Sind neue Nuklear- und Raketentests Nordkoreas zu erwarten und wenn ja warum?

Nach dem Tod Kim Jong Ils war die Unsicherheit bei Experten und Politikern groß, denn die Möglichkeit, dass die fragile Situation zu internen Konflikten und schlimmstenfalls zu einem kaum kontrollierbaren bewaffneten Konflikt mit weitreichenden Folgen für die Nachbarländer und darüber hinaus (wenn wir an Nordkoreas Nuklearwaffen denken) musste in Betracht gezogen werden. Allerdings hat sich dieses Worst-Case-Szenario nicht eingestellt und die bisherigen Entwicklungen lassen erwarten, dass dies auch in den nächsten Monaten nicht geschehen wird. Jedoch ist dies nicht das einzige Szenario, dass zu einer Destabilisierung der Region und weiterer Unsicherheit führen kann. Daneben sind auch kalkulierte (aber dadurch noch lange nicht ungefährliche) Provokationen des Regimes gegen Südkorea denkbar, die das Konfliktpotential zwischen beiden Staaten erhöhen würden.

Stellung als Nuklearmacht stärken

Gestern gab das Komitee für die friedliche Wiedervereinigung Koreas (eine Organisation die mit der Partei verbunden ist und dem United Front Department, das Nordkoreas Politik gegenüber dem Süden koordiniert, der Partei u.a. als Sprachrohr dient) eine Stellungnahme heraus, in dem die relativ versöhnlich klingende Neujahrsansprache Lee Myung-baks scharf attackiert wurde. U.a. wurde ihm „Sophismus“ vorgeworfen (was man nicht vollkommen von der Hand weisen kann, denn Lee hat in der Vergangenheit schon oft Reden hinsichtlich Nordkorea geschwungen, die v.a. schön klangen, aber nur wenig Substanz hatten) aber besondere Aufmerksamkeit wurde der Anmerkung geschenkt, dass Nordkorea seine Position als Nuklearwaffenstaat weiter ausbauen würde, solange der Feind sein aggressives Verhalten fortsetze. Naja und wenn man schon eine eher versöhnliche Rede Lees als aggressives Verhalten wahrnimmt (oder vielmehr wahrnehmen will), dann könnt ihr euch ja vorstellen, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass Pjöngjang seinen Status als Nuklearmacht auszubauen sucht.

Mögliche Maßnahmen

Dazu gäbe es drei Wege, die sich nicht unbedingt ausschließen. Erstens einen weiteren Test einer Bombe, die aus dem Plutonium des stillgelegten Reaktors in Yongbyon zusammengesetzt ist. Zweitens den erstmaligen Test einer Bombe, die auf dem jüngeren Uranprogramm des Landes basiert. Drittens den Test einer Interkontinentalrakete. Egal welches oder welche der drei genannten Maßnahmen das Regime wählen würde, es würde wohl für einige Unruhe in seiner Umgebung sorgen und die Spannungen mit Südkorea und den USA erhöhen. Welche Vorteile hätte das Regime also von solchem Schritt und würden sie die Nachteile überwiegen, die aus den erhöhten Spannungen mit Südkorea und den USA resultieren würden?

Was bringen Tests: Technische Aspekte

Nordkorea ist, auch wenn es das immer behauptet, vermutlich noch keine „vollwertige“ Nuklearmacht. Selbst wenn zumindest der zweite Nukleartest (2009) ein Erfolg war (was teilweise von Kennern der Materie abgestritten wurde), so fehlen doch noch zwei wichtige Schritte, zur echten Nuklearmacht. Erstens muss ein geeignetes Transportvehikel entwickelt werden. Bisher reichen die Raketen Nordkoreas, deren volle Funktionsfähigkeit bewiesen ist bis Japan oder allerhöchstens bis zur amerikanischen Militärbasis auf Guam, aber keinesfalls bis Nordamerika. Die Tests der Interkontinentalraketen (oder Satellitenstars, je nach dem welcher Deutung man folgt), sind bisher nicht erfolgreich gewesen. Zweitens muss die „Bombe“, die man bisher gebastelt hat, so miniaturisiert werden, dass man sie auch auf eine solche Rakete schrauben kann. Hinsichtlich des Uranprogramms hat man noch gar keine Daten, da man bisher wohl noch nicht das Material zusammen hatte, um zu testen. Aus technischer Sicht würde also ein Test in jedem der drei Bereiche wichtige Daten liefern, die zu weiteren Fortschritten führe würden.

Was bringen Tests: Symbolik gegenüber dem Militär

Ein erfolgreicher Test würde außerdem einen Erfolg darstellen, den Kim Jong Un zu Beginn seiner Regentschaft vermelden könnte. Außerdem wäre es wohl eine symbolisch wichtige Geste gegenüber dem Militär, die signalisieren würde, dass das Militär auch weiterhin wichtig sein wird und dass den Bedürfnissen der Generäle Beachtung geschenkt wird.

Was bringen Tests: Bunkermentalität stärken

Zwar würden sich die Beziehungen mit den USA und Südkorea weiter verschlechtern, aber zum Teil dürfte das zur Kalkulation gehören. Der junge Kim hat nichts davon, wenn er nach außen gute Beziehungen pflegt, während ihm der Laden nach innen hin auseinanderfliegt. In den nächsten Monaten bzw. Jahren dürfte die Stabilisierung nach innen klare Priorität haben. Und wenn die Situation nach außen angespannt ist, kann man nach innen hin eine Bunkermentalität aufrechterhalten bzw. ausbauen. Danach steht das Land permanent am Rande eines Krieges, was einerseits zu einer quasi militärischen Befehls- und Gehorsamssituation im ganzen Volk führt. Andererseits soll der innere Zusammenhalt gegenüber äußeren Feinden gestärkt werden, denn wer von außen Bedroht wird, der denkt vielleicht nicht so sehr über seine Unzufriedenheit mit diesem oder jenem Kader oder gar der Führung nach. In der aktuellen Situation wird sich das Regime im Zielkonflikt zwischen innerer und äußerer Stabilität wohl eher für den inneren Frieden entscheiden, was für Provokationen bspw. durch Raketen oder Nukleartests spräche.

Nuklear- und Raketentests als „günstige“ Option

Da solche Tests in der Vergangenheit zwar dipomatische Folgen nach sich gezogen haben, aber eigentlich nicht zu manifesten Spannungen im militärischen Bereich führten, scheint das Risiko solcher Maßnahmen auch relativ berechenbar. Anders als z.B. durch militärische Provokationen wie der Beschuss der Insel Yonpyong wäre es bei Tests unwahrscheinlich, dass es zu einer unkontrollierbaren Gewaltspirale kommen könnte und da auch die Daumenschrauben hinsichtlich möglicher Sanktionen durch die Staatengemeinschaft einerseits schon sehr weit angezogen ist und andererseits in der aktuellen fragilen Situation weiterer Schutz durch China zu erwarten ist, scheint ein Nukleartest vielleicht in Verbindung mit dem Abschuss einer Interkontinentalrakete ein relativ „günstiger“ Weg, durch Provokationen für innere Stabilität zu sorgen.

Es sich nicht zu einfach machen: Was gegen Provokationen sprechen könnte

Allerdings würde ich trotz der Argumente, die für eine solche Maßnahme sprechen, nicht wetten, dass Pjöngjang tatsächlich diesen Weg einschlägt. Zwar lassen sich im Verhalten Pjöngjangs Verhaltensmuster ausmachen, die sich immer wieder wiederholen, aber auch die Strategen des Regimes werden mitunter neue Ideen entwickeln. Wenn man immer nur aus der Vergangenheit auf die Zukunft folgert, macht man es sich ich ein bisschen einfach. Denn zum Einen sind uns die Motive der vorherigen Provokationen nur rudimentär bekannt. Im Endeffekt kann immer nur gefolgert werden, warum dies und das zu diesem und jenem Zeitpunkt gemacht wurde, das Wissen über die wahren Hintergründe liegt wohl exklusiv in Pjöngjang (und vielleicht noch ein bisschen in Peking). Andererseits ist das Machtgefüge nun ein anderes als es noch vor einem Monat war. Das heißt, dass Interessen und Ansichten einzelner nun ein ganz anderes Gewicht haben könnten und dass sie bei der Entscheidungsfindung eine ganz andere Rolle spielen können. Wie sich das auswirkt, wird sich in der Zukunft zeigen. Jedoch glaube ich, dass man es in Pjöngjang generell für zu riskant halten wird, die weitreichenden militärischen Provokationen von 2010 zu wiederholen. Eher wird es zu niederschwelligeren Aktionen wie Atom- oder Raketentests kommen (möglicherweise auch zu Hackerattacken, wenn die vergangenen wirklich von Pjöngjang ausgingen).

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s