Interessantes Paper von der SWP mit vier Szenarien für Nordkoreas Zukunft

Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer der wichtigsten außenpolitischen Think Tanks Deutschlands, hat ein Paper mit zehn Szenarien erstellt, die auf Konstellationen hinweisen sollen, die:

besondere politische Aufmerksamkeit verdienen, weil sie Situationen hervorbringen könnten, die deutsche und europäische Politik vor größere Herausforderungen stellen würden.

Gesteigerten Wert legt die SWP darauf, dass es sich um Zukunftsszenarien handelt. Das heißt es sind keine Voraussagen sondern einfach plausible mögliche Versionen der Zukunft (nicht mehr und nicht weniger). Diese Anmerkung machen die Autoren ganz zurecht, denn in manchen Medien werden politische Szenarien gelegentlich als erwartete Zukunft dargestellt (steigert mitunter den Sensationswert), nicht aber als eine mögliche Zukunft neben vielen anderen.

Mit Szenarien habe ich nur immer ein kleines Problem, weil man sie nicht wirklich kritisieren kann (außer wenn die Autoren totalen Mist gebaut haben), denn wie kann man schon objektiv bewerten, wie plausibel und wahrscheinlich eine mögliche Zukunft ist. Eigentlich garnicht. Außer das Szenario tritt tatsächlich ein. Dann kann der Autor sagen: “Siehste, war doch plausibel mein Szenario.” Wenn es nicht eintritt sagt er eben: “Ich habe ja nur verschieden mögliche Versionen der Zukunft dargestellt. Es ist eben anders gelaufen”. Super! Szenarien schreiben macht bestimmt Spaß. Aber natürlich haben solche Szenarien auch durchaus einen Wert (sonst würde ich euch garnicht damit belästigen) und sind nicht bloß Taschenspielertricks. Sie zeigen nämlich auf, welche unterschiedlichen Variablen auf zukünftige Entwicklungen — in diesem Fall in Nordkorea — Einfluss nehmen können (zumindest nach Ansicht des Autors des Szenarios). Jenachdem wie die verschiedenen Variablen aufeinander wirken und wieviel Gewicht sie einnehmen, kommt am Ende ein unterschiedliches Szenario raus (verkürzt gesagt).

Im Absatz: “Endspiel in Nordkorea — Was folgt auf den lieben Führer” stellt Hanns Günther Hilpert so beispielsweise vier Szenarien dar.

  1. 2012 geht die Machtweitergabe an Kim Jong Un schief, es kommt zum Bürgerkrieg (das Regime zerfällt in unterschiedliche Lager die sich bekriegen) in dessen Rahmen die Welt mit Nuklearraketen bedroht wird. Daraufhin arbeiten die USA, Südkorea und China zusammen um Nordkoreas Nuklearwaffen sicherzustellen (China) und die Artillerie die auf Seoul zielt zu zerstören (USA), was aber nicht vollständig gelingt, bevor Seoul schwer beschädigt wird. Am Ende dieses Szenarios steht wohl eine Wiedervereinigung.
  2. Der Machtwechsel hat trotz Widerständen Erfolg, in Nordkorea gibt es eine “Retotalisierung” und ein weiterer Angriff auf Südkorea (auf den dieses wiederum besonnen reagiert) wird dem brillanten Genie Kim Jong Un zugeschrieben. Im Endeffekt bleibt, was die desaströse Wirtschaftslage und die Aggressive Außenpolitik des Landes angeht, alles beim Alten.
  3. Nach einem gescheiterten Machtwechsel kommt es zu einer Liberalisierung und Öffnung gegenüber den ehemaligen Feindstaaten (v.a. Südkorea und USA) aber auch gegenüber der Weltwirtschaft. Es kommt zu schweren ideologischen Auseinandersetzungen im Inneren und die Bürger werden unruhig, weil sie merken, wie es wirklich um ihr Land steht. Gleichzeitig wird Nordkorea zunehmend abhängig vom Ausland. Nordkorea nimmt einen ähnlichen Weg wie die Sowjetunion/Russland zwei Jahrzehnte zuvor.
  4. Chinas Einfluss wächst soweit, dass sie den Nachfolger Kim Jong Ils quasi in den Sattel hebt, wonach Nordkorea quasi zum Protektorat wird. China hat davon einige wirtschaftliche Vorteile, jedoch entsteht in Nordkorea Wiederstand, der das System destabilisieren könnte. Genau das, was  China eigentlich verhindern wollte.

Nach den Szenarien gibt Hilpert einige sehr vernünftig klingende Handlungsempfehlungen an die deutsche Politik ab, wie trotz der nicht vorhandenen Einflussmöglichkeiten hinsichtlich der Situation auf der Koreanischen Halbinsel aktiv werden könnte.  So kann Deutschland als neutraler Gastgeber für mögliche semi-offizielle Gespräche zwischen den Koreas agieren. Außerdem sollte es seine Erfahrungen hinsichtlich der deutschen Wiedervereinigung teilen. Als Ansatzpunkte in Nordkorea sieht er vor Allem humanitäre Hilfen (Medizin und Lebensmittel) sowie Aus- und Fortbildung, also grob das was einige politische Stiftungen ohnehin schon betreiben. Nicht gerade innovativ, aber vielleicht sind die Möglichkeiten damit tatsächlich schon ausgereizt. Ich weiß es nicht.

Wie gesagt. An dem Text gibt es nicht viel zu kritisieren, weil ich ihn erstens ganz gut finde und weil man zweitens Szenarien eben nicht kritisieren kann. Nur eine Sache ist mir aufgefallen: Ich wüsste mal gerne, woher man so genau über den Status der Machtweitergabe in Nordkorea bescheidwissen kann. Im Text steht:

Doch anders als dem von einem Schlaganfall gezeichneten “lieben Führer” Kim Jong-il fehlt dem zum Nachfolger auserkorenen jüngsten Sohn Kim Jong-un der Rückhalt und die Vernetzung im Militär und im Polizeiapparat.

Kann sein, dass man bei der SWP wesentlich bessere Informationsquellen hat als anderswo, aber kann auch sein, dass das eher ein Vermutung nach dem Motto: “Wo soll der denn Vernetzung und Rückhalt herhaben!” ist. Denn wenn diese Annahme vom schwachen Rückhalt wegfällt, dann sind damit auch schonmal mindestens zwei der vier Szenarien ziemlich unwahrscheinlich geworden. Aber so ist das eben mit Nordkorea. Nichts Genaues weiß man nicht.

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4 Antworten

  1. Der Machttransfer zu Kim Jong Un ist sehr intensiv mit der chinesischen Seite (und danach mit den Russen) besprochen worden. Kaum genesen hat “der geliebte Führer” höchstpersönlich Söhnchen in China und Russland vorgestellt und offenbar Akzeptanz gefunden. Diese Klärung der Nachfolge mit der KPCh scheint entscheident gewesen zu sein, der Einfluss der Chinesen ist damit ganz wesentlich gestiegen.
    Tragfähige eigene Netzwerke kann Kim Jong Un kaum haben: mal eben von Vati zum General erklärt, ohne erkennbare eigene militärische Karriere… Mal eben von Vati in eine Spitzenposition gehievt, ohne erkennbar Erfahrung im Apparat von Partei (welche Bedeutung hat die eigentlich noch?), Armee oder Staat erworben zu haben. Das einzige, was Kim Jong Un zu bieten hat, ist der über Jahrzehnte aufgebaute Familienmythos “Kim”, auf dem die ganze Legitimation beruht.
    Realistisch ist daher wohl am ehesten das vierte Szenario, dass China den Machtwechsel gegen Widerstände absichert und damit noch mehr Einfluss gewinnt…

    • Hm, aber man weiß eben auch nicht, was Kim Jong Un in den letzten Jahren so getrieben hat. Vermutlich war es schon seit längerem sein Hauptjob zu Netzwerken und “Freunde” zu finden. Außerdem wurden im letzten Jahr so einige Leute zusammen mit ihm nach oben gespült, so dass da vermutlich gerade was für ihn aufgebaut wird. Aber realistisch betrachtet kann vermutlich niemand von außen wirklich einschätzen, wie die inneren Mechanismen funktionieren und wo die Schaltstellen der Macht sind (Es gibt einige, die die These vertreten, dass die Partei immernoch zumindest gleichberechtigt neben dem Militär oder sogar klar davor steht). Aber gerade weil keiner bescheidweiß, ist es keine schlechte Sache, verschiedene Szenarien zu entwerfen, wie die SWP es gemacht hat.

  2. Ich bin mal gespannt ob Kim Jong Uns Politik genauso Radikal sein wird.

    • Das hängt natürlich erstmal davon ab, ob er überhaupt in die Situation kommt, selbst Politik machen zu dürfen. Wenn das so ist, wäre es sseh mutig von ihm, grundlegende Dinge zu ändern (er will ja schließlich so alt werden wie der Opa und nicht gelynscht werden)…

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