Solide aber nicht brillant: Amnesty, die Medien und die 30 „gesäuberten“ Nordkoreaner

Update (25.05.2012): Eben habe ich einen Artikel in der Chosun Ilbo (natürlich die Chosun Ilbo!) gelesen, in dem erstmals der Hinweis darauf fehlt, dass es sich bei der Geschichte der 30 getöteten Offiziellen um unbestätigte Gerüchte handelt. Damit könnte man dann wohl sagen: „Treffer versenkt“. Die Geschichte ist auf dem besten Weg, eine neue Wahrheit zu werden.

Gerade habe ich auch noch gesehen, dass nicht nur die Käseblätter die Sache mit dem Gerücht übersehen, sondern beispielsweise auch der (m.E. wesentliche weniger käsige) britische Telegraph „vergessen“ hat dieses Detail zu erwähnen, sondern einfach schreibt: „Amnesty International claimed that in addition to the 30 who died in purges last year“. Natürlich könnte Amnesty dagegen vorgehen und sagen, dass sie nur auf ein dementsprechendes Gerücht verwiesen haben. Mal sehen…

Ursprünglicher Beitrag (24.05.2012): Hin und wieder bin ich ja geradezu hin und weg, wie Medien im Doppelpass mit anderen Institutionen oder im Zweifel auch sich selbst, erstaunliche Leistungen bei der (Neu-)Konstruktion der Realität vor allem im Hinblick auf Nordkorea (ich hoffe jedenfalls, dass unseren anderen „Wirklichkeiten“ nicht ganz so starken medialen Anpassungen unterliegen, wie die nordkoreanischen „Realitäten“) vollbringen. Wenn ich es nicht so extrem ärgerlich fände, würde mich die fast schon ästhetische Gekonntheit, mit der die Gegenwärt vor unser aller Augen auseinandergebaut und dann passend wieder zusammengesetz wird, vielleicht sogar zu Begeisterung hinreißen. Aber ich finde es eben extrem ärgerlich, daher bleibt mir nicht viel, als mich aufzuregen.

Solider Spielzug…

Das neueste Beispiel aus der langen Historie solcher Rekonstruktion hat Amnesty International in Kooperation mit unterschiedlichen Medien geleistet. Hier der kurze Ablauf der Geschichte:

  • Ein ungenannter südkoreanischer Offizieller spricht Mitte 2011 mit der Dong-A Ilbo und sagt, Nordkorea habe etwa 30 (ebenfalls ungenannte) Offizielle bei einer Säuberung aus dem Weg geräumt.
  • Damit ist der Ball im Spiel und wird natürlich von der Dong-A freudig verarbeitet.
  • Von dort geht der Pass an Amnesty International. Die nehmen ihn auf und verarbeiten ihn gekonnt, so dass die Situation langsam interessant wird.
  • Einen Kurzpass nimmt die Chosun Ilbo mit Freude auf und spielt ihn gleich wieder zurück.
  • Amnesty wieder am Ball, gibt die Flanke in Form des Jahresberichts 2012 herein.
  • Jakarta Post Kopfball und…

…keine Ahnung. Vielleicht verwandelt, vielleicht nicht. Aber sollte der Ball nochmal ins Spielfeld zurückkullern könnt ihr sicher sein, es steht einer bereit um abzustauben. Jedenfalls ein erstklassiger Spielzug. In sechs Stationen und etwa einem Jahr aus fast nichts eine fast Wahrheit gemacht. Respekt!

…ohne Substanz…

Was ich daran erstaunlich finde? Es ist eine relativ substanzlose Story, die nun seit fast einem Jahr nicht zuletzt durch die Hilfe von Amnesty als medialer Widergänger ans Licht kommt. Und wenn über sowas oft genug berichtet wird, dann findet sich bald bestimmt der Eine oder Andere, der das in seinem wissenschaftlichen Artikel als „Fakt“ oder „Tatsache“ darstellt.

…und Sinn und Zweck. Aber…

Gut finde ich das nach wie vor nicht und ich bezweifle auch, dass das für irgendwas gut ist, außer vielleicht fürs Fundraising und die Auflage. Aber weder bei Medien, noch bei NGOs sind das ja eigentlich die Hauptaufgaben.

…die wahren Spielzüge gibts in der Bundesliga!

Naja und wenn ich mir diesen Spielzug so anschaue, dann ist er zwar ganz solide. Aber an Ästhetik kommt er nicht annähernd an das ran, was in dieser Saison im wahren Sport in Deutschland geboten wurde. Egal ob man einen Sinn für Fußball bzw. diese Mannschaft hat. Sowas fast jeden Samstag in der Sportschau sehen zu können ist einfach der Hammer. Um den Beitrag mit etwas weniger ärgerlichem zu beenden hier einige Beispiele für ästhetische Ballkunst.

3 Antworten

  1. Zitat:
    „Von dort geht der Pass an Amnesty International. Die nehmen ihn auf und verarbeiten ihn gekonnt, so dass die Situation langsam interessant wird.“

    Im Amnesty-Bericht steht ausdrücklich, dass die Berichte nicht bestätigt sind:

    „In July, there were unconfirmed reports that the authorities had either executed by firing squad or killed in staged traffic accidents 30 officials who had participated in inter-Korean talks or supervised bilateral dialogue.“

    • Danke für den kommentar.
      Da hast du natürlich recht. Das ändert aber nichts daran, dass seit einem Jahr das gleiche, Gerücht immer mal wieder aus der Versenkung geholt wird, ohne dass der einmaligen anonymen Behauptung irgendwelche neuen Fakten hinzugefügt würden, vermutlich sogar, ohne dass dem irgendwer nachgeht. Und jedes Mal erhält die Geschichte mehr Autorität. Ich finde es einfach fragwürdig, wenn egal wer sich Gerüchte zueigen macht und denen damit das Label „NGO geprüft“ draufklebt. Es gibt doch acuh ohne Gerüchte genug Schlimmes zu berichten über NK. Warum belässt man es nicht einfach dabei und wartet einfach ab, bis Gerüchte bestätigt oder wiederlegt sind? Fände ich solider.

    • Nur ein kleiner Zusatzhinweis: Gestern hat das US-Außenministerium seinen jährlichen Bericht zur Menschenrechtspraxis weltweit veröffentlicht. Der ist wesentlich ausführlicher als der von Amnesty und es wird nicht auf irgendwelche Gerüchte Bezug genommen. Obwohl man den USA ja durchaus Eigeninteressen unterstellen könnten, denen sowas förderlich sein könnte.
      Das ist das, was ich an dem Vorgehen von Amnesty zu kritisieren habe.
      Klar, sie machen wichtige Arbeit und ich finde es gut, dass sie da sind, aber warum machen sie das nicht einfach solide und bleiben bei dem, was man weiß, damit kriegen die Amis doch auch über zwnzig Seiten voll…
      http://www.state.gov/documents/organization/186491.pdf

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