Von interessanten Gesprächssituationen, bizarren Jeep-Choreografien und den Gefahren der Routine: Nordkoreas 63ter

Am vergangenen Freitag hat die Demokratische Volksrepublik Korea ihren 63. Geburtstag gefeiert (mein Vater übrigens auch, eine Übereinstimmung, die mir bisher entgangen war) und wie immer zu solchen Anlässen gab es eine Parade. Und wie immer zu wirklich wichtigen Paraden (wenn nicht, dann liegt die Überlegung nahe, dass etwas nicht stimmt) stand auch dieses Mal der große Führer auf der Ehrentribüne und hat den Vorbeimarsch (in diesem Fall) der Roten Arbeiter-Bauern-Wehr (ABW) abgenommen. Ebenfalls dabei — wie seit neuestem immer — sein Sohn und designierter Nachfolger, Kim Jong Un. Ich habe die sehr ausführliche Dokumentation der Parade kurz überflogen und zwei Stellen rausgesucht, die ich ganz interessant fand.

Ri Yong-hos Rolle und Schwätzchen mit dem Bub

Der erste Ausschnitt rückt die interessante Stellung, die Ri Yong-ho, u.a. der Generalstabschef von Nordkoreas Armee, innerhalb des Regimes hat, nochmal etwas ins Licht. Dass er eigentlich immer, wenn er mit den beiden Kims offiziell unterwegs ist, zwischen ihnen steht, ist ja schon aufgefallen. Daher ist es nicht weiter überraschend, dass es auch zu diesem Anlass so ist. Was ich aber spannender finde, ist wie er sich zum Anfang des Applauses respektvoll zurückhält, indem er einen Schritt hinter die beiden Kims zurücktritt und so wohl dem Blick der Zuschauer entzogen ist. Nachdem Kim Jong Il ein paar Sekunden allein mit seinem Sohn vorne gestanden hat, winkt er dann den höchsten Militär Nordkoreas nach vorne. Ich denke, dass man ohne solch angemessenen Respekt zwar keine großen Aufstiegschancen in der Hierarchie Nordkoreas hat, ich finde es aber trotzdem spannend, dass so demonstrativ zur Schau gestellt zu sehen. Auch spannend ist, dass Kim Jong Il dadurch, dass er Ri sozusagen ins Rampenlicht ruft, nach außen hin demonstriert: „Dieser Mann gehört dazu und zwar gehört er zwischen Kim Jong Un und mich.“ Vielleicht soll das auch zeigen, dass er zu beiden gehört

Die zweite Szene die ich in diesem kurzen Schnipsel interessant fand, ist der kurze Dialog zwischen Kim Jong Il und seinem Sohn. Das sah aus, als wäre es um irgendeine Formalität gegangen (wenn die Gesprächssituation eine Andere gewesen wäre, hätte ich angenommen, dass Kim Jong Il gefragt hat, wie lange es noch dauert, denn Kim Jong Un hat so eine Geste zu seinem Handgelenk gemacht, frei nach dem Motto „Bis die Reden vorbei sind und die ABW mit der Parade fertig ist, ist es noch ein paar Stunden hin…“). Aber  eigentlich fand ich interessant, wie schnell und intensiv Ri und Kim Jr. auf das Gesprächsanliegen des Großen Führers reagiert haben. Allein daraus könnte man Schlüsse auf die Tatsächliche Macht Kims ziehen, denn bei einer nicht-wichtigen Person springt man nicht gleich, wenn sie die Andeutung des Wunsches einer Kontaktaufnahme aussenden. Noch spannender finde ich, dass Ri Yong-ho bei diesem Dialog nicht die geringste Anstalt macht, diskreten Abstand zu halten. Er steckt den Kopf gleich dazu. Die Selbstverständlichkeit dieser Aktion lässt vermuten, dass er das öfter macht und es als darf. Entweder ist klar, dass die Kims sich auf solchen Anlässen nur über Dinge unterhalten, die Ri auf jeden Fall mitbesprechen kann und soll, oder es gibt auf „Arbeitsebene“ nicht viele Geheimnisse zwischen den Dreien. Dieser Minidialog war darüber hinaus, wenn ich mit meiner Schnellauswertung nicht etwas überflogen habe, das einzige Gespräch, was in dem etwa 50 minütigen Fernsehbericht aus dem ich das habe, dokumentiert ist.

Skurrile Jeep-Choreographie

Den zweiten Schnipsel fand ich eher skurril bis bizarr. Da erstattete O Il-jong, der Kommandant der ABW Kim Yong-chun, dem Verteidigungsminister Bericht, der den dann wieder weiter vermittelte (soweit ich den Vorgang verstanden habe). Eine absurde Note bekam der Vorgang dadurch, dass sie während dieses Berichts auf jeweils einem Jeep standen und von Zeit zu Zeit mit diesen anhand einer bestens einstudierten Choreografie ihren Standort wechselten. Vielleicht habe ich für solche Vorgänge als „nicht im Kalten-Krieg sozialisierter“ und „nicht Militarist“ einfach keinen Sinn, aber für mich sieht das echt crazy aus.

Aber daneben gibt es auch ein paar interessante Details. So hat sich Kim Yong-chun dem Anlass entsprechend ziemlich Volksnah gegeben, indem er die sonst obligatorische Generals- durch eine ziemlich arbeiter- und bauernmäßige Schiebermütze ersetzt hat. Auch seine große Rolle bei der Parade ist interessant (obwohl das vermutlich auch irgendwie seinJob als Verteidigungsminister ist), denn erst kürzlich haben einige Medien spekuliert, er werde nach und nach von Kim Jong Il aus dem Spiel genommen. Nach diesem prominenten Auftritt, sowie der Teilnahme an Kims Russlandtour, sollte man das zumindest nochmal hinterfragen.

Achja, und was den anderen Protagonisten dieses Ausschnitts angeht. In einem anderen Land, mit einem anderen Leben, hätte O Il-Jong vermutlich einen anderen Job bekommen. Für diesen wäre er z.B. bestens qualifiziert:

Wer Lust hat, sich die Parade im Ganzen anzuschauen, der findet sie bei Youtube. Ich kann nur davor warnen, denn der Schnelldurchlauf war schon ganzschön langweilig. Für die Fans gepflegten Stechschritts und Luftabwehrraketen ziehender Traktoren gibt es hier eine Kurzusammenfassung mit sehr langweiligem deutschen Kommentar.

Routinisierung von Events als Risiko fürs Regime?

Generell finde ich es immer interessant, zu gucken, was bei solchen Ereignissen abläuft, denn das sind neben Beerdigungen die relativ seltenen Gelegenheiten, zu denen sich so ziemlich Alles, was im Regime Rang und Namen hat (und noch mobil ist) zusammenkommt. Da fällt dann auch eher auf, wenn zum Beispiel einer fehlt, oder unerwarteterweise auf der Ehrentribüne steht. Und da es in Nordkorea scheinbar zum System gehört, permanent neue Anlässe und Feiertage zu produzieren, werden die Ereignisse auch nie weniger. Ich frage mich allerdings, ob das irgendwann systembedrohende Formen annehmen wird, weil das Militär quasi in Dauerparade verharrt und gar nicht mehr dazu kommt, Staudämme und Straßen zu bauen (genauso wie die Regierenden nicht mehr regieren, sondern nur noch repräsentieren und die Regierten nichts mehr tun, als Massenchoreographien aufzuführen). Das ist natürlich etwas überspitzt, aber generell sind inszenierte Anlässe nicht unbedingt dafür bekannt, die Effizienz eines Systems zu steigern. Vielleicht die Legitimität, aber selbst das ist fraglich, wenn das „Event“ zur Routine wird…

6 Antworten

  1. Auffallend ist allerdings die betonte Bescheidenheit dieser Parade zum 63. Jahrestag. Das sah alles schonmal ganz anders aus. Hier ein kurzes Video der Parade zum 40. Jahrestag mit Papa und Sohn Kim gemeinsam auf der Tribüne: http://www.youtube.com/watch?v=tLnM_FvNlmo.
    Was seinerzeit an Propagandaaufwand möglich war, scheint das Land nach zwei Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs einfach zu überfordern und ist wohl auch der Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln.
    So gesehen ist diese Parade auch Ausdruck der gravierenden wirtschaftlichen Probleme Nordkoreas.

    • Danke euch für die Infos. Ich hatte mir schon gedacht, dass das so ein altes Ostblockzeremoniell ist, hatte aber nicht richtig Lust es zu recherchieren und wollte auch nichts Falsches schreiben.
      Vielleicht hat diese Bescheidenheit damit zu tun, dass es keine Parade der Armee war, sondern der Reservetruppen der ABW. Die können vermutlich mit dem schweren Gerät nichts anfangen und naja, Bauern fahren eben mit Traktoren…
      Ich denke, dass bei der nächsten Parade der regulären Armee wohl wieder schwereres Gerät aufgefahren wird. Wenn für eine vernünftige Parade schon kein Geld mehr da wäre, dann wäre Kims Reich wohl wirklich kurz vor Ultimo…

  2. Die „Jeep-Choreografie“ ist militärisches Zeremoniell, ähnlich wie bei den Ehrenparaden der NVA (wohl in beiden Fällen von der Roten Armee übernommen). Der Ablauf dürfte folgender sein:
    – Befehl des kommandierenden Offiziers an die Paradetruppen zur Meldung
    – Meldung des kommandierenden Offiziers an den Verteidigungsminister
    – Begrüßung der angetretenden Truppenteile durch den Verteidigungsminister
    – und zum Schluss Meldung an den Oberfehlshaber…
    gut, dass die Bundeswehr keine Parade als militärisches Zeremoniell kennt!

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