Warum Kim Jong Uns Expressaufzug nicht ausreicht, um ihn vor interessanten Zeiten zu bewahren

Nachdem es nun einige Tage Funkstille von meiner Seite gab (ich hoffe ihr seht mir das nach, aber es gibt ja noch ziemlich viele erfreulichere Dinge im Leben, denen man sich widmen kann als Nordkorea bzw. dem Tod eines Tyrannen. Außerdem dachte ich mir, dass unsere Medien recht ausführlich berichten würden.), bin ich jetzt wieder zurück auf dem Posten. Ich habe am 23. meinen Computer ausgeschaltet und ihn erst gestern Abend wieder angemacht. In der Zwischenzeit wurde eine Unmenge an guten Analysen und Kommentaren geschrieben und ich habe nur ein paar davon gelesen. Ich werde das in Teilen nachzuholen versuchen. Das steht euch natürlich auch frei und ich empfehle euch dazu die Texte von 38 North, The Peninsula, aus der Linksammlung des National Committee on North Korea, und natürlich von North Korea Leadership Watch. Pünktlich zu dem Zeitpunkt, an dem es hinsichtlich der Nachfolge Kim Jong Uns noch etwas spannender werden dürfte, möchte aber auch ich nochmal ins allgemeine Crescendo einstimmen. Als erstes werde ich kurz nochmal die rapiden Fortschritte zusammenfassen, die Kim Jong Un zumindest nach außen hin bei seinem Nachfolgeprozess gemacht hat und dann werde ich kurz erläutern, warum ich glaube, dass es ab jetzt spannender werden könnte.

Was war: Kim Jong Uns Expressaufzug

Ich denke, dass viele Experten von dem Tempo überrascht waren, in dem Kim Jong Un zumindest formal bzw. vielmehr halbformal/verbal Schlüsselpositionen im nordkoreanischen Machtapparat zugesprochen bekam. Noch bevor das Trauerzeremoniell für seinen Vater abgeschlossen war, wurde er per Expressaufzug an die Spitze entscheidender Institutionen des Regimes geschossen.

Der Aufakt: Großer Nachfolger

Schon kurz nach dem Tod Kim Jong Ils wurde Kim Jong Un als:

great successor to the revolutionary cause of Juche and outstanding leader of our party, army and people.

bezeichnet. Dies war zwar noch keine formale Amtsbezeichnung, aber es brachte ihn rein verbal schon in eine Führungsposition, die den formalen Weg anzeigte.

Reine Symbolik: Der neue Zeichensatz

Ebenfalls symbolischer Natur ist die Tatsache, dass für Kim Jong Uns Namen in der nordkoreanischen Propaganda seit dem 24. Dezember der besondere Zeichensatz (im Ergebnis sieht der Namen größer aus) verwendet wird, der zuvor seinen Vorfahren Kim Il Sung und Kim Jong Il vorbehalten war. Diese symbolische Erhebung wurde auch rückwirkend eingeführt (ich hatte ja ein paar Tage vorher angemerkt, dass sein Name noch kleingeschrieben würde).

Etwas handfester: Supreme Leader des Militärs

Etwas handfester ist dagegen die Bezeichnung, die KCNA Kim Jong Un bei seinem Besuch am Sarg seines Vaters am 24. Dezember zugesprochen wurde:

vice-chairman of the Central Military Commission of the Workers‘ Party of Korea and supreme leader of the revolutionary armed forces of the DPRK

Da er sich damals ausschließlich mit Militärs zeigte, ist diese militärische Benennung zwar sinnvoll, aber ein Rechtsakt, der ihn zum Oberbefehlshaber gemacht hätte, fand bisher nicht statt. Dieser Anlass war bisher allerdings auch das einzige Mal, dass Kim Jong Un von KCNA so bezeichnet wurde. Weiterhin fällt mir auf, dass er nicht „Commander“ sonder „Leader“ genannt wird. Dies könnte eine sprachliche Würdigung der Tatsache sein, dass dies mehr ein Ehren- als ein formaler Titel ist, da sein Vater gewöhnlich den Titel „supreme Commander“ führte.

Zu erwarten: Führer der Zentralen Militärkommission der Partei

Auch in der Partei war sein Aufstieg in den ersten Tagen ungebremst. So wurde er am 26.12. als Führer der Zentralen Militärkommission der Partei bezeichnet:

Let’s stake our lives to safeguard the party’s Central Military Commission led by dear comrade Kim Jong-un.

Allerdings ist hier zu bemerken, dass es durchaus möglich ist, dass Kim Jong Un als einer von zwei (der Andere ist Generalstabschef Ri Yong-ho) stellvertretenden Vorsitzenden dieses Gremiums (ratet mal wer Vorsitzender war) die Geschäfte laut formalen Bestimmungen leitet. Schließlich wird auch hier nur gesagt, dass er die Geschäfte führt, nicht dass er Vorsitzender ist. Dazu würde auch passen, dass er ansonsten recht konsequent weiterhin als Vize-Vorsitzender der Kommission bezeichnet wird.

Ein mächtiger Posten: Vorsitzender des Zentralkomitees derPartei

In Verbindung mit einem Posten, auf den Kim Jong Un formal nicht den geringsten Anspruch erheben kann, wurde er bereits am 24.12. genannt (zum gleichen Anlass zu dem er auch als oberster Führer der Streitkräfte bezeichnet wurde):

Let us defend with our very lives the Party Central Committee headed by respected Comrade Kim Jong Un!

Damit hätte Kim Jong Un die Partei unter seiner Kontrolle, was — wenn dem tatsächlich so wäre — einen sehr bedeutenden Schritt zur Machtsicherung darstellen würde. Allerdings ist auch hier anzumerken, dass es sich aktuell wohl eher um eine Zuschreibung als um einen formalen Akt handelt. Jedoch sind solche Zuschreibungen nicht ohne die Zustimmung der anderen Entscheidungsträger möglich.

Aus berufenem Munde: Proklamation als Kim Jong Ils Nachfolger?

Gestern schließlich bekräftigte der zurzeit nominell erste Mann im Staat die Unterstützung Kim Jong Uns durch Partei und Militär anlässlich der Beisetzung Kim Jong Ils:

Standing at the helm of the Korean revolution is Kim Jong Un, the successor to the revolutionary cause of Juche.

Kim Jong Un is the supreme leader of our party and army and people as he fully personified the ideas and leadership, personality, virtues, grit and courage of Kim Jong Il.

We will turn sorrow into thousand-fold strength and courage and tide over the present difficulties and more dynamically advance along the road of Songun indicated by Kim Jong Il under the leadership of Kim Jong Un.

We, who made a pledge in bitter tears before the bier of Kim Jong Il, will accomplish the cause of the Songun revolutionary cause, the cause of building a thriving socialist nation, holding Kim Jong Un in high esteem as another General and supreme leader.

Die Aussage, dass Nordkorea auf der Straße von Kim Jong Ils Songun nun von Kim Jong Un geführt würde, wurde vielfach als die Ausrufung Kim Jong Uns als Nachfolger Kim Jong Ils bewertet. Interessant finde ich den letzten Absatz, in dem in etwa gesagt wird, dass man Kim Jong Un in Hochachtung als einem weiteren General und obersten Führer entgegentreten würde. Wäre Kim Yong-nams Ansprach in englischer Sprache gehalten worden, dann hätte ich überlegt das als Ironie zu interpretieren, aber da ich das Original nicht verstehen kann, sehe ich diese eigenwillige „noch-ein-General-und-oberster-Führer“-Formulierung als Auswuchs der oftmals etwas eigenwilligen Übersetzungen von KCNA.

Signale im Umfeld

Es gibt auch weitere Signale, die nicht direkt mit Kim Jong Un verbunden sind, aber trotzdem anzeigen, dass der Nachfolgeprozess bisher glatt und nach Plan läuft.

Jangs neue Kleider

So zeigte sich sein Onkel Jang Song-thaek (der Mann der ebenfalls gewichtigen Schwester Kim Jong Ils Kim Kyong-hui), dem eine Schlüsselstellung im alten und neuen Machtgefüge Nordkoreas zugeschrieben wird, beim Besuch Kim Jong Uns und hochrangiger Militärs an Kim Jong Ils Sarg am 24.12. erstmals in der Uniform eines VierSterne-Generals. Scheinbar wird Jang nun auch eine größere Rolle beim Militär einnehmen. Ich könnte mir eine Nationale Verteidigungskommission unter seiner Führung vorstellen, denn dort wurde er zum Stellvertreter gemacht und in diesem mächtigen Gremium ist er wohl der mächtigste Unterstützer Kim Jong Uns.

Sitzt gut der neue Anzug: Bisher wurde Jang Song-thaek noch nicht in Militäruniform gesichtet.

Sitzt gut der neue Anzug: Bisher wurde Jang Song-thaek noch nicht in Militäruniform gesichtet.

Die sieben Sargträger

Auch auf dem Beerdigungszug gab es einen interessanten Hinweis, dass sich die Führung um Kim Jong Un geschart hat. So liest sich die Liste der sieben Personen, die gemeinsam mit Kim Jong Un den Sarg Kim Jong Ils geleiteten (in einem gewöhnlicheren Rahmen wären es wohl die Sargträger gewesen) wie ein who is who der faktisch mächtigsten Männer im Land. Hinter Kim Jong Un reihten sich rechts vom Sarg mit Jang Song-thaek, Kim Ki-nam und Choe Thae-bok drei Männer ein, die eher dem zivilen Teil des Regimes zuzuordnen sind. Links waren vier Militärs zu finde.An erster Stelle mit Generalstabschef Ri Yong-ho ein Mann, der eine entscheidende Rolle für Kim Jong Uns Nachfolge spielen wird. Dass Kim Yong-chun, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission und Militär-/Verteidigungsminister an zweiter Stelle lief ist von der Symbolik her ebenfalls interessant, denn es wurde in letzter Zeit diskutiert, ob er nicht aus dem inneren Machtzirkel hinausgedrängt wurde, da er seltener mit Kim Jong Il auftrat und anders als die meisten Anderen Vertreter des Regimes nicht in jüngster Zeit befördert wurde. Anderes als Kim Jong-gak, der in den vergangenen Jahren eine recht steile Karriere hingelegt hat. U Tong-chuk kann ebenfalls seit 2009 auf einen steilen Aufstieg zurückblicken und steht einer mächtigen Sicherheitsbehörde vor. (Es ist kein großes Wunder, dass all diese Namen bei meiner kleinen statistischen Erhebung vom Herbst letzten Jahres genannt wurden).

Grafik und Bild der Sargträger. Bild: Chosun Ilbo

Grafik und Bild der Sargträger. Bild: Chosun Ilbo

Naja, jedenfalls ist die Symbolik in dieser Konstellation natürlich nicht zu übersehen. Militär und Partei halten zusammen und genauso „neue“ und „alte“ Vertreter des Regimes. Die Männer hinter Kims Sarg dürften in den nächsten Monaten und Jahren eine Rolle zu spielen haben.

Was kommen wird: Interessante Zeiten

Soweit zu dem, was war. Jetzt zu dem das kommen wird. Generell hätten die ersten Tage nach Kim Jong Ils Tod nicht besser laufen können, für Kim Jong Un und das Regime. Nach außen hin lief alles glatt und es wurde von allen Seiten Unterstützung zugesichert.

Wie weit reicht das Drehbuch

Allerdings bleibe ich bei meiner Annahme, dass das bereits weitestgehend in einem „Drehbuch“ stand. Ich vermute ganz stark, dass für die Abläufe eines möglichen Todes Kim Jong Ils in vielen Schreibtischen bereits versiegelte Briefumschläge lagen (oder so ähnlich) und das es über den Ablauf der ersten Zeit im Groben keine tiefgehenden Diskussionen geben konnte. So wurde nach außen wie nach innen signalisiert, dass alles unter Kontrolle sei. Gleichzeitig wäre ein abweichendes Verhalten schnell identifiziert worden und das Regime hätte reagieren können. Dadurch verschaffte man sich einerseits Zeit und presste vermeintliche oder tatsächliche Opposition in der Führung in eine Disziplin, vor der es kein Entkommen gab. Gerade in der Zeit nach dem Tod eines Herrschers, bei dem annähernd alle Fäden zusammenliefen, besteht natürlich ansonsten ein gewisses Risiko, dass abweichendes Verhalten im Gefolge einer Vielzahl zu treffender Entscheidungen nicht erkannt wird und dass sich potentieller Widerstand formieren kann.

Allerdings dürfte der vorgeschriebene Plot zunehmend grober werden und damit Lücken bieten. Das Ende der unmittelbaren Trauerperiode könnte einen Punkt markieren, ab dem die Planungen allgemeiner werden. Ab jetzt müssen sich der junge Kim und sein Führungsteam also noch mehr beweisen und sie müssen auch noch mehr auf der Hut sein. Auch in den Jahren nach Kim Il Sungs Tod hatte Kim Jong Il (recht dichten Gerüchten zufolge) mit Widerstand zu kämpfen und es kam zu massiven Säuberungen in Militär und Partei. Kim Jong Un könnte ähnliches bevorstehen und daher wird es wohl eine unruhige Zeit geben.

Die Neujahrsbotschaft: Erstes Schriftdokument der neuen Führung

Weiterhin ist es nicht mehr lange, bis die Neujahrsbotschaft in den nordkoreanischen Medien verbreitet wird, die normalerweise die Agenda der Politik für das kommende Jahr widerspiegelt. Dieser Botschaft wird ohnehin international große Aufmerksamkeit geschenkt, allerdings dürfte es dieses Jahr wirklich interessant sein, was dort zu lesen ist (und vielleicht auch was nicht), aber es könnten einige wegweisende Punkte Erwähnung finden in diesem ersten Dokument unter der neuen Führung.

Etwas weiter geblickt: Die Angst vorm Sensenmann

An eine weitere interessante Frage, die zwar nicht ganz so unmittelbar ansteht, wie die Vorgenannten, die aber eine große Sprengkraft hat, erinnerte mich die Tatsache, dass Kim Yong-nam gestern derjenige war, der Kim Jong Un quasi als Nachfolger Kim Jong Ils proklamierte. Was passiert wenn entscheidende Träger des Regimes (allen Voran Kim Yong-nam) in näherer Zukunft sterben. Kim Jong Il hat in den vergangenen beiden Jahren einen Großteil der Führung soweit verjüngt, dass Kim Jong Un wohl zumindest zehn Jahre Zeit hat, bis die nächste Verjüngungswelle ansteht. Mit dem protokollarischen Staatsoberhaupt Kim Yong-nam ist aber noch ein Schwergewicht im Rennen, das einerseits nicht leicht zu ersetzen sein wird, wo allerdings auch noch nicht klar ist, wer ihn ersetzen wird. Ist er einmal tot, muss ein loyaler aber nicht überambitionierter Mann für das Amt gefunden und eventuell einige Aspiranten vor den Kopf gestoßen werden. Ähnlich dürfte es auch mit einigen nicht ganz so gewichtigen Ämtern sein. Todesfälle im Regime dürften in den ersten Jahren eine große Herausforderung für den jungen Kim sein.

So, ich könnte noch Stunden weiterschreiben, aber leider nur in der Theorie, denn ich habe noch Anderes zu tun. Aber ich hoffe ich werde in den nächsten Tagen nochmal dazu kommen…

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