UPDATE: Nordkorea keilt unfair gegen Lee Myung-bak: Diplomatisches Rowdytum vom Feinsten

Update: (10.06.2011): Die südkoreanische Regierung scheint bei ihrer Version der Geschichte zu bleiben:

„The government’s position remains the same that we do not feel the need to respond to one-sided claims that distort our true intentions,“ unification ministry spokesman Chun Hae-sung told reporters in a regular briefing in response to the latest move by Pyongyang, calling it „very regrettable.“

Chun said Pyongyang’s claim that Seoul officials attempted to offer bribes for concessions over summits is „not true,“ and repeated the unification minister’s recent assertion that the meeting was held at the request of Pyongyang.

Damit steigen die Chancen, dass wir das Tonband zu hören bekommen, wenn es wirklich existiert. Danach wird man sich dann wohl um die Auslegung der Inhalte streiten (oder vielleicht sogar die Authentizität anzweifeln).

Ursprünglicher Beitrag (09.06.2011): Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Preisgabe angeblicher Details eines Geheimtreffens zwischen Süd- und Nordkorea, durch KCNA in der vergangen Woche. Damals hatte ich das als Bombe bezeichnet, die der Norden platzen gelassen hat. In der Rückschau war es aber nur ein kleines Bömbchen, denn den zentralen Sprengkörper hat der Norden erst jetzt ins Spiel gebracht.

Das Bömbchen…

Aber eins nach dem Anderen: In der vergangenen Woche berichtete KCNA über ein geheimes Treffen in Peking, bei dem Vertreter des Südens mit direkten Anweisungen von Präsident Lee Myung-bak und Vereinigungsminister Hyun In-taek, unter anderem um drei Gipfeltreffen zwischen Lee und Kim Jong Il „gebettelt“ hätten und versucht hätten, die nordkoreanische Gesandtschaft zu bestechen. Das ganze führte zu einem gewissen medialen Echo und wie zu erwarten war, gab die südkoreanische Regierung zwar den Kontakt zu, sagte aber, die weiteren Details (die aus verschiedenen Gründen nicht gut für Lee Myung-baks Glaubwürdigkeit sind) seien Missverstanden worden oder falsch dargestellt gewesen.

…und die Bombe

Ich dachte damit hätte es sich und der Norden hätte zwar mit einem lauten Krachen die Kontakte zum Süden abgebrochen und etwas an Lees Glaubwürdigkeit gekratzt, ich dachte aber nicht, dass wir von der Geschichte nochmal hören würden. Da hab ich mich wohl getäuscht (und so wie ich die Lage einschätze nicht nur ich). Heute hat KCNA einen Artikel veröffentlicht, der mit „Lie about Beijing Secret Contact Spread by Lee Myung Bak Group Refuted“ überschrieben ist und in dem ein ungenanntes Mitglied der Delegation von Peking, weitere Details des Treffens preisgibt und wieder mit dem Finger auf Lee und Hyun zeigt. Das allein wäre allerdings noch nicht besonders spektakulär, denn Südkoreas Regierung könnte das wiederum als Lüge oder Missverständnis abtun und gut wäre. Allerdings gibt es am Schluss des Artikels einen Absatz, der in Seoul für Kopfzerbrechen sorgen wird:

We want to tell those who are anxious to know about the contact.

You had better directly ask Lee Myung Bak who instructed officials to hold contact and „approved“ it. Then you will understand everything.

And please ask Hyon In Thaek who masterminded the whole course of the contact behind the scene. Then you will have the whole story of it.

It would be better to inquire Kim Thae Hyo, Kim Chon Sik and Hong Chang Hwa, participants in the contact, for more details. Then everything will become clear.

Should they continue to decline to reveal the truth and deceive their fellow countrymen and hatch plots, the DPRK will have no other choice but to make public the tape recording the whole course of the contact before the world.

The reason why the DPRK takes such measures is that the north-south relations are the most important issue common to the nation and that those measures are aimed to save the policy for fellow countrymen from being abused by some selfish traitors and to make it completely serve the interests of the popular masses, the maker of the policy.

Pjögjangs Version stimmt, außer man agiert wahnsinnig

Das ändert vieles. Natürlich wissen wir damit noch immer nicht, ob das Treffen in Peking wie aus Pjöngjang behauptet ablief und natürlich wissen wir auch nicht, ob es irgendwo ein solches Tonband gibt, dass die Wahrheit ans Licht bringen kann. Aber eigentlich bestätigt dieser Artikel schonmal die nordkoreanische Version der Peking-Story. Ansonsten würde sich Pjöngjang unglaublich vor aller Welt blamiert haben. Die südkoreanische Regierung könnte im vollen Bewusstsein die Wahrheit zu kennen, weiter bei ihrer Story bleiben (die ja dann nicht gelogen wäre) und der Norden müsste irgendwann den Schwanz einziehen und sagen: „Nee, wir haben das Tape verloren…“ oder sowas. Sollte dieser Fall eintreten, dann könnt ihr alles vergessen was ich je über Nordkorea als rationalen Akteur gesagt habe. Dann sind Kim und sein Regime wirklich wahnsinnig (Das schöne ist, dass wir in diesem Fall tatsächlich mal die Wahrheit erfahren werden, denn entweder Pjöngjangs Beschuldigungen werden irgendwie untermauert, oder sie fallen in sich zusammen. Da gibt es kein Zurück mehr.)

Pest oder Cholera. Mehr Auswahl gibt’s nicht.

Wie ihr aber wisst, glaube ich, dass die Handlungen Pjöngjangs auf rationalen Überlegungen beruhen. Daher glaube ich, dass die Peking-Story wahr ist und daher glaube ich, dass zurzeit in einigen Amtszimmern Seouls ganzschöne Aufregung herrscht. Denn sollte die Geschichte wahr sein, dann haben Lee Myung-bak und Hyun In-taek nicht nur heimlich ihre eigenen Prinzipien unterlaufen, sondern danach dem ganzen Land frech ins Gesicht gelogen. Und wenn das der Fall ist, dann stehen sie genau jetzt vor der Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder sie können hoffen, dass die nordkoreanische Delegation doch nicht so hinterhältig war, die Verhandlungen auf Tonband aufzunehmen (aber warum sollten sie das hoffen?) um das Spielfeld vielleicht doch noch als Sieger zu verlassen (wenn man bei der Geschichte bleibt und Pjöngjang kann keine Beweise liefern, dann ist sitzen die bis auf die Knochen blamierten in Pjöngjang). Das wäre dann ein Punktsieg und ein wichtiger Erfolg, aber man müsste dafür von einem ziemlich dreisten Bluff Nordkoreas ausgehen. Oder man sieht es als unabwendbar an, dass die Wahrheit ans Licht kommt und gibt alles zu, um nicht als noch dreisterer Lügner dazustehen, als man es ohnehin schon ist. Über die Folgen will ich nicht spekulieren, aber es wird auf jeden Fall viel Geschrei geben und wer weiß, vielleicht auch noch eine Kabinettsumbildung. Wenn Lee bei seiner Story bliebe und dann gäbe es tatsächlich ein Tonband, dann würde es glaube ich einigen Flurschaden in Lees Umgebung geben.

Zweimal ins gleiche Messer gelaufen

Wie gesagt, es steht alles unter dem Vorbehalt, dass Pjöngjang nicht total wahnsinnig agiert. Aber wenn es das nicht tut, dann hat Kims Regime eine unglaublich kaltblütige und hinterhältige Falle für Lee Myung-bak gebaut, aus der er nicht mehr raus kann. Er ist zweimal ins gleiche Messer gelaufen (das erinnert mich irgendwie an einen Ausspruch von Kurt Beck gegenüber einer hessischen Möchtegern-Ministerpräsidentin. Nur dass die sich die Falle selbst gestellt hat), wobei der zweite Treffer wohl ungleich schmerzhafter ist. Damit ist seine Glaubwürdigkeit schwer erschüttert und seine Nordkoreapolitik ein endgültiger Scherbenhaufen. Pjöngjang hat bewiesen, dass es auf harte Bandagen des Gegners mit Hufeisen in den eigenen Boxhandschuhen reagiert. Es hat alle Regeln des diplomatischen Anstands gebrochen und wird im Endeffekt doch irgendwie gewonnen haben. Die Legitimation für das Verhalten wird wohl sein, dass man mit solch offensichtlichen Feinden wie Lee nicht fair verfahren muss, oder so ähnlich. Ob diese dreiste Erpressung und das Abhören und Aufzeichnen eines geheimen Treffens Auswirkungen auf die Diplomatie mit anderen Ländern haben wird, weiß ich nicht genau. Es muss aber auch erst einmal etwas dermaßen Delikates mit Vertretern eines anderen Landes besprochen werden, von dem man dermaßen wenig zu befürchten hat, wie von Südkorea (oder fällt euch irgendwas ein, mit dem Lee reagieren könnte? Mir jedenfalls nicht, außer vielleicht ein paar Agenten auf Kims Kopf anzusetzen). Das werden auch die Verbündeten und Bekannten Pjöngjangs wissen.

Warum war Lee so blauäugig?

Mir stellt sich dann nurnoch die Frage, wie Lee Myung-bak nach der ersten Veröffentlichung Pjöngjangs so blauäugig sein konnte, nicht zu befürchten, die Gespräche seien aufgezeichnet worden. Da ich nicht glaube, dass man an das Gute in Kims Regime glaubt, denke ich, man hat einfach überhaupt nicht an die Möglichkeit gedacht, dass das passiert sein könnte, weil es eben ein so großer Verstoß gegen diplomatische Umgangsformen ist. Ich vermute so langsam kommt man in Seoul dahinter, dass von Kims Regime einfach jegliche Normverstöße zu erwarten sind.

Interessantes Spiel

Es ist eine höchst interessante Situation zurzeit und ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Tagen passiert. Für Pjöngjang könnte die Leere sein, dass man mit diplomatischen Normverstößen mehr erreichen kann, als mit Waffengewalt. Kims diplomatisches Rowdytum wird wohl noch eine Zeit weitergehen. Viel spannender ist allerdings, welche Folgen das Ganze in Seoul haben wird. Eben habe ich mir überlegt, dass es bestimmt eine spannende Sache wäre, diese ganze Story mal spieltheoretisch zu analysieren. Ich hab mich nie wirklich tief damit befasst, aber wenn man das Ganze so durchdenkt, dann sieht es fast so aus, als wäre für Pjöngjang schon relativ früh, jede denkbare Konstellation ziemlich gut gewesen, während Seoul sich damit abfinden muss, in ziemlich vielen Situation die schlechtest mögliche Entscheidung getroffen zu haben. Naja, mal sehen was in der nächsten Zeit passiert.

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