Black-box aufgeklappt: Interessantes Paper des PIIE zum Handel zwischen China und Nordkorea

China wird als Handelspartner für Nordkorea immer wichtiger, was die Jahr für Jahr wachsenden Handelszahlen eindrucksvoll belegen. Allerdings ist „China“ genausowenig eine „schwarze Kiste“ (die gute alte black-box) wie Nordkorea  (auch wenn Nordkorea etwas „kistiger“ ist). Der Handel wird von einzelnen Unternehmen betrieben, über die man bisher allerdings relativ wenig weiß. Daher finde ich es sehr verdienstvoll, dass Stephan Haggard, Jennifer Lee und Marcus Noland vom Peterson Institute for International Economics (PIIE) Daten dazu erhoben haben, indem sie im Jahr 2007 etwa 300 Unternehmen in den chinesischen Grenzprovinzen Jilin und Liaoning befragen ließen, von denen 250 Geschäfte mit nordkoreanischen Partnern machten. Die Ergebnisse der Studie, die die Autoren in dem Paper „Integration in the Absence of Institutions: China-North Korea Cross-Border Exchange“ zusammenfassen, sind gleichermaßen vielfältig wie spannend. Ich werde sie hier nicht erschöpfend wiedergeben, sondern mich auf das konzentrieren, dass ich interessant fand.

Risikoscheue Unternehmer

Fast die Hälfte (117) der befragten Unternehmen (die Geschäfte in Nordkorea machen (ich schreibe das ab jetzt nicht mehr extra dazu)) gab an, nur nach Nordkorea zu exportieren, während die Zahl der Firmen, die ausschließlich aus Nordkorea importierten oder gar als einziges Standbein dort investierten mit 20 respektive 5 viel geringer war (aber natürlich gibt es auch viele Mischformen. Im Anhang des Papers ist ein schön einfaches Mengenbild). Das erklären die Autoren damit, dass der Export nach Nordkorea mit wesentlich geringeren Risiken für die Unternehmen verbunden sei. Dass die Geschäftstreibenden durchaus Risiken bei Geschäften mit Nordkorea sehen, wird deutlich, wenn man die hohen Zahlen von Sorgen um eine Enteignung des Eigentums in Nordkorea, das Bewusstsein um die Notwendigkeit von Bestechung und die Schwierigkeiten bei der Beilegung von Streitigkeiten mit den Geschäftspartnern betrachtet. Weitere Hinderungsgründe waren schlechte Infrastruktur in Nordkorea und die Rechtsunsicherheit im Land (man weiß nie ob und wann sich die Regeln ändern).

Gehandelt wird aus eigenem Antrieb und in Dollar

Spannend fand ich auch, dass nur sehr wenige der befragten Unternehmen (es waren einige großen staatlichen Unternehmen und viele kleine private Firmen) angaben, Anreize von der chinesischen Regierung für die Geschäftsverbindungen mit Nordkorea bekommen zu haben (darunter keines der staatlichen). Der Handel entwickelt sich also von selbst was wohl heißt, das in Nordkorea ein wachsender Markt existiert. In diesem Zusammenhang fand ich auch noch spannend, dass über die Hälfte der Unternehmen angab, dass Exporte aus China in US-Dollar gezahlt würden. Die nordkoreanischen Handelspartner scheinen also nach wie vor Zugang zu Devisen zu haben (ich finde das nicht selbstverständlich).

Die Firmen kommen nicht vom Mond, sondern aus China

Ein bisschen zu weit gingen mir die Schlüsse, die die Autoren hinsichtlich Korruption und Bestechung gezogen haben. Sie haben die Ergebnisse wiederholt exklusiv auf Nordkorea bezogen (das ist vielleicht insgesamt eine kleine Schwäche in der Deutung der Ergebnisse, aber im Themenfeld Bestechung fand ich es am frappierendsten) und außer Acht gelassen, dass die Firmen ja nicht vom Mond kommen, sondern unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen Erfahrungen gemacht haben und vielleicht dort auch schon etwas „sozialisiert“ wurden (Korruption und Rechtsunsicherheit sollen in China ja auch nicht völlig unbekannt sein). Natürlich kann man dazu nicht unbedingt Fragen stellen, weil man sich sonst Sorgen machen muss, ob überhaupt jemand antwortet. Aber eine kurze Problematisierung dieser Tatsache hätte ich mir schon gewünscht.

Seit 2007 ist viel passiert. Folgebefragung wäre schön

Naja, das Paper ist jedenfalls sehr interessant und gibt denen, die gerne mit Zahlen werfen ein bisschen Futter. Dafür, dass sich nach der Währungsreform Ende 2009 nochmal einiges an den Ansichten der chinesischen  Unternehmen geändert haben könnten, können die Autoren ja nichts. Vielleicht lassen sie ja bald eine Folgebefragung durchführen. Die Ergebnisse daraus wären bestimmt spannend (z.B. Fluktuation, Auswirkung der Reform etc.).

Handelszahlen…

Wenn wir schonmal beim Handel zwischen China und Nordkorea sind, dann schaue ich mir doch auch noch schnell die aktuellsten Zahlen dazu an. Laut der Korea Trade-Investment Promotion Agency (KOTRA) lag der Handel beider Staaten in 2010 bei 3,47 Milliarden US-Dollar und ist damit um 29 % zum Vorjahr gewachsen. China war nach diesen Zahlen für 83 % des Außenhandels Nordkoreas verantwortlich, was einen weiteren Bedeutungszuwachs Chinas gegenüber dem Vorjahr darstellt.

Laut IFES hat sich der Handel beider Länder in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahresmonat verdoppelt und lag schon ende Mai bei 1,96 Milliarden Dollar. In diesem Zeitraum hat der Import von Nahrungsmitteln gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig auf 119.000 Tonnen zugelegt, die etwa 46 Millionen US-Dollar kosteten. Allerdings ist der Import zum Mai hin deutlich angewachsen. Auch die Einfuhren an Dünger und Fahrzeugen haben zugenommen. Während Dünger zu nicht besonders viel als für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden kann, kann die Verwendung von Fahrzeugen „besser“ (Landmaschinen etc.) oder „schlechter“ (Militär oder Geschenke für den jungen Kim und seine Freunde) sein.

…und ihre begrenzte…

Allerdings ist das mit den Handelszahle Nordkoreas immer so eine Sache. Ich weiß noch nicht mal genau, ob die Zahlen der beiden Quellen de ich hier verwendet habe vergleichbar sind. Was ich weiß ist allerdings, dass die Handelszahlen wohl nur einen Bruchteil der Realität widerspiegeln. In China wird wohl kaum der kleine Grenzhandel in seiner Gesamtheit erfasst und weltweit dürfte außer Acht bleiben, was Nordkorea sonst noch so an Geschäften macht. Und wenn man dann noch in der einen Quelle liest, dass Indien 2009 über eine Milliarde US-Dollar Handelsvolumen mit Nordkorea hat und die andere Quelle sagt, 2,8 Milliarden US-Dollar seien über 79 % des Außenhandels Nordkoreas, dann ist klar, dass da was nicht stimmt. Daher sollte man sich im Fall Nordkorea das Rechnen mit  diesen Zahlen auch weitgehend sparen.

…aber nicht zu vernachlässigende Aussagekraft

Aber natürlich habe ich all das jetzt nicht zum Spaß geschrieben um dann zu sagen, dass es Schrott ist. Denn einen Trend ablesen kann man schon. Und der besagt, dass der Handel beider Länder weiter expandiert und das China seine Bedeutung für Nordkoreas gesamten Außenhandel zumindest hält. Nimmt man dann noch die Ergebnisse von Haggard, Lee und Noland dazu, dann zeigt sich ein Bild, nach dem Nordkorea mehr und mehr für den Markt offen wird (die chinesischen Firmen gehen ja nicht dorthin, weil Chinas Regierung das anordnet oder fördert, sonder weil es dort Geschäfte zu machen gibt). Ob diese Öffnung allerdings auch von nordkoreanischer Seite gewollt wird, oder sie durch den  Marktdruck aus China geschieht, das ist schwer zu sagen. Interessant ist diese Entwicklung allerdings allemal und vor allen Dingen. Sie ist kaum wieder rückgängig zu machen. Nordkorea befindet sich im Prozess der wirtschaftlichen Öffnung zumindest gegenüber China. Die Frage wird in Zukunft sein, wie gut das Regime diesen Prozess lenken kann.

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