Einige Grundsatzüberlegungen: Eine Sache des Maßstabs — Wie ich meine Blogthemen auswähle und warum manche aktuellen Storys für mich uninteressant sind.

Kürzlich hatte ich eine kleine Diskussion mit einem Freund, die sich darum drehte, dass er in den letzten Wochen nicht so ganz zufrieden mit meiner Themenauswahl für das Blog gewesen ist. Vor allem bedauerte er, dass ich mich eher allgemeinen Themen gewidmet habe und aktuelle Ereignisse ein bisschen aus dem Blick verloren hätte. Ich habe meine inhaltliche Ausrichtung natürlich verteidigt und gesagt, dass es eigentlich nicht wirklich was Neues gegeben habe in den letzten Wochen. Aber wirklich zufrieden sein konnte ich nicht mit der Diskussion, weil er mir aus den deutschsprachigen Medien ein paar Themen aufgezeigt hat, die schon relativ groß aufgemacht worden waren. Naja und weil ich solches Feedback ernst nehme, habe ich mir ein bisschen Gedanken darüber gemacht, ob ich vielleicht wirklich die „falschen“ Themen aufgreife und die „wichtigen“ außer Acht lasse.

Was ist „wichtig“ und was „richtig“?

Das alles ist natürlich relativ schwierig zu diskutieren, denn erstens lässt sich die Themenauswahl nur schwer in Kategorien von „falsch“ und „richtig“ pressen, denn das sind ja rein subjektive Wahrnehmungen und zweitens sind auch Maßstäbe wie „unwichtig“ und „wichtig“ nur schwer zu nutzen. Eigentlich weiß so ziemlich niemand, der nicht gerade zum Führungszirkel in Pjöngjang gehört, was wirklich „wichtig“ ist (und selbst da scheinen die Informationen ja sehr ungleich verteilt zu sein). Allerdings führen solche Überlegungen zu „wichtig“ und „richtig“ auf eine gute Spur, denn irgendwie muss man seine Themen ja wählen und da muss es ja dann irgendwelche Maßstäbe geben.

Medien haben eigene Maßstäbe…

Natürlich könnte ich die Maßstäbe unserer westlichen Medien übernehmen und einfach die Themen aufgreifen, die dort vorgeben werden. Allerdings würde dann neben „Wichtigkeit“, die für Medien durchaus relevant ist (leider ist das mit der „Richtigkeit“ bezüglich Nordkorea nicht wirklich so), auch solche Wertmaßstäbe wie „Sensationsgehalt“, „Menschlicher Rührungsfaktor“, „Darstellbarkeit im Bild“ und damit verbunden natürlich vor allem „Marktrelevanz (in der werberelevanten Zielgruppe (von 14 -49))“ mit übernehmen, die mit der „Wichtigkeit“ konkurrieren und sie oft genug an den Rand drängen. Außerdem würde ich damit mit unseren Massenmedien konkurrieren und mal ganz ehrlich, da kann ich nicht mithalten, weder was Recherchemöglichkeiten, noch was journalistische Qualitäten etc. betrifft.

…und ich auch

Also macht es gleich mehrfach Sinn, eigene Maßstäbe zur Themenauswahl zu entwickeln. Einerseits, weil ich mich so von anderen Medien abgrenzen kann. Andererseits weil mir das auch der Sache angemessen scheint (das kann man jetzt als Kritik an der Themenauswahl der Medien verstehen, denn die ist häufig vor allem den eigenen Bedürfnissen als Wirtschaftsakteur angemessen, nicht der Sache).

Relevanz

Am wichtigsten ist es mir, relevante Themen aufzugreifen. Zur Relevanz möchte ich dabei noch sagen, dass es vermutlich im Fall Nordkorea so gut wie keine Korrelation zwischen der Bedeutung eines Themas und dem Umfang der Berichterstattung in unseren Medien gibt. Wenn alle Zeitungen, von den Vierbuchstabenspringerblättern bis zum Buxtehuder Tagblatt die Tage zählen, seit denen sie dieseN oder jeneN NordkoreanerIn nicht mehr gesehen haben, dann ist das sicherlich ein guter Zeitvertreib. Wichtig ist es deswegen aber noch lange nicht. Deswegen verlasse ich mich bei der Bewertung von Wichtigkeit eher auf die Blogs und Quellen, die ich in meinen Linksammlungen untergebracht habe. Das gibt meistens ein besseres Bild. Natürlich versuche ich so früh wie möglich über relevante Themen zu schreiben. Aber es bringt nichts, jedem blöden Gerücht hinterherzuhecheln, weil es irgendwann mal wichtig werden könnte und weil eins von 30 Gerüchten ja auch am Ende einen wahren Kern hat. Ich schreibe erst dann über etwas, wenn die Anhaltspunkte, dass es sich nicht um eine Ente handelt, wirklich stichhaltig sind (und gut heißt mehr, als nur, dass man sich beim Buxtehuder Tagblatt was Tolles ausgedacht hat).

Neues und Interessantes

Aber Wichtigkeit ist natürlich nicht der einzige Maßstab, den ich anlege. Manchmal versuche ich mir und euch auch Hintergründe zu erschließen, die so vielleicht wenig oder garnicht bekannt sind (weil sie nach den Maßstäben unserer Medien oft nicht so von Belang sind). Dabei versuche ich natürlich auch nicht, das besser zu machen, was die Medien schon geleistet habe (wie gesagt, das ist ziemlich aussichtslos), sondern versuche Aspekte aufzugreifen, die einerseits interessant für mich und euch sind, andererseits aber nicht schon tausendmal breitgetreten wurden. Manchmal beschränke ich mich dabei weitgehend darauf, irgendwelche interessanten Erkenntnisse aus dem englischen Netz zusammenzufassen und für diejenigen zugänglich zu machen, die nicht so gerne englisch lesen. Manchmal suche ich mir auch selbst Informationen zusammen und baue sozusagen Eigenes.

Bloggerei als Spiegel eigener Interessen und Person

Allerdings ist so eine Sache wie Bloggerei natürlich auch was Persönliches. Ich meine, klar irgendwo freue ich mich Leser zu haben und bin über jeden inhaltlichen Austausch mit euch glücklich, aber irgendwo mache ich das auch nur aus mir selbst heraus und für mich selbst. Das heißt die Themenauswahl hat natürlich auch sehrviel mit meiner eigenen Identität zu tun. Ich bin Akademiker. Deshalb interessiert es mich, was in der akademischen Sphäre (v.a. der deutschsprachigen, aber natürlich auch darüber hinaus) zu Nordkorea geforscht und geschrieben wird und deswegen versuche ich auch  öfter mal mich daran abzuarbeiten. Gleichzeitig macht es mir auch Freude über Blogs als Instrument der akademischen Sphäre nachzudenken und mir verschiedene Anwendungsideen zu überlegen (und deshalb versuche ich immer mal irgendwas auszuprobieren. Mal was kleineres, mal was größeres). Ich als Mensch und soziales Wesen mag Kontakt zu anderen Menschen und nutze das Blog deshalb auch gerne als Netzwerk- und Diskussionstool. Dazu brauche ich dann aber auch Themen, die geeignet sind darüber zu sprechen. Zuletzt habe ich natürlich auch eigene Interessen. Ich interessiere mich zum Beispiel für Fußball. Deshalb ist es naheliegend, Fußball auch schonmal analytisch zu verwursten. Ich interessiere mich zum Beispiel nicht so für Genderfragen. Deshalb werdet ihr darüber nicht wirklich was im Blog finden. Wer sich so ein bisschen hier durchgelesen haben, der wird einiges über meine Interessen und meine (teils politischen) Positionen gelernt haben, aber so tun als ob ich neutral und objektiv sei, das ist jetzt auch nicht mein Ding, das können die Medien machen.

Die Ökonomie des Bloggens

Daneben gibt es noch ein zwei ganz allgemeine Überlegungen, die meine Themenauswahl mit beeinflussen. Ich habe nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Manchmal mehr und manchmal weniger. Daraus folgt, dass ich manchmal keine Themen angehen kann, die eine intensivere Recherche benötigen. Außerdem folgt daraus die direkte Überlegung, dass ich nicht alles schreiben kann, zu dem ich eine Idee habe. Wenn ich mich also für ein Thema entscheide, ist das gleichzeitig auch oft eine Entscheidung gegen ein oder mehrere andere Themen.  Weiterhin habe ich gewisse Qualitätsanforderungen an mich selbst. Ehe ich irgendwas hinrotze schreibe ich garnichts, dann habe ich mir und euch Zeit gespart.

Aktuelle Themen und warum ich sie nicht aufgegriffen habe

Naja und vor diesem Hintergrund will ich  dann nochmal einen Blick auf die aktuellen Themen werfen, die zurzeit von unseren Medien als wichtig angesehen werden:

Die verschwundene/schwangere/gefährdete Frau

Kim Jong Uns Frau war „verschwunden“ und ist wieder da. Kim Jong Uns Frau ist fast zwei Monate nicht vor eine Kamera getreten, jetzt aber schon. Sie ist vielleicht Schwanger. Vielleicht gibt es auch andere Gründe. Vielleicht hat sie auch einfach was anderes gemacht. Was soll ich denn dazu schreiben? Ist das wichtig? Nein. Vielleicht wird es das irgendwann. Gibt es dazu interessante Hintergründe, die nicht bekannt sind? Nein. Kann ich irgendwas dazu schreiben, das nicht schon hundertfach im Buxtehuder Tagblatt oder anderen Qualitätsmedien steht? Eher nicht. Soll ich also für ein Thema, das ihr mit drei Wörtern bei Google recherchieren könnt ein wirklich relevantes oder interessantes Thema weglassen? Ganz sicher nicht.

Das Mörsermassaker mit langem Bart

Kim Jong Un macht ein Mörsermassaker und schlachtet trauerunwillige Generäle ab. Im Ernst? Dazu soll ich was schreiben? Zu der Geschichte, deren Bart länger ist, als alle ZZ-Top Bärte zusammen? Wenn ihr mein Blog einigermaßen regelmäßig gelesen habt, dann kam euch die Story vielleicht bekannt vor. Vor einem halben Jahr gab es die schonmal. Da haben unsere Medien aber versäumt auf den blödsinnigen Zug aufzuspringen. Und deshalb soll ich jetzt eine Story aufgreifen, die sich nach 6 Monaten nicht weniger bescheuert anhört. Am besten ihr lest die Vielzahl hochwertiger Informationen und gut recherchierter Hintergründe dazu im Buxtehuder Tagblatt.

Luftballonguerilla

Naja, zu den Luftballonflugblättern habe ich ja was geschrieben. Sogar zweimal. Da hatte ich nämlich ernstlich das Gefühl, dass das wichtig sein könnte. Aber soll ich jetzt dazu nochwas schreiben, weil die PR-Leute der Luftballonguerilla ein paar Imagefilmchen in unseren Medien platziert hat? Da hab ich besseres zu tun. Das könnt ihr genausogut beim Buxtehuder Tagblatt angucken.

Noch ein Buch, noch eine Flucht.

Nungut, zum Buch „Flucht aus Lager 14“ hätte ich vielleicht was schreiben können. Aber erstens habe ich es nicht gelesen, zweitens klang alles was ich darüber gelesen habe nach einem weiteren Fluchtbuch, das schildert wie schlimm  es in Nordkorea, wie grauenvoll die Lager und wie gefährlich die Flucht ist. Das ist mit Sicherheit nicht uninteressant, aber neu klingt das in meinen Ohren auch nicht. Da liest man m.E. besser die Publikationen von David Hawk zum nordkoreanischen Lagersystem. Da gibt es auch Augenzeugenberichte, dafür aber keine „literarische Freiheit“. Naja und nur über ein Buch zu schreiben, weil der Verlag ne gute Öffentlichkeitsarbeit macht und sogar das Buxtehuder Tagblatt drüber schreibt, das widerstrebt mir doch ein bisschen.

Ein Sack Reis in Mostar

War noch was? Achja, Kim Jong Uns Neffe Kim Han-sol hat irgendwas gesagt. Ist das wichtig? Hm, vielleicht ist gleichzeitig in Bosnien auch noch ein Sack Reis umgefallen. Wisst ihr was? Meine Nichte hat letztens auch gesagt, das Rhein-Main-Gebiet wäre blöd. Ist das wichtig? Naja, das Mädchen ist ein Kind und war noch nie da (sie hat also ungefähr die gleiche Ausgangssituation wie Kim Jong Uns Neffe), aber für mich ist das mindestens so wichtig, wie das Gelabere anderer Kinder. Ich habe mich trotzdem dagegen entschieden, über eine von beiden Aussagen zu berichten. Immerhin gab es ja einen ausführlichen Artikel im Buxtehuder Tagblatt.

Kurzkommentare auf Facebook

Abschließend bleibt noch der Hinweis auf meine Facebookseite. Da gebe ich mitunter etwas pointierter meine Meinung zu diesem und jenem Thema ab. Zum Beispiel zu dem Schwachsinn mit den Mörsern, dem „Verschwinden“ von Kim Jong Uns Frau und natürlich zu der äußerst bedeutsamen Aussage eines siebzehnjährigen Weltbürgers mit  Wohnort in Mostar. Darüber hinaus steht das Blog, wie gesagt auch für jeden offen, der mit seinen Inhalten zur thematischen Vielfalt beitragen will. Wenn ihr also in der Lage seid, etwas neues, interessantes, Wichtiges oder gehaltvolles zu Kim Jong Uns Mörsermassaker zu schreiben, dann freue ich mich sehr, das hier zu veröffentlichen.

Kritik ist ein Geschenk

So, ich glaube es war ne ganz gute Idee, das auch mal für mich aufzuschreiben, was meine Themenwahl beeinflusst. Vielleicht könnt ihr jetzt meine Beweggründe nachvollziehen, vielleicht aber auch nicht. Dann bin ich begierig eure Argumente zu hören und zu diskutieren. Das Bloggerei soll schließlich auch immer ein bisschen was Prozesshaftes haben. Das heißt, dass ich Input von außen gerne aufnehme, in meine Sicht einarbeite oder zumindest darüber nachdenke. Wenn solches Input aber ausbleibt, dann mache ich eben mein Ding wie bisher. Lange rede kurzer Sinn: Kritik ist ein Geschenk und verbessert nur das Gesamtergebnis. Daher seid ihr eingeladen euch auszutoben…

Naja, und wer auf lange Bärte steht, der sollte sich vielleicht die Nachrichten von vor ein paar Monaten sparen und sich stattdessen die Erfinder der langen Bärte reinziehen, dann verschwendet er seine Zeit wenigstens mit was Sinnvollem…

Eine Antwort

  1. Ich habe mir das schon gedacht warum du nicht über solche Themen schreibst. Finde das aus deinem Standpunkt auch völlig in Ordnung. Allerdings freue ich mich immer über deine ironischen oder sarkastisch gemeinten Beiträgen. Vielleicht einfach ein kritischer Beitrag zu diesen Artikeln. Weil das mit dem aussortieren der Generäle finde ich auch ziemlich schwachsinnig, hätte mich aber jedoch darüber gefreut Gegenbehauptungen von dir zu lesen, weshalb mir dieser Beitrag sehr gefallen hat. ( Buxtehuder Tagblatt ) Daumen hoch.

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