„Kann Korea vom deutschen Einigungsprozess lernen?“ — Interessantes Paper von Ulrich Blum

Manchmal beklage ich mich ja etwas, dass meiner Meinung nach zu wenig Austausch zwischen Deutschland und Südkorea stattfindet, was die Erfahrungen aus der deutschen Wiedervereinigung angeht. Ich meine, natürlich geschieht in diesem Bereich auch einiges und natürlich hören wir nicht alles, was da an Know-how ausgetauscht wird, aber meinem Gefühl nach, wird da nicht genug getan. Natürlich ist ein „deutsches Modell“ nicht eins zu eins auf die Koreanische Halbinsel übertragbar und natürlich gibt es eine Menge unterschiede, aber es gibt viele Erfahrungen aus der deutschen Vereinigung, die man zumindest für Korea zu adaptieren versuchen könnte und die, wenn auch nicht als Leitfaden, so doch zumindest als Hinweise oder mitunter auch als Warnungen dienen können.

Jedenfalls freue ich mich deshalb, dass ich euch ein Paper von Prof. Ulrich Blum, dem Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), vorstellen kann. Das beschäftigt sich mit Kosten und Auswirkungen einer Wiedervereinigung. Dabei hat er mit Hilfe volkswirtschaftlicher Modelle, die Erfahrungen der deutschen Vereinigung auf Korea zu übertragen versucht. Die Analyse bezieht sich dabei sowohl auf Fragen der Integration oder nicht-Integration des „Vereinigungszwillings“ in die internationalen Wirtschaft als auch wirtschaftliche Erfordernisse und Prozessen, die aufgrund von Interaktionen zwischen „Vereinigungszwilling“ (Nord) und „Marktzwilling“ (Süd) auftreten, wenn der Südkorea gezwungen ist, große Mengen von Kapital in den Norden zu transferieren, um die dortige Infrastruktur zu erneuern und das Volkseinkommen des Nordens auf ein Niveau anzuheben, dass eine massenhafte Wirtschaftsmigration aus dem Land zu verhindern. Dabei ergeben sich interessante Effekte auf die Preisbildung für Güter und Arbeit und vor allen Dingen, was ich eben schonmal schrieb: Es wird teuer (aber dazu später mehr).

Das Paper von Blum hat mir sehr gut gefallen, weil es einerseits einige Prozesse der jungen deutschen Geschichte noch einmal aufdröselt und verständlicher macht, vor allen Dingen aber, weil recht glaubwürdig mögliche Folgen und Entwicklungen für eine Koreanische Vereinigung vorhergesagt werden. Allerdings könnte es aber auch daran liegen, dass ich es oft sehr anstrengend finde mich in Volkswirtschaftliche Modelle reinzudenken. Das ist zwar kein Hexenwerk, aber wenn man das länger nicht mehr gemacht hat, muss man sich ständig den Inhalt aller Variablen etc. wieder vor Augen rufen und das nervt (weshalb ich früher öfter mal bei Teilen mit vielen Formeln schnell weitergeblättert habe bis es wieder textlastiger wurde), naja, was ich eigentlich sagen will: Ich blicke zu schlecht durch, um insgesamt zu sagen, ob die Berechnungen wirklich so toll sind wie ich sie finde. Allerdings sind die beschriebenen Prozesse für mich logisch nachvollziehbar und helfen einiges klarer zu sehen, so dass ich das ungeteilt empfehlen kann.

Aber natürlich wäre es ja langweilig, wenn ich so gar nichts zu mäkeln hätte und daher will ich meine sachten Kritikpunkte nicht verschweigen. Eine Annahme ist, dass die nordkoreanische Wirtschaftskraft pro Kopf zügig auf etwa 60 % des südkoreanischen Niveaus gebracht werden sollte, um so eine massenhafte Migration aus dem Norden, vielleicht sogar aus dem Land zu verhindern. In Deutschland lag die Wirtschaftskraft des Ostens zur Zeit der Wiedervereinigung bei etwa 20 % des Westens, in Nordkorea liegt sie heute bei etwa 5 % des Südens. Das heißt in Deutschland mussten bei nur etwa 40 % der Wirtschaftskraft ergänzt werden (was auch binnen relativ kurzer Zeit geschah) in Korea wären es 55 %. Allerdings stellt sich mir die Frage, inwiefern da nicht eher eine absolute Verbesserung ein Maßstab wäre und nicht das relative Verhältnis von Nord zu Süd. Das Argument, dass das soziale Sicherungssystem des Südens ähnlich wie in Deutschland eine Absicherung von etwa 60 % bietet, reicht mir für diese Marke als Grund ehrlich gesagt nicht aus, schließlich wären auch durchaus andere Modelle, die keine soziale Absicherung der Nordkoreaner auf Süd-Niveau bieten, vorstellbar. Damit ist natürlich auch die Kostenrechnung Blums für mich nicht mehr ganz so gut, denn die kurzfristig aufzubringenden 24 % (!) an Nettotransfersumme der südkoreanischen Wirtschaftsleistung an den Norden, die er errechnet hat, ergeben sich aus der 60 % Annahme. Weiterhin möchte ich auf kulturelle Unterschiede bzw. eine stärkere ideologische Prägung der nordkoreanischen Bevölkerung hinweisen, die (für mich) unabsehbare Auswirkungen auf das (Flucht-)Verhalten der nordkoreanischen Bevölkerung nach einer Wiedervereinigung haben könnten.

Ein etwas substantiellerer Punkt ist die Annahme Blums, dass der nordkoreanische Außenhandel am Ausgangspunkt aufgrund von Juche als ausgeglichen gelten soll. Ich weiß nicht wie wichtig diese Annahme für das Modell ist, aber er hat es wohl nicht ohne Grund angenommen, also brauchte er das vermutlich. Natürlich sind Nordkoreas Außenhandelszahlen kaum zu bewerten, aber definitiv gibt es Hilfen durch NGOs und subventionierte Importe aus China, gegenüber dem Nordkorea seit Jahren ein bedeutendes Außenhandelsdefizit hat (wenn ich mich richtig an die Zahlen erinnere irgendwo zwischen fünf und zehn Prozent der Wirtschaftsleitung). Je nach Regierungspolitik in Südkorea war auch gegenüber diesem ein beträchtliches Defizit zu verzeichnen. Außerdem sollte man die beträchtliche Menge an Gütern nicht vergessen, die im kleinen Grenzverkehr aus China kommen. Wie gesagt weiß ich nicht genau, wie sich das auf Blums Berechnung auswirkt, aber grundsätzlich ist diese Annahme ein Wermutstropfen für das Paper.

Aber wie gesagt, ansonsten gefällt es mir durchweg gut und auch die Schlüsse die er zieht finde ich weitgehend nachvollziehbar. Hinsichtlich der wirtschaftlichen Integration und der Finanzunion beider Staaten sagt er ähnliche Entwicklungen voraus, wie wir sie in Deutschland erlebt haben. Massive Investitionen verwandeln den Außenhandelsüberschuss in ein Defizit während gleichzeitig der Won unter Druck kommt. Um Inflation zu verhindern hebt die Zentralbank die Zinsen, so dass der Won trotzdem an Wert gewinnt. Exportorientierte Unternehmen (im Süden, Nordgüter sind ohnehin kaum exportfähig) dürfte das in Bedrängnis bringen. Im Norden kommt es zu einem rapiden Strukturwandel mit einer Blase im Bau- und Infrastrukturbereich und steigenden Löhnen, während gleichzeitig eine rapide Entindustrialisierung der nicht konkurrenzfähigen nordkoreanischen Industrie kommt. Kennt man irgendwie alles. Danach kommt es auf Basis modernisierter Infrastruktur und von Investitionen in den Kapitalstock zu einer nachhaltigen Wachstumsentwicklung. Wie gesagt erwartet Blum, dass zur Stabilisierung der sozialen Situation die Produktion des Nordens auf 60 % es Südens gehoben werden muss, was für den Beginn der Vereinigung einen Betrag von etwa 265 Mrd. US-Dollar ergäbe (im englischsprachigen Paper ist hier ein Fehler in der Tabelle, also nicht verwirren lassen). Das könnte Südkorea natürlich nicht alleine schultern,  weshalb Blum sich für eine internationalisierung der Wiedervereinigung ausspricht. Hinsichtlich der Privatisierung der nordkoreanischen Wirtschaft spricht er sich für einen „Masterplan“ aus, nach dem diese ablaufen sollte, um eine „Zombie-Tranistion“ zu verhindern, in der subventionierte Staatsbetriebe das Aufkommen privater Betriebe verhindern. Auch schon kurzfristig interessante Potentiale erkennt er bspw. im Bereich Atom- und Waffentechnologie und bei der Metallverarbeitung und Rohstoffgewinnung.

Wie gesagt, alles in allem halte ich das Paper von Blum für einen sehr interessanten und lesenswerten Beitrag für die Bewertung und Vorbereitung auf eine koreanische Vereinigung. Wer Formeln gut ertragen kann, sollte es ganz lesen, wen sie verrückt machen, der sollte sich Einleitung, Zwischenfazits und Schluss anschauen, das reicht für den Überblick. den Rest muss man dann einfach glauben. Außerdem gibt es eine weniger ausführliche deutsche Version: „Kann Korea vom deutschen Einigungsprozess lernen?“ (S. 153 – 160), in der das Material dafür noch etwas mehr verdichtet ist, aber alles herausragend Wichtige drinsteht und eine umfangreichere englische Version „Can Korea Learn from German Unification?“ (ca. 30 S.), die detaillierter auf die Aspekte eingeht und in der auch beispielsweise die DDR einen etwas größeren Raum findet. Wenn ihr die Zeit habt, solltet ihr auf jeden Fall die englische Version lesen.

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