Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Kurzer Ritt durch Nordkoreas totalitären Kitsch

Manchmal sagen Bilder ja mehr als tausend Worte. Und deshalb schaue ich mir manchmal ganz gerne Bilder an, um zu sehen, was die so zu sagen haben. Öfter mal sind dabei auch Bilder von Kim Jong Il oder anderen Protagonisten des Regimes, wie sie gerade diese oder jene Delegation aus dem Ausland empfangen. Meist schaut man dabei, wer auf dem Bild ist und wo er sitzt.

Den Hintergrund verliert man dabei leicht aus dem Auge, obwohl der meistens (zumindest bei den Gruppenfotos) auch aus einem Bild besteht. Und kürzlich habe ich nochmal daran gedacht, dass Rüdiger Frank mal bei einem Vortrag gesagt hat, dass auch die Symbolik dieser Hintergründe nicht zu unterschätzen sei. Daher habe ich mir mal relativ vogelwild ein paar Hintergründe rausgesucht und will sie ohne allzu großartige Interpretation präsentieren.

Der wohl berühmteste und am liebsten genommene Hintergrund ist dieser hier:

Fast immer wenn Kim Jong Il eine hochrangige ausländische Besuchergruppe empfängt, stellt/setzt sich die ganze Gesellschaft vor diesem Wandbild hin.

Ob sie dabei auch gezielt unterschiedlich platziert werden weiß ich nicht. Jedenfalls sieht es hier fast so aus, als würden die Wellen über Madeleine Albright zusammenschlagen:

Eric Gibson hat dieses Hintergrundbild anlässlich von Bill Clintons Besuch zur Befreiung der beiden Journalistinnen Ling und Lee (oder vielmehr anlässlich des dort geschossenen Fotos) analysiert und das finde ich sehr interessant. Er spricht den Gegensatz zwischen der gefährlich aufgewühlten See mit ihren gewaltsam zusammenschlagenden Wellen (die dazu noch größer sind als die posierenden Menschen und so den Blick einfangen) und den friedlich rumsitzenden Vögeln rechts unten auf und leitet daraus ab, dass das Bild „Kunst mit einem Zweck“ sei, oder „totalitärer Kitsch“ wie diese Art der propagandistischen Kunst zumindest im englischen Sprachraum nicht unzutreffend genannt wird. Der Autor interpretiert diesen Gegensatz als Ausdruck zweier Botschaften, die gleichzeitig transportiert werden sollen. Einerseits die unbändige Macht des Regimes, die gleich der Naturgewalt des Meeres durch nichts zu bremsen ist. Andererseits das Paradies auf Erden — symbolisier durch die fröhlichen Vögelchen — das vom Regime erschaffen wurde, das aber (so sehe ich es zumindest) gleichzeitig nur existieren kann, solange die Macht des Regimes es nicht zerschmettert, was jederzeit möglich wäre. Besonders schön ist es natürlich Gäste wie Bill Clinton vor so einem Hintergrund zu platzieren, denn die Macht der Naturgewalt Nordkorea per Foto in aller Welt Publik hat ja schon was.

Ganz ehrlich gesagt kenn ich mich aber mit der Symbolik von Kunst im Allgemeinen und nordkoreanischer Kunst im Speziellen leider nicht besonders gut aus und konnte auch keinen wirklich erschöpfenden „Internet-Crash-Kurs“ zu dem Thema finden, aber die Interpretation erscheint mir durchaus schlüssig. Nichtsdestotrotz finde ich das Thema höchst spannend und daher habe ich noch ein bisschen weiter geschaut. Auf dem Bild sind ja nach der Interpretation nur das Volk und das Regime/die Staatsmacht abgebildet. Schaut man auf den Boden, dann findet man auch noch das Land. Da sind nämlich schöne Magnolien zu sehen, die als Nationalblumen Nordkoreas die Nation repräsentieren. Eigentlich steht oder sitzt Kim auf jedem Bild auf einer der Magnolien. Ob das der Suche nach der richtigen Perspektive geschuldet ist, oder auch etwas mit Symbolik zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen.

Allerdings ist dieses Wandbild nicht das Einzige, das das Regime für seine Gäste bereithält. Je nach Anlass gibt es ein relativ breites Portfolio verschiedener Gemälde, vor denen die Vertreter des Regimes mit ihren Gästen posieren können.

Yang Hyong-sop, der Präsident der Obersten Volksversammlung und damit einer der wichtigen Repräsentanten des Regimes nach außen steht öfter mal hier:

Der Hintergrund ist wieder die Magnolie als Symbol für die Nation, aber hier ist interessanter, was andeutungsweise vorne in der Mitte zu sehen ist. Da gibts nämlich mit höchster Wahrscheinlichkeit (der Farbe und angedeuteten Blütenform wegen) eine Kimilsungia. Die Orchideenart, die Indonesiens Präsident Sukarno Kim Il Sung 1965 zum Geschenk machte und die mittlerweile ungefähr mit der gleichen symbolische Bedeutung belegt ist, wie ein Kreuz an der Wand bei Christen. Bei dem Treffen das oben abgebildet ist, waren also nicht nur Yang und die südkoreanischen Religionsvertreter vor Ort, sondern auch der Staatsgründer hat seinen Platz gehabt.

Kim Yong-nam sieht man dagegen gelegentlich hier:

Hier sind sowohl Kimilsungia als auch Kimjongilia zu sehen, und schauen Kim Yong-nam und seinem Gast Xi Jinping über die Schultern.

Eine Blume habe ich noch, die mich ein bisschen vor Schwierigkeiten stellt. Anlässlich des Empfangs des laotischen Präsidenten sah der Hintergrund nämlich so aus:

Ganz ehrlich, ich weiß nicht wirklich was das ist. Könnte sich um die Frangipani, die Nationalblume von Laos handeln, quasi als Ehrenbekundung. Aber sicher bin ich mir da nicht.

Es ist aber nicht alles so blumig in Nordkoreas Bildsymbolik. Das Meer als Naturgewalt hatten wir ja eben schonmal. Dass es aber auch anders geht, zeigt dieses Bild beim Empfang einer chinesischen Delegation um Chinas Vizepremier Zhang Dejiang in diesem Jahr:

Das Meer plätschert fein vor sich hin und alles ist super harmonisch. Allerdings weiß ich nicht, ob das wirklich ein Gemälde ist, oder nicht doch eine Fototapete. Ein Bekannter hatte mal eine verdächtig ähnliche…

Ebenfalls sehr harmonisch ist der Hintergrund ausgefallen, als Kim Dae-jung Nordkorea besuchte:

Naja, aber Symbolik hat man ja nicht nur in Nordkorea gepachtet. Dass auch Chinas Parteikader wissen wo sie herkommen, zeigte sich beispielsweise bei Choe Yong-rims Besuch in China:

2 Antworten

  1. Also nun mal ganz ehrlich: Hier geht die Kaffeesatzleserei glaub ich ein wenig zu weit. Die Koreaner sind zwar gute Strategen, aber nicht dafür bekannt, besonders verliebt in Details zu sein.

    Wenn Du mich fragst, gibt es in der Stadt eine Reihe von Gästehäusern und Konferenzzentren, die unterschiedlich große Säle mit verschiedenen Wandbildern haben. Je nach aktuellem Renovierungszustand, Ausgebuchtsein durch lokale VIPs, Größe der Delegation, Aufenthaltsdauer, Wichtigkeit der Gäste und Sicherheitsrelevanz wird das eine oder das andere Gästehaus gewählt. Und das Foto wird eben da gemacht, wo man sich trifft.

    Zu sagen „lasst uns mal vor diesem Bild das Foto machen, das ist schön bedeutungsschwanger“ liegt der nordkoreanischen Seele bei allem Respekt dann doch fern. Schliesslich sind hier alle Bilder irgendwie bedeutungsschwanger.

    Btw, der Empfang zum Tag der Deutschen Einheit fand 2009 auch ein einem Saal statt, wo ebenfalls ein Riesenbild mit aufgewühltem grünen Wasser an der Wand prangte. Es wird sicher von der gleichen Dekorationsfirma gemalt worden sein. Der Saal war allerdings nicht wegen der Symbolik des Tages gewählt worden, sondern weil der Veranstaltungsort zu dem Termin frei war, gut erreichbar war, Parkplätze hatte und genügend Snacks für so viele Gäste servieren konnte.

    • Vielleicht hast du Recht und die Bilder sind einfach da und weil es schöner ist, vor nem Bild zu stehen als vor ner blanken Wand, macht man eben da die Fotos.
      Aber eigentlich wollte ich mich auch mehr damit befassen, dass dort alle Bilder irgendwie bedeutungsschwanger sind und ein bisschen in die Bedeutung „reinschauen“. Und klar, Kim saß genauso zusammen mit Chinesen wie zusammen mit Clinton und den beiden südkoreanischen Präsidenten vor dem aufgewühlten Meerbild. Das ist wohl eben in seinen Empfangsräumen. Aber wie du selbst gesag hast. Eine Aussage hat es und das wollte ich beleuchten. Vielleicht bin ich das ein bisschen zu interpretativ angegangen.

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