Da Helfen wo es nötig ist: IFRC will sich aus der Medikamentenverteilung in Nordkorea zurückziehen

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch ja noch an PyongSu Pharma. Ein Unternehmen, über das ich vor einem guten halben Jahr mal etwas geschrieben habe, weil sich darin einerseits positive Entwicklungen in der nordkoreanischen Wirtschaft spiegeln, andererseits aber auch ein Dilemma internationaler Hilfsorganisationen deutlich wird.

PyongSu Pharma: Vorzeigebetrieb der nordkoreanischen Wirtschaft…

PyongSu Pharma ist ein Joint Venture eines nordkoreanischen Arzneimittelherstellers und einer schweizerischen Unternehmensgruppe. Die Firma hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt und erreicht bei seiner Produktion internationale Standards, so dass es in der Lage ist, sich im Bieterwettstreit auch gegen internationale Wettbewerber durchzusetzen. Dementsprechend konnte das Unternehmen 2010 auch erstmals Dividenden an seine Anteilseigener (also u.a. den nordkoreanischen Staat) auszahlen. Solche Unternehmen bräuchte die nordkoreanische Wirtschaft in größerer Zahl, um in Zukunft eine positivere Entwicklung zu nehmen. Soviel zu den positiven Aspekten PyongSus, die ich hier nicht klein reden möchte.

…doch vor fragwürdigem Hintergrund.

Ein bisschen fragwürdig fand ich allerdings einen anderen Aspekt, der unmittelbar mit dem Erfolg verbunden ist. Liest man nämlich etwas über die Kunden des Unternehmens, so sind da neben dem nordkoreanischen Gesundheitsministerium Nordkoreas die Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgezählt. Die IFRC wird dabei als der größte Käufer von PyongSu Pharma Produkten seit 2008 beschrieben. Die Frage die ich mir deshalb vor einem halben Jahr stellte war, ob es nicht irgendwie komisch sei, wenn internationale Hilfsorganisationen staatseigenen Betrieben Medikamente in großer Menge abkaufen würden, um sie dann der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Denn so verdient der Staat Geld mit der Not seiner Bevölkerung und zwar mit einem Produkt, dass er den Menschen auch auf direktem Weg zur Verfügung stellen könnte (also ohne den Umweg des Verkaufs an die Hilfsorganisationen). Gleichzeitig geben die Hilfsorganisationen ihre Gelder für Dinge aus, für die der nordkoreanische Staat selbst Kapazitäten hätte, während andere, m.E. sinnvollere Projekte hintan stehen müssen. Unten noch ein Video aus dem letzten Jahr, mit einem anderen Beispiel für die Tätigkeitsfelder der IFRC:

IFRC will sich aus Medikamentenverteilung zurückziehen

Jedenfalls fand ich es gestern sehr interessant, den Rahmenplan der IFRC für Nordkorea von 2012 bis 2015 zu lesen und darin folgende Zeilen zu finden:

Since the start of its operations in 1995, the IFRC has supported the DPRK Red Cross in the provision of essential drugs to 8.25 million people through 2,030 clinics nationwide, approximately one third of the population. As drug distribution is not a traditional Red Cross activity, discussions are underway with the DPRK ministry of public health to transfer this responsibility back to the government, while the Red Cross is looking into alternative ways to support the health sector.

[Seit Beginn ihrer Operation 1995 hat die IFRC das Rote Kreuz der DVRK bei der Bereitstellung grundlegender Medikamente für 8,25 Millionen Menschen in 2.030 Kliniken landesweit unterstützt und damit schätzungsweise einem Drittel der Bevölkerung geholfen. Da Medikamentenverteilung kein traditionelles Aktivitätsfeld des Roten Kreuzes ist, wird momentan mit dem Gesundheitsministerium der DVRK darüber dsikutiert, diese Verantwortung wieder an die Regierung zu übertragen, während das Rote Kreuz alternative Wege sucht, den Gesundheitssektor zu unterstützen.]

Auf Gutdeutsch: Die IFRC will aus der Medikamentenverteilung aussteigen und diese Verantwortung vom nordkoreanischen Staat erfüllt wissen. Ich finde es schön, dass man das klare Wort „Verantwortung“ gewählt hat, denn das ist eine Kernverantwortung des Staates und wenn man Kapazitäten dazu hat, dann muss man die auch nutzen, um den Menschen Zugang zu Medikamenten zu verschaffen. Das ist ja sogar verfassungsmäßig vorgeschrieben (das ist aus der Verfassung von 1998. Ich denke, dass der Inhalt dieses Artikels von den Revisionen der letzten Jahre nicht betroffen war):

Artikel 56 Der Staat festigt und entwickelt das System der allgemeinen unentgeltlichen medizinischen Betreuung, verstärkt das System des Wohn- bereichsarztes und der prophylaktischen Medizin, schützt so das Leben der Menschen und fördert die Gesundheit der Werktätigen.

Mögliche Hintergründe

Natürlich steht in dem IFRC Rahmenplan nicht drin, das man nicht einsieht für etwas zu bezahlen, was der nordkoreanische Staat seinem Volk auch selbst zur Verfügung stellen kann und ich kann auch keine abschließendes Urteil darüber fällen, inwieweit diese Überlegung Teil des Kalküls war, als man beschloss, sich auch der Medikamentenverteilung zurückzuziehen. Aber soweit ich gehört habe, war es nicht zuletzt diese Überlegung, die letztlich zu diesem Schritt geführt hat.

Gutes Signal und Selbstschutz

Ein guter und konsequenter Schritt wie ich finde und es ist ja nicht so, als gäbe es keine anderen Tätigkeitsfelder, auf denen das IFRC nicht wirkliche Hilfen leisten könnte, weil es über Kapazitäten und Know-How verfügt, die in Nordkorea nicht in gleichem Maße vorhanden sind. Es kann nicht Ziel von Hilfsorganisationen sein, Aufgaben zu übernehmen, die der Staat bei sinnvoller Prioritätensetzung selbst erfüllen könnte. Gerade zum aktuellen Zeitpunkt setzt die IFRC damit ein kleines Zeichen, denn wenn man Berichte hört, nachdem mit dem Satellitenstart hunderte von Millionen Dollar ins All geschossen werden, ist es schwer zu vermitteln, dass der gleiche Staat nicht in der Lage sein soll, Medikamente aus seinen eigenen Fabriken unters Volk zu bringen. Ich weiß, dass das ein bisschen plakativ dargestellt ist und ich gehe mal davon aus, dass man die 850 Millionen US-Dollar, mit denen man den Preis des Starts in Südkorea beziffert kritisch hinterfragen kann und muss, aber andererseits muss man sich hier wohl vor allem in die Position der Hilfsorganisation versetzen. Dass der gesamte Sachverhalt für die Organisationen schwer erträglich sein dürfte, weil man eigentlich nicht den nordkoreanischen Staat und Schweizer Investoren subventionieren will, sondern den Menschen helfen, habe ich ja schon beschrieben. Aber solche Sachverhalte können ja, gerade was Nordkorea angeht, auch ganz schnell sehr kritisch in der Öffentlichkeit aufgenommen werden, wie beispielsweise der „Skandal“ um das Engagement einiger UN Organisationen vor ein paar Jahren zeigt (der von einem der Sturmgeschütze amerikanischen Konservatismus prächtig kultiviert wurde). Auch deshalb können es sich die Organisationen wohl kaum erlauben, in einem solchen, leicht angreifbaren Feld aktiv zu sein.

Als nächstes die WHO?

Die IFRC hat meiner Meinung nach also soweit alles richtig gemacht. Sie hat den Aufbau inländischer (nordkoreanischer) Kapazitäten zur Medikamentenherstellung gefördert, indem sie auf diesem Markt einkaufte und nachdem die Fähigkeiten jetzt bestehen, können die übernehmen, die die eigentliche Verantwortung dafür tragen. Wünschenswert wäre es nun noch, dass auch  die WHO dem Schritt folgt.

Eine Antwort

  1. Man kann ja schon seit längerer Zeit z.b. als Tourist Medikamente Spenden. Früher war man sowohl an Angebrochenen als auch an Abgelaufenen ( die aber trotzdem noch Benutzbar sind ) Medikamenten Intressiert. Mittlerweile sind aber nur noch neue Medikamente erwünscht…..so groß scheint also die Not nicht mehr zu sein.

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s