Carter gibt Laut und nervt Seoul

Jimmy Carters Reise nach Pjöngjang stößt weiterhin nicht nur auf Begeisterung. Vor allem in Südkorea scheint man nicht wirklich glücklich zu sein, dass der Elder Statesman in Begleitung dreier anderer Elder Statesleute den Blick der Welt etwas stärker auf die festgefahrene Situation auf der Koreanischen Halbinsel lenkt, als dies zuletzt der Fall war. Als er dann in Peking auch noch einen Zusammenhang zwischen der angespannten Nahrungsmittelsituation in Nordkorea und der harten Haltung Südkoreas hinsichtlich möglicher Nothilfen herstellte, sah sich Südkoreas Außenminister Kim Sung-hwan genötigt, Südkoreas Bewertung der Reise klarzustellen:

Personally, I don’t see why North Korea would send a message through a third party or civilians when various channels for dialogue are open […] There are many other channels of communication with us, and isn’t North Korea stressing the need for dialogue among Koreans?

Wie um das zu belegen kamen dann auch Forderung Südkoreas, Gespräche auf Rotkreuzebene über die vier Fischer zu halten, die nachdem sie in südkoreanische Gewässer abgedriftet waren, entschieden hatten, im Süden zu bleiben. Allerdings gibt es bei dem Hinweis Südkoreas auf direkte Gespräche ja nach wie vor den Haken, dass man von Nordkorea eine Entschuldigung für die Aggressionen des vergangenen Jahres verlangt, was Kims Regime nach wie vor ablehnt. Daher wäre Vermittlung durch „eine dritte Partei“ vielleicht gar keine so schlechte Idee. Naja, die gibt es ja jetzt, ob das in Seoul gewünscht wird oder nicht. Dass das allerdings auch für Südkoreas Regierung unangenehm werden könnte, dafür gibt Jimmy Carter heute einen Vorgeschmack. In einem Blogeintrag auf der Seite der Elders schildert er seine bisher gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse. Carter schreibt dabei in einem relativ positiven Tonfall über seinen Aufenthalt (man sollte allerdings auch nicht vergessen, dass er noch Kim Jong Il treffen möchte. Alles andere als ein positiver Tonfall wäre da wohl nicht zuträglich) und gibt die nicht gerade überraschende Erkenntnis preis:

We are hearing consistently throughout our busy schedule here in Pyongyang that the North wants to improve relations with America and is prepared to talk without preconditions to both the US and South Korea on any subject.

Während ich das „on any subject“ interessant finde (aber wie weit die Gespräche dann kommen hat ja auch der Norden in der Hand) bedarf das „is prepared to talk without preconditions“ vermutlich noch einer kleinen Erläuterung. Die Frage ist dabei nämlich, ob das jetzt ein Angebot sein soll, oder eine Forderung. Für mich klingt das wie letzteres, das ein bisschen so wie ersteres verpackt wurde. Denn Südkorea ist es ja, das Forderungen stellt und Nordkorea möchte sie nicht erfüllen. Naja, aber das wollte Carter wohl so nicht schreiben (ihr wisst ja, Kim…). Außerdem schrieb Carter einen interessanten Abschlusssatz:

The warmth with which I am always greeted in Pyongyang makes me hopeful that our nations can, with political will on all sides, find peace at last.

Erstmal dürfte das ein weiterer diplomatisch verpackter Seitenhieb auf Seoul und vielleicht auch auf Washington sein (schließlich schreibt er vorher, dass Pjöngjang unbedingt reden wolle, also muss der diplomatische Wille wohl sonstwo fehlen. Außerdem finde ich es nett, dass er noch explizit auf den warmen Empfang in Pjöngjang verweist. Man könnte natürlich meinen, dass das eben so eine diplomatische Floskel sei. Aber wenn man sich das Video des Zusammentreffens zwischen ihm und seinen Begleitern und Kim Yong-nam (führt die Amtsgeschäfte des ewigen Präsidenten, solange der Ausfällt; repräsentiert das Land oft nach außen) anschaut (wie immer gibt es leider keinen direkten Link, aber es ist noch auf der ersten Seite zu finden), dann kommt es einem tatsächlich so vor, als würden sich da alte Freunde treffen. Kim Yong-nam begrüßt Carter mit den Worten „You look younger“ und Carter gibt ein „So do you.“ zurück. Das schmeichelt beiden zwar etwas, aber gleichzeitig vermittelt es eine kleine Vertrautheit zwischen den beiden. Man scheint sich zu kennen und das ist gerade bei Vermittlungsmissionen ein großes Kapital. Dummerweise kennt Carter Lee Myung-bak vermutlich nicht…

Die relative offene Kritik Carters lässt mich gespannt auf die nächsten Tage warten. Denn er scheint ja zumindest alles zu tun, um Kim Jong Il treffen zu können. Sollte ihm das morgen gelingen, dann dürfen wir gespannt sein, wer ihn übermorgen in Seoul zum Tee bitten wird. Aus Kim Jong Ils Sicht wäre der Besuch Carters eine ideale Gelegenheit um Lee Myung-bak unter Druck zu setzen (so sehe ich das zumindest), denn es sieht eben sehr komisch aus, wenn ein berüchtigter Despot sich nett mit den älteren Herrschaften, denen man nichts als hehre Absichten unterstellen kann, unterhält und vielleicht noch Botschaften mitschickt und sich dann der Präsident des freien Korea einem Vermittlungsversuch verweigert. Andererseits muss sich Lee wohl einiges anhören was ihm nicht passt, trifft er die Reisegruppe. Es bleibt auf jedenfalls spannend. Scheinbar versucht auch die Familie des inhaftierten Amerikaners die Gunst der Stunde zu nutzen. Jedenfalls veröffentlichte die Familie des Mannes heute einen offenen Brief, in dem um die Freilassung des Mannes gebeten wird. Auch hier bin ich gespannt, ob Carter und seine Begleiter etwas erreichen.

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