Nordkoreanische Flüchtlinge in Südostasien — Veränderte politische Linie Vietnams?

Die Frage des Umgangs mit den nordkoreanischen Flüchtlingen, die das Land verlassen, um sich an einem anderen Ort, vor allem in Südkorea, niederzulassen, ist in den letzten Monaten so präsent wie lange nicht mehr.

China beim Umgang mit nordkoreanischen Flüchtlingen im Fokus der Kritik…

Dabei stand vor allem China immer wieder in der Kritik, weil es die Flüchtlinge nach Nordkorea deportierte, wenn sie von den chinesischen Behörden aufgegriffen wurden. China hat mit der Flüchtlingspolitik zwar einen mächtigen Hebel in der Hand, mit der es das Regime in Pjöngjang möglicherweise bis in seine Grundfesten erschüttern würde, aber es traut sich nicht, diesen Hebel zu berühren. Insgesamt ist die Flüchtlingsfrage in Peking sehr sensibel und am liebsten würde man vermutlich garnicht an dieses Problem erinnert.

…aber das ist nur ein Element des Themas

Was aber viel seltener Eingang in die mediale Berichterstattung findet, sind die Konsequenzen, die Chinas rigide Haltung für die Flüchtlinge hat. Diese müssen nämlich, um ihren Plan zur Übersiedlung in ein anderes Land umzusetzen, einen Ort finden, an dem sie eine südkoreanische Botschaft erreichen und dorthin ausreisen können, oder an dem sie auf anderem Weg ausreisen können. Diesen Ort finden die Flüchtlinge sehr häufig in den Staaten Festland-Südostasiens. Vor allem Thailand ist Anlaufpunkt, aber auch über die Staaten, die Nordkorea eigentlich ideologisch und historisch näher stehen, nämlich Kambodscha, Laos und Vietnam läuft einiges. Allerdings ist das Thema für die jeweiligen Staaten sehr sensibel, weil es ein Problem im Umgang mit Nordkorea darstellen kann und das auch tut und daher dringt kaum einmal etwas darüber an die Öffentlichkeit.

Thailand: Ein sensibles Thema

Daher war ich sehr verwundert, dass es in den letzten Tagen gleich zwei Meldungen gab, die die nordkoreanischen Flüchtlinge in Südostasien betreffen. Zum Einen ging es dabei um die Festnahme von 19 nordkoreanischen Flüchtlingen in Thailand. Offenbar wird dabei nur die ziemlich normale Prozedur beschrieben, die anläuft, wenn nordkoreanische Flüchtlinge in Thailand aufgegriffen werden. Sie wurden direkt, als sie vom Boot kamen festgenommen und dann in eine „Schutzeinrichtung“ gebracht (soweit ich das gehört habe, gibt es gesonderte Flüchtlingsunterkünfte für nordkoreanische Flüchtlinge in Thailand). Da sie den Wunsch geäußert haben, in ein Drittland auszureisen, wird nun geprüft ob dieses Land (für gewöhnlich Südkorea) bereit ist sie aufzunehmen. Das ist wohl vor allem ein formaler Vorgang und nach einiger Zeit dürfen sie dann nach Südkorea reisen. All das passiert in Thailand im Jahr vermutlich hundertfach. Ich weiß nicht, warum gerade hier die Medien informiert wurden und darüber schreiben, aber es kann damit zu tun haben, dass man dem Thema in Südkorea eine höhere Publicity verschaffen will. Es könnte aber auch eine Verknüpfung von Zufällen dahinter stecken.

Vietnam: Ende eines stillen Übereinkommens?

Der zweite Vorfall, von dem berichtet wird ist inhaltlich sicherlich interessanter, auch wenn weniger Fakten bekannt sind. In Ho Chi Minh Stadt wurde ein südkoreanischer Aktivist von den vietnamesischen Behörden festgenommen, weil er nordkoreanischen Flüchtlingen bei der Ausreise nach Südkorea geholfen habe. Die konkreten Vorwürfe, die gegen ihn erhoben würden, seien bisher nicht bekannt, die südkoreanischen Behörden arbeiteten daran ein Gespräch mit dem Aktivisten führen zu dürfen. Angeblich soll er bereits 2004 in Thailand 400 nordkoreanischen Flüchtlingen die Ausreise nach Südkorea ermöglicht haben.

Dass er nun verhaftet wurde, ist in zweierlei Hinsicht interessant. Einerseits verfolgen eigentlich alle Staaten in der Region eine Politik, in der die Ausreise der Flüchtlinge möglichst geräuschlos abläuft, so dass am Ende alle Seiten zufrieden sein können und niemand sein Gesicht verliert. Es existiert quasi ein stilles Übereinkommen, in dem die verschiedenen Seiten höchstens versuchen, hinter den Kulissen das Vorgehen der Behörden ihren Vorstellungen und Zielsetzungen entsprechend zu beeinflussen. Verhaftet man einen Aktivisten, dann kann man sicher sein, dass das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rückt und dass nicht mehr hinter den Kulissen, sondern durch die Medien kommuniziert wird. Das stille Übereinkommen hat ein Ende und es wird ein offener Streit ausgetragen, der keiner Seite gefallen kann. Wenn die Behörden sich also entscheiden, einen Aktivisten zu verhaften, dann muss es dafür Gründe geben. Das erinnert mich daran, dass in China vor einigen Monaten ähnliches passiert ist (dabei fällt mir ein: Sitzen die Leute die da verhaftet wurden immer noch in China fest? Wahrscheinlich schon. Habe nichts anderes gehört). Vielleicht hat Pjöngjang durch seine verstärkten diplomatischen Bemühungen in den letzten Monaten und Jahren Überzeugungsarbeit geleistet und es geschafft dafür zu sorgen, dass Vietnam schärfer gegen die Helfer der Flüchtlinge vorgeht.

Zum anderen scheint gerade der Helfer, den sich die vietnamesischen Behörden nun rausgepickt haben ja kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Wenn die Zahl von 400 Flüchtlingen in 2004 stimmt, dann hätte dieser Mann bei etwa einem Viertel der geglückten Fluchten in diesem Jahr seine Finger im Spiel gehabt (hier die offizielle Flüchtlingsstatistik des südkoreanischen Vereinigungsministeriums). Und wenn er sowas deichseln kann, dann ist er sicherlich kein Einzelkämpfer, sondern eher eine Art Ikone, die vermutlich auf ein Netzwerk zurückgreifen kann. Das bringt mich dann wieder zurück zu den Verhaftungen in China, denn vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang (aber das ist reine Spekulation). Gleichzeitig setzt man durch ein solches Vorgehen natürlich ein Zeichen: „Wir wissen was ihr macht und wenn wir wollen, dann bereiten wir dem schnell ein Ende. Wenn wir Lust haben nehmen wir einen eurer wichtigsten Leute fest und weisen ihn aus.“ Also deutet auch die Person die da festgenommen wurde darauf hin, dass Vietnam seine Linie in der Flüchtlingspolitik möglicherweise verändern könnte.

Bewegung zugunsten Pjöngjangs?

Es scheint etwas in Bewegung gekommen zu sein auf diesem Feld. Das Bild das sich ergibt ist zwar noch nicht wirklich klar, aber es sieht aus, als wäre ein stiller Konsens, der fast zehn Jahre lang existiert hat, langsam am zerbrechen. Das ist vor allem im Sinne des Regimes in Pjöngjang. Das Thema bleibt jedenfalls heiß und ich werde da ein wachsames Auge drauf halten.

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