Prinzip Asymmetrie: Nordkoreas Guerilla-Strategien

Dieser Beitrag ist inhaltlich die direkte Fortsetzung zu dem, was ich über den Bericht von McAfee über die DDoS Attacke auf Südkoreanische Internetseiten im Jahr 2009 geschrieben habe. Das könnt ihr hier lesen, wenn euch mein Textanfang etwas unvermittelt erscheint. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich hatte mir um Nordkoreas Asymmetrie-Strategie schon Gedanken gemacht, als ich diesen sehr spannenden Artikel in der Zeit gelesen habe. Die Veröffentlichung von McAfee kam dann nur noch als finaler Anstoß das mal weiterzudenken…

Wie gesagt, lässt sich aus alledem nicht annähernd beweisen, dass der Angriff aus Nordkorea kam. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, dann liegt es trotzdem nicht allzu fern, denn es erinnert an andere Geschichten, die man  im Zusammenhang mit den nordkoreanischen Nadelstichen gegen seine Gegner kennt. Ich fühlte mich einerseits erinnert an die Sache mit den Supernotes (die nahezu perfekt gefälschten Dollarnoten). Auch hier besteht der Verdacht, dass das Ganze von Pjöngjang ausgehen könnte, aber Beweise gibt es einfach nicht. Auch hier wird ein sehr hoher Aufwand getrieben, der eigentlich in keinem Verhältnis zu dem Ertrag steht (das Projekt kostet mehr, als es einbringt). Auch hier ist der Schaden, der angerichtet werden könnte wesentlich geringer (es könnte die US-Währung schon diskreditieren, wenn plötzlich wirklich massenhaft falsche Dollarscheine auftauchen würde, bei denen dies kaum zu erkennen wäre), als der tatsächlich realisierte Effekt. In beiden Fällen hat Pjöngjang (angenommen beide Verdächtigungen treffen zu) etwas in der Hinterhand, das man einsetzen kann, wenn es hart auf hart kommt. Außerdem erinnern mich die „10 days of rain“ so wie ihre Schilderung und ihre Bewertung aussieht, an die Versenkung der Cheonan. Ein Schuss aus dem Dunkeln, der auch trifft, aber der Schütze ist nicht zweifelsfrei zu identifizieren. Man kann zwar Anschuldigungen erheben und mit Logik argumentieren, aber in beiden Fällen ist es zumindest zweifelhaft, dass die Beweise beispielsweise vor einem unabhängigen Gericht standhielten (ich würde in keinem der Fälle zehn Euro wetten (vielleicht eine Tafel Schokolade), dass Pjöngjang dahinter steckt. Überall ist die Beweislage dünn.). Auch die diversen Terrorakte des vergangenen Jahrhunderts, die von Pjöngjang ausgingen kann man ohne weiteres dazuzählen. Meist war der Plan, dass die Attentäter ungesehen kommen und wieder gehen, ohne dass das Verbrechen auf Pjöngjang zurückzuführen ist. Das hat zwar oft nicht geklappt, aber auf die Attacke gab es eigentlich nie eine gleichwertige Antwort aus Seoul.

Guerilla-Strategie

Diese Gemeinsamkeiten kommen nicht von ungefähr. Wenn die Anschuldigungen in allen oben genannten Fällen zutreffen sollten, dann kann man das mit Fug und Recht als einen bedeutenden Teil der nordkoreanischen „Guerilla-Strategie“ sehen (Der Begriff lehnt sich nicht von ungefähr etwas an Adrian Buzos „Guerilla Dynasty“ an). Das Schlagwort ist asymmetrische Kriegführung. Herfried Münkler beschreibt in einem sehr interessanten Paper „die systematische Asymmetrierung von Strategien“ als Möglichkeit schwächerer Akteure:

die unerreichbare Überlegenheit der USA zu konterkarieren […], die nicht mehr die Überlegenheit des Gegners auszugleichen sucht, sondern nach dessen Schwächen Ausschau hält, um hier neue Angriffsmöglichkeiten zu entdecken.

Klingt doch irgendwie, ja, klingt irgendwie nach Nordkorea, nur dass man zu USA noch Südkorea hinzufügen müsste. Natürlich sind Formen asymmetrischer Kriegführung für Nordkorea nicht neu, sondern sind vielmehr in den Gründungsmythos des Landes mit eingeflossen. Immerhin ist Kim Il Sung als Partisan gegen die Japaner im Feld gewesen und stützte darauf auch beträchtliche Teile seines Herrschaftsanspruches und Charismas. Nur ist die solchermaßen konsequente und andauernde Nutzung asymmetrischer Mittel durchaus bemerkenswert.

Bunter Strauß von Methoden

Das Regime in Pjöngjang hat schon früh erkannt, dass es im Waffengang mit Südkorea und den USA immer den Kürzeren ziehen würde, würde nicht (wie im Koreakrieg) ein Kaninchen wie China aus dem Hut gezaubert, das die Kastanien aus dem Feuer holt (Würde ein Kaninchen Kastanien aus dem Feuer holen?  Ich sollte das Bild nochmal überdenken…). Daher hat man früh und konsequent begonnen, asymmetrische Strategien zu verfolgen und zu kultivieren. Die Beispiele sind zahllos: Im Koreakrieg agierten Partisanen hinter den feindlichen Linien und danach begann man bald mit Infiltrationsmissionen und Terrorakten auf südkoreanische Amtsträger und Zivilisten. Man fälscht (vielleicht) amerikanisches Geld, was durchaus als Waffe dienen kann und greift im WWW an. Man beschießt südkoreanisches Territorium und versenkt die Cheonan. Man nimmt US-Geiseln und hat genug Artillerie nahe Seoul versammelt, um Südkoreas Hauptstadt in relativ kurzer Zeit, sehr massiv anzugreifen und zu beschädigen (das ist im Übrigen einer der bedeutendsten Punkte. Man hält Millionen Menschen in Geiselhaft und dadurch ist eine kriegerische Auseinandersetzung für Südkorea immer mit schwersten Folgen verbunden, auch wenn man am Ende siegen sollte). Kurz, man verfolgt einen ganzen Strauß asymmetrischer Strategien und scheint ständig an der Weiterentwicklung dieses Vorgehens zu arbeiten. Erhellend ist in diesem Zusammenhang auch dieser Artikel des nordkoreanischen „Lautsprechers“ Kim Myong-chol (ich hatte mich hier schonmal damit befasst), der sich in Teilen fast liest, wie das Testament von Osama bin Laden.

Das Ziel ist überleben

Was bezweckt Pjöngjang nun mit diesen Strategien, denn klar ist, sie können höchstwahrscheinlich nicht zu einem Sieg über die Kontrahenten führen und für interne Propaganda sind sie auch nur begrenzt zu gebrauchen (weil oft geheim). Ich habe da so eine Vermutung, auf die ich relativ oft das Vorgehen des Regimes in Pjöngjang herunterbreche. Der Zweck ist schlicht und einfach das Überleben des Regimes. Die Geisel Seoul ist eine sehr gute Rückversicherung, damit niemand von außen nach Nordkorea eindringt und die Diktatur hinwegfegt. Aber reicht das? Ich weiß es nicht und in Pjöngjang wird es auch niemand mit Sicherheit sagen können. Daher ist es immer gut sich mehr Rückversicherungen zu beschaffen. Und was kann da besser sein, als das mehr oder weniger verdeckte Drohen mit fiesen Waffen. „Sieh her Amerikaner, wir können deinen Dollar kaputt machen und sieh her Südkoreaner, wir können dein Internet abschießen.“ Außerdem macht man den Gegnern dadurch, dass man immer wieder zu verschiedenen Waffen im Arsenal greift klar, dass sie sich nie richtig vorbereiten kann. Egal wie sich Seoul aufstellen wird, es ist recht wahrscheinlich, dass auch der nächste Schuss von Hinten kommt. Die strategische Nutzung vieler asymmetrischer Methoden führt also bei den Gegnern Nordkoreas dazu, dass permanent die latente Angst besteht, Nordkorea könnte eine der bekannte Methoden einsetzen oder könnte (noch schlimmer) weitere in der Hinterhand haben. Außerdem dürfte das Ganze eine permanente Belastung für das Selbstbewusstsein Seouls sein. Immer drangsaliert zu werden, ohne sich adäquat wehren zu können nagt an den Nerven.

Nach der ultimativen Symmetrierungsmachine: Ende der Asymmetrie?

Ob Pjöngjang seine asymmetrische Strategie aufgeben wird, wenn es die ultimative Symmetrierungsmaschine (die Atombombe) fertig hat, ist zu bezweifeln. Zwar muss sich Pjöngjang wohl keine Sorgen mehr machen, dass jemand angreifen könnte, sind erst mal ein paar einsatzbereite Nuklearwaffen über das Land verteilt versteckt worden. Aber warum sollten dann die erprobten Nadeln beiseitegelegt werden. Im Gegenteil können die dann noch viel „gefahrloser“ eingesetzt werden. Klingt nicht eben verlockend dieses Szenario, aber in einem bin ich mir relativ sicher. Pjöngjang ist für Konfliktsituationen schwer gerüstet und dass es im Zweifel auch zu einer der Waffen greifen wird, da bestehen wenig zweifel, genausowenig wie darüber, dass man sein Arsenal ständig ausbaut. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund doch besser den Dialog zu suchen.

Schon komisch: Da schreibe ich vor ein paar Monaten einen Artikel und überschreibe ihn mit „The Origin of Symmetry“ und jetzt liefere ich etwas, über dem „Prinzip Asymmetrie“ steht. Aber irgendwie stimmt ja beides und irgendwie hat es vielleicht auch damit zu tun, dass Pjöngjangs Handeln gar so schwer auszurechnen ist…

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