Nordkorea im Dokumentarfilm: Interessante Analyse von Andray Abrahamian

In der letzten Zeit hat in der akademischen Sphäre wohl so etwas wie eine Art Reflektion über die Wahrnehmung Nordkoreas aus der Ferne und über „Wahrheit“ und „Konstruktion“ in unserem Nordkorea-Bild eingesetzt. Das lässt jedenfalls das gesteigerte akademische Interesse an der Darstellung des Landes in verschiedenen Medien unserer westlichen Gesellschaften vermutet. Nach PC-Spielen und der bildlichen Darstellung in der Presse habe ich nun einen (nicht nur akademisch) sehr interessanten Artikel von Andray Abrahamian gefunden, der sich mit dem Bild Nordkoreas beschäftigt, das vier der populärsten Dokumentarfilme generieren, die in der letzten Dekade über und in Nordkorea gedreht wurden.

Das Werkzeug

Eine Kurzfassung seines Papers hat Abrahamian auf 38 North veröffentlicht. Das längere, aber sehr lesenswerte Paper dazu wurde am US – Korea Institute an der SAIS herausgegeben. Der Autor geht im ersten Teil des Textes auf den Dokumentarfilm als Medium und auf spezifische Herausforderungen und Fallstricke solcher Filme ein. Dann beleuchtet er diese Probleme vor dem speziellen Hintergrund Nordkorea und identifiziert mehrere „Fallen“ in die westliche Dokumentarfilme aufgrund ihres schon vorher geprägten Blickes auf Nordkorea, gehen können. Dazu zählen der „Orientalismus“ eine Art westliches Vorurteil oder sogar Chauvinismus gegenüber den „östlich geprägten Menschen“, der unter anderem durch eine Vielzahl von Klischees von strikter Obrigkeitshörigkeit und Hierarchien bis zu Ameisenvölkern zum Vorschein kommt. Weiterhin problematisiert er die Tatsache, dass Nordkorea ein schwieriges Dokumentationsobjekt ist, weil es (oder vielmehr seine Regierung) so unwillig ist, sich dokumentieren zu lassen. Als drittes sieht der Autor (v.a. in den USA) Einflüsse auf die Darstellung Nordkoreas, die sich direkt auf den Systemkonflikt (und auch die besondere Rolle Nordkoreas dabei) des Kalten Krieges zurückführen lassen.

Die Filme

Mit diesem Werkzeug analysiert der Autor dann die vier Filme: Welcome to North Korea, The Vice Guide to North Korea, A State of Mind und North Korea: A Day in the Life. Ich habe nur zwei von den Filmen ganz angeschaut und fand einen gut und den anderen unterhaltsam. Im Nachhinein ist es aber sehr interessant, die Analyse Abrahamians dazu zu lesen, die schon in manchen Punkten nachdenklich stimmt. Man kann sie aber auch (glaube ich) sehr gut als kritische Betrachtung lesen, bevor man sich einen der Filme anschaut, da man dann beim Filmgucken ein bisschen mehr auf bestimmte Sachen achten dürfte. Die Analysen an sich fallen sehr durchwachsen aus, aber ich möchte nicht den ganzen Text übersetzen, deshalb hab ich zu jeder der „Kritiken“ einen Absatz gesucht, der den Kern der Analyse widerspiegelt:

Welcome to North Korea:

If the film is critically viewed as a whole, however, such errors are unsurprising. The film’s biases, racist assumptions, and inaccuracies can be spotted with little effort. However, if the viewer is not looking to spot them, the authority of the narration and narrative may be overwhelming. It is unfortunate that such careless, unreflective filmmaking represents perhaps the most watched documentary on North Korea.

The Vice Guide to North Korea:

The sad conclusion of the film is representative of Smith’s tour and his commitment to refuse to understand or portray his hosts as anything but radically “other.” While at karaoke, he discovers the Sex Pistols’ “Anarchy in the UK” on the machine and gives the loudest, drunkest rendition possible, bemusing his company. This inspires another keen insight: “They didn’t know how to deal with it and the women didn’t know how to deal … they have no cultural references whatsoever.” He continues: “They’re all looking at me like I’m crazy and I realize,” to use his catchphrase one last time, “they don’t know what punk rock is. Not only do they not have rock and roll, they didn’t have jazz, they didn’t have fuckin’ blues! They didn’t have any of this shit. There are no cultural similarities whatsoever.”
The actual poignancy of this is lost on Smith, who doesn’t see that by viewing North Koreans only as a spectacle to either laugh at or pity, he leaves no room for bridges between these differing cultures. Rather, his approach to them rigidifies the differences.

A State of Mind:

In the film, however, the impact of a camera on small things, such as professions of loyalty to the state in interviews, is not discussed. Nor is there acknowledgement of the camera’s impact on major scenes, such as the trip to visit a collective farm on Kim Il-sung’s birthday or the girls’ vacation to Mount Baekdu, both of which almost certainly wouldn’t have been organized if it weren’t for the film production. Nonetheless, for contextualizing aspects of North Korean culture that seem most alien to us and for avoiding the common racial stereotypes and militarized frameworks under which most media covering North Korea operates, A State of Mind must be commended.

North Korea: A day in the life

It is almost entirely shot in the cinéma vérité or “fly-on-the-wall” style, which seeks to minimize overt guidance of the audience by eliminating narration—“capturing people in action, and letting the viewer come to conclusions about them unaided by any implicit or explicit commentary.” […] As with most narrationless films, the film doesn’t acknowledge its impact on the “purer” reality it purports to describe. […] The film would have felt drastically different with a less discordant, tense musical accompaniment. The soundtrack in effect becomes the director’s interpretation of the events on screen. All is not well here, the music says. North Korean life, even for the relatively privileged of Pyongyang, is an illegitimate, distorted modernity. This invites us to reflect on our good fortune to not be North Korean, to look at their lives from the outside with a mixture of disdain, sympathy, and relief.

Ich kenne mich mit Filmwissenschaften etc. nicht besonders gut aus, aber finde es auf jeden Fall schonmal sehr interessant eine kritische Perspektive auf das Bild Nordkoreas in Dokumentarfilmen geliefert zu bekommen.

Ab vom Thema aber im Kontext:

Was ich darüber hinaus noch an dem Text gefreut hat war, dass er mich nochmal auf einen Aufsatz von Hazel Smith aufmerksam gemacht hat (ich glaube ich habe ihn mal gelesen, aber das ist schon lange her und weil damals meine Interessen anders gelagert waren, hab ich ihn wieder vergessen). Der Aufsatz ist mittlerweile über zehn Jahre als, aber gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation auf der Koreanischen Halbinsel hochinteressant. Es geht bei (weshalb ich den Text in diesem Kontext nenne) „Bad, mad, sad or rational actor? Why the ’securitization‘ paradigm makes for poor policy analysis of North Korea.“ darum, wie bestimmte, von falschen Grundannahmen ausgehende Paradigmen zur Analyse Nordkoreas, dazu führen, dass eben diese Analysen immer wieder schwer danebenliegen. Ursache ist das falsche Bild, das die Analysten aufgrund ihrer festgefahren Paradigmen von Nordkorea haben (Das ist, als würde man zum Lösen einer Matheaufgabe die falsche Formel nutzen (ich spreche da aus leidvoller Erfahrung). Die Zahlen können stimmen und an der richtigen Stelle stehen, die Formel kann dann „richtig“ gelöst sein. Das Ergebnis ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit falsch). Smith hat in diesem Text sehr viele Wahrheiten ausgesprochen unter anderem eine zu meinem vielgeliebten Pressethema:

Press output has, however, tended to reflect the cruder conceptions of the securitization paradigm, with the DPRK portrayed as mad and bad, predictable and unpredictable, all at the same time. Sometimes working on the premises that the normal rules of journalistic convention (checking sources, for instance) do not apply, because paradigm persuades them that there is no reliable information about the DPRK, the “quality” press have a poor record in analyzing North Korea.

Eigentlich sollten sich sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten, die sich mit Nordkorea befassen, erstmal den Text von Frau Smith durchlesen. Dass das in den letzten zehn Jahren aber scheinbar nur wenige getan haben, zeigt die aktuelle Berichterstattung genau wie aktuelle Analysen oder beispielsweise die Diskussion um Nahrungsmittelhilfen für Nordkorea. Die Grundlage des sekuritisierungs-Paradigmas sieht Smith nämlich darin, dass:

Although it accepts the classical security assumption that military power and military instruments are ultimately the only significant factors of analysis in respect to Korea, it goes further than this by sublimating all other issues, including DPRK economic, cultural and humanitarian policies, within a military-based analysis.

Naja, und wenn man humanitäre Fragen militärisch-strategischen nachordnet, dann ist es klar, wie man zu dem Schluss kommen muss, dass Lebensmittelhilfen ein großer Fehler sind. Wie gesagt, auch diesen Aufsatz kann ich euch nur wärmstens empfehlen, denn er hilft, den eigenen Standpunkt bei der Betrachtung Nordkoreas etwas klarer zu sehen.

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