Wenn Kim Jong Un stottern würde… — Überlegungen zu Medien, Möglichkeiten und Rechten in Nordkorea

Wenn Kim Jong Un stotten würde…

…dann wüsste das kein normalsterblicher Nordkoreaner.

…dann hätten wir das vielleicht gerüchteweise gehört.

…dann wüssten wir das auch nicht.

…dann würde in der nordkoreanischen Führungselite nicht viel  darüber gesprochen werden.

…dann wären die Vorbereitungen für seine Nachfolge wahrscheinlich ähnlich verlaufen wie bisher.

Wenn Kim Jong Un stottern würde, dann hätte das bisher keinen großen Unterschied gemacht und würde es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht. Aber Kim Jong Un stottert wohl nicht.

Kürzlich habe ich „The King’s Speech“ angeguckt. Nichts grandioses aber gute Unterhaltung. Außerdem habe ich nach dem Film über die Rolle der Medien im Großbritannien der 1930er Jahre nachgedacht und im Nordkorea der 2010er Jahre und über Kim Jong Un.

Der junge George der VI. hatte keine Wahl. Er musste sich mit seiner Schwäche mit den Medien auseinandersetzen und vor seinem Volk entblößen. Natürlich hatte er auch nur wenig faktische Macht, aber das Wichtige ist, dass der bedeutende Repräsentant des britischen Staats gezwungen war, sich dem auszusetzen und dass er keine Möglichkeit hatte, es zu umgehen. Im Endeffekt forderte das Volk das von der Macht im Staat, weil die Medien diese Möglichkeit bestand. Das Volk sah die direkte Teilhabe am Leben und in dem Fall Sprechen des Königs als legitimes Recht an und scheinbar sah die Staatsmacht das genauso, oder vielmehr sie sah keinen Grund dem Volk dieses Recht zu versagen. Das war ein wichtiger Schritt zur Demokratisierung der Information, denn die Herrscher zeigten sich nicht mehr wann sie wollten, quasi als Gnadenbekundung gegenüber dem Volk, sondern sie mussten sich zu bestimmten Anlässen zeigen und hören lassen. Das Recht des Volks an ihren herrschenden war gewachsen und damit auch die Pflicht der Macht sich zu rechtfertigen (Mit der rapiden Entwicklung der Kommunikationsmittel hat sich das alles noch weiter geändert und heute braucht es keinen Anlass mehr. Wir haben das Recht jederzeit unsere Herrschenden sehr direkt zu kontaktieren und sie etwas zu fragen und wir haben das Recht auf Antwort. Das ist großartig, aber es wird unser politisches System verändern.).

In Nordkorea sieht das natürlich sehr anders aus als bei uns heute, aber auch anders als im Großbritannien der 1930er Jahre. Die Möglichkeit ist zwar da, aber nicht das Bewusstsein um sie und damit auch nicht das Bewusstsein um das Recht. Für die Menschen ist es immernoch eine Gnade, den Führer zu sehen und noch eine größere Gnade ihn zu hören (die größte Gnade ist es wahrscheinlich, ihn bei einer vor-Ort-Anweisung zu treffen).  Die Medien haben damit eine vollkommen andere Funktion als bei uns. Sie sind nicht ein Mittel um den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern sie sind ein Mittel der Macht ihre Gnade zu zeigen. Daher liegt es in Nordkorea natürlich auch nicht beim Volk, zu fordern was und wann etwas gezeigt wird, sondern es liegt bei der Macht, wann sie etwas gibt und was sie gibt. Und wenn Kim Jong Un stottern würde, dann würden die Menschen eben vorerst nicht die Gnade erfahren seine Stimme zu hören. Und wer ihn stottern gehört hätte, der würde sich hüten darüber zu sprechen.

Als Kim Jong Ils Körper 2008 quasi ins Stottern kam und nicht mehr wirklich funktionierte, da hat man rund um die Welt diskutiert, was mit ihm los sei und was passieren würde. In Nordkorea muss die Wahrnehmung vorgeherrscht haben, dass der Führer dem Volk eben nicht die Gnade erwiesen hat, sich zu zeigen. In einer Gesellschaft, die ihr Recht an ihrer Führung kennt, wäre sein Erscheinen viel schneller nötig geworden.

Ich glaube für das Funktionieren des nordkoreanischen Staates ist es ungemein wichtig, dass die Bevölkerung in einem passiven Status als Gnadenempfänger verbleibt und nicht in einen aktiven selbstbewussten Status der Rechtseinforderer kommt. Wenn dieser Schritt bei breiten Teilen der Bevölkerung gegangen ist, dann ist das System in seiner jetzigen Form langfristig nicht mehr zu halten. Die Medien sind bisher eigentlich mehr Symptom als Verursacher dieses Zustandes. Es ist klar, dass die mediale Information des Regimes quasi alternativlos sein muss, denn sonst zeigt sich den Menschen die Möglichkeit und es ist Teil der menschlichen Natur, das Mögliche auch irgendwann als Recht einzufordern. Mit den klassischen Massenkommunikationsmitteln Print, Fernsehen und Radio ist es auch noch relativ einfach, die Bevölkerung in einer Position als Gnadenempfänger zu belassen, denn alle drei Medien verurteilen den Rezipienten zu fast totaler Passivität (man kann entscheiden ob an oder aus, bzw. ob man die Inhalte des Tages liest oder nicht, das wars). Anders könnte das mit digitalen Medien sein, auch wenn man sich den Zustand eines gänzlich vom Internet abgeschirmten Intranet vorstellt. Diese Medien beenden in Teilen die Passivität, zu der man zuvor verurteilt war. Man kann selbst auswählen, wonach man sucht und man wird dadurch zu einem selbstbewussteren Individuum, das die Informationen anfordert, die es braucht. Dadurch könnten sich die Idee und das Bewusstseins um die Möglichkeit des Forderns von Informationen in vielen Köpfen verankern.

Ich weiß, dass sich der Kram ein bisschen abgehoben anhört und vielleicht ist das auch einfach nur Quatsch. Aber ich fand es schon immer kaum verständlich, wie anders die Rolle der Medien in Nordkorea im Gegensatz zu unserem Land und dem allergrößten Teil der Welt ist. Ich finde es sehr erstaunlich, dass Kommunikationsinstrumente die so unglaublich großes Potential zur Demokratisierung von Gesellschaften haben, auch in der heutigen Zeit noch für das Gegenteil genutzt werden können. Ich glaube so etwas kann nur in einer Gesellschaft funktionieren, die nicht um die Möglichkeiten der Medien weiß. Ich glaube deswegen taugen die klassischen Medien in unseren westlichen Gesellschaften auch nicht mehr zu so einem Missbrauch durch Staaten, wie das in Nordkorea stattfindet. Wir kennen die Möglichkeiten, wir kennen die Risiken und wir kennen unsere Rechte, die wir nicht ohne weiteres dauerhaft  abtreten werden. Ich glaube, dass es langfristig ein Weg ist, Nordkorea auf den Weg zu einer freieren Gesellschaft zu bringen. Die Menschen dort müssen lernen was ihre Möglichkeiten im Bezug zum Regime sind, dann werden sie früher oder später auch ihre Rechte einfordern. Ich glaube dieser Prozess hat schon seit Jahren begonnen. Er kann noch lange dauern, aber so oder so werden die Menschen früher oder später Rechte bekommen. Entweder sie nehmen sie sich, oder sie werden ihnen gegeben.

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