Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge in 2012 stark gesunken — Mögliche Ursachen

Eben habe ich einen Artikel gelesen, der mich ein bisschen ins Grübeln gebracht hat und daher möchte ich ihn und meine Gedanken dazu kurz mit euch teilen. Und zwar geht es darum, dass die Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge, die in diesem Jahr Südkorea erreicht haben, mit 1.086 von Januar bis September so niedrig ausfällt wie lange nicht. Die Gesamtzahl für 2012 wird vermutlich in etwa auf dem Niveau der Zahlen von 2005 liegen, als 1.382 Nordkoreaner den Süden erreichten. In den  Jahren nach 2005 waren die Zahlen stetig angewachsen und hatten 2009 mit über 2.900 ihren bisherigen Höchststand erreicht.

Die südkoreanische Lesart…

Aber natürlich geht es mir nicht in erster Linie darum, die Entwicklung der Flüchtlingszahlen über die Jahre hinweg nachzuzeichnen, sondern darzustellen, dass es durchaus als ungewöhnlich zu bewerten ist, dass es in diesem Jahr 2012 „so wenig“ Menschen aus dem Norden nach Südkorea getrieben hat. In dem zugehörigen Artikel wird gleich eine Erklärung mitgeliefert. Allerdings stammt die von südkoreanischen Offiziellen und daher ist es keine große Überraschung, dass es natürlich die verschärften Grenzkontrollen Nordkoreas nach dem Tod Kim Jong Ils waren, die die Menschen im Land hielten.

…naheliegend…

Diese Erklärung ist keinesfalls abwegig, aber ob es die Einzige ist, das möchte ich doch mal schwer in Zweifel ziehen. Ich meine, klar. Nach dem Tod Kim Jong Ils wird man sich sehr große Mühe gegeben haben, alles zu verhindern, was die Situation destabilisieren könnte und damit ein Risiko für die Machtübernahme Kim Jong Uns und seiner Leute dargestellt hätte. Ein solches Risiko wäre zweifelsohne eine Massenflucht in Richtung China gewesen. Daher ist es wahrscheinlich, dass die nordkoreanische Führung die Grenzsicherheit nochmal verschärft hat und damit dafür sorgte, dass weniger Menschen mit einem Fluchtvorhaben die Grenze passierten. Vielleicht kam es auch wegen der größeren „Grenzdichte“ im Norden wiederholt zu Fluchten über die Seegrenze im Süden.

…aber nicht ausreichend.

Wie komme ich jetzt aber darauf, dass diese doch durchaus plausibel klingende Erklärung nicht allein ausreichen soll, um als Ursache für die bemerkenswerten Flüchtlingszahlen zu dienen.

Zwei Überlegungen

Dazu zwei Überlegungen. Erstens wurde schon spätestens seit den olympischen Spielen in China immer wieder von verstärkter Grenzüberwachung berichtet und die niedrigeren Flüchtlingszahlen 2010 und 2011 gegenüber dem Jahr 2009 wurden u.a. mit solchen Maßnahmen erklärt. Die Frage die sich mir dann stellt: War da überhaupt noch viel zu verschärfen? V.a. wenn man bedenkt, dass die Grenzsicherung auf See scheinbar durchlässiger war, als in den Vorjahren und dass dann schon unmittelbar nach dem Schock des Todes Kim Jong Ils die Befehlsketten perfekt funktioniert haben müssten. Nungut, ich weiß, dass man das schwer beurteilen kann und dass es möglich ist, dass die Grenze tatsächlich nochmal dichter gemacht wurde, vielleicht dadurch, dass nicht nur mehr Wächter abgestellt wurden, sondern dass v.a. die Bewachung der Wächter verschärft wurde (denn es wird ja immer wieder berichtet, dass die Grenzposten permanent auf der Suche nach Zuverdienstmöglichkeiten sind).

Also will ich euch auch meine zweite Überlegung nicht vorenthalten: In so ziemlich allen Berichten über die nordkoreanischen Flüchtlinge wird nie vergessen zu erwähnen, dass im chinesischen Grenzland zehntausende bis hunderttausende von Flüchtlingen versteckt sind, die auf eine Fortsetzung ihrer Flucht warten. Auch wenn über den Ablauf von Fluchten berichtet wird, findet die Tatsache häufig Erwähnung, dass es zumindest Monate, oft aber Jahre dauert, bis die Flüchtigen in Südkorea ankommen. Wenn man diesen Aussagen Glauben schenken will, dann wäre es überraschend, wenn Kim Jong Ils Tod sich so schnell auf die Flüchtlingszahlen niedergeschlagen hätte.

Weitere mögliche Gründe

Was kann aber sonst noch dafür gesorgt haben, dass die Flüchtlinge, die in den Süden gingen weniger wurden.

Erweiterte Grenzsicherung

Die erste Ursache könnte in dem liegen, das ich hier einfach mal „erweiterte Grenzsicherung“ nenne (wer weiß, vielleicht hat man sich da ja von der berühmten EU Agentur Frontex inspirieren lassen, genau wie die nordkoreanischen Behörden damit befasst ist, unerwünschte Migration mit allerlei Mitteln zu verhindern). Dazu gehört nicht nur die Grenze zwischen China und Nordkorea, sondern auch der Umgang Chinas und der Staaten Südostasiens mit nordkoreanischen Flüchtlingen. China stand im vergangenen Jahr ja schon häufiger wegen des Umgangs mit den nordkoreanischen Flüchtlingen (die zurück nach Nordkorea geschickt werden, wenn sie aufgegriffen werden) am Pranger und das hat zwar etwas mit einer offensiveren Haltung Südkoreas und der westliche Staaten zu tun. Aber auch damit, dass China vor einigen Jahren das Verfahren gegenüber den Flüchtlingen deutlich verschärft hat. Die Staaten Südostasiens standen gleichzeitig im Fokus eines verstärkten Interesses aus Nordkorea. Gut möglich, dass man dabei auch über die Flüchtlinge gesprochen hat. Vielleicht hat sich bei potentiell Fluchtwilligen Nordkoreanern rumgesprochen, dass es noch schwieriger und gefährlicher geworden ist, aus dem Land zu fliehen.

Propagandaerfolg

Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass Nordkorea in diesem Jahr neue propagandistische Methoden gegen die Landesflucht etabliert hat. Sinnbildlich dafür steht wohl Pak Jong-suk, die — warum auch immer — nach Jahren in Südkorea nach Nordkorea zurückkehrte und den Menschen dort über das grauenvolle Leben etc. im Süden berichtete. Bei Propaganda ist es zwar so ähnlich wie bei Werbung, die Effekte sind schwer messbar, aber vielleicht hatte diese kleine Kampagne um Pak einen Effekt.

Hoffnung auf frischen Wind aus Pjöngjang

Genauso ist es möglich, dass die mediale Darstellung Kim Jong Uns als frischer neuer Führer, mit Herz für die Bevölkerung und mehr Ähnlichkeit zu Kim Il Sung als zu Kim Jong Il, bei einigen Menschen Hoffnungen geweckt hat. Es ist nicht leicht die Heimat zu verlassen und wenn man die Hoffnung hat, dass mit dem neuen Führer alles besser wird, dann wartet man damit vielleicht ein paar Monate oder Jahre, bis man weiß, ob alles beim alten bleibt oder tatsächlich ein frischer Wind aus Pjöngjang weht. Und wenn man sich gerade irgendwo in China versteckt überlegt man vielleicht, ob man nicht doch wieder zurückgehen will, oder zumindest in Schlagweite bleiben soll. Ganz ehrlich gesagt finde ich es durchaus schlüssig, dass auch solche Motive zum Verbleib einiger Menschen in Nordkorea geführt haben könnte.

Wir werden sehen

Naja, wissen kann man es nie, aber vielleicht lassen sich in den nächsten Jahren weitere Schlüsse ziehen, wenn sich zeigt, ob die Flüchtlingszahl dauerhaft niedrig bleibt, weiter zurückgeht, oder wieder ansteigt. Wir werden sehen.

3 Antworten

  1. Vielleicht hat sich aber auch einfach die Lage im Land selbst so geändert, das der Anreiz für viele einfach wesentlich geringer geworden ist zu fliehen…….den Berichten der meisten Ausreißer zu folge sind nämlich die meisten wegen der Hungersnot geflohen ( die es wohl jetzt so in der Form kaum bis garnicht mehr gibt ). Ich kann mir nicht vorstellen, das viele fliehen mit dem festen Ziel….Südkorea.

    Ich denke auch, das viele es nicht verantworten können / wollen was später möglicherweise mit ihren daheim gebliebenen Verwandten geschieht.

    • Das ist ja das Wiedersinnige, dass Berichte über die „schöne neue Glitzermetropole“ fast parallel mit Berichten über Hunger auf dem Land kommen. Aus Pjöngjang ist eh kaum einer abgehauen, denen ging es ja schon immer besser als den Leuten auf dem platten (oder bergiegen) Lamd. Und eigentlich berichtet niemand, das es den Menschen dort jetzt wesentlich besser ging. Von daher bleiben die Ausgangsbedingungen im Land (was die VErsorgung angeht) wohl ähnlich. Ich denke da muss was anderes hinter stecken.

      • Sehe ich nicht so. Die Regierung hat doch im ganzen Land die Bedinungen so gelockert, das Privater Handel betrieben werden kann. Nur weil die Leute auf dem platten Land kein Sprachrohr haben muss es denen noch lange nicht schlechter gehen ( bezogen auf die Versorgung…..Infastrukturmäßig wie z.b. Stromknappheit geht es denen bestimmt deutlich schlechter ).

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