„Ein Nordkorea nach Kim Jong Il“ — Interessante Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung

Kürzlich bin ich auf eine recht interessante Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung zur kurz- bis mittelfristigen Zukunft Nordkoreas gestoßen, die ich euch kurz vorstellen möchte. Der gut 30 Seitige Text wurde von Colin Dürkop, dem Leiter des KAS-Büros in Seoul und Yeo Min-il, Stipendiat der KAS, der momentan eine Dissertation zu möglichen Lehren verfasst, die Korea für eine Wiedervereinigung aus der deutschen Einheit ziehen kann (er hat übrigens einen spannenden Fokus), verfasst. Überschrieben ist die Arbeit mit: „Ein Nordkorea nach Kim Jong Il. Politische und gesellschaftliche Perspektiven vor dem erwarteten Machtwechsel“ und das beschreibt eigentlich auch ganz gut, was die beiden gemacht haben.

Die Beiden handeln anfänglich den aktuellen Status quo ab. Dabei wird über den Gesundheitszustand Kim Jong Ils geschrieben, der als Katalysator für die eiligen Vorbereitungen für die Nachfolge gewirkt hat. Diese Vorbereitungen werden dann, gegliedert in außen- und innenpolitische Maßnahmen, näher erläuter. Außerdem versuchen die Autoren sich an einer kurzen Persönlichkeitsskizze Kim Jong Uns und beschäftigen sich mit möglichen Rivalen, die seine Nachfolge gefährden könnten. Der Fazit dieses ersten Teils ist, dass die Weitergabe der Macht an Kim Jong Un glücken dürfte, womit allerdings noch nichts über seinen Erfolg bei der Konsolidierung der Herrschaft gesagt ist, was aber auch entscheidend mit dem zweiten Teil des Textes zusammenhängt. Im zweiten Teil des Texts stellen die beiden die Frage nach den Möglichkeiten eines umfassenden Wandels des Systems Nordkoreas. Dazu analysieren sie wirtschaftliche, soziale, innen- und außenpolitische Faktoren. Eigentlich kommen sie in allen vier Bereichen zu dem Schluss, dass sich die Rahmenbedingungen in den vergangenen 20 Jahren zuungunsten des Regimes verändert haben und dass das System, wie Kim Jong Il es „geerbt“ hat, eigentlich nicht mehr existiert. Es existieren planwirtschaftliche und kapitalistische Wirtschaftsformen nebeneinander, die Ideologie und die totale Kontrolle über die Bevölkerung geht immer weiter verloren, innerhalb der Eliten herrscht Korruption, was die Steuerung des Systems erschwert und außenpolitisch ist das Regime gefangen zwischen dem permanenten Bedarf an Eskalation und Spannungen und dem Wunsch, sich an die zurzeit wenig kompromissbereiten Staaten USA und Südkorea anzunähern. Die Autoren vermuten, dass das Regime trotz alledem versucht, den Status quo soweit wie möglich zu halten, wobei durch die beschriebenen Umstände aber schnell ein Wandlungsdruck entstehen kann, der eine Gefahr für die Stabilität des Regimes sein kann. Da der Akt der Machtübernahme bereits prekär genug sei, erwarten sie von einem Nordkorea unter Kim Jong Un einige Jahre des weiter so. Voll und ganz stimme ich jedenfalls mit ihrem Abschlusssatz überein:

Wie sich Nordkorea auf langfristige Sicht entwickeln wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur gemutmaßt werden.

Der Text ist meiner Meinung nach sehr sinnvoll strukturiert und spricht alle Elemente an, die für die gestellten Fragen entscheidend sind. Er liefert einen guten Überblick über die Themen, die für die Nachfolge Kim Jong Uns und die Zeit danach eine Rolle spielen werden und fasst wichtige Entwicklungen prägnant zusammen. Das Ergebnis zu dem die Beiden kommen kann man Teilen (erschließt sich gut aus der argumentativen Linie) muss man aber nicht (ich tue es nicht, aber dazu gleich mehr).

Es gab allerdings auch ein paar Dinge, die mich ein bisschen gestört haben. Ich habe das Gefühl, als gingen die beiden im Text gehen recht mutig mit Gerüchten um. Da wird von „Unruhen“ nach der Währungsreform geschrieben (was zumindest ein großes Wort für das ist, was aus einzelnen ungesicherten Quellen durchsickerte), Kim Jong Uns Profil wird unter anderem auf das Buch des Sushi-Kochs und Aussagen von Schulkameraden aus der Schweiz (weiß man das mit der Schweizer Zeit eigentlich, oder ist das nur eine (medial verstärkte) starke Vermutung?) aufgebaut und Mitglieder der Eliten werden als „Hardliner“ eingeordnet, wobei ich mal gerne wüsste, auf welchen Fakten das beruht. Wie gesagt, ich finde den Stil dahingehend manchmal etwas mutig (vor allem weil die Argumentation ja teilweise auf diesen „Fakten“ beruht, aber vielleicht wissen die beiden zu den Themen ja auch einfach mehr). Was mich ein bisschen gewundert hat war die Auswahl der Literatur, aus der man zitiert hat. Ich finde es gut, dass viele südkoreanische Experten zu Wort kamen, aber zu manchen Themen hätte man auch noch amerikanische oder europäische Wissenschaftler zitieren können. Bei den Zahlen zu Nahrungsmittelknappheit und der Opferzahl der Hungerjahre hätte es bspw. meiner Meinung nach dazugehört, kurz die Arbeit von Noland und Haggard zu Rate zu ziehen, die meiner Meinung nach fundiert zu diesen Themen geforscht haben (aber vielleicht gibt es für diese „Unterlassung“ gute Gründe).

Naja, aber lesen kann man das Ganze auf jeden Fall mal, interessant ist es trotz allem und ich finde es immer gut und wichtig, wenn sich auch mal ernsthaft in deutscher Sprache mit dem Thema befasst wird. Den Text findet ihr hier.

3 Antworten

  1. Hier ein Link zum oben angesprochenen Arttikel:

    http://www.kas.de/wf/doc/kas_23605-544-1-30.pdf?110811142820

    Interessant auch, dass die KAS das politische System Nordkoreas als „Militärdiktatur“ (?!) charakterisiert und der gesellschaftspolitischen Situation dort offenbar weniger Bedeutung beimisst …

    • „Militärdiktatur“ hab ich nicht gesehen in dem Text, aber fast würde es zur Argumentatsionslinie passen (mit den mächtigen Militärhardlinern), außer dass es ein bisschen quer zu derA nnahme liefe, dass die Partei nun in die Nationale Verteidigungskommission einbezogen werden soll, da dies in Zukunft das alleinige Steuerungsinstrument werden würde. Aber in der Einleitung steht doch „stalinistische Diktatur“.
      Allerdings ist das mit der Termonologie bei der Beschreibung des Systems ja eh so eine Sache. Außer „liberale Demokratie“ hat man da doch schon fast alles gelesen…

      • Nordkorea als „Militärdikdatur“ steht im anschließenden KAS-Bericht über die südkoreanische Studentengruppe, welche die KAS zwecks Studium der Wiedervereinigung nach Berlin einlud.

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