Von tieffliegenden Friedenstauben und kompromisslosen Polizisten: Warum die jüngsten „Gesprächsangebote“ der USA und Nordkoreas keinen Pfifferling wert sind

Die Friedenstauben fliegen zurzeit tief zwischen Pjöngjang, Seoul und Washington. Das kann man jedenfalls glauben, wenn man einige Überschriften zu den jüngsten Aussagen aus Washington und Pjöngjang liest. Die hier zum Beispiel: „USA bekunden Dialogbereitschaft gegenüber Nordkorea“ oder auch diese hier: „N Korea open to talks with South„. Gleichzeitig könnte man aber auch glauben es werden mehr gefordert als mit Olivenzweigen gewedelt: „Nordkorea stellt Bedingungen für Dialog“ oder auch „U.S. Envoy Urges N.Korea to Improve Relations with South„. Ich könnte jetzt wieder anfangen zu lamentieren, dass die „Angebote“ der USA von den Medien recht häufig sehr kritiklos als Olivenzweiggewedele gedeutet werden, während in den „Forderungen“ Nordkoreas recht selten Angebote gesehen werden. Scheinbar ist es wirklich so, dass man seine eigenen Leute dran setzen muss, wenn man aus nordkoreanischer Perspektive in den internationalen Medien mal anders wahrgenommen werden will, denn dreimal dürft ihr raten, wo der Bericht mit der „N Korea open for talks…“ Schlagzeile entstanden ist. Genau, im neuen AP-Büro in Pjöngjang aus der Feder eines nordkoreanischen Mitarbeiters der Agentur. Aber das nur nebenbei.

Zurück zum „Bankräuber-Bild“

Interessanter finde ich es, mir die Angebote, bzw. Forderungen mal genauer anzuschauen. Und weil es so gut passt, möchte ich nochmal das kürzlich in den Raum gestellte Bild aufgreifen, nach dem Nordkorea wie ein Bankräuber sei, mit dem man verhandeln müsse. Jedoch nicht, um großartig auf Nordkorea als „kriminellem Akteur“ rumzureiten, sondern um die Absurdität dieser Olivenzweige mal klarzustellen.

„Angebot“ der Polizei

Nehmen wir also einfach mal an, Nordkoreas Führung sind Bankräuber, die mit Geiseln und Waffen in der Bank sitzen und nicht raus können. Denn vor der Bank steht die Polizei, hat soweit alles abgeriegelt und ist im Notfall jederzeit bereit zu stürmen. Nur leider ist der Polizei bewusst, dass das nicht ohne Kollateralschäden abgehen wird. Daher muss man Wohl oder Übel verhandeln (auch wenn der Sinn vielleicht eher nach stürmen steht, denn es ist unglaublich anstrengend mit Bankräubern zu verhandeln). Nagut, also verhandelt man. Und was bietet man an? „Wir wollen das Problem friedlich lösen und ernsthaft verhandeln. Aber zuerst müsst ihr durch konkrete Schritte beweisen, dass ihr es ernst meint.“ Kennt man ja: Alte, Frauen und Kinder freilassen oder sowas. Nur hat der Polizist vor der Bank keine Lust auf einen ewigen Verhandlungsmarathon. Deshalb hat er seine Forderungen ein bisschen aufgestockt: „…zuerst müsst ihr durch konkrete Schritte beweisen, dass ihr es ernst meint. Daher fordern wir, dass ihr alle Geiseln freilasst und ihnen eure Waffen in die Hand drückt, damit unsere Verhandlungen dann auch wirklich problemlos ablaufen. Danach können wir den Disput dann sicherlich friedlich lösen.“ Wie auch nicht! Die Bankräuber hätten ja keine Verhandlungsmasse mehr. Abgeführt und eingesperrt – Problem gelöst! Nur klingt das für die Bankräuber wohl nicht so verlockend. Denn sie sitzen ja mit Waffen und Geiseln in der Bank und können so relativ sicher sein, dass niemand stürmt und das sie vielleicht ein ganz gutes Verhandlungsergebnis erzielen können. „Warum das alles wegwerfen?“ dürften sich die Räuber da denken.

„Gegenangebot“ der Bankräuber

Also lassen sie ihr Gegenangebot hören. Kennt man ja. Den Geiseln wird nichts passieren, aber die Polizei muss uns freies Geleit gewähren und einen Jet am Flughafen oder sowas. Aber die Bankräuber haben scheinbar auch nicht so recht Lust auf die ganzen Unwägbarkeiten, die mit freiem Geleit und Jets am Flughafen und soweiter verbunden sind. Daher klingt das Gegenangebot eher so: „Den Geiseln wird nichts passieren. Aber damit wir über den Abzug und die Freilassung verhandeln können, wollen wir erstmal einen Beweis, dass ihr es ernst meint. Daher soll die Polizei ihre Waffen hier vor der Bank ablegen, und samt und sonders verschwinden. Außerdem brauchen wir einen Bus, in den wir all unsere Geiseln packen können und der Idealerweise noch mit jeder Menge Geldkoffern bestückt ist. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, können wir über die weiteren Schritte zur Freilassung der Geiseln verhandeln…

Ziemlich Banane, aber irgendwie real

Klingt alles ziemlich Banane, ich weiß. Aber wenn man bedenkt, dass die USA mittlerweile seit Jahren nicht von ihren Forderungen hinsichtlich glaubwürdiger und nicht rückgängig zu machenden Schritten gegenüber Nordkorea beharren (natürlich immer in enger Absprache mit Südkorea) und dass Nordkorea gerade erst einen sehr umfangeichen Forderungskatalog  an Südkorea aufgefahren hat und dass klar ist, dass keine Seite die jeweiligen Forderungen des Anderen erfüllen will und kann, dann ist das oben gezeichnete Bild garnichtmal so falsch. Nur fragt man da, was wollen die Verhandlungspartner damit erreichen?

Zurück in die Bank: Warum das Ganze? Der Polizist

Um wieder ins Bild zurückzukehren: Vielleicht will der Polizist die Bankräuber ja aushungern, oder sie in den Wahnsinn treiben. Die Angebote die er dabei macht, sind mehr für die Öffentlichkeit gedacht, denn hey: Wenn die Bankräuber endlich darauf eingehen würden, dann würde keinem was passieren, es gäbe eine gerechte Strafe und Recht und Ordnung wären wieder hergestellt, klingt doch recht vernünftig in den Ohren unbescholtener Bürger. Nur hilft das leider niemandem weiter, denn mit normativen Appellen kommt man nicht weit bei Bankräubern. Vielleicht hat der Polizist auch einfach Lust zu stürmen und will eine ausweglose Situation heraufbeschwören (denn es wäre ja ein schlimmer Präzedenzfall, wenn so ein Bankräuber davon käme. Das muss um jeden Preis verhindert werden und gleichzeitig kann man auch ein blendendes Exempel statuieren, aber vielleicht müssen die Bankräuber dazu auch erstmal ein bisschen ausgehungert werden, damit sie sich dann nicht mehr so doll wehren …). Naja, jedenfalls gibt es für die Polizei scheinbar ganz gute Gründe, einfach auf Zeit zu spielen. Und für die Bankräuber?

Warum das Ganze? Die Bankräuber

Vielleicht haben die Bankräuber auch einen Plan-B in der Tasche und buddeln gerade an einem Fluchttunnel. Sie wollen vielleicht nur etwas Zeit gewinnen und tun nur so, als wollten sie die konventionelle Nummer abziehen. Und wenn die Polizei auf das Maximalangebot eingeht…auch gut. Dann kommt man ja weg. Vielleicht fühlen sie sich auch in einer ausweglose Lage und versuchen einfach Zeit zu gewinnen, bis ihnen irgendwas einfällt (was für die Geiseln allerdings nicht so gut wäre, denn dann könnte der Polizeigedanke mit dem Wahnsinn ja zutreffen. Nur weiß man bei Wahnsinnigen leider nie so genau ob sie vielleicht aggressiv werden und ob sie ihre Aggression gegen sich selbst oder gegen andere richten…). Oder ihr seltsames Angebot hat einen ganz anderen Hintergrund. Sie wundern sich nämlich über die unrealistischen Forderungen des Polizisten und haben den Braten quasi gerochen. Sie wissen, dass der Polizist nur Zeit schinden und die Öffentlichkeit beruhigen, aber sie auf keinen Fall aus der Bank lassen will. Ihr unannehmbares Angebot hätte dann einzig den Zweck, das Manöver des Polizisten zu entlarven, denn wenn die Öffentlichkeit erst merkt was läuft, gibt es vielleicht Kritik an der Polizei, weil sie offenen Auges die Geiseln gefährdet. Und dann wäre der Polizist gezwungen zu verhandeln und die Bankräuber in einer wesentlich besseren Position.

Bleibt alles wie es war…

Das ist es auch zumindest in Teilen, was ich mir gut vorstellen kann. Keine der beiden Seiten meint wirklich ernst, was sie da sagt. Oder vielmehr, sie glauben nicht ernsthaft, dass auf ihre Forderungen eingegangen wird. Vor allem wenn man bedenkt, dass es hier um Vorbedingungen für Gespräche geht. Denn was werden erst bei echten Verhandlungen für Positionen aufeinanderprallen. Nicht vorstellbar. Naja, im Endeffekt hat sich also schlicht und einfach nichts geändert, außer dass die Medien (und ich) mal wieder was über Friedenstauben, Olivenzweige und Forderungen schreiben konnten.

Südkoreanisches Feigenblatt

Achja, was hier nicht ungesagt bleiben soll: Das Wahrste, was ich über diese ganzen Scheinangebote in den Medien gelesen habe, stand ausgerechnet („ausgerechnet“, weil man ja schon mitunter so ein gewissen Vorurteil gegenüber nordkoreanischen Medienschaffenden hat (der auch sehr oft nicht unbegründet ist))  im Artikel von Kim Kwang-hyon, dem nordkoreanischen AP Mitarbeiter. Da wird nämlich John Delury (der ganz gut darin ist, strategisches Rumgealbere zu entlarven und einen m.E. eher objektiven Blick auf die diplomatischen Verwicklungen um Nordkorea zu werfen) mit den folgenden Worten zitiert:

the statement is meant primarily to pull the fig leaf off the South Korean government’s claims that it is open to dialogue, […] Pyongyang is trying to call Seoul’s bluff by claiming South Korea is the intransigent one.

die Stellungnahme hat das vorrangige Ziel, der südkoreanischen Regierung das Feigenblatt herunterzureißen, das in den Behauptungen besteht, man sei offen für einen Dialog. Pjöngjang versucht Seouls Bluff zu entlarven, indem es behauptet, Südkorea sei die unversöhnliche Partei.

Die Guten und die Bösen und wem man eher glauben kann

Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen, außer dass ich die kreative Art, in der Pjöngjang das macht, eigentlich ganz witzig finde: Man sagt nicht irgendwie: „Hey, das meint ihr doch nicht ernst.“ Sondern antwortet einfach mit ähnlich unrealistischem Quatsch. Denn welcher vernünftige Mensch, der nicht denkt die hätten alle ne Schraube Locker in Pjöngjang, kann denn glauben, dass der Forderungskatalog ernst gemeint war? Übrigens fällt es eigentlich ebenso schwer zu glauben, dass die USA das ernst meinen, was sie uns seit Jahr und Tag vorbeten. Aber scheinbar passt das besser in unser Weltbild und deshalb wollen  wir es glauben, denn hey, die USA sind ja die Guten. Aber wie ich schon öfter gesagt habe: So einfach ist das eben nicht. Es gibt eigentlich keine Guten und keine Bösen (auch wenn manche eher in die eine oder die andere Richtung neigen), sondern nur verschiedene Interessen und wenn keiner so richtig Gut ist, sollte man öfter mal überlegen, warum man dem Einen soviel lieber glauben will, als dem Anderen…

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