Wenn zwei sich streiten… Wettrüsten auf der Koreanischen Halbinsel?

Ich bin kein Militarist (ich weiß noch nicht mal, ob ich nen Tornado von ner F-16 unterscheiden könnte) und eigentlich verweigere ich mich diesen Waffenstarrenden Themen auch immer ganz gerne. Allerdings ist es nunmal so, dass der Konflikt nicht nur auf diplomatischem Parkett und in den Medien ausgetragen wird, sondern dass man sowohl südlich als auch nördlich der Demilitarisierten Zone versucht, den Feind mit der eigenen Militärmacht zu erschrecken (und manchmal bedauerlicherweise auch zu verletzen). Ob das sinnig ist oder nicht, dass sei mal dahingestellt, so funktionieren zwischenstaatliche Konflikte nunmal und daher behalte ich auch dieses ungeliebte Thema im Auge. Da ich ab und zu mal in verschiedene Zeitungen schaue (ganz virtuell natürlich), fällt mir auch durchaus auf, wenn viel über Waffen und ähnliches geschrieben wird. Heute wurde definitiv eine kritische Masse erreicht und ich handle das alles jetzt mal in einem Paket ab. Als Argument viele Waffengeschäfte in einem Block abzufertigen ist am einfachsten, wenn man das gerngenommene Wort „Wettrüsten“ zur Hilfe nimmt, für das ja grundsätzlich in Korea „hervorragende Bedingungen“ herrschen.

Was ist „Wettrüsten“

Erstmal kurz zu dem Begriff „Wettrüsten“. Der wird ja häufig gerne genutzt, um einen Sachverhalt mit einem schönen Schlagwort zu untermalen, aber selten wirklich erklärt. Eine prägnante und relativ erschöpfende Definition des Begriffs gibt es hier von Martin Wagener:

1. Definition und Abgrenzung

a) Ein Wettrüsten zwischen zwei bzw. mehreren Staaten liegt dann vor, wenn diese versuchen, Machtprojektionsfähigkeiten konkurrierender Konfliktparteien durch Beschaffung defensiver oder offensiver Rüstungsgüter gezielt zu neutralisieren bzw. durch Aufbau eigener Machtprojektionsfähigkeiten gezielt zu übertrumpfen.

b) Wettrüsten setzt dabei kontinuierliche Aktionen und Reaktionen (dynamisches Moment) wenigstens zweier miteinander verfeindeter Konfliktparteien über mehrere Runden voraus.

c) Wettrüsten kann ganz unterschiedliche Intensitätsformen annehmen. Je verfeindeter zwei  Staaten sind, desto umfassender fallen Formen der Rüstung und Gegenrüstung aus. Eine schwache Form des Wettrüstens liegt vor, wenn zwei Staaten trotz verschiedener Formen der Zusammenarbeit einander langfristig nicht vertrauen und daher mit Blick auf die Machtprojektionsfähigkeiten des anderen das eigene Fähigkeitsprofil ausrichten.

d) Staaten, die ihre Streitkräfte mit Blick auf eine unsichere Zukunft modernisieren, nehmen dadurch nicht zwangsläufig an einem Prozeß des Wettrüstens teil.

2. Messung

a) Wettrüsten läßt sich quantitativ messen: Fühlt sich ein Staat A durch die Potentiale eines konkurrierenden Staates B (Kampfflugzeuge, Panzer etc.) bedroht, kann er zwecks Schaffung eines Gleichgewichts eigene Potentiale in den genannten Bereichen numerisch erhöhen. Versucht Staat A darauf, seinen alten Vorsprung wieder auszubauen, liegt ein Wettrüsten vor.

b) Wettrüsten läßt sich qualitativ messen: Versuchen zwei Staaten regelmäßig, eine bestehende Offensiv-Defensiv-Balance zu ihren Gunsten zu verändern – ballistischen Kurzstreckensystemen der einen Seite werden z.B. optimierte Raketenabwehrsysteme der anderen Seite entgegengesetzt –, liegt ein Wettrüsten vor.

c) Indikatoren für ein Wettrüsten lassen sich zudem über die Auswertung der Steigerungsraten der Verteidigungshaushalte und deren Relation zum Bruttoinlandsprodukt finden. Sind signifikante Sprünge nachweisbar, deutet dies auf den Beginn eines Wettrüstens hin.

Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Es ist ein Prozess aus Aktionen und Reaktionen, der sowohl defensive als auch offensive Waffen einbezieht und der vor allem mit Blick auf eine absolut unsichere Zukunft vonstattengeht. Ein bisschen kurz kommen mir hier nur die unsichere Zukunft und das Handlungskalkül der Parteien (aber das mag etwas mit der theoretischen Ausrichtung des Autors zu tun haben). Beide Seiten agieren nicht Zwangsweise mit Blick auf den Gegner und es ist nicht unbedingt das Ziel, den unter Handlungsdruck zu setzen. Da aber keine der Partei weiß, ob bspw. die eigentlich rein defensiven Waffen des Gegners nicht irgendwann doch eine wichtige Rolle in einem offenen Konflikt spielen wird (auch wenn er aktuell das Gegenteil beschwört), muss immer schon für die Zukunft mitgedacht (und eingekauft) werden.

„Wettrüsten“ und Korea

Im Fall der Koreas ist das besonders offensichtlich. Einerseits ist zu bemerken, dass nach der obigen Definition, die Situation des Wettrüstens auf der Koreanischen Halbinsel, nicht unbedingt etwas Neues ist. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es aufgrund der dauerköchelnden Krise seit dem Koreakrieg auch ein permanentes Wettrüsten gegeben. Allerdings kann sich ja die Intensität ändern und mit kommt es so vor, als sei das in der letzten Zeit stärker geworden.  Die Zwischenfälle des vergangenen Jahres haben gezeigt, dass die südkoreanische Regierung in der unangenehmen Lage ist, nie zu wissen, was Pjöngjang tut und ob es nicht die Verteidigungsfähigkeit Südkoreas testen wird. Man muss also bereit sein, obwohl man weiß, dass es nicht für jeden möglichen Überraschungsangriff Nordkoreas eine geeignete Vorbereitung gibt. Es wäre also für die Regierung kaum zu vertreten, nicht zu rüsten, denn das würde den Anschein erwecken, dass man wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt und beim nächsten Angriff genauso unvorbereitet ist. Und wenn Seoul rüstet, muss Pjöngjang natürlich reagieren, denn die Paranoia dort ist wohl nicht nur Propaganda, sondern zum Teil auch in der Angst begründet, irgendwann am Galgen zu baumeln oder in Den Haag zu sitzen. Man muss auch genügend abschreckende Schlagkraft bewahren, um einem Schicksal wie Gaddafi und Saddam zu entgehen.

Sondersituation durch Seoul

Allerdings gibt es auf der Koreanischen Halbinsel auch eine spezielle Sondersituation. Dadurch, dass Seoul in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt, kann es sicher sein, nicht von einem präemptiven Angriff getroffen zu werden, solange man davon ausgehen kann, dass die Artillerie die auf Seoul zielt, dort großen Schaden anrichten kann. Solange Südkorea also kein System entwickelt, dass die Artillerie ausschalten kann, kommt es nicht zu einer nachhaltigen Verschiebung der Machtverhältnisse (die Atombombe spielt zurzeit in dieser Rechnung noch keine Rolle, könnte aber in Zukunft ähnlich wirken). Daher sind für ein Wettrüsten in Korea vor allem Waffensysteme zu beachten, die Nordkoreas Artillerie oder seine Steuerung ausschalten könnten.

Indizien für einen Rüstungswettlauf auf der Koreanischen Halbinsel

Südkorea

Aber jetzt mal zur Rüstung, also zu dem Sachverhalt, der mich zu der Idee „Wettrüsten“ gebracht hat. Spätestens seit den Cheonan und Yonpyong Zwischenfällen konnte man immer häufiger über dieses und jenes Waffensystemlesen, dass sich Südkorea zulegen möchte. Dass die Inseln vor der Küste Nordkoreas massiv aufgerüstet werden sollen, ist aus strategischer Sicht selbstverständlich. Einerseits sind sie sehr wichtige Vorposten nah am Feindesland und hätten bei einer militärischen Auseinandersetzung große Bedeutung. Andererseits wäre ein erneuter Zwischenfall wie der auf Yonpyong vermutlich für jede Regierung sowas wie ein Genickbrecher. Das ist aus Sicht Südkoreas „rationales Regierungshandeln“. Aber wenn man in Pjöngjang Entscheidungen trifft, sieht das gleich anders aus. Denn wenn ein strategisch wichtiger „Brückenkopf“ des Feindes massiv aufgerüstet wird, dann wirkt sich das natürlich auf die Machtverhältnisse aus.

Allerdings gab es neben den eher allgemeinen Ankündigungen des Südens, die Insel zu Festungen ausbauen zu wollen, auch einige wichtige Neuerwerbungen

Nordkorea

Aber natürlich rüstet nicht nur der Süden. Auch in Nordkoreas Waffenschmieden und vor allem in den Einkaufsabteilungen wird fleißig gearbeitet. Allerdings erfährt man darüber natürlich nicht wirklich viel und  vieles beruht auf  Indizien, Vermutungen und Gerüchten (ich würde für keinen der aufgeführten Berichte hundertprozentige Richtigkeit garantieren). Über das Raketen und Nuklearprogramm wird ja hinreichend diskutiert, das rolle ich jetzt nicht auf. Nur soviel: Wenn es dem Regime in Pjöngjang einen nuklearen Sprengkopf auf eine Rakete schrauben kann, dann steigt die Bedrohung massiv, bis dahin wird Südkorea so oder so von einem ziemlich großen Arsenal nordkoreanischer Scud-Weiterentwicklungen bedroht. Aber auch daneben gab es in jüngster Zeit einige interessante Entwicklungen.

Fazit

Mehr Rüstung mit dem Ziel, empfundene defensive Schwächen zu beheben

Also es tut sich was auf den koreanischen Waffenmärkten und man sieht, dass beide Seiten an Schwächen ihrer Verteidigung arbeiten, während man sich auch um offensiv einsetzbare Systeme bemüht. Vor allem interessant sind dabei die südkoreanischen Waffensysteme, die dezidiert das Ziel haben, nordkoreanische Artilleriestellungen auszuschalten. Das muss vom Norden als Bedrohung gesehen werden. Ob man seine Stellungen daraufhin noch tiefer eingräbt, oder sich etwas anderes einfallen lässt, kann wohl keiner wissen. Aber ich bin relativ sicher, dass man irgendwie reagieren wird, denn die strategische Verschiebung kann im Norden nur als Bedrohung gesehen werden. Naja und Aktion, also Rüstung und Reaktion, also Gegenrüstung, das würde ich mal als Wettrüsten bezeichnen. Das Beispiel von hochfliegenden Aufklärungsdrohnen und evtl. dagegen einsetzbaren Störsendern könnte man ja sogar als einen unmittelbar zusammenpassenden Zyklus sehen. Nichtsdestotrotz ist die entscheidende Frage beim Wettrüsten dieser beiden Staaten immer, ob die nordkoreanische Bedrohung Seouls erhalten bleibt. Fällt die weg, weil bspw. im Süden ein System entwickelt wird, dass die nordkoreanische Artillerie (und die schnell einsetzbaren Raketenstellungen) mit einem Überraschungsangriff ausschalten kann, dann liegt eine entscheidende Verschiebung vor, da Südkorea aus einem Krieg keinen weitreichenden Schaden mehr erwarten müsste, während die Streitkräfte des Nordens nach wie vor kurz bis mittelfristig keine Chance hätten.

Auswege aus dem Rüstungsrennen

Was ich an dieser ganzen Dynamik immer wieder erschreckend finde: Ich glaube ich würde weder wenn ich in Seoul entscheiden könnte, noch wenn ich in Pjöngjang das Sagen hätte, substantiell anders handeln. In einer solchen Situation entwickelt sich so eine krasse Eigendynamik, dass da am Ende fast keiner mehr rauskommt. Drei Lösungen sind möglich:

  1. Es kracht irgendwann, dann haben beide verloren.
  2. Einer gibt nach, dann hat Seoul verloren.
  3. Einer bleibt auf der Strecke, dann hat Kim verloren.

Das Problem: Man weiß nicht was kommt und vermutlich liegen die drei nur vom Ergebnis, nicht aber vom Ablauf weit auseinander. Für jeden südkoreanischen Präsidenten liegt daher die Wahl zwischen 3. Held, 2. Feigling und 1. Auslöser eines desaströsen Krieges sehr eng beieinander und es obliegt dem Wagemut jedes einzelnen, wie nah er sich an 1. wagt, um 3. zu erreichen und ob er nicht doch lieber 2. wählt, um 3. zu verhindern.

Regionale Implikationen

Einen weiteren Faktor sollte man ebenfalls nicht vernachlässigen. Die Beziehungen zwischen fast allen Staaten der Region schleppen die eine oder andere historische Bürde mit sich herum. Oft geht es um maritime Hoheitsgebiete etc.. Wenn eine Partei da plötzlich anfängt, seine große wirtschaftliche Macht mit militärischen Kapazitäten zu untermauern, dann könnte dies auch Auswirkungen auf die Rüstungsbemühungen anderer regionaler Mächte zeitigen. Ich glaube durchaus, dass man in Peking genau wie in Tokio ganz genau schauen wird, wie weit die südkoreanischen Cruise-Missiles fliegen können…

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