Auf den Spuren nordkoreanischer Holzfäller in Russland: Interessante Filme

Ich habe mir ja vorgenommen, hin und wieder mal etwas über nordkoreanische Arbeiter zu schreiben, die in aller Welt eingesetzt werden, um in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern Devisen für Pjöngjang zu erwirtschaften. Eine Gruppe von Arbeitern die in diesem Zusammenhang oft erwähnt wird, sind die nordkoreanischen Holzfäller, die tief in den Wäldern Sibiriens Bäume fällen. Ihre Zahl ist nicht wirklich bekannt, in diesem Bericht von der ICG (allerdings von 2007, S.13) kann man aus bestehenden Verträgen auf 25.000 bis 35.000 schließen. In diesem Artikel im Vantage Point, der sich mit der Frage nordkoreanischer Arbeiter im Ausland insgesamt befasst, schätzt man 20.000. (Juli 2011, S. 24).

Vice auf den Spuren der Holzfäller

Im Zusammenhang mit den nordkoreanischen Holzfällern in Russland trifft es sich gut, dass Vice vor ein paar Tagen eine siebenteilige Serie von Kurzfilmchen gestartet hat, die sich genau mit diesem Thema befasst. Der kräftige Kerl von Vice, den wir schon aus den beiden Nordkoreafilmen der gleichen Firma kennen, hat sich zusammen mit einem freien Journalisten, der dem Thema schon früher nachgegangen ist, auf die Spur der nordkoreanischen Arbeiter gesetzt und seine Erlebnisse filmisch festgehalten. Wie immer sind die Filmchen reißerisch, von Klischees durchsetzt (also mich nervt der Running-gag, alle Russen immer mit Wodka zu belohnen schon irgendwann (obwohl ich das Klischee aus eigener Erfahrung auch nicht ganz von der Hand weisen kann)) und grundsätzlich wohl auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Trotzdem ist er wertvoll, weil er ja tatsächlich eine selten thematisierte Problematik sichtbar macht und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Allerdings kommt in den Kurzfilmen, die zwar in englischer Sprache, aber mit deutschen Untertiteln versehen sind, natürlich nicht nur superspannende investigative Dinge vor, sondern einiges, was eigentlich garnichts mit nordkoreanischen Arbeitern zu tun hat, v.a. in den ersten beiden Teilen. Aber je nach Geschmack ist das auch durchaus unterhaltsam.

Was mich ins Grübeln brachte

Einige Aspekte fand ich trotzdem interessant, bzw. haben sie mich nachdenklich gemacht. Besonders dieser Dialog aus dem dritten Teil, in dem der Journalist den Leiter des Verwaltungslagers, von dem aus die Arbeit nordkoreanischer Holzfäller organisiert und gesteuert wird, hat mich ins Grübeln gebracht („J“ = Journalist; „L“ = nordkoreanischer Leiter):

J: Gibt es Probleme mit Nordkoreanern, die von hier flüchten, um nach Südkorea einzuwandern?

L: Ich bezweifle es.

J: Wenn es doch passieren würde gäbe es in Nordkorea eine Strafe?

L: Das wäre Verrat. Ein Mensch wurde geboren, er wuchs auf, wurde ausgebildet und vom Land ernährt. Und was für ein Mensch ist er geworden? Ein Verräter. Er geht los und rennt weg.

J: Welche Strafe bekommen Verräter?

L: Das kann ich nicht sagen, weil ich damit nichts zu tun habe.

Warum mich das nachdenklich macht? Weil mich das an die deutsche Geschichte erinnert. Die Argumentation der Verantwortungslosigkeit ist die Gleiche. Gegen seine Feinde muss der Staat vorgehen. Was er dann mit ihnen macht, das will ich nicht wissen, um mich nicht vor meinem Gewissen und vielleicht irgendwann vor anderen verantworten zu müssen. Sollte das Regime in Pjöngjang irgendwann mal sein Ende finden, dann wird das Land wie vor über 60 Jahren in Deutschland voller Menschen sein, die von all dem Schlimmen nichts gewusst haben und die, wenn sie als kleine oder größere Räder an dem Schlimmen mitgewirkt haben, nur Befehlen gefolgt sind und halfen, die Verräter ihrer Strafe zuzuführen, die von höherer Stelle festgelegt wurde. Ich urteile nicht darüber, denn ich weiß nicht was ich tun würde, wenn ich in einer solchen Situation stecken würde. Ich finde es nur erschreckend, dass dieselben Muster sich in der Menschheitsgeschichte fortschreiben.

Im vierten Teil finde ich es vor allen Dingen bemerkenswert, dass die Arbeiter tatsächlich in Orten leben, die alles haben, was auch ein nordkoreanisches Dorf haben muss. Es ist fast, als hätten die Arbeiter ihre Heimat nie wirklich verlassen. Aber schaut es euch am besten selbst an. Die bisher erschienen Videos findet ihr hier. Die fehlenden drei Teile sollten in den nächsten Tagen folgen.

BBC zum gleichen Thema: Seriöser aber trotzdem grübelfördernd

Wie gesagt, kann ich mir vorstellen, dass dem einen oder anderen von euch der Stil der Vice-Dokus nicht wirklich zusagt (subjektive Einschätzung, kann auch anders sein). Daher habe ich auch noch ein paar ernsthaftere Infos zu diesem Thema rausgesucht. Der freie Journalist, der das Team ins tiefe Sibirien führt, hat zu dem gleichen Thema vor gut zwei Jahren schonmal recherchiert und auch einen etwa fünfzehn minütigen Film gedreht (allerdings nur auf Englisch). Da er damals für die BBC arbeitete ging das Ganze „seriöser“ zu. Er besuchte die gleichen Orte, die er auch bei Vice aufsucht und recherchierte auch, für wen die Arbeiter die Bäume fällen.

Am Ende der Reise ist er in London, wo ein Firmenchef erklärt, er sei froh den nordkoreanischen Holzfällern einen Arbeitsplatz zu bieten und dass es ihnen in Sibirien besser ginge als daheim. Achja und weil ich eben schonmal beim Thema Verantwortlichkeit und Verantwortungslosigkeit war. In diesem Film gibt es die weniger totalitäre und eher kapitalistische Version davon. Für die Lebensbedingungen und das Wohlergehen der nordkoreanischen Arbeiter sei er nicht verantwortlich und darauf könne er keinen Einfluss nehmen, weil sie ja Vertragsarbeiter in Diensten eines Subunternehmens seien und nicht direkt von ihm angestellt (Diese Argumentation ist in Unternehmenskreisen ja sehr beliebt. Ich habe kürzlich eine Reportage über DHL gesehen und da sagte ein Unternehmensvorstand annähernd das Gleiche über Arbeiter seiner Subunternehmer). Auch hier ein gewisses „nicht wissen wollen“, allerdings eher aus eigenen Profitinteressen und nicht aus Sorge um Leib und Leben. Was bedenklicher ist, kann jeder für sich selbst beurteilen.

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