Nordkoreanische Denkwelten verstehen: Kim Jong Ils Songun-Theorie und weitere interessante Ressourcen

Nachdem Kim Jong Il Geschichte ist und sich das Regime auf die neue Zeit unter seinem Sohn vorbereitet, dachte ich, dass es für den einen oder anderen ganz interessant sein könnte, sich mit seinem Nachlass zu beschäftigen. Da wir keinen Zugang zu seinen manifesten Hinterlassenschaften haben, die werden vermutlich schon verteilt sein, bleibt uns nur das, was Kim an geistigen Gütern produziert hat. Und das ist weiß Gott nicht gerade wenig. eigentlich hat er zu so ziemlich allen Aspekten des Lebens ein Traktat verfasst.

Kim Jong Ils Songun-Theorie/-Politik

Was jedoch definitiv bleiben wird ist, seine Songun-Theorie (wird oft mit „Militär zuerst“ übersetzt). Gerade dazu gibt es allerdings nicht so viel zu lesen. Daher habe ich mich auch gefreut, als ich kürzlich auf das elektronische Buch „Songun Politics of Kim Jong Il“ (2002) von Kim Chol U gestoßen bin. Dazu sind vorab zwei Dinge zu bemerken:

  1. Kim Chol U wird als südkoreanischer Professor der Politikwissenschaften vorgestellt, aber ich konnte ansonsten nichts zu ihm finden und in Anbetracht von dem, was er so geschrieben hat, frage ich mich, an welcher Universität in Südkorea er wohl gelehrt hat.
  2. Es gibt einen Unterschied zwischen Songun-Theorie und Songun-Politik. Das Buch beschäftigt sich allerdings anders als der Titel vermuten lässt mit beidem, Also sowohl mit den theoretischen Grundlagen als auch mit der praktischen Ausführung dieser Politik in der Praxis.

Ich habe mir das theoretische Kapitel etwas genauer angeschaut und fand es sehr interessant. Viele der Argumente bis hin zu Formulierungen kann man auch in der alltäglichen Propaganda von KCNA lesen. Trotzdem weiß ich am Ende noch immer nicht genau, was Songun ist. Im Endeffekt lautet der Kern, dass Volksmasse, Partei, Staats(macht) und Militär nicht ohneeinander zu denken sind, also quasi eine Symbiose bilden und im Endeffekt eins sind. Dabei hat jedoch die Partei den Vorrang vor dem Militär, jedoch unter der Bedingung, nicht ohne die Armee existieren zu können. Militär und Staatsmacht sind im Endeffekt das Gleiche, da sie denselben Zielen dienen, nämlich der Umsetzung der Interessen des Volkes,  nur mit unterschiedlichen Mitteln. (Das erinnert mich irgendwie an den Ausspruch von Carl von Clausewitz: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“) Das Militär kann daher auch nur den Willen des Volkes ausführen, der von der Partei formuliert wird, im Endeffekt ist die Armee damit das Volk. Dadurch besteht letztlich kein Unterschied zwischen Militär, Partei, Staat und Bevölkerung, sie alle sind eins im Sinne der „single minded unity“.

This proposition emanates from the intrinsic character of the socialist society. It is a harmonious society where the requirements, interests, aspirations and the aim of struggle of the army, the working-class party, the state power and the people agree. The army, the Party, the state power, and the people share a common destiny, so that without one of them the others cannot exist.

In a society where the government and the people are in an antagonistic relationship, a political structure in which the army is the party, the state and the people is inconceivable both in theory and practice. […]

Theoretically, the Party and the army in the north are inseparable. The Party is the General Staff of the revolution, and the army is the pillar that provides armed support for the attainment of the Party’s strategic objective.

Which holds the front position in the formation, the party or the army? The party does, and the army holds the next position in its capacity as the party’s army. […]

The army and state power are of the same character. Both are weapons to realize the independence of the working class and other working people. The army provides armed protection of the people’s interests and right to independence; state power realizes the people’s interests by political measures. […]

Songun politics is based on the political philosophy that the army is the people. In the north, the army and the people constitute a harmonious whole because of their community of interests and the army’s composition and people-oriented character.

Das passt dann ganz gut damit zusammen, dass auch der Führer und das Volk eins sind. Kim Il Sung habe sich mit seiner Juche-Ideologie hauptsächlich auf die Volksmasse berufen, weil es damals noch kein Militär gegeben habe. Diese Lücke, die aus der Praxis entstehen musste und die man Kim dem Ersten daher nicht anlasten konnte, hat Kim Jong Il mit Songun gefüllt. Kim Jong Ils Songun-Theorie — wenn es sowas überhaupt gibt, denn wenn ich den Ausführungen des Buchs folge, würde ich eher sagen, dass die Songun-Politik eine praktische Lückenfüllerin, eine Ergänzung der Juche-Philosophie ist, keine eigene Theorie — füllt eine Lücke in der Juche-Philosophie, ohne ihre Natur zu verändern (die sich mir noch nie richtig erschlossen, hat, vielleicht weil diese Natur sehr „flexibel“ an praktische Bedürfnisse anpassbar ist. Mir persönlich ist aufgefallen, dass viele Erläuterungen fast „theologisch“ klingen, ich kann das aber nicht genau erklären. Außerdem klingt die ganze Ausführung für mich nach einem einzigen riesigen Zirkelschluss („Das Volk kann nicht ohne das Militär sein, weil das Volk das Militär ist und deshalb dient das Militär den Interessen des Volks, denn es ist ja das Volk…“). Aber am besten ihr lest selbst, denn ich würde nicht wetten, dass ich alles richtig verstanden habe.

Werke von Kim Jong Il auf Deutsch und Englisch

Aber natürlich ist Songun nicht die einzige Hinterlassenschaft Kim Jogn Ils. Daneben hat er wie gesagt jede Menge theoretische Schriften über alles Mögliche, z.B. Schöne Künste, Erziehung, Juche etc. geschrieben. Das Meiste davon kann man kostenlos nachlesen. Vieles gibt es bei Naenara umsonst und in deutscher Sprache und einiges mehr in der East-Asia-Digital-Library der University of Oregon (wo es daneben auch noch einige interessante andere Dokumente (z.B. ein CIA Bericht von 1982 zum Nuklearforschungszentrum in Yongbyon) und e-Bücher (einige echt gute) gibt).

Nordkoreafreundliche Seite aus Deutschland mit interessanten Informationen: Nordkorea-Info

Wer etwas investieren will, der kann beim Verlag für Fremdsprachige Literatur in Pjöngjang bestellen. Hier sind zwei Kataloge, die auch DVDs, Filme und Romane enthalten. Die Kataloge sind von der Seite Nordkorea-Info, die sicherlich die Meisten von euch kennen. Generell ist sie recht informativ auch nicht schlecht, um ein besseres Verständnis über die nordkoreanische Sicht der Dinge zu gewinnen, denn der Autor scheint die ganz gut verinnerlicht zu haben (und wer Bücher kaufen oder einen Urlaub machen will (in Nordkorea), der kann das auf dieser Serviceorientierten Seite auch tun). Wirklich spannend ist das Forum, denn dort sind einige Leute unterwegs, die sich gut mit Nordkorea und teilweise auch mit der Ideologie auskennen. Ob ihr euch dann überzeugen lasst, ist eure Sache (bei mir war der Erfolg bisher mäßig, aber auch einige Leute die im Forum schreiben, scheinen der Strahlkraft der Kims bisher noch nicht erlegen zu sein).

Hintergründe, akademisches Diskussionsforum und Livestream von KCTV: Koreaweb

Ach und wenn ich gerade schon beim Foren-Bewerben bin, möchte ich euch auch noch auf die Korean Studies Discussion List aufmerksam machen. Das Ganze ist inhaltlich nicht allein auf Nordkorea bezogen, sondern befasst sich mit dem gesamten Feld der Koreastudien. Es ist sehr akademisch, aber da tummeln sich viele Leute die sich gut auskennen und wenn man sich für historische oder kulturelle Details interessiert, gibt es da immer wieder hochspannende Diskussionen. Koreaweb, die Seite die das Forum beheimatet bietet darüber hinaus eine Unzahl wertvoller Links und zusätzlich einen Stream von KCTV, der eine Alternativ zu dem bekannten von SPTV darstellt und m.E. besser läuft.

Schaut euch die Links mal an, ich denke sie werden hilfreich sein, auf verschiedenen Wegen ein besseres Verständnis der Denkwelten Nordkoreas zu gewinnen und euch über kulturelle, historische und ideologische Hintergründe zu informieren.

Eine Antwort

  1. „Wirklich spannend ist das Forum [nordkorea-info.de], denn dort sind einige Leute unterwegs, die sich gut mit Nordkorea und teilweise auch mit der Ideologie auskennen.“

    Naja, im Forum wimmelt es eher von ideologiegeladenen Personen, bei denen die Propaganda auch schon gezündet hat.
    Und die nordkoreanische Zensur ist auch schon in den Regeln des Forums verankert:

    „Den Betreibern, Administratoren und Moderatoren dieses Forums räumen Sie das Recht ein, Beiträge nach eigenem Ermessen zu entfernen, zu bearbeiten, zu verschieben oder zu sperren. Sie stimmen zu, dass die im Rahmen der Registrierung erhobenen Daten in einer Datenbank gespeichert werden.

    Weiterhin können Einträge sowie Accounts durch Moderatoren und Administratoren des Boards u.a. aus Gründen des Verstoßes gegen gute Sitten ohne weitere Begründung editiert oder gelöscht werden.“

    In einer Sache hinken sie ihren Vorbildern aber noch nach:

    „Die Administratoren und Moderatoren dieses Forums bemühen sich, Beiträge mit fragwürdigem Inhalt so schnell wie möglich zu bearbeiten oder ganz zu löschen, aber es ist nicht möglich, jede einzelne Nachricht zu überprüfen.“

    Das ist in Nordkorea anders…

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

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