„Besser als besser als besser als gut“ — Mögliche (propaganda-)sprachliche Folgen von Kim Jong Uns Nachfolge

Update (11.01.2011): Da habe ich ein bisschen was auf den Deckel gekriegt und ganz zu Recht (aber man lernt halt jeden Tag etwas Neues). Thomas und Simon (in den Kommentaren) haben ausführlich erläutert, dass man (das heißt ich) die Verwendung der Übersetzung bzw. Formulierung „ten-thousands fold“ nicht überinterpretieren sollte, da dies eine sehr gebräuchliche Wendung/Zeichen sei, und da das Zeichen im Koreanischen keiner festen Zahl zugeschrieben sei (siehe Simons Kommentar) und dass das entsprechende Zeichen bereits mehrfach bei KCNA vorgekommen sei, allerdings im Englischen dann wohl immer mit der „thousand fold“ Übersetzung. Also erstmal ein Dankeschön an die beiden Hinweisgeber und an euch die Information, dass das nicht überinterpretiert werden sollte. Bemerkenswert finde ich das erstmalige Auftauchen der „ten thousands“ Formulierung (warum eigentlich das „s“ hinter dem „thousand“?) im englischen Text allerdings nach wie vor, denn da hat sich zumindest ja irgendwer gedacht, das Ganze mal anders zu übersetzen.

Ursprünglicher Beitrag (10.01.2012): Gestern versammelten sich Einheiten der Koreanischen Volksarmee (KVA) auf dem Kim Il Sung Platz, um Kim Jong Un ein weiteres Mal Gefolgschaft bis in den Tod zu schwören. Also eigentlich nichts Neues oder Berichtenswertes.

Nordkoreanisches Militär auf dem Kim Il Sung Platz

Nicht wirklich neu. Ri Yong-ho hält eine Rede und schwört das Militär auf Kim Jong Un ein.

„Zehntausendfach“: Das klingt neu

Unter anderem hielt auch Ri Yong-ho, Generalstabschef der Armee und eine der wichtigsten Figuren im Nachfolgeprozess Kim Jong Uns eine Rede. Auch die enthielt nicht wirklich viel Neues. Allerdings viel mir dabei eine sprachliche Wendung auf, über die ich irgendwie ein bisschen gestolpert bin:

We will build a ten thousands-fold bulwark for protecting the supreme commander

[Wir werden ein zehntausendfaches Bollwerk zum Schutz des obersten Kommandanten aufbauen]

Warum mich das zum Stolpern brachte? Ich habe zwar schon oft von tausendfachem dies und tausendfachem jenem (meistens Vergeltung oder Zerstörung) gelesen, allerdings konnte ich mich nicht an etwas Zehntausendfaches erinnern. Also hab ich mal nachgeschaut und es gibt tatsächlich jede Menge Beispiele für „tausendfach“ aber „zehntausendfach“ hat zumindest in die von der Propaganda übermittelte Rhetorik bisher keinen Eingang gefunden.

Neue Phrase für neuen Führer

Das fand ich sehr interessant, denn scheinbar muss sich die nordkoreanische Propaganda auf die Nachfolge des jungen Kim auch sprachlich einstellen. Um die entsprechende „Erhöhung“ für den Jungen zu finden reicht es dabei scheinbar nicht aus, die im Umfeld seines Vaters genutzten und mittlerweile vielleicht schon abgedroschenen Phrasen zu verwenden, sondern es brauch noch gigantischere sprachliche Ausdrücke (vielleicht soll so auch das „fehlende“ Wirken Kim Jong Uns in der Realität überdeckt werden). Naja, ich werde jedenfalls die Augen offen halten, ob es noch mehr Neukreationen und Steigerungen geben wird.

Sprachliche Gemeinsamkeiten in Führerdiktaturen

Nebenbei kam mir dabei noch eine interessante Assoziation. Mit sprachlicher Gigantomanie und exzessiver Verwendung von Superlativen steht Pjöngjang schließlich nicht alleine da. In unserer Geschichte gibt es ja auch ein Beispiel eines Führers, dessen Regime auf diese rhetorischen Mittel zurückgriff. Aber nur den Vergleich zu den Nationalsozialisten herbeizuziehen (ich finde nicht an den Haaren, aber dazu gleich mehr), wäre natürlich nicht ganz „fair“ und auch nicht richtig. Denn in der Sowjetunion vor allem unter Stalin war schließlich ähnliches zu finden und die dürfte Nordkorea wohl eher als Vorbild dienen bzw. gedient haben, als Hitlers braunes Regime.  Der Schluss, den Angelika Breil in ihrer Dissertation zur Rhetorik der Nationalsozialisten schrieb (ein sehr interessantes Thema, wer sich damit befassen will, kann hier nachlesen), ist daher auch nicht wirklich zu widerlegen, wobei ich ihn in seiner Reichweite (verrückt: Ich habe vorher das Wort „Totalheit“ benutzt. Ob das jetzt nur der Fall war, weil ich über Nazisprache nachgedacht habe, oder ein Ergebnis sprachlicher Unreflektiertheit wüsste ich mal gerne) etwas übertrieben finde:

Zu den besonderen Kennzeichen der nationalsozialistischen Sprache gehört ihre Neigung zur Gigantomanie, alles im Umfeld des Nationalsozialismus erfährt eine Steigerung,
wenn etwa aus “gut” “genial” wird oder aus “begeistert” “fanatisch”. Hierbei handelt es sich offenbar um ein Kennzeichen aller Diktaturen, dafür sind die extremen Systeme der Gegenwart ein Beispiel. (S. 77)

Besser als gut und noch besser

Naja, jedenfalls kam mir eben der Gedanke, dass diese sprachlichen Übersteigerungen ja vielleicht eine tiefergehende Funktion haben. Alle drei Systeme zeichneten bzw. zeichnen sich dadurch aus, dass es „Führersysteme“ sind und dass sie sich selbst in einem scharfen Gegensatz zu einer feindlichen Umwelt sehen bzw. gesehen haben. Dieser Gegensatz schlägt sich in den Fällen dergestalt in der Sprach nieder, dass alles eigene gut, bzw. besser als gut ist und alles andere/feindliche schlecht, bzw. schlechter als schlecht. Da aber über dem Eigenen noch der  Führer thront, muss der noch besser sein als „besser als gut“ und ruckzuck sind wir bei sprachlicher Gigantomanie. Allerdings gab es in Deutschland und der Sowjetunion keine „Nachfolgeführer“ (oder „großen Nachfolger„), die eine ähnlich starke Zentrierung wie ihre Vorgänger auf sich richten konnten. In Nordkorea war das anders und ist es jetzt anders geplant. Naja und so ist Kim Jong Un bzw. die ihn beschreibende Propaganda in der Situation, dass er zumindest „besser als besser als gut“ dargestellt muss, vielleicht aber sogar „besser als besser als besser als gut“. Und wenn die Propaganda für sich diese Übersteigerungsaufgabe hat, dann ist es ja kein großes Wunder, dass die KVA nicht nur ein „tausendfaches“, sondern gleich ein „zehntausenfaches“ Bollwerk für ihn sein muss. Wie gesagt. Es wird interessant zu beobachten sein, ob bald noch mehr Dinge über ihn gesagt werden, die noch gigantischer als bei seinem Vater sind…

3 Antworten

  1. Dieser Beitrag ist ein schönes Beispiel für einen durch Nichtberücksichtigung der koreanischen Originaltexte entstandenen Fehlschluss.

    Bereits der Formulierung eines zehntausendfachen Bollwerks liegt ein Übersetzungsfehler zugrunde der dem Leser ein falsches Bild bietet. Der verwendete Ausdruck ch’ŏn’gyŏbman’gyŏb (wörtlich: „1000-Schichten-10000-Schichten“) ist eine feste viersilbige Formulierung die übrigens auch in Südkorea zur Verwendung kommt. Dieser Ausdruck kennzeichnet keine spezifische Zahl, impliziert neben den Zahlen 1000 und 10000 auch die Multiplikation von 1000 mit 10000. Durch die Unspezifität der Wendung wird diese von koreanischen Muttersprachlern daher eher als „sehr sehr viele Schichten“ verstanden. Im Kontext der Veröffentlichungen auf KCNA bezieht sich der Ausdruck auf die Anzahl der Schichten der Befestigung und wird meist im Zusammenhang mit dem Verb der Bedeutung „aufschichten“ verwendet. 10000 (man) ist im ostasiatischen Kulturkreis übrigens eine Grundzähleinheit. Zur Illustration: Das Konzept der Zahl 100.000 wird bei uns als das Hundertfache von tausend vermittelt, in Korea jedoch vermittelt man dasselbe Konzept als das zehnfache von zehntausend.

    Nun zur wirklich relevanten Frage ob, und wie oft die Formulierung in der Vergangenheit vorkommt. Sucht man den Ausdruck ch’ŏn’gyŏbman’gyŏb auf kcna.co.jp erhält man 17 Ergebnisse.

    Er findet sich in Veröffentlichungen mit folgender Datierung:
    2012 5 jan, 25 april 2011, 23. 12. 2005, 18.02.2005, 11.3.2005, 24.08.2005, 25.08.2003, 23.07.2003, 05.10.2006, 25.04.2003, 06.07.2006, 16.04.2006, 13.10.2004, 10.06.2006, sowie 2 mal im Jahr 2001, einmal im Jahr 2002

    Am 23.07.2003 und am 25.04.2011 findet sich auch der koreanische Ausdruck für das „10000fache Bollwerk“. (ch’ŏn’gyŏbman’gyŏb-ŭi sŏngsae). Übrigens ist die englische Übersetzung (05. Jänner 2012) von ch’ŏn’gyŏbman’gyŏb-ŭi sŏngsae auf KCNA nicht ten thousand fold bulwark sondern „iron fortress“. Die Übersetzung von ch’ŏn’gyŏbman’gyŏb-ŭi als 10000 fold entstammt nicht nordkoreanischen Propagandaorganen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Google keine Ergebnisse liefert.

    Ihr zweites Argument ist aber nicht von der Hand zu weisen. Und zwar nicht nur aufgrund des „vielschichtigen Bollwerks“ sondern auch aufgrund dessen was uns in der englischen Übersetzung unterschlagen wird. Choe Sang-Hun zitiert in der NYT wie folgt: „We will build a ten thousand-fold bulwark for protecting the supreme commander and become rifles and bombs to serve as Kim Jong-un’s first-line lifeguards and Kim Jong-un’s first-line death-defying corps”

    Die komplettere Übersetzung ist jedoch folgende: „We will build a ten thousand-fold bulwark for protecting the supreme commander and become 10 million rifles and 10 million bombs to serve as Kim Jong-un’s first-line lifeguards and Kim Jong-un’s first-line death-defying corps.

    10 Millionen Gewehre und 10 Millionen Bomben klingen ebenfalls gigantomanisch, aber auch diese Zahl (ch’ŏnman) findet sich in vergangenen Veröffentlichungen auf KCNA. Besonders im Zusammenhang mit Soldaten, aber auch im Zusammenhang mit Waffen.

    • Vielen Dank Simon für diese Ausführliche Erläuterung und Richtigstellung. Da ich des Koreanischen nicht mächtig bin, bin ich auf das angewiesen, was KCNA an englischen Texten ausspuckt und auf die Unterstützung der Leser. Thomas hatte mich auch bereits auf den Sachverhalt im Zusammenhang mit 10.000 hingewiesen und ich hätte das heute ergänzt. Aber dem habe ich glaube ich nichts mehr hinzuzufügen. Also Danke nochmal.

    • Eine kleine Ergänzung: Das „ten-thousands fold bulwark“ habe ich sehrwohl von KCNA übernommen. Der Artikel datiert gestern und steht unter der Überschrift: „Rally of KPA Service Personnel Held to Renew Their Pledge“. Allerdings ist es erst auf dem neuen KCNA-Auftritt zu finden, da sich der in Japan gehostete ja immer etwas Zeit lässt, mit der Veröffentlichung. Und auf den neunen Auftritt kann man wegen der Art der Programmierung nicht zielgenau verlinken. So ist doch zumindest festzuhalten, dass in englischer Übersetzung der „ten-thousands“ Begriff Premiere hatte.

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