Südkorea macht ein großes Fass auf: Alle nordkoreanischen Flüchtlinge sollen direkt aus China ausreisen

Vor ein paar Wochen habe ich ja über eine Gruppe nordkoreanischer Flüchtlinge berichtet, die von China nach Nordkorea deportiert werden sollte. Dies dürfte das Standardverfahren sein, dem die Staaten folgen. Allerdings lief dieses Mal eine Kampagne in Südkorea an, der sich letztlich auch die Regierung anschloss und die Berichten zufolge bewirkte, dass Peking einwilligte, die Flüchtlinge nach Südkorea ausreisen zu lassen. Dass der Druck auf Peking Wirkung gezeigt hat, scheint die Regierung in Seoul zu beflügeln. Gestern berichtete jedenfalls Yonhap, dass Südkoreas Vereinigungsminister Yu Woo-ik bei einem Besuch in Peking gegenüber dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi das Flüchtlingsthema generell angesprochen habe:

Unification Minister Yu Woo-ik sought cooperation from Chinese Foreign Minister Yang Jiechi to ensure that „North Korean defectors can quickly come to South Korea based on their free will.“ [Vereinigungsminister Yu Woo-ik erbat die Kooperation von Chinas Außenminister Yang Jiechi um sicherzustellen dass „nordkoreanische Flüchtlinge ihrem freien Willen entsprechend schnell nach Südkorea kommen können“.]

Weitgehende Forderung

Diese Forderung geht sehr weit und dürfte Chinas Mächtigen nicht gut schmecken. Generell versuchte man in der Vergangenheit das Thema der Deportation nordkoreanischer Flüchtlinge mit relativ weitgehendem Erfolg vom Bewusstsein der Weltöffentlichkeit fernzuhalten. So zeigte der oben genannte Fall, dass China unter Druck lieber nachgab und ein bisschen Ärger mit Pjöngjang in Kauf nahm, als das Thema länger in den Medien und damit im Blick anderer Regierungen zu haben. Mit Südkoreas Vorstoß steht China nun aber trotzdem in einer unangenehmen Ecke, denn so einfach lässt sich dieses Ansinnen Seouls nicht mehr aus der Welt schaffen. Es wurde immerhin von hoher offizieller Stelle öffentlich an einen chinesischen Minister gerichtet.

Für China inakzeptabel

Nun könnte man natürlich sagen: „Kein Thema! Ab jetzt reisen alle nordkoreanischen Flüchtlinge ab Shenyang direkt nach Seoul und das Thema ist gegessen.“ Allerdings dürften daran noch weitergehende strategische Erwägungen hängen. Vor allem die Ungewissheit was passieren würde, wenn man sich dazu bereitfände. Denn wer sich an den Fall der innerdeutschen Mauer erinnert, der wird sich auch erinnern, welche Dynamiken sich rasend schnell entfalten können, wenn die „Fluchtbarriere“ niederschwelliger wird. Es ist zwar nicht sicher, dass Kim Jong Ils Regime bei einer geänderten Politik Chinas von einer Fluchtwelle davongespült würde, aber es ist eben auch nicht sicher, dass dies nicht geschehen wird. Eine solche unberechenbare Situation will Peking nicht in Kauf nehmen und es hat schon viel diplomatisches wie reales Kapital aufgewandt, um plötzliche Destabilisierungen Nordkoreas zu verhindern. Daher ist es China unmöglich dem Ansinnen Yus nachzukommen.

Was Seoul davon hat und was nicht

Das muss eigentlich auch die Regierung in Seoul wissen und wenn sie nicht entgegen eigener Aussagen auf einen Zusammenbruch des Regimes hofft, dann kann sie auch nicht ernsthaft wollen, dass China die Ausreise von nordkoreanischen Flüchtlingen möglich macht. Gleichzeitig müsste Seoul bewusst sein, dass China es nicht eben schätzt gebrandmarkt und in unangenehme Situationen gebracht zu werden. Das hat Yu allerdings getan und sicherlich nicht zur Freude Pekings.

Ich versteh das nicht…

Warum also die Übung? Ich kann es mir nicht genau erklären, aber vielleicht wollte Seoul einfach seine Verhandlungsposition verbessern. In Zukunft könnte man dann, wenn man Flüchtlinge freibekommen will oder irgendetwas anderes aushandeln möchte, immer schön darauf hinweisen, dass man die Flüchtlingsfrage auch gerne wieder an die große Glocke hängen kann. Aber ob das schon Alles ist?

…und ihr?

Was meint ihr? Würde sich die Lage von Kim Jong Ils Regime grundlegend ändern, wenn China eine direkte Ausreise nordkoreanischer Flüchtlinge ermöglichen würde (quasi ein Mauerfalleffekt), oder würde Pjöngjang das irgendwie abfedern können? Und was glaubt ihr hat es mit dem Vorstoß Yus auf sich? Will er Kims Regime tatsächlich destabilisieren oder steckt etwas Anderes dahinter?

4 Antworten

  1. Da der Leidensdruck in der damaligen DDR wohl weit geringer war als im gegenwärtigen Nordkorea, denke ich, dass eine Änderung der chinesischen Haltung zu nordkoreanischen Flüchtlingen mittelfristig (bis es sich im Lande rumgesprochen hätte) eine Lawine der Destabilisierung des Systems auslösen würde.
    Nordkorea müsste dann, um dies aufzuhalten, die Durchlässigkeit der Grenze zu China stark einschränken, was (aus DDR Zeiten bekannt) massive Mittel verschlingt und den wirtschaftlichen Zustand des Landes noch mehr verschlimmern würde.
    Die Spirale des Niederganges würde sich damit immer schneller drehen und wohl letztlich im Untergang des Systems enden.

    • Hey repi, danke für den Kommentar. Das sehe ich ungefähr genauso wie du. Aber das dürfte auch allen Akteuren bewusst sein und daher geht es dabei wohl nur um Druck und Verhandlungsmasse, denn es ist klar, wenn China darauf einginge, dann könnte es schnell ungemütlich werden in der Gegend…

  2. Hallo Tobias,
    vielleicht ist es ja von mir nicht weit genug gedacht, aber ich würde es einfach unter den Begriff „Rhetorik“ vermerken.
    Seoul ist sich im Klaren, dass es nichts bringt, weil Bejing nicht drauf eingehen kann, aber es klingt gut! Stehen zufällig Wahlen oder Ähnliches in Südkorea an??
    Auf Deine Frage, ob sich fürs Regime in Nordkorea etwas ändern würde wenn…?
    Wenn die Flüchtlinge via China ausreisen dürften, wäre die DPRK ganz schnell Geschichte und Südkorea hätte ein echtes Problem.

  3. Es wird bestimmt einen Massiven Flüchtlingstrom geben…….die Frage ist wohl nur ob Pjöngjang die Mittel hat, die Grenzen zu verstärken. Da wäre dann nur noch die Sache mit den Korrupten Beamten.

    Wird es eigentlich Wirtschaftlich unter Kim Jong Il noch jemals bergauf gehen?

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