Wie ungern die EU über Lebensmittelhilfen für Nordkorea spricht und was das wohl zu heißen hat (und warum ich mich sehr geärgert habe…)

Ich habe die Hoffnung ja noch nicht ganz aufgegeben, dass das Amt für Humanitäre Hilfe der EU (ECHO) irgendwann mal etwas über den Erkundungstrip nach Nordkorea verlautbaren lassen wird. Nach wie vor ist es allerdings so, dass in den europäischen Medien dazu nicht die kleinste Meldung erschienen ist. Wenn man etwas über den Verlauf der Reise erfahren möchte, dann muss man nach Asien schauen. Dort scheinen die Medien an dem Sachverhalt interessiert zu sein und sie bekommen auch Informationen dazu (wenn auch nicht besonders ausführlich und anonym). Ich konnte bisher nicht wirklich verstehen, warum die europäischen Medien sich nicht damit befasst haben, denn für den Komplex der Nahrungsmittelknappheit interessiert man sich ja sehrwohl, wie diese mitleiderregenden Bilder zeigen, die in den letzten Tagen ja zu Genüge rumgereicht wurden (da hätte die Reise des ECHO-Trupps ja eigentlich bestens zu gepasst).

Naja, habe ich mir gedacht, vermutlich hat es einfach keiner mitgekriegt und daher hat keiner nachgefragt und ECHO wollte vielleicht auch nicht unbedingt Publicity dazu haben und hat es deswegen nicht an die große Glocke gehängt (auch nicht an die kleine, um genau zu sein). Jedenfalls dachte ich mir, dass man ja selten Antworten bekommt, wenn man nicht fragt. Also hab ich der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit eine E-Mail geschrieben. Aber weil ich ja nicht superwichtig bin, hat es mich nicht groß gewundert, dass ich keine Antwort bekam. Heute bin ich dann aber zufällig über ein Event gestolpert, wo ich direkt denjenigen fragen konnte, der sich damit auskennen müsste. Kristalina Georgieva, die ECHO vorstehende EU-Kommissarin hatte nämlich für heute einen Live-Chat auf Facebook angesetzt und zwar mit folgender Pressemeldung:

Commissioner Kristalina Georgieva wants to hear from you – you are welcome to join her for her first Facebook chat –the first ever by a European Commissioner! You can ask her all you need to know about the future European voluntary corps in humanitarian aid, how to get involved and become one of the pioneers of the just-launched pilot phase.

The Commissioner is eager to hear your views and ideas on how to ensure the volunteering scheme becomes a success for young Europeans who want to make a difference to the world. She will answer your questions on this, as well as any other questions you may have for her about her work in humanitarian affairs and civil protection.

Nun gut, dachte ich mir da, der Satz „She will answer your questions on this, as well as any other questions you may have for her about her work in humanitarian affairs and civil protection.“ klingt ja recht vielversprechend, dann frag ich sie doch einfach mal zu ihrer Arbeit hinsichtlich Nordkorea und sie wird schon antworten.

Es wurde auch viel zu allerlei verschiedenen Themen gefragt, nicht nur zum neuen Freiwilligendienst, sondern auch zu Libyen, Syrien, Sri Lanka, Somalia einer Zusammenarbeit zwischen EU und ASEAN, es war jedenfalls recht interessant und ich fand mich mit meiner Frage zu Nordkorea eigentlich recht gut aufgehoben. Daher fragte ich frohgemut:

Dear Commissioner Georgieva, thank you for this great opportunity.

I have a question concerning North Korea. Is the ECHO Team which assessed the food situation there back in Europe? Is there any decision concerning food aid for North Korea at this time? And if not, do you believe there will be a decision soon and will the public hear something about this?

Ich meine, ich hätte mich natürlich geschliffener ausdrücken können, aber grundsätzlich dürfte zu verstehen sein, was ich wissen wollte. Natürlich habe ich mir nicht erhofft, dass Frau Georgieva etwas mit großartigem Neuigkeitswert verlauten lassen würde, aber das, was man ohnehin in der Mainichi Daily News nachlesen kann, das hätte sie ja durchaus sagen können. Allerdings zog ich auch in Betracht, dass sie die Frage vergessen würde oder irgendeine Form von „no comment“ äußern könnte. Naja, weit gefehlt. Sie wollte weder meine Frage beantworten (womit sie den Mund in ihrem Pressetext wohl etwas zu voll genommen hat) noch wollte sie, dass jemand sieht, dass ich die Frage überhaupt gestellt habe. Daher war sie nach ca. 20 Sekunden wieder aus der Kommentarspalte verschwunden. Tja, aber weil ich schon vorher das Gefühl hatte, ECHO könnte hinsichtlich Nordkorea eine Null-Informations-Politik fahren („Wir sagen einfach gar nichts dazu, dann fragt auch keiner“), habe ich vorsichtshalber sofort einen Screenshot gemacht, nachdem ich die Frage abgesetzt hatte und dann nochmal ein paar Sekunden später einen, als meine Frage weg war.

Frage da...

Frage weg.

Ich meine, natürlich kann ich mir davon nichts kaufen und ich hätte viel lieber eine einfache Antwort gehabt, aber diese Vorgehensweise von ECHO sagt ja irgendwie auch einiges aus:

  • Vorweg will ich sagen, dass ich weiß, dass das von mir nicht unbedingt die feine Englische war, das so zu machen, aber geheuchelte Transparenz und Volksnähe ist eben auch nicht superdoll. „Stellt mir Fragen und ihr kriegt Antworten dazu…“ Hm, vielleicht hätte sie doch vorher das Fragegebiet auf „stellt mir nette PR-Fragen und ihr kriegt Antworten, der Rest wird gelöscht“ einschränken sollen. Das wäre zumindest ehrlich gewesen.
  • Darüber hinaus sagt das natürlich auch am Rande was zu dem Wert solcher Veranstaltungen („Facebook-Live-Chat“). Sieht super aus, man kann sich toll verkaufen und viele denken vielleicht tatsächlich, dass man fragen kann was man will. Kann man auch. Wird eben nur gelöscht.
  • Jetzt aber zurück zum eigentlichen Thema. Scheinbar will man, dass die Europäer möglichst überhaupt nicht mitkriegen, dass ECHO über Hilfen nachdenkt und das Team nach Nordkorea geschickt hat. Eigentlich kann ich mir auch kaum vorstellen, dass keine einzige Zeitung (oder anderes Medium) in ganz Europa das mitgekriegt hat. Vielleicht wurden sie ja gebeten nicht zu berichten, wenn sie bei ECHO gefragt haben, aber vielleicht ist das Thema auch einfach zu wenig berichtenswert.
  • Jedenfalls wirft das die Frage auf, warum man so überhaupt nichts dazu sagen will. Ich weiß es nicht, aber ich mutmaße mal wild drauf los. Kann sein, dass man sich wie gesagt die Öffentlichkeit aus dem Genick halten will und in Ruhe entscheiden möchte. Kann auch sein, dass das Thema politisch heikel ist (vorstellbar wären da sowohl die Beziehungen zu den USA und Südkorea, als auch Unstimmigkeiten innerhalb der EU). Außerdem hat ECHO ja das Problem aller humanitären Institutionen. Man muss irgendwo in den Untiefen zwischen Realpolitik und hehren Ansprüchen an die eigenen Werte rumschippern. Dass man da am Ende nur als Buhmann dastehen kann ist absehbar. Ich vermute es ist eine Mischung aus allen drei Gründen (die ja auch eng zusammenhängen), die ECHO zu dieser Kommunikationsstrategie geführt haben. Entscheidet man sich am Ende für Hilfen, kann man es immernoch publik machen. Tut man es nicht, muss man sich vor niemandem rechtfertigen. Super!
  • Was ich mich noch zusätzlich gefragt habe, ist warum die nordkoreanischen Medien nicht berichtet haben. Bei Robert King haben sie es beispielsweise getan und eigentlich wird ja über jeden Hanswurst der vorbeikommt was auf KCNA veröffentlicht. Ich könnte mir vorstellen, dass das eine Bedingung der EU war, damit man ein Team schickt.
  • Was mich natürlich wundert ist die Tatsache, dass einige Medien in Asien dann doch an Informationen kamen. Entweder konnte einer seinen Mund nicht halten oder man hat sich gedacht, dass es reicht, nur in Europa nichts zu sagen (oder die Medienschaffenden in Asien machen ihren Job besser).

Achja,übrigens hat Frau Georgieva etwas wirklich schönes gesagt. Auf die Frage:

Dear Georgieva, do you believe that humanitarian aid can ever be 100 % non political? or being perceived to be?

war ihre Antwort:

This is just a great question that I cannot pass it. I believe that humanitarian aid can and must be only about one thing – that we care about people in most dire need. That means that humanitarian aid needs to be blind about people’s political convictions, religion, skin colour, origin.

Na dann hoffen wir mal, dass sie sich daran erinnert, wenn die Entscheidung auf Nordkorea kommt…

Naja, seis drum, mittelfristig werden wir jedenfalls erfahren, was das abschließende Ergebnis der Reise war. Der Rest ist ja nur Beiwerk. Geärgert habe ich mich trotzdem, denn wenn die EU ihren Ruf als undurchschaubarer und nicht verstehbarer Koloss ablegen möchte, dann reicht es nicht aus, von Zeit zu Zeit Transparenz zu heucheln und im Hinterzimmer doch Geheimniskrämerei ohne Sinn und Zweck (so sehe ich das in diesem Fall jedenfalls) zu betreiben.

4 Antworten

  1. Vielleicht kommt ja noch ein Bericht. Aber stimmt, das von dir beschriebene Verhalten beim Facebook-Chat ist nicht die feine Art.

    Kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das was mit Geheimniskrämerei zu tun hat, ist ja kein Top Secret Thema oder so.

    tollstoii

  2. Ich denke, man sollte ein wenig geduldig sein.

    „Mainichi“ berichtete, dass das 5-köpfige ECHO-Team erst am 17. Juni aus Nordkorea (nach Peking) abreiste und BIS ENDE JUNI ein Bericht vorlegen wolle.

    Leiter der Truppe war ja angeblich Marco Capurro und den könnte man bei der EU direkt kontaktieren:
    http://ec.europa.eu/echo/files/about/what/A4_organigramme_en.pdf

    • Mit meiner (auch latent vorhandenen) Ungeduld hat mein Ärger diesmal nichts zu tun. Ich finde es nur äußerst merkwürdig, dass ECHO so eine Staatsaffäre aus der Geschichte macht. Das stimmt mich ein bisschen mistrauisch. Selbst die Amerikaner haben Kings Reise nicht geheimgehalten. Warum meint die EU das tun zu müssen? Ich hatte erwogen Herrn Capurro direkt zu kontaktieren, aber dann gedacht ich gehe den „richtigen“ Weg und schreibe der Dame von der Öffentlichkeitsarbeit (im Organigramm irgendwo links oben). ICh vermute mal, dass es von Capurro auch keie andere Reaktion gegeben hätte.

  3. Danke für diese Transparenz🙂

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