Nur ein Gerücht? — Implikationen der Gerüchte über Kim Jong Uns Ermordung für das Regime in Pjöngjang: Die Gefahr autonomer Kommunikationskanäle

Es war ja schon zu Kim Jong Ils Lebzeiten nichts ungewöhnliches, dass allerlei Gerüchte über ihn die Runde machten. Und je mehr Teilnehmer und damit Gewicht soziale Plattformen wie Twitter und Facebook bekamen, desto viraler und rasender verbreitete sich das Ganze dann. Da zeigt sich auch ganz gut das Risiko der sozialen Medien, denn nicht die Nachrichten, die solide belegt waren verbreiteten sich am schnellsten und stärksten, sondern vor allem die, die besonders spektakulär waren. Nicht ohne Grund kam Joshua von One Free Korea mit seiner „Kim Jong Il Death Watch“-Reihe auf beachtliche 10 Artikel, in denen er sich mit Gerüchten über Kim Jong Ils Tod befasste.

Kim Jong Un ist tot. Nur ein Gerücht!…Nur ein Gerücht?

Jetzt ist Kim II tatsächlich tot und ihm folgte Kim III — nicht nur als zumindest nomineller Führer seines Regimes, sondern auch als Ziel von Gerüchten über seinen Tod. Gerade in der aktuell fragilen Zeit, in der viele Augen nach Pjöngjang schauen, werden Indizien schnell zur Grundlage von Gerüchten. Und Gerüchte verbreiten sich ja wie gesagt unter den Bedingungen des Internet ja wie gesagt blendend. Daher ist es auch nicht weiter überraschend, dass sich gestern bei Weibo, dem chinesischen Pendant von Twitter, Meldungen über Kim Jong Uns Ermordung rasend verbreiteten und dann irgendwann auch von westlichen Medien aufgegriffen wurden und auch innerhalb von ein paar Stunden auf diesem Blog auf der Freien Beitragsseite ankamen (Danke für den Hinweis Tobias und franticek). Grundlage des Gerüchts war eine ungewöhnlich große Zahl von (Rettungs-)Fahrzeugen vor der nordkoreanischen Botschaft in Pjöngjang. Und dann ging eben alles seinen Weg (ein ausführlicher Bericht zur Genese des Gerüchts gibts bei North Korea Tech).

Von der niedrigen Trefferquote von  Gerüchten im Fall Nordkorea

Mit Gerüchten ist das ja nun immer so eine Sache. Manchmal haben sie eine Grundlage in der Realität, meistens aber nicht. Ich glaube dass dieses Mal letzteres zutrifft. Jedoch ist es nicht undenkbar, dass Kim Jong Un irgendwann einem Attentat zum Opfer fällt, oder zumindest Pläne für seine Ermordung geschmiedet werden. Schließlich gibt es ja auch deutliche Hinweise, dass sein Vater wiederholt Ziel von Anschlägen oder Putschversuchen war (und der hatte vor seinem Start als Spitze des Regimes mehr Zeit, alles vorzubereiten und die Gefolgschaft auf Linie zu brzwingen). Daher sollte man die Gerüchte auch nicht immer so einfach abtun, jedoch immer erstmal als das behandeln, was sie sind. Unbestätigte Gerüchte eben. Einen Hinweis, dass man Gerüchte nicht überbewerten sollte liefern jedoch auch die Ereignisse um Kim Jong Ils tatsächliches Dahinscheiden. Denn was es im Vorfeld der Verkündigung seines Todes eben nicht gab, waren irgendwelche Gerüchte über seinen Tod. Der Informationsfilter von Nordkorea nach außen hat also bisher noch blendend funktioniert.

Die Wirkkraft von Gerüchten, unabhängig vom Wahrheitsgehalt

Interessant ist das Aufkommen von Gerüchten auch im Hinblick auf Nordkoreas vorsichtige Öffnung gegenüber dem WWW. Natürlich sind bisher nur einige Propagandaorgane des Regimes online und verbreiten Informationen in alle Welt. Aber einerseits weiß man nicht, inwiefern auch über das nordkoreanische Intranet eine zunehmende Vernetzung möglich ist. Auch die eine Million Mobilfunknutzer in Nordkorea sind nicht zu unterschätzen. Mit zunehmender Möglichkeit zur Vernetzung und damit wachsenden Datenmengen, die auszuwerten sind, dürfte es dem Regime immer schwerer fallen, jede SMS und jede E-Mail zu lesen. Und wie die vermutlich eher wenig Medienkompetenten nordkoreanischen Mediennutzer mit Gerüchten umgehen (immerhin war bisher alles was an Nachrichten oder Informationen verbreitet wurde, irgendwie von staatlicher Seite als „wahr“ bestimmt), muss sich erst noch zeigen. Auch ein anderes Moment würde ich nicht ganz außer Acht lassen. Je mehr Propagandalautsprecher Zugang  zum Netz haben (und damit die Möglichkeit zur direkten Verbreitung), desto größer ist auch dort die Fehleranfälligkeit. Natürlich wird es dort mannigfaltige Schutzmechanismen gegen die Verbreitung ungewollter Nachrichten geben, aber undenkbar ist es nicht, dass entweder durch „bösen Willen“ Einzelner, oder durch individuelle Fehler Meldungen veröffentlicht werden, die so nicht nach außen dringen sollten. Und sowas ist unter den Bedingungen des WWW eben nicht mehr einzufangen. Auch wenn es nach innen hin recht schnell behebbar sein wird. Früher waren bei Staatsstreichen immer Fernsehsender und Radiostationen zentrale Ziele von Putschisten. Heute dürften auch Schnittstellen zum Netz interessante Ziele darstellen, denn sie lassen sich vielleicht auch ohne dauerhafte Übernahme, für Attacken einer Art „Informationsguerilla“ nutzen.

Implikationen für Nordkorea: Risiken von Informationsfreiheit erkennen und bewerten

Das alles sind zwar eher Zukunftsträume und ich glaube nicht, dass Gerüchte oder echte Informationen von innen oder außen das Regime in Pjöngjang in naher Zukunft ernsthaft ins Wanken bringen werden. Jedoch haben die Ereignisse der arabischen Rebellion (bevor man den Frühling tatsächlich einläutet, sollte man genau im Auge halten, ob nicht der Winter nochmal zurückkommt) gezeigt, wie schnell Informationen die sich nicht mehr einfangen lassen eine Dynamik entwickeln. Daher bin ich mir sicher, dass das Regime in Pjöngjang sehr genau beobachtet, wie sich die verschiedenen Möglichkeiten zur Vernetzung und zur informationellen Unabhängigkeit auf die Kontrollmöglichkeiten von Regimen auswirkt. Gerade die Tatsachen, dass die jüngsten Gerüchte in China entstanden sind, wird zu denken geben. Daher wird man sich vermutlich sehr genau überlegen, wie weit man der eigenen Bevölkerung die Möglichkeit geben will, autonom zu kommunizieren und sich unabhängig von der Regierung zu vernetzen.

Das Regime werkelt an der Büchse der Pandora

Das ist im Endeffekt eine recht einfache Kosten-Nutzen-Abwägung für das Regime und ich stelle mir die Frage, wo der Nutzen ist? Die Kosten bzw. Risiken sind ja bekannt. Daher kann ich mir vorstellen, dass man weiterhin sehr vorsichtig sein wird, was das Öffnen weiterer unabhängiger Kommunikationskanäle innerhalb des Landes angeht und erst Recht, was Kanäle von außen nach innen betrifft. Nur der umgekehrte Weg wird vermutlich weiter vorangetrieben werden. Die Frage ist nur, ob man mit der breiten Einführung von Mobilfunk nicht schon die Büchse der Pandora geöffnet hat und einer breiten Bevölkerungsgruppe Möglichkeiten gewährt hat, die nicht mehr beschränkt werden können. Das wird mittelfristig auf jeden Fall ein Thema sein, dass man sehr genau m Auge behalten sollte.

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