Nordkorea kündigt Raketenstart an: Hintergründe und Implikationen

Eigentlich hatte ich ja ein paar andere Punkte auf der Agenda, aber eine Meldung, die uns heute Morgen aus Nordkorea erreichte ist so überraschend und interessant, dass ich mich erstmal diesem Thema widmen will. Heute Morgen veröffentlichte nämlich Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA eine Stellungnahme eines Sprechers des Korean Committee for/of Space Technology mit folgender Überschrift (die eigentlich schon alles sagt):

DPRK to Launch Application Satellite

[…] Kwangmyongsong-3, a polar-orbiting earth observation satellite, will be blasted off southward from the Sohae Satellite Launching Station in Cholsan County, North Phyongan Province between April 12 and 16, lifted by carrier rocket Unha-3. […]

Nordkoreas Taepodong-Programm

Wenn man sich ein bisschen mit der Geschichte von Nordkoreas Raketenprogramm auseinandergesetzt hat, dann weiß man, die vorherigen Tests 2006 und 2009 mit der Langstreckenrakete Taepodong-2 durchgeführt wurden. Der Test 2009 wurde, genau wie derjenige von 1998 (damals noch mit der Vorgängerversion Taepodong-1) Seitens Nordkorea als Satellitenstarts bezeichnet. In der nordkoreanischen Propaganda wurden diese Starts als erfolgreich dargestellt (wonach jetzt die beiden Versuchssatteliten Kwangmyongsong-1 und -2 um die Erde kreisen und patriotische Lieder funken müssten (so ungefähr, wie in der Folge dargestellt)),

während der Test von 2006 als Erprobung eines Waffensystems benannt wurde. In der wirklich Welt war bisher jedoch noch keiner der Test ein Erfolg, allerdings waren deutliche Fortschritte festzustellen (von 1998 nach 2006 setzte man eine Stufe auf die Rakete drauf und machte sie so zuerst zu einer Interkontinentalrakete. 2009 blieb das Geschoss dann deutlich länger in der Luft als 2006 und die ersten beiden Stufen funktionierten wie geplant. Was die Bezeichnung der Raketen angeht, so werden solche Vehikel, die friedlichen Zwecken dienen von der nordkoreanischen Seite „Unha“ genannt (1998 Unha-1, 2009 Unha-2); technisch sind sie jedoch mit der Version die für kriegerische Zwecke genutzt wird (die wird in Nordkorea „Paektusan“ (wie der Berg) genannt) identisch. Daher ist es auch relativ egal, ob man als Anlass einen Satellitenstart oder einen Waffentest nimmt, die Daten die man daraus gewinnt, können so oder so der Weiterentwicklung des Waffenprogramms dienen.

Und das Moratorium?

Dass dies gegen die Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen verstößt ist nicht neu und dass das die nordkoreanische Seite nicht wirklich kümmert auch nicht. Was aber neu ist, ist das Moratorium auf Raketentests, dass man erst vor einigen Wochen mit den USA ausgehandelt hat und das ein Bestandteil des Paketdeals ist, nach dem die USA Nordkorea Lebensmittel im Umfang von 240.000 Tonnen liefern sollen. Nur zur Erinnerung. Damals veröffentlichte Nordkorea ein Statement, in dem u.a. zu lesen war:

The DPRK, upon request by the U.S. and with a view to maintaining positive atmosphere for the DPRK-U.S. high-level talks, agreed to a moratorium on nuclear tests, long-range missile launches […]

Da gibt es wohl nicht viel zu diskutieren. Da steht, dass man keine Langstreckenraketen starten wird. Und da ist es m.E. auch völlig egal,  ob ein Satellit an Bord ist oder nicht. Diese beiden Ankündigungen passen einfach nicht zusammen. Sollte Nordkorea sein Vorhaben vorantreiben, dann wäre der Deal wohl nichtig und alles, was man in den vergangenen Wochen von Annäherung und ähnlichem lesen konnte hinfällig. Der Raketenstart würde die diplomatische Situation auf der Koreanischen Halbinsel wieder dahin zurückbefördern, wo sie bis vor dem Deal standen.

Was die Sache für mich überraschend macht

Und da kommt das ins Spiel, das ich an der Sache interessant finde. Denn warum bitte schließt man einen Deal, um den dann umgehend wieder zu brechen. Und zwar bevor man irgendwelche Güter erhalten hat. Denn je mehr Profit man geschlagen hat, desto höher wird der Anreiz die Vereinbarung aufzukündigen. Das hat man ja schon öfter im Falle Nordkoreas erlebt. So gesehen wäre dann der ganze Deal, auf den man ja schon länger hingearbeitet hat, vollkommen nutzlos, denn man hat diplomatische Ressourcen verbraucht und vielleicht sogar (wenn es sowas noch gibt) den letzten Funken Vertrauen, den es in den USA noch gab, ausgetreten (die erste Reaktion des US-State Department klang jedenfalls ziemlich angefressen). Wenn man den Raketentest eh schon geplant hat, dann hätte man die Verhandlungen mit den USA ja auch einfach auf Eis liegen lassen können bis nach dem Test (und wenn man auch noch ein bisschen Plutonium rumliegen hat vielleicht auch noch einem Atomtest (zu einem wichtigen Jahrestag wie 2012 gehört ja auch ordentlich Feuerwerk)).

Mögliche Erklärungen

Da ich eigentlich immer davon ausgehe, dass das Regime in Pjöngjang rational agiert, sollte es auch irgendeine Art von Erklärung für dies Entscheidung geben, die Vereinbarung mit den USA mir nichts dir nichts fallen zu lassen, ohne die Profite einzustreichen. Die Frage die sich mir also stellt: Passt das überhaupt irgendwie zusammen und wenn ja: wie?

Nachverhandeln und Preis in die Höhe treiben

Eine Möglichkeit ist, dass man nachverhandeln will um den Preis in die Höhe zu treiben. Darin sind die Nordkoreaner Meister und man könnte sich denken, dass noch etwas mehr rauszuschlagen wäre, wenn man jetzt mit einem Test droht und den dann gegen weitere Konzessionen der USA wieder abbläst. Allerdings hat man soweit ich mich erinnere noch nie einen angekündigten Raketen- oder Nukleartest abgeblasen. Wenn das erstmal gesagt war, dann konnte nichts und niemand Pjöngjang davon abhalten die Sache durchzuziehen und ich denke, dass man nach dieser Ankündigung davon ausgehen muss, dass Mitte April eine Rakete fliegen wird.

Naive Hoffnung in die Beständigkeit des Deals

Vielleicht glaubt man auch, dass man nach dem Test wieder zu der Vereinbarung zurückkehren kann und dass die USA das, was ja immerhin schon festgezurrt war, nicht so einfach fallen lassen wollen. Allerdings wäre diese Annahme recht naiv, denn den Unterhändlern Pjöngjangs dürfte aufgefallen sein, wie langwierig und schwierig es war, überhaupt zu diesem Punkt zu gelangen. Bei dem bestehenden Misstrauen der USA gegenüber den Machthabern in Pjöngjang, wäre das pure Traumtänzerei und die traue ich dem Regime nicht zu.

Unzufriedenheit mit den Fortschritten

Möglicherweise ist Pjöngjang auch einfach zutiefst unzufrieden, was den weiteren Verlauf der Annäherung mit den USA betrifft. Vielleicht hatte man ein schnelleres Vorgehen erwartet oder sogar gefordert und ist jetzt mit der Geduld am Ende. Das wäre dann allerdings ziemlich schnell gegangen mit der endenden Geduld, denn seit der Annäherung sind ja erst gut zwei Wochen vergangen.

Man wolle sich nie mit den USA einigen. Man wollte sie nur ärgern

Weiterhin kann ich mir vorstellen, dass man von Anfang an nicht daran interessiert war, irgendeine nachhaltige Vereinbarung mit den USA zu erreichen. Man wollte die Regierung in Washington nur ein bisschen bloßstellen und provozieren. Denn spätestens wenn die USA ihr Angebot hinsichtlich der Lebensmittelhilfen für Pjöngjang zurückziehen wird sich wohl jeder der Tatsache bewusst sein, dass das Gerede, humanitäre Hilfen seien nicht an politische Forderungen gekettet nur hohle Worte waren (obwohl das ja auch jetzt schon kaum mehr zu leugnen ist). Eine Spielart davon wäre es, mit der IAEO weiter über Inspektionen in Yongbyon zu sprechen und die Inspektoren vielleicht sogar ins Land zu lassen. Damit würde man weiterhin goodwill demonstrieren und die USA dann irgendwie unter Zugzwang setzen. Denn man macht ja „nur“ einen friedlichen Satellitenstart. Aber vielleicht war das auch eine reine Provokation, um die Situation noch ungemütlicher zu gestalten und damit der eigenen Kriegsrhetorik, die wohl vor allem nach innen wirken soll, eine glaubwürdige äußere Situation zu verschaffen.

Das neue Regime agiert (noch) nicht rational. Unterschiedliche Interessen machen unterschiedliche Politiken

Einen letzten Punkt sollte man jedoch auch nicht ausklammern. Ich finde es unter den gegebenen Umständen der Nachfolge Kim Jong Uns und allem was damit verbunden ist (zum Beispiel müssen Macht und Einflussphären innerhalb des Regimes neu ausgelotet werden) nicht undenkbar, dass das Regime momentan als Einheit vielleicht doch nicht einer vollkommen rationalen Handlungslogik folgt, sondern dass die Politik die momentan gemacht wird das Ergebnis verschiedener Partikularinteressen ist. Dementsprechend wäre es denkbar, dass eine Interessengruppe innerhalb des Regimes eine höhere Priorität auf die Ernährung der Bevölkerung und außenpolitische Ruhe legt, während eine andere Fraktion eher eine konfrontative Situation nach außen hin und ein Vorantreiben des Nuklearprogramms bevorzugt. Demnach würden in Pjöngjang zurzeit unterschiedliche Süppchen gebraut. Allerdings wäre das eine reine Spekulation, denn selbst wenn sich die Situation so darstellte, dann würden offensichtlich die gemeinsamen Interessen noch soweit reichen, dass diese Konflikte nicht an die Öffentlichkeit gelangen würden.

Internen Konflikt vortäuschen

Damit verbunden könnte ich mir (jetzt aber der allerletzte Punkt) auch noch vorstellen, dass eben diese Unsicherheit über die Vorgänge im Regime nach außen getragen werden soll. Möglicherweise kommen andere Beobachter zu dem gleichen Schluss wie ich oben (es gibt unterschiedliche Fraktionen die miteinander um die politische Linie ringen) und sehen ein großes Risiko von Instabilität im Regime. Da man aber ein in sich zusammenbrechendes Regime in Pjöngjang nun garnicht brauchen kann, springt man nachsichtig mit der nordkoreanischen Führung um, was dieser bei möglichen Verhandlungen oder auch im Nachgang des Raketentests natürlich eine komfortablere Position einbrächte.

Schlauer wird man (frühestens) hinterher

Mal wieder bleibe ich ratlos zurück, denn jetzt und hier lässt sich herzlich wenig über die Hintergründe des Ganzen sagen. Das wird wie so oft die Zeit bringen. Daher wird es interessant sein zu beobachten, wie es nun zwischen den USA und Nordkorea weitergeht (vor allem von Seiten Nordkoreas) und ob es weitere Handlungen des Regimes gibt, die auf eine gewisse Gespaltenheit hindeuten. Wenn Ihr noch Ideen habt, was dahinter stecken könnte, dann seid Ihr herzlich eingeladen diese zu teilen.

Was noch auffiel

Neben diesen Überlegungen beinhaltet jedoch auch die Ankündigung des Raketentests aus Pjöngjang noch einige interessante Einzelheiten, auf die ich kurz eingehen möchte.

Neues Raketengelände wird eingeweiht

So soll der Start der Rakete nicht mehr auf dem bisher benutzten, technisch wenig elaborierten Startgelände, das meist Musudan-ri genannt wird, stattfinden, sondern auf einer neuen Basis. Diese ist nicht wie das alte Gelände an der Ostküste, sondern an der nördlichen Westküste des Landes gelegen. Außerdem ist sie von der Ausstattung her weit ausgereifter, als das andere Gelände. Im vergangenen Jahr hatten auf Satellitenbilder gestützte Meldungen für Aufmerksamkeit gesorgt, nachdem die Basis bei der Stadt Tongchang-dong fertig geworden zu sein schien. Der Bau dieser neuen Anlage hatte Jahre gedauert, scheint aber pünktlich zum Jahr 2012 beendet zu sein. Man könnte bei der Suche nach den Gründen für den angekündigten Raketenstart auch argumentieren, dass dies der ultimative Beweis für die Priorität des (Nuklear- und) Raketenprogramms sei. Man startet die Rakete nicht genau jetzt, weil es irgendeinen außenpolitischen Grund oder so dafür gibt, sondern weil genau jetzt die neue Basis fertig ist und  man sich davon mehr Fortschritte und Erkenntnisgewinn erhofft. Wäre die Basis letztes Jahr fertig geworden, hätte man eben letztes Jahr getestet. Aber naja, vielleicht war die Basis ja auch schon letztes Jahr komplett fertig und man hat nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.

An der Ostküste liegt die bisher genutzte Basis Musudan-ri, an der Westküste die neue bei Tongchang-dong (Karte: GlobalSecurity.org)

Unha-3. Warum Unha-3?

Das nächste interessante Element in der nordkoreanischen Ankündigung sehe ich im Namen der Rakete. Die heißt Unha-3. Wie gesagt: Unha, weil friedlichem Zweck dienend. Die erste Unha hieß sinnigerweise Unha-1, entsprach jedoch auch einer Taepodong-1. Die zweite hieß Unha-2 und entsprach einer Taepodong-2. Naja, jetzt haben wir Unha-3. Kann sein, dass jede Rakete einen eigenen Namen hat und die nächste zwangsläufig eine Unha-4 wäre. Aber das ist eigentlich eher ungewöhnlich (wobei ich mich mit Raketen nicht super auskenne). Eigentlich haben die Typbezeichnungen. Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob uns im April vielleicht ein weiterentwickelter Raketentyp vorgestellt wird. Fände ich zwar ein bisschen seltsam, weil die Taepodong-2 ja noch nicht erfolgreich getestet wurde, aber die Taepodong-1 wurde ja auch nie ausgetestet. Und vielleicht ist ja auch was dran, an den Gerüchten, dass die iranisch-nordkoreanische Raketenkooperation soweit geht, dass Nordkorea Raketen im Iran testet, denn dann könnte es sein, dass Nordkorea vielleicht mehr Daten hat, als man so im Allgemeinen weiß.

So, dass war es erstmal von meiner Seite. Aber ich denke wir werden mit der Sache in nächster Zeit noch öfter mal kollidieren. Jetzt müssen sich erstmal die damit befassten Diplomaten sortieren und eine Meinung bilden und dann wird sicherlich noch viel davon gesprochen werden.

Solange könnt ihr ja Peter Schilling lauschen. Passt ja irgendwie, auch wenn Major Tom wohl eher keine Rolle spielen wird…

6 Antworten

  1. Ich bin bestimmt kein ROTER; aber Nord-Korea weiß ganz genau, daß es keinen Preis gibt der für die USA und die an dein USA kolonisierende Mächte auf ihre Herrschaft zu verzichten. Deshalb muß Nord-Korea weiter sowohl interkontinental als auch mit der U-Atom-Energie. Der einzige Staat der von dieser Last befreit ist, ist ISRAEL.

  2. Ich finde, dass ein Satellitenstart relativ viel Sinn macht. Einerseits kann sich Kim Jong Un damit einen technologischen Erfolg gutschreiben. Und in einem möglichen (wahrscheinlichen?) Machtkampf mit dem Militär auf den weiteren Ausbau des Atomprogramms verweisen, andererseits gibt es für die USA den Ausweg „friedliche Nutzung,“ ein Raumschiff ist eben nur fast eine ICBM. Kim Jong Un hat also eine recht gute Chance einen Erfolg für einen eher nidriegen Preis zu bekommen, falls die USA mitspielen.

    Dazu kommt, dass ein Satellit kein Reentry-Vehicle braucht, also genau das Teil, was Nord Korea, so weit ich weiß, noch nicht vorgeführt hat.

  3. KCNA heute:

    „DPRK′s Satellite Launch Not Contradictory to DPRK-U.S. Agreement“

    „Explicitly speaking, the DPRK’s launch of satellite has nothing to do with the above-said agreement.

    The DPRK has already decided to put moratorium on nuclear test, long-range missile launch and uranium enrichment in Nyongbyon while fruitful talks are under way and allow the IAEA to monitor it.“

    So ist das also.Nordkorea hat schon ganz viel vom Westen gelernt.Krieg ist Frieden.

  4. Gerade bei KCNA gelesen:

    „The Korean Committee for Space Technology will invite experienced foreign experts on space science and technology and journalists to visit the Sohae Satellite Launching Station, the General Satellite Control and Command Centre and other places and observe its launch. -0- “

    Das könnte interessant werden.Ich freue mich schon auf das Bildmaterial.Man scheint sich ja mittlerweile in Pjöngjang sehr sicher zu sein was die Verlässlichkeit der eigenen Technik angeht wenn man das ganze so öffentlich macht.2009 jedenfalls wurde die Meldung vom Satellitenstart meineswissens erst nachdem dieser erfolgt war von KCNA verkündet.

    • Diese Transparenz immer. Das ist man ja wirklich garnicht gewohnt. Ob auch iranische Medien- oder andere Vertreter da sein werden? Bei früheren Starts war das ja angeblich so. Aber es wird nicht reichen, die Gemüter in der Umgebung zu beruhigen.
      Was die Ankündigung angeht: 2009 kündigte man den Start schon vorher an: http://www.kcna.co.jp/item/2009/200902/news24/20090224-06ee.html aber 2006 glaube ich nicht (War ja auch nicht für friedliche Zwecke).

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