Warum die EU und Nordkorea vor einem ähnlichen Dilemma stehen — Über die ambivalente Natur von Märkten

Gestern habe ich mich mal wieder beim Nachrichtenhören ziemlich aufgeregt. Das passiert in letzter Zeit irgendwie recht häufig und das nervt mich ein bisschen. Meistens hat es etwas damit zu tun, dass gerade mal wieder dieser oder jener vorgeschlagen hat dies oder das zu tun, um die Märkte zu beruhigen, dass die Märkte von diesem oder jenem Ereignis beruhigt sind — oder beunruhigt, oder dass dieser oder jener besonders Schlaue ankündigt, dass dieses oder jenes Vorgehen die Märkte beunruhigen könnte, um so dieses Vorgehen schon vorab zu disqualifizieren.

Staatsgewalt vs „Marktmacht“. Wer bestimmt und wer folgt?

Warum ich Staatsgewalt OK finde und „Marktmacht“ nicht…

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin ganz froh, dass es Märkte gibt und das ich mich nicht zum Brotkaufen in der Schlange am Warenverteilungspunkt 63 (oder so) einreihen muss. Aber irgendwie fühle ich mich nicht besonders wohl dabei, wenn meine gewählten Volksvertreter ihr Handeln mehr und mehr damit begründen, dass es den Bedürfnissen der Märkte entsprechen muss. Was ist denn das bitte für eine Souveränität, wenn alle Staatsgewalt die unter Anderem von mir ausgeht, sich nur nach einem Willen richtet, der weder von mir kommt, noch von der Mehrzahl der anderen  Konstituente dieser Gewalt. Da könnte man ja irgendwie ins Grübeln kommen, ob ich hier dem Richtigen meinen Teil dieser Kraft abtrete, oder aber, ob die geballte Staatsgewalt (die vom Volk kommt) einfach nicht ausreicht, diesem anderen (nicht Volks-) Willen zu widerstehen.

Radikal? Irgendwie. Aber angemessen

Nach wie vor glaube ich, dass die Staatsgewalt viel bewegen kann und das wir kluge Leute bestimmt haben, die diese Gewalt steuern. Allerdings frage ich mich, ob man die Macht die man bekam nicht langsam mal einsetzen sollte und wenn das hieße, den Märkten, die ja scheinbar weder an Volk, noch am Staat ein wirkliches Interesse haben, eben etwas von der Staatsgewalt (wie gesagt, wir haben dem Staat diese Gewalt schließlich gegeben und ich frage mich, was denn bitte stärker sein soll, als die Macht Gesetze zu erlassen und damit die Regeln von sehr vielem zu bestimmen) anzutun. Das klingt irgendwie erschreckend radikal, aber da sollte die Gegenfrage erlaubt sein, ob es nicht auch radikal ist, wenn der Erfolg des europäischen Projekts in Frage steht, an dem unser Staat schon seit Jahrzehnten engagiert an vorderster Front mitgearbeitet hat, und das uns in erster Linie mal Wohlstand, Frieden und auch Erleichterungen im alltäglichen Leben gebracht hat (Vielleicht sehen das manche anders, das ist jedem selbst überlassen.). Ist es nicht irgendwie radikal, wenn Leute hungern oder ohne Strom leben müssen, nicht weil zu wenig von beidem da ist oder die Leute keinen Zugang hätten, sondern weil die Preise zu hoch sind, aufgrund von Befindlichkeiten (wahrscheinlich ist das Wort mittlerweile auch nicht mehr zutreffend, sondern eins, das ich noch nicht kenne, weil ich nicht weiß wie man das zufällige agieren in Folge von Computergesteuerten Algorithmen nennt) irgendwelcher Märkte?

Der Bogen: Was hat das mit Nordkorea zu tun?

Aber das ist natürlich alles nicht mein eigentliches Thema. Denn es hat nur sehr indirekt mit Nordkorea zu tun. Hat es? Gibt es da nicht irgendwelche erstaunlichen Ähnlichkeiten, die die aktuelle Lage der EU (und der Welt) mit dem Geschehen in Nordkorea in engerem Bezug erscheinen lässt, als man das denken sollte? Ich meine ja. Und all das über ich mich oben  echauffiert habe, hat irgendwie damit zu tun.

Die EU und die Märkte

Die Märkte als Bedrohung

Schauen wir uns die Lage in der EU an. Die Märkte scheinen momentan übermächtig zu sein, sie agieren aufgrund von Regeln die in keinem Gesetzbuch (und leider auch keinem wirtschaftswissenschaftlichen Standardwerk) stehen. Ihr Handeln wächst sich mehr und mehr aus zu einer Bedrohung der gemeinsamen europäischen Währung, aber solangsam kommt auch die Frage auf, ob sich die Krise nicht zu einer existentiellen Gefahr für die Europäische Union an sich entwickelt. Ein zentrales Bestandteil dieser Krise sind die Märkte, denn hey, wenn Griechenland sich keine Sorgen machen müsste, in Zukunft noch Geld zu einem erträglichen Zinssatz aufnehmen zu können, dann wäre die Zeit da, das Land wirtschaftlich aufzubauen und zukunftsfähig zu machen. Allerdings bekommt Griechenland (und wer weiß wer in Zukunft noch alles nicht) kein Geld mehr zu erträglichem Zinssatz. Wenn die Wirtschaft des Landes nicht mehr zu retten wäre, dann müsste man über kurz oder lang über einen Ausfall der Tilgung nachdenken. Einige Banken müssten einige (oder viele) Milliarden abschreiben und würden Verluste machen. Ärgerlich, aber kein Weltuntergang, aber scheinbar hat man auch in den Banken soviel Angst vor den Märkten (obwohl sie Hauptkonstituenten sind), dass man schon vorher die Arbeit einstellt, seinen Job nicht mehr macht, nämlich Geld zu verleihen und hofft, dass die Märkte einen nicht auffressen. Das kann alles zu Entwicklungen führen, die den Euro, die EU und auch die Staatsform einiger Länder ins Wanken bringen. Kurz, die Märkte sind eine Bedrohung.

Die andere Seite der Medaille: Wohlstand und Stabilität durch Märkte

Aber jetzt zur anderen Seite der Medaille. Wo wären wir wohl heute ohne diese Märkte. Glaubt ihr, dass dann eine der schlimmsten Volkskrankheiten Fettleibigkeit wäre und wir das Wort Unterernährung nurnoch aus Nachrichten von anderen Kontinenten kennen würden? Glaubt ihr es gäbe all das, das uns unser Staat an sozialer Absicherung bietet? Glaubt ihr, wir würden dann wirklich von Geldsorgen sprechen, wenn wir uns nur noch alle zwei Jahre einen Urlaub auf einem anderen Kontinent leisten könnten? Kurz, glaubt ihr, wir hätten uns so gemütlich in unserem Wohlstand einrichten können und würden uns mit unseren Staatsformen in Europa im Großen und Ganzen so zufrieden fühlen, ohne die Märkte? Also ich glaube es jedenfalls nicht und ich glaube es spricht vieles dafür, dass ich damit nicht alleine bin.

Alles hat seinen Preis! Gerade auf Märkten…

Man kann also sagen, dass die Märkte auf der einen Seite die Ursache für den Wohlstand und vor allem die Stabilität in unserem Land sind und dass unsere Staaten die Märkte brauchen, um uns das alles zu gewähren und uns davon zu überzeugen, hinter den Staaten zu stehen. Andererseits stellen die Märkte eine Bedrohung für unsere Staaten dar und können unseren ganzen schönen Wohlstand und unsere schon völlig normal erscheinende Stabilität zerstören. Ich habe kein Rezept für den Umgang mit diesem innewohnenden Gegensatz (sonst wäre ich vermutlich schon reich und berühmt), aber eins ist wohl klar. Je mehr von dem Angenehmen man sich mithilfe der Märkte beschaffen will, desto größer wird auch die Gefahr, dass sie all das wieder verschlucken. Vielleicht sollte man sich daher mal Gedanken darum machen, wieviel des tatsächlichen Wohlstandsgewinn eine Gesellschaft braucht um zufrieden zu sein (ich glaube vor 30 oder 40 Jahren war es noch nicht normal, alle zwei drei Jahre seinen kompletten Bestand an Haushaltselektronik zu ersetzen, weil das Ander veraltet war. Und ich glaube damals hat man auch manchmal Klamotten geflickt und nicht alles weggeworfen und neu gekauft) aber ich weiß, dass die Idee reichlich idealistisch ist…

Das aktuelle Verhältnis von Märkten und Staaten in Europa im Schnelldurchlauf

 

 

 

 

Nordkorea und die Märkte

Kontrollverlust und Ideologiezersetzung durch Märkte

Aber jetzt zu Nordkorea. Auch da gibt es ein Problem mit Märkten. Kurz gesagt widersprechen Märkte der Grundlage der nordkoreanischen Staatsidee. Märkte setzen privaten Besitz voraus, was es dort eigentlich nicht geben sollte und Märkte sorgen dafür, dass die nordkoreanische Gesellschaft ungleich wird, denn die die es sich leisten können (und die teilweise ihr Geld mit und durch die Märkte verdienen), können sich Dinge kaufen, die anderen, die nach den Maximen der Ideologie leben, nie zur Verfügung stehen werden. Durch das Entstehen von Märkten verliert der nordkoreanische Staat aber vor allen Dingen zunehmend die Kontrolle, die er bis Anfang der 90er Jahre über die Menschen hatte. Bis dahin kamen Arbeit, Bildung, Nahrung und Konsumgüter allesamt vom Staat und im Idealfall hätte sich der Ottonormalbürger wohl um nichts selbstständige Gedanken machen müssen, weil das immer der Staat für ihn tat. Wenn Märkte da sind, kommen Nahrung und Konsumgüter vielleicht von dort und vielleicht gibt der Markt sogar auch die Arbeit. All das ist außerhalb der Kontrolle des Staates und der Eine oder Andere Nordkoreaner, bei dem das so ist, mag sich fragen, wozu der Staat denn da ist, wenn nichts von dort kommt, außer Eingrenzungen und Repressionen. Kurz, die Märkte bedrohen die Kontrolle des nordkoreanischen Staates über seine Bürger und damit die Stabilität.

Überleben und Überdecken von Frustration durch Märkte

Gleichzeitig gelingt es dem Staat aber nicht, den Bürgern das zu geben, was sie brauchen. Bei Nahrungsmitteln ist das oft ein absolut objektives Bedürfnis und würde es die Märkte heute nicht geben, dann sähe die Ernährungslage wohl noch viel schlimmer aus. Aber auch andere Dinge können sich die Nordkoreaner auf den Märkten besorgen. Konsumgüter, die das Leben angenehmer machen und die Zerstreuung bringen. Dinge die sie vielleicht vom Staat fordern würden, könnten sie sich die nicht auf den Märkten kaufen. Außerdem können mit Hilfe der Märkte pfiffige Leute ihren Wunsch nach Aufstieg wahrmachen, der ihnen aufgrund der starren gesellschaftlichen Strukturen des Systems vielleicht verwehrt wäre. Und was pfiffige und unzufriedene Menschen, die in ihrem aktuellen System unzufrieden sind, „anrichten“ können, hat die Geschichte ja schon hundertfach gezeigt. Aber durch die Märkte können sie ihren erwünschten Aufstieg realisieren und  sind vermutlich auch zu beschäftigt, um beispielsweise gegen das System vorzugehen.

Eine riskante Symbiose

Auch in Nordkorea also ein ähnliches Dilemma. Man braucht die Märkte, da das System ohne sie nicht mehr seine eigene Herrschaft sicherstellen kann. Gleichzeitig haben die Märkte aber eine noch größere zerstörerische Macht als im europäischen Fall, denn immerhin widersprechen sie den Grundlagen des nordkoreanischen Systems. Vor einigen Jahren glaubte man in Pjöngjang wohl noch, dass es auch ohne die Märkte gehen würde. Man versuchte die Uhr zurückzudrehen und alle Freiheiten, die sich die Märkte (mit ihrer unsichtbaren Hand (lange nichts mehr von der gehört)) in den Jahren der Krise selbst geschaffen hatte und die durch die Juli-Reformen dann nachträglich legalisiert wurden, wieder abzuschaffen. Aber es ging nicht mehr. Die Märkte sind da und sie bleiben und noch nicht einmal eine Währungsreform kann ihnen das Wasser abgraben. Das Regime in Pjöngjang wird nie wieder der Gewährer von allem sein, das die Bürger brauchen, ein Stückweit sind die Nordkoreaner mündig geworden. Ich glaube das hat man in Pjöngjang akzeptiert und versucht nun mit den Märkten eine neue symbiotische Beziehung bilden, die Staat und Märkten ein Existenzrecht gewährt, aber dem Staat in einer steuernden Position lässt. Damit hat sich das Regime Zeit verschafft.

Märkte sind in Nordkorea angekommen

 

 

Kultivieren und kontrollieren

Aber wenn Pjöngjang mal etwas genauer über die häufig triumphal klingenden Berichte über das Ende des Kapitalismus nachdenken würde, dann würde es den Obersten vermutlich bange werden. Denn wenn sich Märkte sogar gegen Systeme wenden, die sie willkommen heißen, fördern und bewirten, was werden sie dann erst mit Staaten machen, die sie nur missbilligend dulden?

Ich habe weder für Pjöngjang noch für Brüssel ein Rezept, wie man mit den Märkten umgehen sollte und wie man dafür sorgen kann, dass die ihre Schattenseiten nicht so unerbittlich hervortreten, wie das aktuell in Europa passiert. Für den Machterhalt des Regimes in Pjöngjang war es ein unerlässlicher Schritt, die nicht wieder rückgängig machbare Existenz der Märkte einzugestehen. Das sagt allerdings nichts darüber aus, ob es dem Regime künftig gelingen wird, die Märkte gleichzeitig zu kontrollieren und zu kultivieren und dabei noch die ideologischen Spalten zu verdecken, die dies reißt. In Europa wird man früher oder später versuchen müssen, das fette Monster, das man jahrelang gemästet hat, bevor das Futter ausging und das Vieh auf einmal Hunger auf die Mäster bekam, wieder abzuspecken. Danach ist das Rezept ein ähnliches wie in Pjöngjang. Kontrollieren und kultivieren.

Die einzige Lehre, die ich für mich aus der Erkenntnis ziehe, dass Märkte sowohl in Nordkorea als auch in der EU sowohl Systembedrohenden, als auch systemstützenden Charakter habe ist die, dass beides innwohnende Eigenschaften von Märkten sind und dass man in Zukunft vielleicht etwas mehr Gedanken darauf verwenden sollte, wie man beides in der Balance hält.

 

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