswürdigkeit (egal wie wichtig oder heilig sie auch sein mag) zeigt. Ich weiß nicht genau wie das Bild aussähe, aber ganz sicher nicht so:

"Kohleindustielle" in Reih und Glied; 28. März (KCNA)

Sicherlich würden die Besucher nicht in „Zeilen und Spalten“ geordnet, quasi in Tabellenform im Gleichschritt voranschreiten. Naja, diese erstaunliche Symmetrie auch im Alltag ist natürlich ein Phänomen, das jedem, der sich schonmal Bilder aus Nordkorea angeschaut hat, aufgefallen sein dürfte, aber nichtsdestotrotz ist sie erstaunlich. Denjenigen, die aus eigener Erinnerung an Bilder aus der DDR oder der Sowjetunion zurückdenken können, wird das Ganze wohl nicht ganz so fremd sein, aber ich bin eben in einer Zeit groß geworden, als die gesamte Symmetrie des Ostblocks gerade ihren Aggregatszustand in Richtung „Chaos“ änderte und im Westen stand Symmetrie, was gesellschaftliche Fragen angeht, aus historischer Erfahrung ja ohnehin schon immer in einem recht schlechten Ruf. Naja, jedenfalls bin ich immer wieder erstaunt, wie sehr die symmetrische Anordnung von Menschen in Nordkorea alle Lebenslagen und -phasen durchzieht. Hier illustrierend noch ein paar  Bilder:

Bauern in Reih und Glied; 18. Januar (KCNA)

Sportler und Sportbegeisterte in Reih und Glied; 24. Januar (KCNA)

Schulkinder in Reih und Glied; 21. März (KCNA)

Junge Leute in Reih und Glied; 25. Februar (KCNA)

Frauen in Reih und Glied; 9. März (KCNA)

Ob diese Art der allgegenwärtigen Symmetrie dann auch zu einer gewissen Ordnungsvorstellung in den Köpfe der Leute führt, weiß ich natürlich nicht, aber ganz abwegig ist das nicht, wenn man sich anschaut, wie sie ihre Umwelt organisieren:

Wasser in Reih und Glied; 31. Januar (KCNA)

Naja, jetzt kann man natürlich sagen, dass das alles recht statisch ist. Vielleicht hat ja ein netter Fotograf an einer Ecke gestanden und gesagt: „So jetzt stellt euch mal alle fein in Reih und Glied auf, danach dürft ihr euch wieder verteilen.“ Allerdings wissen wir alle um das besondere Talent der Nordkoreaner zur symmetrischen Anordnung von Menschen. Seinen Höhepunkt findet dieses Talent wohl beim weltbekannten Arirang, bei dem sich ja nicht nur die im Vordergrund befindlichen Menschen nach einer perfekt einstudierten Chorographie bewegen, sondern auch die hochauflösende „Pixelwand“ im Hintergrund:

Allerdings kann man auch mindestens einmal im Jahr zum Anlass der Neujahrsfeierlichkeit beobachten, wie die Bevölkerung wie an Seilen gezogen ihre Unterstützung für die Politik der herrschenden Klasse bekundet:

Ein Anlass zu dem es dagegen in so ziemlich allen Staaten der Welt symmetrische Anordnungen zu bestaunen gibt, sind Militärparaden. Das ist aus militärischen Gesichtspunkten vermutlich sinnvoll, hat aber eine ganz besondere Ästhetik, besonders wenn wie in Nordkorea die Tradition des Stechschritts noch in hohen Ehren gehalten wird. Und es stimmt schon, dieses Video des Guardian, dass in Zeitlupe abläuft und hauptsächlich paradierende Soldaten zeigt hat so seine Reize. Aber spätestens seit Leni Riefenstahl weiß man ja, dass Symmetrien im Bild eine besondere Wirkung entfalten können.

Am meisten geflasht hat mich jedoch, ehrlich gesagt, dieses Video von der Parteikonferenz, denn wenn man bei den „normalen Bürgern“ vielleicht noch annehmen kann, dass sie das mit knallhartem Drill eingebläut kriegen, so machen die obersten Eliten das aber wohl, ohne vorher gottweißwieviele Stunden geübt zu haben. Ich meine, klar, die Stühle kann man so hinstellen, dass sich alles in klaren Achsen ergibt. Aber dann müssen alle schön gerade sitzen, damit das Bild nicht verrutscht. Und dass dann alle genau gleichzeitig klatschen, aufstehen, sich hinsetzen und mit dem Parteibuch schwenken, das erfordert schon eine hochgradige Konditionierung. Klar, ich bin Katholik und ich weiß wann ich aufstehe, mich hinknie und das Vaterunser aufsage, aber ich war noch nie in einer Kirche, in der man solche Parallelität hingekriegt hat (aber grundsätzlich wirken da vermutlich ähnliche Mechanismen).

Ich weiß, neu ist das Alles nicht, aber ich denke, man muss sich ab und zu bewusst machen, wie anders die Gesellschaft Nordkoreas im Gegensatz zu allem organisiert ist, was wir aus unserem Alltag kennen. Während ich so vor mich hingeschrieben habe und mir die Metaphern aus dem Hirn gequollen sind, sind mir dabei einige Punkte bewusst geworden, die — so denke ich –interessante Denkanstöße bilden. Die passen nicht wirklich zusammen, aber gehören irgendwie dazu.

Erstens kommt mein Vergleich mit religiösen Zeremonien wohl nicht ganz von ungefähr. Einerseits agiert man in der Gruppe für ein höheres, aber recht abstraktes Ziel und tu seine Pflicht als guter Bürger/Gläubiger. Andererseits unterscheiden sich die Menschen die an solchen Riten teilnehmen in verschiedene Gruppen. Es gibt welche, die in der Ausführung des Ritus einen Sinn sehen und die tieferen (vielleicht nicht nur spirituellen) Hintergründe der Selbigen erkennen. Andere dagegen gehen nur aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit der eingeübten Tätigkeit nach und warten, dass die Zeit vorbeigeht und sie sich wieder dem normalen Alltag widmen können. Eine letzte Gruppe finde ich sehr interessant. Wenn man die Welt die ich kennen und damit das Beispiel katholische Kirche als Blaupause nimmt, dann gibt (oder gab, ich kenne es aus meiner Großelterngeneration) es Menschen, die sich verpflichtet fühlen, an den Ritualen teilzunehmen. Es ist nicht immer so, dass sie hinter allem stehen was da passiert oder sich wirklich tief spirituell darin versenken, aber ihr ganzes Leben lang war der Ritus integraler Bestandteil ihrer Existenz und es war einfach unvorstellbar, daran etwas zu ändern. Natürlich kommen da auch noch andere Faktoren wie soziale Bindungen zu, aber wenn ich das richtig beobachtet habe, war der sonntägliche Kirchgang und das Gebet vor dem Essen einfach zu einem Teil von ihnen geworden, der nicht mehr abgelegt werden konnte und wollte. Ich glaube, weil diese Gruppe weniger wurde, haben die Kirchen in Deutschland viele Mitglieder verloren. Zu welcher Gruppe die Menschen auf den Bildern oben gehören können wir nicht wissen, aber es ist für die Zukunft des Landes entscheidend. Wenn die Überzeugten und die Verpflichteten in der Überzahl sind, dann wird es wohl noch eine Zeit dauern, bis man sich eine Alternative zum herrschenden Ritus vorstellen kann. Allerdings ist ein Verpflichtungsgefühl nicht extrem nachhaltig und kann sich in Richtung der Bequemlichkeit abschwächen. Wie lange sowas allerdings dauert weiß ich nicht. Immerhin hat die Kirche ihre Mitglieder seeehr lange gebunden, wobei ich allerdings nicht weiß, wann welche Art der Gefolgschaft vorgeherrscht hat.

Der zweite Punkt ist das Militär. Die nordkoreanische Gesellschaft wird nicht ohne Grund oft als militarisiert beschrieben. Annähernd jeder durchläuft den Militärdienst, der echt lange dauert und in dem die Ordnung vermutlich noch extremer gepflegt wird, als in anderen Lebenslagen. Aber auch vor und nach dem Militärdienst ist vieles in der Gesellschaft organisiert wie beim Militär. Marschkolonnen im normalen Alltag sind wohl ein eindeutiges Zeichen hierfür. Durch diesen Drill werden Verhaltensreflexe eingeübt, die Menschen werden konditioniert auf bestimmte Stichwörter hin bestimmte Aktionen auszuführen. Ich vermute, dass so beispielsweise das Klatschen und das Parteibuchheben bei der Parteikonferenz funktioniert. Ich komme nochmal kurz zur Kirche zurück. Wenn ich höre: „Friede sei mit euch“ möchte ich fast automatisch antworten „und mit deinem Geiste“ und wenn ich „geheiligt werde dein Name“ höre, ist es mein Reflex, das Vaterunser zuende zu beten. So funktioniert das eben und ich bin nicht gerade in einer unfreien Gesellschaft aufgewachsen. Wie schwer muss es da sein, solche Reflexe abzustreifen, wenn man nie Alternativen geboten bekam. Beim Militär ist es oft unerlässlich, dass die Soldaten auf die Befehle hören, die ihnen die Vorgesetzten geben, denn sonst funktioniert die Kriegsordnung eben nicht. Aber die Vorgesetzten können diese Befehlsgewalt eben auch missbrauchen und dann müssen die Soldaten entscheiden, freier Wille oder Reflex? Wenn sie ersteres aber nicht wirklich „gelernt“ haben? Naja und wenn eine ganze Gesellschaft so organisiert ist, das die Idee vom freien Willen so weit wie möglich von den Menschen fern gehalten wird, kann man sich ja bestens vorstellen, wie schwer es wird, eingeübten Reflexen zu widerstehen.

Der dritte Gedanke den ich hatte ist etwas abstrakter. Als ich das Wort Aggregatszustand hingeschrieben habe, ist mir bewusst geworden, welcher Zustand am „ordentlichsten“ ist. Es ist bei Wasser gefroren, oder allgemeiner gesagt, erstarrt. Die Moleküle sind schön sauber zueinander angeordnet, kaum mobil und zu einem monolithischen Block verbunden. So ähnlich stellt sich Kims Regime wohl auch den Idealzustand der nordkoreanischen Gesellschaft vor. Der Einzelne hat seinen Platz und erfüll seine Aufgabe und es braucht keine große Kontrolle. Ändert sich dieser Zustand, dann ist alles schwieriger zu kontrollieren, die Bewegungen des Einzelnen werden unberechenbar und der Block hält nicht mehr zusammen. Ob wohl jemand bei der Konstruktion solcher Gesellschaften an Aggregatszustände gedacht hat? Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir gut vorstellen.

So jetzt aber genug wirre Gedanken zur Symmetrie. Hier ist noch ein kleines lustiges Filmhen, das zeigt, was passiert, wenn sich der Aggregatszustand zu ändern beginnt und ein Teil aus dem monolitihischen Block herausbricht:

Achja, wem die Überschrift bekannt vorkam, der kann sicher auch hiermit was anfangen:

Eine Antwort

  1. Mein Kommentar ist wohl ein bißchen „off-topic“, fiel mir aber beim Lesen gerade so ein.
    Bilder mit Kim Yong-Il sind eigentlich nie symmetrisch, sehen aber immer sehr ähnlich aus. Eine Gruppe steht im Halbkreis, Kim Yong-Il abgesetzt davor. Nie besonders beeindruckend, nach 5 Minuten ist das Bild vergessen. Scheint immer der gleiche Fotograph zu sein.
    Im Kontrast dazu fallen mir Bilder von Mao Zedong ein (habe leider gerade keinen Link), wirkliche Kunstwerke. Man könnte Schüler einen Aufsatz schreiben lassen, was der Fotograph mit dem Bild ausdrücken wollte.
    Haben die Nordkoreaner keinen besseren Fotographen (kann ich mir nicht vorstellen, wie sonst in NK die Künste gefördert werden)? Ist es Absicht, „wir stellen Kim Yong-Il so einfach dar wie er ist“?
    Oder wird es einfach nicht für nötig gehalten (es gibt sowieso keinen, den wir noch überzeugen müßten)?
    Wenn es in NK eine besondere Verehrung des Führers gibt, müßten die veröffentlichten Bilder doch so schön wie möglich sein. Ein Widerspruch, den ich mir nicht erklären kann.
    Was die Wirkung gegenüber dem Ausland angeht:
    Ich denke NK bräuchte ein international erfahrenes PR-team, jetzt wo sich NK langsam gegenüber der Welt öffnen will und u.a. den internationalen Handel ausbauen will.

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s