Erneute Bootsflucht: Lee Myung-bak erlässt Maulkorb — Von „gefühlten“ und realen Flüchtlingszahlen

In den letzten Wochen und Monaten gab es ja wiederholt Berichte über die Bootsflucht nordkoreanischer Gruppen (und Proviant?), die den sonst relativ selten gewählten Seeweg nahmen. Diese Vorfälle werden von den Medien gerne aufgenommen. Das hat wohl damit zu tun, dass das scheinbar weniger leicht in aller Stille abzuhandeln ist, als das Verfrachten derjenigen Flüchtlinge nach Südkorea, die sich auf dem Landweg zu südkoreanischen Botschaften in Südostasien durchgeschlagen haben. Vielleicht ist das Bootsflüchtlingsthema auch interessanter, weil die Vietnamesischen Boat-People vielen Menschen in Erinnerung sind und das dann besser zu transportieren ist. Außerdem lässt sich aus der Mehrzahl der Berichte über solche Fluchten auch die Wahrnehmung erzeugen, dass es um den nordkoreanischen Staat vielleicht doch schlechter steht als gedacht. Einerseits scheinen mehr Menschen fliehen zu wollen (es wird jedenfalls mehr darüber berichtet) andererseits scheint es dem Regime in Pjöngjang nicht (mehr) zu gelingen, dies durch eine effektive Überwachung der Seegrenze zu verhindern.

Zeichen für einen Kontrollverlust des Regimes?

Tatsächlich könnte man es als Zeichen einer bröckelnden Kontrolle sehen, wenn es dem Regime in Pjöngjang tatsächlich schlechter gelänge, die eigenen Grenzen abzuriegeln und wenn gleichzeitig mehr Menschen fliehen würden. Nur wissen wir beides nicht wirklich. Nach den Zahlen (leider nur bis 2010) des südkoreanischen Ministry of Unification, war zwar im vergangen Jahrzehnt ein deutlich ansteigender Trend zu verzeichnen, der 2009 mit knapp 3.000 in Südkorea eingetroffenen Flüchtlingen seinen Höchststand erreichte. Außerdem sank diese Zahl von 2009 auf 2010 um etwa 500. Was das Abriegeln der Seegrenze angeht, so ist es allerdings auffällig, dass es in letzter Zeit scheinbar mehr Gruppen gelingt, die Grenzer zu passieren. Jedoch weiß man auch nicht genau, ob solche Fälle nicht früher stillschweigender gehandhabt wurden und die Lee Regierung eine andere „Informationspolitik“ ausprobiert hat oder zumindest mehr Toleranz gegenüber der Weitergabe solcher Informationen zeigte.

Lee will Diskretion: Maulkorb für Behörden

Damit scheint es nun vorbei zu sein. Lee Myung-bak war mit den Ergebnissen der breiten Medienberichterstattung der Flucht einer Gruppe nach Japan wohl alles andere als angetan. Das Bekanntwerden des Vorfalls führte nämlich zu wiederholten Forderungen aus Nordkorea, die Flüchtlinge zurückzugeben, was die ohnehin angespannten Beziehungen auch nicht gerade entlastete. Daher scheint man in der südkoreanischen Regierung zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es besser sei, solche Fälle künftig wieder in aller Stille zu behandeln. Nach der jüngsten Bootsflucht verpasste Lee Berichten zufolge allen Behörden die damit zu tun hatten einen Maulkorb und für den National Intelligence Service (NIS) dem Geheimdienst, der vorrangig für die Handhabung der Fälle zuständig zu sein scheint, gab es noch einen Extrarüffel für die wiederholten Lecks in den Reihen des Dienstes. Gut möglich also, dass die „gefühlte Flüchtlingszahl“ in Zukunft wieder etwas abnehmen wird.

Es geht auch still: Der Fall Sol Jong-sik

Dass man durchaus in der Lage ist auch spektakuläre Fälle zu handhaben, ohne dass das in der Öffentlichkeit allzusehr breitgetreten wird, zeigt der Fall von Sol Jong-sik, der bis zu seiner Flucht 2009 in der Provinz Ryanggang der League of Kim Il-sung Socialist Working Youth (einer der bedeutenden „Jugendorganisationen“ (das ist ja immer so eine Sache mit der „Jugend“ in sozialistischen Ländern)) vorstand. Die Flucht dieses nicht unbedeutenden Mannes blieb der südkoreanischen Öffentlichkeit eineinhalb Jahre verborgen. Die Abschließende Bestätigung gab es erst im September dieses Jahres, als bekannt wurde, dass Sol künftig für den NIS arbeiten soll.

Zusammenhang zwischen gefühlten und realen Flüchtlingszahlen?

Es wird jedenfalls interessant sein zu sehen, ob die Berichterstattung über spektakuläre Fluchten aus Nordkorea abnimmt. Gespannt bin ich auch auf die Flüchtlingszahlen von 2011 um zu sehen, ob es einen Zusammenhang zwischen der „gefühlten“ Flüchtlingszahl und der realen gibt. Dann sollten es dieses Jahr nämlich deutlich mehr Menschen sein die es nach Südkorea geschafft haben. Interessant auch, dass Lees Maulkorberlass gerade jetzt kam, nachdem immer mehr über einen Richtungswechsel seiner Politik gegenüber Nordkorea diskutiert wird. Das würde ja passen.

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