Deal in der Pipeline? Gazprom-Delegation in Pjöngjang

Einer kurzen Meldung von KCNA zufolge, ist eine Delegation des russischen Erdgasmultis Gazprom zu Gast in Pjöngjang. Angeführt wird die Delegation vom stellvertretenden Geschäftsführer Alexander Ananenkow. Der Besuch der Gruppe kommt kurz nachdem ein angeblich geplantes Treffen zwischen Dimitri Medwedew und Kim Jong Il von der nordkoreanischen Seite abgesagt wurde, da man Sicherheitsbedenken wegen des frühzeitigen Bekanntwerdens des Besuchs gehabt haben soll. Sicher ist dagegen, dass vor knapp zwei Monaten der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes in Pjöngjang war und dort nach Berichten der russischen Nachrichtenagentur Interfax unter anderem auch über den Bau einer Gaspipeline sprach.

Deal zwischen Gazprom und Kogas

Und so wird die ganze Sache rund und interessant, denn Gazprom befindet sich zurzeit auch in schon recht weit fortgeschrittenen Gesprächen mit dem mehrheitlich im Staatsbesitz befindlichen südkoreanischen Gasversorgungsunternehmen Korea Gas Corporation (Kogas) (eigenen Angaben zufolge der größte Importeur von verflüssigtem Erdgas) um die Lieferung von 10 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr (so zwischen 700.000 und 840.000 Tonnen), die ab 2017 beginnen soll. Das würde dann ungefähr fünf Prozent des geschätzten südkoreanischen Erdgasbedarfs für 2015 ausmachen. Zwar scheint noch kein Entschluss gefasst worden zu sein, wie das Gas transportiert werden solle, aber geplant ist ein Transfer per Pipeline.

Eine „Entinselung“ Südkoreas?

Da Südkorea nun aber nur eine „virtuelle Insel“ ist (habe ich mir eben überlegt das Wort, passt aber eigentlich ganz gut), keine „echte“ und eine Pipeline durchs Meer wesentlich komplizierter zu realisieren wäre, liegt es aus rein wirtschaftlicher Sicht nahe, die Landroute zu nehmen und das Land damit etwas zu „entinseln“. Der Gedanke ist nicht unbedingt neu, aber aus verständlichen Gründen bisher nicht in die Tat umgesetzt worden. Das könnte sich nun bald ändern, denn wenn die Berichte über das Gesprächsthema von Fradkow in Pjöngjang stimmen und wenn die Tour der Gazprom Leute nicht zum Sightseeing stattfindet, dann dürfte das wohl ein großes Thema sein.

Neue Waffe für Pjöngjang

Allerdings existieren einige Faktoren, die mich ein bisschen ins Grübeln bringen. Im Jahr 2004 schrieb Kent E. Calder dazu:

In the absence of a verifiable nuclear non-proliferation agreement with the DPRK, it is obviously premature to move toward agreement on a trans-North Korea pipeline, from any of the three major prospective sources of Russian gas, even though it would be cheaper than alternatives, and more attractive to most Korean parties concerned.

Daran, dass so etwas voreilig wäre hat sich grundsätzlich nicht viel getan. Nur hat sich seitdem viel (Schlechtes) getan und bei einigen koreanischen Parteien dürfte die Attraktivität schlagartig abgenommen haben (während die Fixierung Calders auf ein Abkommen zur Nuklearen Non-Proliferation ein amerikanisches Ding ist und damit nun wirklich nicht viel zu tun hat). Jedenfalls wäre es sehr mutig, dem nordkoreanischen Regime eine weitere Nadel in die Hand zu geben, mit der es den Süden pieken kann. Dass sich Gaspipelines vorzüglich zum pieken eignen, bewies die Ukraine in den letzten Jahren ja mit unerfreulicher Regelmäßigkeit. Naja und wenn es auch viele Politiker (und -innen) in Kiew faustdick hinter den Ohren haben, sind sie doch allesamt Waisenknaben gegenüber Kim und seinen Leuten. Ich kann mir kaum eine Garantie vorstellen, mit der sich das ungute Gefühl südlich des 38. Breitengrades mindern ließe, das zwangsläufig entstehen wird, wenn ein nicht unbeträchtlicher Teil der südkoreanischen Gasversorgung durch die Hände Pjöngjangs ginge.

Argumente für eine Pipeline

Allerdings kann ich mir mittelfristig zwei Argumente vorstellen, die doch für einen Pipeline-Deal zwischen Gazprom, Pjöngjang und Kogas sprächen. Einerseits wäre es denkbar, dass man bei Gazprom von einem nicht allzufernen relativ deutlichen Wandel in Nordkorea ausgeht (hierfür wären ein Zusammenbruch des Regimes oder eine Amtsübernahme Kim Jong Uns als Ursachen vorstellbar, vielleicht sicherlich weiß man in Moskau ja mehr). Tritt ein solcher Wandel ein und man hat bereits eine Pipeline installiert, steht man wesentlich besser in den Startlöchern und kann mit dem Gas auch gleich den zu entwickelnden Norden versorgen (was im Hinblick auf eine Wiedervereinigung dann auch im Interesse Seouls wäre).

Das zweite Argument ist eher machtpolitisch motiviert: Wenn eine Pipeline in Nordkorea liegt, dann ist es auch recht naheliegend, den Norden mit Teilen des Gases in der Röhre zu versorgen. Damit könnte Pjöngjang der permanenten Energieknappheit etwas entgegensetze und Gazprom erschlösse einen neuen Markt. Naja, aber wenn man sich erst mal an die Versorgung gewöhnt hat, dann erzeugt das eine gewisse Abhängigkeit, denn man will ja nicht in alte Kälte und Dunkelheit zurückfallen. Will man weiter Gas haben, dann muss man sich wohlvehalten und kann nicht alle Naselang die Verbindung nach Südkorea kappen. Als positiver Nebeneffekt für Moskau dürfte außerdem ein erhöhter Einfluss auf Pjöngjang zu verzeichnen sein.

Risikoinvestition

Allerdings hilft all das nichts, wenn es wirklich hart auf hart kommt. Irgendwann ist sicherlich eine Schwelle erreicht, an der Pjöngjang die Pipeline unbesehen möglicher Folgen kappen wird. Das ist auch relativ unabhängig davon, wer irgendwann die Fäden in Pjöngjang in der Hand hat. Nordkorea ist für Südkorea ein tendenziell feindliches Land und bekommt damit eine Wirtschafswaffe gegen Seoul in die Hand. Der Bau einer Pipeline durch Nordkorea wäre in der gegeben Situation ein extrem mutiges Unterfangen und daher bin ich gespannt, ob die Reise der Gazpromler Ergebnisse zeitigen wird. Es wäre natürlich auch möglich, dass es um etwas ganz anderes als Pipelines geht. Aber dann bin ich erst recht gespannt was das sein könnte.

 

P.S. Eine kleine Beobachtung am Rande: In dem wie immer recht inhaltsleeren Video von KCNA, dass die Ankunft der Russen zeigt, ist mir aufgefallen, dass der nordkoreanische offizielle der die Gruppe in Empfang nahm, nicht über Kenntnisse des Russischen verfügte. Ich glaube, das wäre weder bei chinesischen noch bei amerikanischen Gästen passiert. Das könnte man als Sinnbild dafür nehmen, welche Bedeutung Russland in den letzten Jahren für Pjöngjang hatte (aber vll. ist das auch eine Überinterpretation).

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