Kim Jong Uns Imagebildung: Volksnah – offen – anpackend?

Es wurde ja in den letzten Wochen viel darüber diskutiert und spekuliert, wie Kim Jong Un in Zukunft führen würde, bzw. welche Position er im Regime einnehmen würde. Das Hauptaugenmerk liegt und lag dabei natürlich auf den Machtstrukturen des Regimes. Die sind jedoch schwer auszumachen, weil — ganz ehrlich gesagt — ja nicht mal wirklich klar war, wie die Herrschaftsstrukturen seines Vaters ausgesehen haben. Ähnlich interessant wird es zu sehen sein, wie sich Kim Jong Un präsentiert, was er tut und was er lässt und welches Image um/für ihn aufgebaut wird.

Wie kann sich Kim Jong Un legitimieren?

Ein viel angesprochenes Problem wird seine Führungslegitimation sein. Denn selbst wenn die Propaganda nachträglich (oder auch nicht, weiß man nicht) versucht, ihm Heldentaten wie Nukleartests zuzuschreiben, so wird doch den Bürgern wie den Offiziellen auffallen, dass er objektiv noch nichts „geleistet“ hat. Wenn dieser Makel an ihm haften bleibt, wird immer die Frage im Raum stehen, warum gerade dieser junge Mann das Land nun führen soll und was außer seiner Blutlinie ihn dazu befähigt. Eine Aufgabe für ihn und seine Propaganda ist es also, in der nächsten Zeit besonderen Fähigkeiten und Qualitäten zu belegen, die ihn zum idealen Führer machen (unabhängig davon, ob er faktisch Macht ausüben wird und kann, oder ob er nur Repräsentant und Symbol ist, also eher die Position eines Staatsoberhauptes wie bspw. in Großbritannien die Queen innehat).

Acht Auftritte Kim Jong Uns in diesem Jahr…

Kim Jong Un war seit Anfang des Jahres bereits sehr aktiv und hat sich insgesamt zu Acht Anlässen sehen lassen. Zwei davon waren Kulturveranstaltungen. Einmal das Neujahrskonzert, zu dem sich die oberste Führungsspitze des Landes versammelte (wie das auch zuvor üblich war). Außerdem eine Konzert- und Tanzveranstaltung eines dem Militär entstammenden Ensemble. Von beiden Veranstaltungen wurden keine Fotos veröffentlicht.

…sieben Mal beim Militär.

Dafür gibt es aber von seinen sechs Besuchen bei unterschiedlichen Militäreinheiten jede Menge Bildmaterial. Aus der Tatsache, dass bisher alle Aktivitäten Kim Jong Uns in Verbindung mit Militäreinheiten standen, kann man eine erste Vermutung folgern: Offensichtlich soll gezeigt werden, dass das Militär weiterhin das Rückgrat und zentrale Stütze des Regimes darstellt und das Kim Jong Ils Songun-Politik ungebrochen fortgeführt werden soll. Dies mag manchem Beobachter vielleicht nicht gefallen, aber andererseits ist es logisch, dass Kim Jong Un und seine Unterstützer das Militär hinter sich scharen müssen, um Konflikte zu vermeiden und wenn es doch zu solchen käme, auf das Militär vertrauen können. Wenn der Eindruck entstehen würde, dass die Unabhängigkeit bzw. der Einfluss des Militärs beschnitten werden sollte, wäre dies schwer zu vermitteln. Was allerdings passieren wird, wenn die Führungsstrukturen, die sich nun herausbilden, voll konsolidiert sind, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Aber das wird vermutlich noch Jahre dauern (wenn es überhaupt so weit kommt).

Parallelen und Differenzen in der Bildsprache: Volksnah und offen

Sehr interessant fand ich auch die Inhalte und Bilder der KCNA Artikel zu Kim Jong Uns Vor-Ort-Anleitungen. Da gibt es nämlich einige Parallelen, vor allem aber auch Unterschiede, zu den Besuchen seines Vaters.

Als Parallele würde ich beispielsweise die Bildsprache der Fotos von den Besuchen bezeichnen. Die Choreografie gleicht sich bis ins Detail und im Endeffekt ist auf vielen Fotos der einzige Unterschied die Person, die im Mittelpunkt steht. Aber das ist auch nicht wirklich verwunderlich, denn die Leute die die Fotos schießen bleiben die gleichen und die Leute die die Auftritte planen und organisieren auch.

Kim Jong Un guckt ein Bett...

Ganz der Vater...

Kim Jong Un guckt Essen

...er steht rum, guckt was an und alle gucken mit.

Allerdings gibt es auch Unterschiede, die auf den Fotos zu erkennen sind. Kim Jong Un gibt sich nämlich viel „Volksnäher“ als sein Vater.

Kim Jong Un hält Händchen

Kim Jong Un hält Händchen...

Kim Jong Un tröstet Küchenpersonal

...Küchenpersonal...

Kim Jong Un tröstet Piloten

...und Piloten...

Kim Jong Un freut sich

...und lacht viel.

Während Kim Jong Ils Gesten oft unnahbar und belehrend schienen und er bestenfalls mal einem verdienten Recken das Einhaken erlaubte, scheint Kim Jong Un den Normalsterblichen zugewandter. Fast auf jedem Gruppenfoto hakt sich irgendwer ein, er läuft mal händchenhaltend mit Offizieren (was unter normalen Leuten nichts außergewöhnlich ist (da sind wir Deutschen glaube ich auch ein bisschen komisch, wenn man mal über die Alpen fährt ist das auch schon ganz anders)), tröstet eine weinende Küchenkraft oder herzt zwei wahlweise überglückliche oder total verzweifelte Piloten. Diese gefühlte persönliche Nähe kannte man von seinem Vater so nicht. Auch seine Mimik drückt eher Offenheit aus. Es gibt sehr viele Bilder auf denen er fröhlich lacht. Wenn er das so spielt, dann ist er ein hervorragender Schauspieler.

Parallelen und Unterschiede im „Skript“: Nicht nur reden, auch anpacken

Die Unterschiede zu seinem Vater erschöpfen sich aber nicht auf sein Auftreten gegenüber den Menschen. Auch in dem was er bei seinen Besuchen tut, kann man kleinere Differenzen ausmachen. Zwar bleibt auch hier das Rahmenkonzept das Gleiche. Er schaut sich die Arbeits- und Lebensbedingungen, die symbolisch-ideologischen Einrichtungen und die „Produkte“ der jeweiligen Einheit an und gibt hier und da mal einen hervorragenden Kommentar über die Wichtigkeit von diesem und jenem und die Bedeutung ihrer Arbeit etc. ab. Aber darüber hinaus macht er auch Sachen, die bei seinem Vater eher seltener waren.

Zum Beispiel ist bei drei seiner Besuche vermerkt, dass er persönlich etwas tat oder ausprobierte:

He called at a wash-cum-bath house and learned about where water was coming from and personally took its temperature.

He personally tasted bean paste produced by the unit itself

Pleased to hear in the bedroom that soldiers are living in the warm room in midwinter thanks to the heating equipment provided by Kim Jong Il with loving care, he personally took its temperature

Bei einem von Kim Jong Ils Besuchen hätte an Stelle der persönlichen Prüfung vielleicht eher ein Kommentar Kims über die Bedeutung angenehmer Temperaturen oder so gestanden. Es war eher Gerede (oft über das was zu tun sei),  und eher selten ein konkretes Tun, das den Berichten zufolge Kim Jong Il auszeichnete.

Auch schön fand ich das hier:

Kim Jong Un who visited the unit, carrying with him a freshwater fish, weighing more than 60 kg, presented by people, showed such loving care for pilots as teaching how to cook it for them to taste it.

Immerhin hat er ihn nicht „personally gecarried“. Aber präsentiert hat er das Geschenk stolz…

Kim Jong Un bringt einen schönen Fisch

Ist aber auch ein hässlicher Brocken.

Vielleicht gibt es ja demnächst Fotos, auf denen Kim Jogn Un die Fische für die Soldaten personally fängt. So vielleicht. Oder sogar so

Naja, jedenfalls könnte man aus den bisherigen Berichten über die Vor-Ort-Besichtigungen Kim Jong Us schließen, dass er versucht sich volksnäher und anpackender zu präsentieren, als sein Vater. Er ist eben nicht nur der Intellektuelle, der zu allem und jedem eine blendende Idee hat und die dann zum Besten gibt. Er interessiert sich wirklich für die Leute. Er will ihnen nah sein und ihr Leben und ihre alltäglichen Nöte verstehen (weshalb er die Erfahrungen auch persönlich nachempfindet). Vielleicht ist diese mehr seine Art, vielleicht spielt er die Rolle gut. Man wird das wohl nicht so schnell erfahren. Ich erinnere mich, dass an die Artikelserie „Worthwhile Life under Care of Great Leader“ bei KCNA, die Mitte vergangenen Jahres Kim Jong Il gewidmet war. Darin wurde immer beschrieben, wie Kim durch sein alleiniges Zusammentreffen mit ganz normalen Menschen, einen positiven Effekt auf ihr Leben hatte. Kann sein, dass Kim Jong Un vorerst die bodenständigere Variante davon repräsentiert. Sein alleiniges Erscheinen führt nicht zur Besserung, sondern sein konkretes Handeln.

Vorerst ist die Hauptaufgabe Repräsentation

Klar ist jedoch. Er hat zurzeit noch bei weitem nicht das Ausmaß an Macht, das seinem Vater zukam. Momentan kann er noch nicht vielmehr sein, als ein Repräsentant des Regimes. Er wird wichtige Entscheidungen nicht ohne und wahrscheinlich auch nicht gegen den Rat der Führungsspitze des Regimes treffen können. Ob er mehr eines Tages mehr erreichen will oder ob er sich mit der gegenwärtigen Situation zufrieden gibt, das wird sich zeigen. Da die anderen Mächtigen glauben ihn als symbolische Figur und vielleicht auch einendes Element zu brauchen, bleiben ihm beide Optionen offen, denn durch geschicktes Manövrieren kann er dieses gebraucht werden ausnutzen, um sich sukzessive mehr Einfluss und eigene Machtstrukturen und Kanäle zu erarbeiten. Bis dahin wird er versuchen, dem Regime und vor allen Dinge sich selbst die Sympathien des gemeinen Volks (bzw. der gemeinen Soldaten) zu erringen. Ich bin mal gespannt, wie weit seine Volksnähe gehen wird. Die Hochzeit des Jahres in Pjöngjang? Oder die Suche nach einem passenden Diktatorenhund? Wir werden sehen…

Arbeitsteilung mit Choe Yong-rim?

Es wird außerdem interessant sein zu beobachten, wie lange er seine Vor-Ort-Besuche auf den militärischen Bereich beschränkt und den Bereich Wirtschaft Choe Yong-rim überlässt. Der Premier hatte vor einem knappen Jahr begonnen, selbst Vor-Ort-Besichtigungen vorzunehmen (bzw. hat KCNA angefangen darüber zu berichten). Seitdem gehören diese Anlässe zur regelmäßigen Berichterstattung von KCNA. Seit Kims Tod hat Choe bereits drei Anlagen besucht. Ich könnte mir vorstellen, dass er vorerst den Part (zivile) „Wirtschaft“ übernehmen wird und dass die Berichterstattung von KCNA über seine Besuche vielleicht sogar als Vorbereitung auf den möglichen Tod Kim Jong Ils angelaufen war, damit die Leute sich nicht wundern, wenn plötzlich der Premier Aufgaben übernimmt, die vorher nur der oberste Führer übernommen hat. Auf jeden Fall kann der junge Kim so zurzeit effektiv entlastet werden.

9 Antworten

  1. Es lohnt, die aktuellen Bilder mal mit den Bildern der vor-Ort-Besuche des Großvaters zu vergleichen. Die Ähnlichkeit ist frappierend – vom geamten Auftreten bis hin zum Mantel (!). Zudem ist erstaunlich, wie ungezwungen Kim Jong Un auf den Bildern zu sehen ist. Man hat nicht den Eindruck, dass hier jemand agiert, dessen Autorität irgendwie in Zweifel gezogen wird und der darauf bedacht sein muss, keinen falschen Schritt zu tun.

    Diese Ikonografie hat m. E. sehr große Bedeutung für das Regime und natürlich auch Auswirkung auf das posthume Bild von Kim Jong Il – der schon jetzt als reiner Sachwalter der Familiendynastie erscheint, dessen wesentliche Leistung darin bestand, das Land auf Kurs gehalten zu haben…

  2. @all: Freut mich das es euch gefallen hat…
    @MFest: Die Kunst der literarischen Unschärfe…
    @Micha: Das hatte ich auch in der Auswahl, aber dann habe ich Putin gesehen und da ging nichts drüber. Du glaubst nicht wie viele herausragende Anglerbilder es gibt. Aber erstaunlicherweise nur von Männern. Hätte auch mal gerne Merkel mit Fisch gesehen…Vermutlich greift da noch die gute alte Rollenvereteilung und Merkel ist nur vorm Herd zu haben: http://img1.brigitte.de/asset/Image/gesellschaft/angela-merkel/kueche.jpg

  3. Sehr schöner Beitrag
    noch’n Angler

  4. lol

    Das war mal wieder sehr schön geschrieben.Besten Dank.

    • In der Tat.

      Bei Bild 7 ist die Bildunterschrift nur ein wenig undeutlich. Zumindest ich wusste nicht welcher der Brocken gemeint ist.

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