Das Schicksal nordkoreanischer Flüchtlinge im Süden: Tolle Studie von der ICG

Die International Crisis Group (ICG), ein renommierter Think Tank mit Sitz in Brüssel, hat eine sehr interessante und wichtige Studie zum Schicksal der nordkoreanischen Flüchtlinge in Südkorea veröffentlich. „Strangers at home: North Koreans in the South“ beschreibt sehr umfassend und detailliert die spezifischen Aspekte, die bei der bei der Ankunft und Eingliederung der Flüchtlinge im Süden zu beachten sind und welche Maßnahmen der Staat und zivilgesellschaftliche Gruppen ergreifen, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen. Gleichzeitig werden aber auch schonungslos vorhandene Schwächen offen gelegt und Verbesserungsvorschläge gemacht.

Um das schonmal vorweg zu sagen, die Studie ist bis jetzt das Beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe. Die beteiligten Mitarbeiter haben eine große Menge von Datenmaterial und anderen Studien gesichtet und eingearbeitet und darüber hinaus noch eigene Befragungen und Expertengesprächen durchgeführt. In den rund 300 Fußnoten (was ich für 30 Textseiten schon ganz ordentlich finde) gibt es zu nahezu allen Aspekten, die in der Studie angerissen werden, Hinweise auf weiterführende Literatur, so dass sich die Studie nicht nur eignet, um einen sehr guten Überblick zu erhalten, sondern auch, um einen sehr aktuellen Einstieg in den wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen (Medienberichte wurden auch in großer Zahl genutzt) diskurs zu dem Thema zu bekommen und zu erfahren, wo man weiter recherchieren kann. Das Paper kann übrigens als inhaltliche Fortsetzung der Studie über das Schicksal der Flüchtlinge im Laufe ihrer Flucht (Perilous Journeys:
The plight of North Koreans in China and beyond), aus dem Jahr 2006 gesehen werden
, die ebenfalls sehr empfehlenswert ist.

Zusammenfassend beschreibt die ICG die individuellen Probleme und Schwierigkeiten, die bei der Integration der Flüchtlinge zu beachten und zu bewältigen sind wie folgt:

North Korean defectors are sicker and poorer than their Southern brethren, with significantly worse histories of nutrition and medical care. They have distinctive accents, use different words and have little experience in the daily demands of life in a developed and open society. In the North, their education, employment, marriage, diet, and leisure were determined by the government, which assigned them to a class of people based on family history and political reliability. In the South, the array of choices presents them with endless difficult decisions that can be overwhelming.

On top of these differences, many have faced arduous journeys through China or other third countries to get to the South. They often have suffered abuse, human trafficking, sexual assault, near-starvation and forced labour on their way. They all live with the possibility that not only will they never see their families again but that their relatives may have been punished, even executed, as a result of their defections. Nevertheless, most South Koreans seem ignorant of their plight. Since only about 20,000 North Korean defectors are in the South, the number is still too small to make a significant impact on society.

Da ich nicht den Inhalt der ganzen Studie widergeben kann und will, fasse ich euch nur kurz die Punkte zusammen, die mir besonders ins Auge gesprungen sind. Wenn euch das nicht interessiert gehts hier direkt zur Studie

Vor allem die Beschreibung der gesellschaftlichen Hindernisse der Integration fand ich sehr erhellend. Dass die Flüchtlinge häufig zu Opfern von Diskriminierung und manchmal auch Ausbeutung werden, da sie oft ihre Herkunft nicht verbergen können, wird ja gelegentlich in den Medien problematisiert. Allerdings habe ich mir bisher nicht wirklich bewusst gemacht, wie wichtig dabei das haben und nicht haben familiärer und regionaler Netzwerke in der koreanischen Gesellschaft ist. Während die „Einheimischen“ auf solche Mechanismen zurückgreifen können, kommen die Flüchtlinge als Fremde in die bestehenden Strukturen und es ist oft schlicht nicht möglich, ein solches Netzwerk nachträglich aufzubauen. Auch untereinander ist dies erstens wegen der relativ geringen Zahl der Flüchtlinge und zweitens wegen des – oft nicht unbegründeten – Misstrauens untereinander kaum möglich. Diese Lücke wird wenn überhaupt vor allem durch unterschiedliche Angebote zivilgesellschaftlicher Gruppen gefüllt. Ein weiterer sehr interessanter Faktor ist die Schwierigkeit der Flüchtlinge, die alltäglichen administrativen Aufgaben zu erfüllen. Während im Norden Vater Staat über seine nahezu entmündigten Kinder wachte und ihre Aufgaben im Verhältnis zwischen Bürger und Staat eher in anderen Bereichen lagen, müssen sich die Flüchtlinge im Süden den Erfordernissen einen ganz normalen, freiheitlichen, bürokratisch organisierten Gesellschaft stellen, sich also um ziemlich viele Dinge selbst kümmern. Ich kann mir das durchaus als Schock vorstellen, wenn ich bedenke, dass selbst Leute die an all das gewöhnt sind, mitunter an der Bürokratie verzweifeln. In der ideologischen Erziehung begründet ist dagegen das scheinbar weit verbreitete „gestörte Verhältnis“ der Menschen zum Geld. Es ist wohl gar nicht so einfach, den Gedanken, Geld würde jemanden versklaven und sei Quell allen möglichen Übeln durch die Idee zu ersetzen, dass es ein ganz normales Hilfskonstrukt ist, dass man eben zum alltäglichen Leben braucht. Auch den Absatz zur „Arbeitsmoral“ fand ich interessant. Während man im Norden als Arbeiter „nicht zuviel tun darf“ um damit nicht die Anforderungen für sich selbst und die anderen Kollegen zu erhöhen (eins der Standardprobleme planwirtschaftlich organisierter Wirtschaftssysteme, für das wohl noch keiner eine Lösung hat finden können), wird im Süden erwartet, dass man alles einsetzt was man hat. Was ich mir ebenfalls noch nie so wirklich bewusst gemacht habe, ist die Ambivalenz, mit der die südkoreanische Politik die Flüchtlinge gesehen hat und sieht. Gerade unter den Sonnenscheinpräsidenten Kim und Roh ergab sich aus der permanenten Fluchtbewegung eine schwere Hypothek für die Annäherungspolitik, was vor allem unter Roh dazu führte, dass die Flüchtlingsproblematik totzuschweigen versucht wurde, was sich nicht unbedingt zum Wohl der Flüchtlinge auswirkte. Generell ist der Umgang mit der Flüchtlingsfrage noch immer eine Funktion der generellen Linie gegenüber Nordkorea. Das führt dazu, dass zumindest alle fünf Jahre (wenn ein neuer Präsident eingeführt wird) ein grundlegendes Umlenken im Umgang mit den Flüchtlingen zu befürchten ist. Ein Umstand, der es sowohl diejenigen, die sich zu integrieren versuchen, als auch die, die ihnen dabei helfen möchten, vor große Probleme stellt. Generell scheint die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Stellen noch sehr schlecht zu sein, was zu Reibungsverlusten und ineffizientem Einsatz von Mitteln führt. Manche der zivilgesellschaftlichen Helfer scheinen aber auch selbst einen zweifelhaften Umgang mit eigenen Mitteln zu pflegen. Manche Kirchen die auf diesem Feld aktiv sind verfolgen scheinbar Strategien, die auch aus vielen afrikanischen Staaten bekannt sind. Sie kaufen ihrem Herrgott neue Seelen. Manche der Flüchtlinge scheinen daher ihre spirituelle Zukunft — ganz marktwirtschaftlich — vor allem davon abhängig zu machen, wer das beste Gebot für eine frische Seele abgibt. Da könnte ich mir durchaus einen besseren Mitteleinsatz vorstellen.

Naja, wie gesagt, die Studie ist wirklich super und ich empfehle jedem, der sich im geringsten für das  Thema interessiert, sich einfach ein zwei Stunden Zeit zu nehmen, und das durchzulesen.

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