UPDATE: Nordkoreas bescheidenerer „sea of fire“: Botschaft oder Aufmerksamkeitsökonomie?

Update (29.11.2011): Kim Myong-chol, der Meister der humoristischen Propaganda, der dankenswerterweise öfter mal was in der Asia Times Online veröffentlicht, hat ebendies heute mal wieder getan und dabei den jüngsten „Sea of fire“ Artikel von KCNA aufgegriffen. Der Kerl hat es einfach drauf, auch an nebeligen Kalten Ekeltagen ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Kim hat seinen Artikel anlässlich des Jahrestages des Angriffes auf die Insel Yonpyong verfasst und zählt fünf Lehren auf, die Südkorea und die USA aus dem Zwischenfall ziehen können. Eigentlich das Übliche: Apokalypse, Zerstörung, Untergang, sollten sie sich nicht respektvoll gegenüber Nordkorea verhalten und ihre Provokationen nicht unterlassen. Auch wieder mit dabei: Knackige Originalzitate von Kim Jong Il und Kim Jong Un (wie original sie sind, weiß leider niemand, aber Kim wäre schon mutig, der Führerfamilie einfach irgendwas zuzuschreiben).

„If the Americans were to intercept our satellite-launch rocket, our armed forces shall lose neither time nor mercy in destroying the enemy forces and simultaneously go to the heart of the enemy.“ – Kim Jong-eun

[Sollten die Amerikaner unsere Rakete zum Start eines Satelliten abfangen, soll unser Militär keine Zeit verlieren und keine Gnade bei der Zerstörung der gegnerischen Truppen bis ins Herz des Feindes walten lassen. – Kim Jong Un]

„Kim Jong-eun is a great wizard in military operations from asymmetrical and long-range artillery to cyberwarfare.“ – Kim Jong-il

[Kim Jong Un ist ein großer Magier im Bereich von Militäroperationen. Von asymmetrischer Kriegführung und weitreichender Artillerie bis zur Cyberkriegführung. – Kim Jong Il]

Kann es denn amüsanteres geben?

 

Ursprünglicher Beitrag (28.11.2011): Dass sich Nordkoreas Propaganda häufig einer sehr martialischen Rhetorik bedient und es damit immer mal wieder ins Blickfeld der internationalen Medien schafft, ist ja nichts Neues. Einer der Klassiker aus dieser Kategorie ist wohl der „Sea of fire(/flames)“ in den die mächtige Koreanische Volksarmee Seoul zu verwandeln droht, wenn die südkoreanischen Behörden dieses oder jenes Verhalten nicht unterlassen sollten. Mit dieser Drohung schafft es Pjöngjang regelmäßig, von der einen oder anderen Nachrichtenredaktion Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Das dürfte auch mit der Tatsache zu tun haben, dass diese Drohung nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern durch die massiven Artilleriekapazitäten Pjöngjangs nahe der innerkoreanischen ein unangenehm großes Maß an Glaubwürdigkeit besitzt.

Die „sea of fire“ Drohungen

Am vergangenen Donnerstag befleißigte sich das nordkoreanische Militär allerdings einer ungewöhnlichen „Bescheidenheit“. Entgegen der sonst gebräuchlichen Drohungen wie dieser

If the aggressors launch provocation for a „local war“ the world will witness unprecedented all-out counteraction on the part of the army and people of the DPRK. It will also see such merciless counteraction as engulfing Seoul in sea of flames, whereby to smash every move for confrontation with unimaginable strategy and tactics.

beschränkte man sich dieses Mal auf einen bestimmten Ort in Seoul:

They should be mindful that If they dare to impair the dignity of the DPRK again and fire one bullet or shell toward its inviolable territorial waters, sky and land, the deluge of fire on Yonphyong Island will lead to that in Chongwadae and the sea of fire in Chongwadae to the deluge of fire sweeping away the stronghold of the group of traitors.

Zugespitztes verbales Fadenkreuz

Die „Sea of fire“ Drohung betraf dieses Mal nur das Chongwdae, den südkoreanischen Präsidentensitz. Das finde ich irgendwie schon interessant. Zwar habe ich mich schon immer gefragt, was Pjöngjang genau mit diesen direkten Drohungen gegen Leib und Leben (mal ganz abgesehen vom Besitz) von über 10 Millionen Südkoreanern und damit von etwa einem Fünftel der Einwohner des Landes bezweckt, denn auch wenn man immer durchklingen lässt, dass dieses Feuermeer erst quasi als Zweitschlag entfesselt würde, fällt es mir trotzdem schwer zu verstehen, wie man die Bevölkerung Seouls einerseits vom ehrlichen Willen zur Wiedervereinigung überzeugen will und dann andererseits mit totaler Zerstörung droht. Allerdings konnte man das ja immer als eine Art Erinnerung an die südkoreanische Regierung und die Welt sehen, dass man Nordkorea nicht vergessen sollte und dass Pjöngjang das Potential tatsächlich besitzt, die Region jederzeit in Chaos zu stürzen.

Interpretationen der neuen „Bescheidenheit“

Dass man jetzt nur den Präsidentensitz ins verbale Fadenkreuz nimmt, kann etwas bedeuten, es kann aber auch einfach aus „aufmersamkeitsökonomischen Gründen“ passiert sein. Wenn die Drohung gegen den Präsidentenpalast eine Botschaft transportieren sollte, dann könnte man das durchaus in die Strategie der nordkoreanischen Propaganda einordnen, den Präsidenten Lee Myung-bak als illegitimen Machthaber und Feind des Volkes darzustellen. Die Botschaft wäre dann sowas wie: „Wir wollen nicht der Bevölkerung schaden (indem wir Seoul in ein Flammenmeer tauchen), sondern nur Lee, indem wir seinen Palast in ein Inferno verwandeln.“ Ich bezweifle zwar, dass diese Botschaft bei der Bevölkerung Seouls viel positiver aufgenommen wird, als die Drohung gegen Seoul insgesamt, aber Pjöngjang beweist immerhin, dass man differenziert. Vielleicht könnte man dort auch einen „wahlstrategischen“ Aspekt reinlesen. Pjöngjang wünscht sich mit Sicherheit für die kommende Legislaturperiode einen Präsidenten, der nicht von der GDP kommt. Die eher linken Vorgänger Lees, Kim Dae-jung und Roh Moo-hyun waren für Pjöngjang doch wesentlich „pflegeleichter und entgegenkommender“ als der aktuelle Präsident. Wenn man nun Drohungen gegen Seoul insgesamt ausstieße, dann gäbe man damit den konservativen Politikern Wahlkampfmunition. So aber kann die Drohung  Pjöngjangs als Reaktion auf Lee und seine Politik dargestellt werden und man kann das als Beleg dafür nehmen, dass das Regime kein Problem mit dem südkoreanischen Volk hat, sondern nur mit Präsidenten, die wie Lee Myung-bak agieren. Natürlich wird eine einzelne nicht besonders ernstzunehmende Drohung Nordkoreas nicht als alleinige Stütze in der Argumentation für eine bestimmte Nordkorea-Politik dienen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass diese Drohung ein Teil einer nordkoreanischen Kommunikationsstrategie ist, die dem südkoreanischen Volk vermitteln soll: „Wählt nicht nochmal so einen wie Lee!“. Wie gesagt: Das kann sein. Es kann aber auch sein, dass man in Pjöngjang einfach weiß, dass immergleich gecopy-pastete Drohungen und Beschimpfungen irgendwann ihren Aufmerksamkeitsbonus in den internationalen Medien verlieren (das Kind das immer „Wölfe“ geschrien hat). Daher ändert man von Zeit zu Zeit Details, über die Nachrichtenredakteure dann nachdenken können und die damit eine etwas größere Chance auf Verbreitung haben als die Standard-08/15-Drohungen und -Beleidigungen. Wer weiß das schon so genau. Interessant finde ich Nordkoreas neue „Bescheidenheit“ trotzdem.

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