Ideologische Grabenkämpfe, vergessene Aufgaben und unbekannte Realitäten: Berichte zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea

Seit langem will ich mich heute nochmal kurz der Nahrungsmittelsituation in Nordkorea widmen. Einerseits strahlte die ARD vorgestern in den Tagesthemen einen recht ausführlichen Beitrag aus, der auf Videoaufnahmen beruht, die heimlich aus Nordkorea herausgeschmuggelt wurden. Andererseits hat sich Hiroyuki Konuma, der Regionalrepräsentant der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Asien heute zu der Lage in Nordkorea geäußert, was von den Medien sehr unterschiedlich verstanden wurde (oder werden wollte?) und außerdem gibt es noch ne interessante Analyse der HSS.

Aus Nordkorea geschmuggeltes Video gibt schockierende Einblicke. Nicht mehr und nicht weniger

Aber zuerst einmal zu dem Video. Darin sind Menschen in einem sehr schlechten Zustand zu sehen und wer Barbar Demicks „Die Kinogänger von Chongjin“ gelesen hat (ich fand das Buch übrigens nicht so übergut, will aber noch bei Gelegenheit was dazu schreiben), der fühlt sich durchaus an Schilderungen aus dem Buch erinnert. Es sind Straßenkinder in erbärmlichen Zustand zu sehen und es werden kurz Schicksale beleuchtet, die auf ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft schließen lassen. Auch Soldaten sind zu sehen, denen es sehr schlecht geht. Dagegen sind die Märkte in Pjöngjang stark frequentiert und gut bestückt.

Dreimal gefiltert

Aber ob man das als ein Gesamtporträt der nordkoreanischen Gesellschaft begreifen kann und soll, das sollte doch kritisch hinterfragt werden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Bilder auf unseren Bildschirmen erschienen sind, waren sie vermutlich durch drei Filter gelaufen. Die nordkoreanischen Untergrundjournalisten, die ihr eigenes Wohlergehen aufs Spiel setzen, um über die Situation in Nordkorea zu berichten (und vermutlich um etwas Geld zu verdienen), mussten auswählen, was sie filmen. Und dazu gehörten wohl nicht die „unspektakulären“ Szenen, schließlich wissen sie ja, wonach ihr Auftraggeber sucht. Der japanische Journalist, der das Netzwerk aufgebaut hat (er ist auch im Beitrag zu sehen) hat möglicherweise nochmal eine Auswahl getroffen, denn er will die Bilder ja am internationalen Medienmarkt platzieren. Und dann dürfte die ARD-Redaktion nochmal die Szenen, die gut in den Beitrag passten, festgelegt haben.

Was übrig bleibt…wer weiß es?

Wieviel echtes Abbild der Gesamtrealität dann noch übrig bleibt, ist am Ende wohl für niemanden wirklich zu erkennen. Außer der Tatsache, dass das der schlimme Alltag einiger Menschen in Nordkorea ist, bringen die Bilder kaum Licht ins Dunkle. Aber ich weiß, so werden Nachrichten gemacht und verkauft und damit muss man sich wohl abfinden. Aber wenn man in einigen Industrieländern mit offenen Augen die ärmsten der Armen filmt und darstellt, dann verschwimmen wohl die Unterschiede. Ich möchte nichts kleinreden, aber man sollte immer bedenken, welchen Weg die Bilder genommen haben, bevor wir sie gesehen haben.

Die Realität verschwindet hinter ideologischen Grabenkämpfen. Und die Medien machen mit

Auch bezüglich der Stellungnahme von Hiroyuki Konuma, dem FAO-Repräsentanten in Asien, muss ich eine kleine Medienkritik vorwegschicken. Folgende Überschriften (die Artikel passen jeweils zum Tenor) kamen aufgrund des gleichen Statements Konumas zustanden:

Flood damage to N.Korean crops „not so significant – FAO [FAO: Flutschäden an Nordkoreas Ernte „nicht so bedeutend“]

und

North Korea Food Crisis Worsens as Prices Jump, Aid Vanishes [Nordkoreas Nahrungsmittelkrise verschlimmert sich, da Nahrungsmittelpreise steigen und Hilfen ausbleiben]

REUTERS: Besser als gedacht

Der Unterschied dürfte euch nicht entgangen sein und die unterschiedliche Wahrnehmung ein und derselben Meldung, die für den Leser daraus entsteht wohl auch nicht. Da kann mir einer erzählen was er will, mindestens einer der Journalisten ist hart an der Grenze, mehr seine Meinung oder Botschaft zu vermitteln, als die Botschaft, die von Konuma kam. Welcher das ist weiß ich nicht, ich habe ja nicht gehört und gelesen, wie das Statement in seiner Gesamtheit aussah. REUTERS (der „nicht so schlimm“ Artikel) beschäftigt sich hauptsächlich mit einer Aussage des FAO-Mannes, dass die Ernte in Nordkorea dieses Jahr nicht geringer ausfallen würde als im letzten und dass man bald anfinge das Korn einzubringen. Irgendwo unten wird dann auch noch kurz erwähnt, dass die Einschätzung von WFP, FAO und UNICEF, dass in diesem Jahr 600.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen würden, was 3,5 Millionen Menschen ernsthaft gefährde, nach wie vor bestand hätten. Allerdings habe ein REUTERS. Mitarbeiter kürzlich bei einem Besuch in Nordkorea keine besonders angespannte Lage wahrgenommen.

Bloomberg: Krise wird schlimmer

Bei Bloomberg stellt sich das genau umgekehrt dar. Es würden bis zu 700.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen und davon könnten bis zu 6 Millionen Menschen betroffen sein (da gab es scheinbar eine Spanne, die beide Artikel verschweigen). Durch die gestiegenen Nahrungsmittelpreise, die sinkende Spendenbereitschaft (man schreibt das nur der Verheerenden Hungersnot am Horn von Afrika zu, was wohl ein Grund ist, aber bei Weitem nicht der einzige (was man bei Bloomberg auch wissen dürfte)),die Tatsache, dass Südkorea eine harte Politik gegenüber dem Norden fahre und den Unwillen Pjöngjangs, mehr Ressourcen für sein Volk einzusetzen (aber das kommt weit unten im Text), sei die Lage nach wie vor angespannt.

We are afraid that next year will be a more severe situation [Wir haben Angst, dass die Situation im nächsten Jahr noch ernster wird]

wird Konuma hier zitiert.

Meinungen und Emotionen, nicht Fakten

Wie gesagt, besser informier fühle ich mich nach Lektüre beider Artikel nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, hier einen ideologischen Grabenkampf zu beobachten, den Politiker verschiedener Staaten und Organisationen, Hilfsorganisationen verschiedener Aus- und Zielrichtung und wohl auch die Medien mit- und gegeneinander austragen, oder wie sich Rüdiger Frank kürzlich zitieren ließ. Rüdiger Frank sagte kürzlich hinsichtlich der Politik gegenüber Nordkorea:

Ich selbst habe etwa bei einer Aussage vor dem EU-Parlament in Brüssel 2006 die Erfahrung gemacht, dass beim Thema Nordkorea oft die Emotionen überwiegen.

Und wem ist am Ende damit geholfen? Wohl niemandem! Je nachdem, ob man für Hilfen plädiert, sei es aus reiner Nächstenliebe, aus politischen Interessen oder um eine Daseinsberechtigung für seine Organisation zu generieren, oder ob man gegen Hilfen ist (das Portfolio aus Beweggründen ist hier ähnlich), man findet immer seine Bestätigung und Argumente in den Medien und liest dann wahrscheinlich nur die Artikel, die die eigene Meinung bekräftigen. Wer da im Ende die Nachrichten macht, wer Akteur, wer Aussagender und wer Informationsvermittler ist, das verschwimmt in einer undurchsichtigen Brühe aus Ideologie und Interessen. Ob Politiker da Angst vor Emotionen in Medien und Gesellschaft haben, oder sich aufgrund der unklaren Faktenlage einfach von ihren eigenen Gefühlen leiten lassen, ist im Endeffekt egal. Es kommt jedenfalls am Ende eine Politik raus, die nicht mehr viel mit der realen Sachlage zu tun hat. Nur verhungern vielleicht Menschen, weil keine der Beteiligten Parteien ihrer Aufgabe ehrlich und auf Basis der Realität (die zugegeben oft schwer zu ergründen ist, aber immerhin haben wir eine Botschaft in Pjöngjang und damit sicherlich ein besseres Gefühl für die Realität als manch anderer Staat) nachkommen will. Ich finde das nicht gut und ich bin der Meinung, dass sich da alle Beteiligten nochmal bewusst machen sollten, wozu sie da sind. Dann würden auch nicht Meinungen das Handeln bestimmen, sondern Fakten. Aber daran ist leider scheinbar noch nicht mal die Journalistenkaste wirklich interessiert.

Was man aus den Berichten lernt

So, das war es erstmal mit: „Dem-Ärger-Luft-machen“. Ich mal kurz sehen, was wir sowohl aus Presse, als auch aus Fernsehmeldung an Infos rausziehen können. Der Bericht im Fernsehen demonstriert vor allem eine Tatsache recht plastisch. Diejenigen, die immer davon reden, dass das Militär Lebensmittel für sich abzwacken würde, die sollten sich den Bericht vielleicht nochmal kurz anschauen und dann ihr Argument überdenken. Ich verstehe erhrlichgesagt den Unterschied zwischen einem verhungernden Wehrpflichtigen (Zivildienst oder so is nicht) und einem verhungernden Kohle-Kumpel nicht. Beide brauchen offensichtlich was zu essen und wenn man nicht hilft, dann geht es mit Sicherheit beiden schlecht. Gibt man Hilfen, dann bestehen die Möglichkeiten, dass entweder einer von beiden (vielleicht mit einer größeren Wahrscheinlichkeit der Soldat, weiß ich nicht) oder beide etwas abbekommen. Ist es schon schlimm, wenn der Soldat und der Minenarbeiter was kriegen? Oder wird es erst dann schlimm, wenn der Soldat mehr oder alles kriegt? Oder ist es immer gut, jemandem vor dem Hungertod zu retten? Ich würde zu letzterem tendieren. Natürlich ist es nicht gut, wenn die Verteilung von Hilfen unfair verläuft. Aber ich würde mal gerne die Nothilfestelle sehen, wo am Ende nicht die Gewitztesten, Stärksten, oder Mächtigsten auf dem einen oder anderen Weg mehr als die Dümmeren, Schwächeren oder Machtlosen bekommen, allerdings ist das ein anderes Problem. Das also meine Meinung zu Soldaten und Nahrung.

Nicht so schlimm wie befürchtet, aber kritisch

Das Statement des FAO-Repräsentanten, so wie ich es mir aus den Artikeln zusammenbaut sagt ungefähr folgendes aus: Zum Glück hat der harte Winter und die Überflutungen in diesem Jahr nicht zu so weitreichenden Ernteausfällen geführt, wie das die Mission im März in Nordkorea war befürchtet hat. Daher wird der Versorgungsengpass nicht 886.000 Tonnen betragen sondern nur zwischen 600.000 und 700.000 Tonnen. Einerseits stellt das natürlich bis zu einem gewissen Grad das Budget in Frage, dass das WFP für die Notoperation aufgestellt hat. Andererseits ist das aber immernoch kein Pappenstiel. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch noch zu wissen, inwiefern die bilateralen Hilfen von Russland, immerhin 50.000 Tonnen in die Rechnung schon Eingang gefunden haben.

REUTERS gibt Sprechvorlage für das State-Department

Zum Artikel von REUTERS fällt mir noch etwas ein. Da steht am Ende der schöne Satz:

a variety of crops are nearly ready for harvest [Unterschiedliche Feldfrüchte sind fast erntereif]

Wenn man das so liest, dann hört sich das doch fast schon an wie die Vorbereitung eines Statements des US-State-Department: „Da jetzt geerntet wurde und jede Menge frische Feldfrüchte zur Verfügung stehen, sehen wir keine Notwendigkeit Hilfen zu gewähren. Wir werden die Situation aber weiter beobachten.“ Ein ganz armseliger Trick die Bewertung der Lage solange hinauszuzögern, bis sich die Lage geändert hat.

HSS: „Virtuelle Hungersnot“

Eine interessante Einschätzung zur Lage in Nordkorea gibt es übrigens von Bernhard Seliger, der soweit ich weiß, die Geschäfte der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul leitet. Er ist eher dem Lager zuzuordnen, das sich gegen Hilfen für Nordkorea ausspricht und schreibt von einer „virtuellen Hungersnot“ (wobei er auch öfter in Nordkorea zu tun hat und daher unmittelbare Erfahrungen vorweisen kann). Er kritisiert, wie es ja auch in der Kommentarspalte hier im Blog schon anklang, dass ausländische Hilfsorganisationen (er sagt nicht: „Das WFP“) aus Eigeninteresse zu willfährigen Helfern Pjöngjangs werden, da mehr zu verteilende Hilfen mehr Geld und mehr Personal bedeuten. Ansonsten liefert er eine sehr interessante Analyse der aktuellen Entwicklungen in Nordkorea, die ich nicht immer teile, die aber wie gesagt durchaus einige lesenswerte Ideen beinhaltet.

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4 Antworten

  1. Sehr schöner Artikel, besten Dank 🙂

    Aber das Video ist nicht mehr verfügbar…

    • Das stimmt allerdings, aber es scheint so, als hätte die ARD da rechtliche Schwierigkeiten das dauerhaft verfügbar zu machen. Ist weder in der Mediathek noch auf Youtube. Dann müsst ihr euch leider mit meiner kurzen Schilderung zufriedengeben und hoffen, dass die ARD das bald nochmal im Rahmen eines Weltspiegel-Berichts oder so nochml ausstrahlt. Sollte einer irgendwo drüber stolpern, kann er ja kurz bescheidgeben.

  2. Die Macht der Medien ist groß.

    Ich habe am Mittwoch im Kino in Pyongyang den Film „Waiting for Superman“ gesehen, der sich mit dem Versagen des amerikanischen Schulsystems beschäftigt. Was mag wohl ein Nordkoreaner denken, wenn er die übergewichtigen Mitglieder der US-Unterschicht sieht, die in verdreckten Wohnungen hausen, deren Väter an Drogen gestorben sind und die weder lesen noch rechnen können, weil sie keine Chance auf vernünftige Schulbildung haben?

    Es gibt in der größen Industrienation der Welt dieses und auch die besten Schulen der Welt.

    Es gibt hier in Nordkorea hungerndes, abgehängtes Prekariat wie auch eine unübersehbar wachsende Wirtschaft, eine wachsende Anzahl von Läden und Dienstleistungsbetrieben und staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Versorgung der Bevölkerung.

    Der Staat hier zeigt seine Vorzeige-Hungernden, wenn er Spenden generieren will und seine Erfolge, wenn er Anerkennung und Wirtschaftsbeziehungen sucht.

    Es ist halt immer die Frage wer etwas wem berichtet, was und warum er berichtet und auch was der Betrachter sehen will.

    • Das sehe ich ganz ähnlich. Allerdings wächst mit der Macht auch die Verantwortung. In unserer schönen freien Welt sollten die Medien dieser Verantwortung aber verdammt nochmal nachkommen und informieren, nicht mehr und nicht weniger! Mehr verlange ich ja eigentlich nicht.

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