Der Fluch der bösen Tat — Warum Kim Jong Il nichts aus Gaddafis Ende lernen kann: Er wusste schon alles…

In letzter Zeit erscheint in den südkoreanischen Medien alle paar Tage ein Artikel, die Bezüge zwischen dem Schicksal Muammar al-Gaddafis und Kim Jong Ils Herrschaftshandeln und seinem „Sicherheitsempfinden“ herstellen. Wer aber tatsächlich glaubt, dass Kim Jong Il und seine Handlanger sich nun bibbernd in ihren Palästen verkriechen und ihr Handeln immer unter dem Gedanken: „Mir darf nicht das selbe zustoßen wie Gaddafi“ planen und umsetzen der springt wohl etwas zu kurz (und wer sich permanent darüber wundert, dass Nordkoreas Medien nicht über Gaddafis Tod berichten, der sollte sich mal fragen, ob er nichts besseres zu tun hat (wenn KCNA etwas über den Tyrannenmord schreiben würde, dann wäre das berichtenswert)). Mit Sicherheit ist in Pjöngjang das Ende Gaddafis aufmerksam beobachtet worden und mit Sicherheit haben sich einige Leute in der obersten Führungsebene einige Gedanken darum gemacht. Zu weitreichenden Verhaltensänderungen dürfte das aber nicht geführt haben, denn im Endeffekt konnte man in Pjöngjang nichts aus dem libyschen Bürgerkrieg lernen, das im Regime nicht ohnehin schon bekannt war und in Teilen das bisherige und auch künftige Handeln des Regimes mitbestimmen wird.

Widerstand schon in den Anfängen ersticken…

Am Anfang von Gaddafis Sturz stand Widerstand aus der Bevölkerung, der in manchen Teilen des Landes um sich griff und dazu führte, dass die Kontrolle über Bengasi, das ohnehin vom Regime misstrauisch betrachtet wurde, verlorenging. Kim dürfte daraus die einfache Lehre ziehen, dass es erst garnicht soweit kommen darf, dass sich gerade in wenig zuverlässigen Landesteilen Widerstand organisiert. Gerade dort ist es für das Regime also wichtig, die Überwachung aufrechtzuerhalten und Widerstand schon zu ersticken, bevor er sich zu einer organisierten Bewegung entwickelt. Natürlich lässt sich nicht wirklich eine Einschätzung treffen, ob dies alles noch gut funktioniert, aber da in den vergangenen Jahren kaum über Proteste berichtet wurde (eigentlich gab es nur im Zusammenhang mit der Währungsreform unbestätigte Berichte über offenen Widerstand) scheint der Kontroll- und Unterdrückungsapparat bisher erfolgreich jeden glimmenden Funken auszutreten.

…die Führungsebene zusammenhalten und…

Nachdem deutlich wurde, dass die Proteste nicht schnell erstickt werden könnten, liefen einige hochrangige Vertreter von Gaddafis Regime zur Opposition über. Sie brachten u.a. militärisches Know How und wohl auch Kontakte ins Ausland mit. Kim weiß, dass er seine Führung zusammenhalten muss und unsichere Kantonisten eine Bedrohung für das Überleben seines Regimes darstellen können. Gerade in Phasen des Aufruhrs ist der Verlust hochrangiger Kader an den Gegner ein destabilisierender Faktor. Gleichzeitig ist es für hochrangige Vertreter des Regimes sehr verlockend, überzulaufen, sobald sie die Chance/Gefahr wittern, dass das Regime untergeht. Einerseits ziehen sie (oft im wahrsten Sinne) ihren Kopf aus der Schlinge und haben andererseits die Möglichkeit, weiterhin an prominenter (und einträglicher) Stelle die Geschicke des Landes mitzulenken. Dieses generelle Risiko dürfte auch Kim Jong Il kennen und Hinweise auf Säuberungen innerhalb des Regimes zeigen, dass die Kader einerseits unter einer scharfen Beobachtung stehen dürften und andererseits unter ständigem Druck stehen, ihre Loyalität zu beweisen. Dies dürfte es ihnen auch sehr schwer machen, einen Widerstand von oben zu organisieren (sie haben ja einen ziemlich fetten Spatz in der Hand, während die Chancen auf die Taube auf dem Dach mit erheblichen Risiken verbunden sind). Die Motivation dazu dürfte hauptsächlich dann entstehen, wenn man sich ohnehin in Gefahr sieht, Opfer einer Säuberung zu werden.

…die Ausländer draußen

Vermutlich waren beide vorher genannten Faktoren notwendig, um Gaddafis Ende zu ermöglichen. Allerdings hätten sie wohl nicht zum Erfolg geführt, wenn nicht die NATO sich als Luftwaffe und Waffenlieferantin der Rebellen eingebracht hätte. Die letzte entscheidende Lehre, die Kim Jong Il aus Libyen hätte ziehen können ist also: Das Ausland vom Konflikt fernhalten. Unter diese Kategorie fällt wohl unter anderem Nordkoreas Nuklearprogramm, für das ich ja auch schon gewisse Lehren des Kim Regimes diskutiert habe, aber auch insgesamt das hohe Maß an Unberechenbarkeit und Drohpotential, dass das Regime aufbieten kann. Staaten die möglicherweise in Frage kämen in Nordkorea zu intervenieren können nur schwer einschätzen, was in Folge einer solchen Intervention geschehen würde. Würde Seoul in Schutt und Asche gelegt werden? Würde Nordkoreas Raketenarsenal gegen Südkorea, Japan und die US-Basen in beiden Ländern eingesetzt werden? Was könnte das Regime noch aufbieten, von dem man nichts weiß? Unter den aktuellen Gegebenheiten ist kaum ein Szenario vorstellbar, unter dem ausländisches Militär eine humanitäre Intervention in Nordkorea wagen würde. Mit der Weiterentwicklung des Nuklearprogramms nimmt die Wahrscheinlichkeit für so etwas künftig noch weiter ab.

Der Fluch der Bösen Tat

Wie gesagt: Eigentlich hält sich Kim Jong Il ohnehin schon recht genau an das Handbuch für Diktatoren und das Ende Muammar al-Gaddafis dürfte ihm höchstens dahingehend eine Lehre gewesen sein, dass man niemals weich werden darf, wenn man nicht heimlich irgendwo in der Wüste verscharrt bestattet werden will. Da Kim bisher keine Zeichen von Weichheit gezeigt hat, dürfte er sich seiner Sache relativ sicher sein und nur begrenzte Angst davor haben, dass in naher Zukunft Volksmassen gegen ihn aufstehen, seine Gefolgschaft überläuft und andere Staaten Bomben auf sein Territorium werfen. Es ist zwar eine unangenehme Wahrheit, aber der Fluch der bösen Tat hat das Regime in Pjöngjang definitiv zu einem Punkt gebracht, an dem es für viele kein Zurück mehr geben kann. Die einzige Möglichkeit die die Herrschenden in noch haben, ihr restliches Leben in Freiheit und Luxus (und vor allen Dingen lebendig) zu verbringen, ist immer weiter so ziemlich alles mit Füßen zu treten, was in unserer Welt so an Normen und Werten zu finden ist. Die Ereignisse in Nordafrika zeigen: Wer damit aufhört verliert früher oder später ganz sicher; Wer es nicht tut nur vielleicht…

2 Antworten

  1. Kim Jong Il scheint sein Volk im Griff zu haben, eine Revolution wie in Libyen z.B., nur sehr schwer vorstellbar.

    Aber vielleicht kommt ja die Revolution in einem anderen Gewand daher, im Kriechgang sozusagen, über viele Jahre hinweg.

    tollstoii

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