Aufbruch in Nordkorea oder neuer Wein in alten Schläuchen? Einige Überlegungen ohne abschließende Antwort.

In der letzten Zeit ist ja viel von einer gewissen Aufbruchsstimmung die Rede, die in Nordkorea Land greift und damit die bleierne Schwere der letzten beiden Dekaden ein Stück weit zu vertreiben scheint. Zumindest für Pjöngjang sind diese Beobachtungen weitgehend unumstritten. Das alles bringt man fast von selbst mit der Person Kim Jong Uns in Verbindung, denn wirkliche Veränderungen, wenn oft auch nur kosmetischer Natur, waren erst zu bemerken, als er seinen Vater als Führer seines Landes beerbte.

Aus der Ferne schwer greifbare Aufbruchsstimmung

Allerdings ist es garnicht so einfach, diese Aufbruchsstimmung zu greifen. Das liegt daran, dass man Stimmungen eben nur sehr schwer mit Texten oder Bildern übertragen kann und dass man sich daher häufig darauf verlassen muss, dass diejenigen die Nordkorea besucht haben eben sagen, dass so eine Stimmung in der Luft lag.

Gut, wenn einem Leute beim Greifen helfen

Das sagte mir auch ein Bekannter, mit dem ich kürzlich telefoniert habe und der vor einigen Wochen in Nordkorea war. Er beschrieb ziemlich genau das, was beispielsweise auch in dem sehr interessanten Artikel von Rüdiger Frank nachzulesen ist. Allerdings lieferte er mir auch — und dafür bin ich ihm sehr dankbar — ein Beispiel mit, dass dieses Gefühl ein bisschen plastischer machte.

Während er in Nordkorea war, absolvierte die Moranbong Band ihren vierten Auftritt auf dem 67. Geburtstag der Partei der Arbeit Koreas. Der Auftritt stand unter dem Titel „Song in Praise of Guiding Party“ und stieß in seinem Umfeld auf eine Resonanz, die sich ihm merklich eingeprägt hat.

Die Moranbong Band…

Aber vielleicht erstmal kurz was zur Moranbong Band. Die reine Mädchen-/Damentruppe, die Instrumentalistinnen unterschiedlicher Instrumentengattungen vereint (zum Beispiel, um euch ein Gefühl zu geben E-Gitarren, aber auch Cellos und Geigen, eine Klarinette, Keyboards und einen Flügel gesehen) und außerdem einige Sängerinnen in ihren Reihen hat, wurde nach Angaben von KCNA erst vor einigen Monaten (so schrieb KCNA im Juli) gegründet. Und zwar auf Initiative/unter direkter Aufsicht (es wird von „organized“ gesprochen) von keinem Geringeren als Kim Jong Un selbst. Daher ist es auch keine große Überraschung, dass die Moranbong Band sich in kurzer Zeit zum Standardrepertoire jeder größeren Feierlichkeit gemausert hat. Für einige Aufmerksamkeit sorgte beim ersten Auftritt der Band vor allen Dingen die Tatsache, dass damals einige Disneyfiguren über den Bildschirm hopsten und Rocky einen kurzen musikalischen und filmischen Auftritt im Konzert hatte.

…Versuche der Bewertung. Alter…

Während sowas natürlich westliche Interpretationsreflexe unmittelbar anspricht, ist die weitere Bewertung der Band an sich etwas schwieriger. Was man vielleicht sagen kann, ist, dass die Damen jung sind, die Musik öfter mal poppig und dass das Personal keine Militäruniformen trägt. Aber das war es auch schon fast mit der Analyse…gäbe es da nicht SinoNK. Dort haben sich Adam Cathcart und seine Mitstreiter ernsthaft Gedanken um Hintergründe zur Band gemacht. Zusammenfassend bringt Cathcarts Satz vom alten revolutionären Wein in neuen ästhetischen Schläuchen  das ganze recht gut auf den Punkt. Die Änderungen im künstlerischen Format seien begleitet durch eine Konstanz der Lyrik und des Inhalts. Es handelt sich also, wenn man das auf das System übertragen möchte nicht um eine revolutionäre Umgestaltung sondern um eine Modernisierung des Anstrichs.

…ideologischer Wein…

Diesen Tenor kann man auch aus diesem KCNA Artikel anlässlich des ersten öffentlichen Auftritts der Band entnehmen.

Kim Jong Un organized the Moranbong band as required by the new century, prompted by a grandiose plan to bring about a dramatic turn in the field of literature and arts this year in which a new century of Juche Korea begins.

[Kim Jong Un organisierte die Moranbong Band wie es das neue Jahrhundert erforderte, angeregt durch einen großartigen Plan, in diesem Jahr, das ein neues Jahrhundert von Juche-Korea einläutet, eine dramatische Wende im Feld der Literatur und Künste herbeizuführen.]

…in neuen…

Das klingt noch alles ziemlich revolutionär. Liest man es aber im Kontext mit dem, was Kim Jong Un zu dem Auftritt der Band sagte, dann ist die Übersetzung Cathcarts (Wein und Schläuche) ziemlich treffend.

He said repeatedly that the performance given by the band was the one spurring the revolution and construction, a stirring and unique one reflecting the breath of the times and the one which reached a new phase in its contents and style. […]

He underscored the need to steadily develop the traditional music and popular music in a balanced manner to suit the thoughts and feelings of Koreans and their aesthetic taste while meeting the need of the times and the people’s desire.

[Er sagte mehrmals, dass der Auftritt der Band die Revolution und den Aufbau vorantreiben würde, dass er ergreifend und einzigartig gewesen sei und den Geist der Zeit und wiederspiegelte und dass er eine neue Phase in Inhalt und Stil erreicht habe. […]

Er unterstrich die Notwendigkeit, die traditionelle und die populäre Musik stetig im Gleichschritt weiterzuentwickeln, damit sie den Gedanken und Gefühlen der Koreaner, sowie ihrem Sinn für Ästhetik entspreche und gleichzeitig die Bedürfnisse der Zeit und die Begierden der Menschen erfülle.]

…ästhetischen Schläuchen

Ich finde, hier wird ein deutliches Gewicht auf die Ansprüche der Bevölkerung gelegt. Im Zentrum steht jetzt sozusagen der populäre Geschmack. An dem muss sich die Musik orientieren.

Aber was ist die Wirkung?

Wie gesagt, das alles zu wissen und zu interpretieren ist zwar interessant. Aber im Endeffekt sagt uns das noch wenig darüber, wie es wirkt. Oder um wieder mit Adam Cathcart zu sprechen. Es gibt kaum nützliche Analysen, die über Micky hinausgehen, geschweige denn Bewertungen darüber, wie die Band auf die nordkoreanische Gesellschaft wirkt. Und damit sind wir wieder bei meinem Bekannten. Der hat mir nämlich einen kleinen Ausschnitt der Wirkung der Band auf die nordkoreanische Gesellschaft gewährt und damit auch in einer gewissen Weise ermöglicht, die Aufbruchsstimmung im Land ein bisschen besser zu greifen.

Aufbruchsstimmung

Der Auftritt der Moranbong Band habe einen wirklich nachhaltigen Effekt auf seine Guides gehabt. Das Konzert, das in einer relativ hohen Frequenz im Fernsehen gezeigt wurde habe jedes Mal, wenn gerade ein Bildschirm greifbar war die Gespräche abgewürgt, weil die Führer nurnoch den Bildschirm fokussiert hätten. Nachdem das Konzert zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, waren die Guides am darauffolgenden Tag scheinbar relativ übernächtigt. Das erklärten sie meinem Bekannten mit dem inneren Aufruhr, in den sie das Konzert versetzt habe, was dazu geführt habe, dass die Führer statt zu schlafen, einen guten Teil der Nacht mit Karaoke zugebracht hätten, um das erlebte zu verarbeiten. Vor allem ein Lied habe besonders stark auf die Guides gewirkt. Einerseits hätten sie die „westlichen Tanzschritte“ total beeindruckt, vor allem aber eine besondere Choreografie, bei der die Sängerinnen eine Bewegung sozusagen von einer zur nächsten weitergaben. Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, dieses Lied, das ein bisschen modern klingt, aber bei mir irgendwie immer Assoziationen zu meinem kindlichen Samstagsmorgenszeichentrickserienkonsum weckt, dürfte den Guides den Schlaf geraubt haben. Die Tanzschritte kommen zwischendrin immer mal, der Move ganz am Ende.

Wer anderthalb Stunden Zeit hat und das ganze Konzert gucken will (warum auch immer), für den verlinke ich auch nochmal das komplette Video:

Scheinbar wird die Moranbong Band in ihrer Funktion zumindest von den Begleitern meines Bekannten als hoch symbolisch interpretiert. Dazu gehört, neben der revolutionären ästhetischen Form auch, dass die Chefin der Truppe so jugendlich ist und damit sozusagen einen Kontrapunkt zur leicht angegreisten Führung des Landes setzt, die wiederum bei Konzerten der Band immer recht hochrangig vertreten ist.

Symbole des Aufbruchs

Ich will da jetzt auch nicht zuviel rein- bzw. rausinterpretieren, aber mir kommt es so vor, als sei die Wertschätzung des Neuen und des Modernen das, was von den Guides wirklich als revolutionär empfunden wird. Damit dürften sie nicht alleine stehen. Gleichzeitig gibt Kim Jong Und der Bevölkerung mit dieser Band, wie mit anderen Modernisierungen natürlich auch etwas, wonach sie (zumindest im Fall der Guides) schon zu dürsten scheint. Es sieht für sie zumindest so aus, als würde er sein Volk ins 21. Jahrhundert führen.

Wenn die Studien über Mediennutzug bzw. Zugang, zutreffen und tatsächlich ein bedeutender Teil der nordkoreanischen Bevölkerung bereits südkoreanische Seifenopern etc. gesehen hat, dann lässt sich natürlich auch für das Regime nicht mehr leugnen, dass andere Gesellschaften wesentlich moderner sind, als die nordkoreanische. Ein Stück dieser Modernität bringt beispielsweise die Moranbong Band ins Spiel. Naja und wenn die Menschen wirklich das Gefühl haben, dass sich die Gesellschaft und vielleicht auch der Staat (junge Leute können eine Band führen, vielleicht muss man dann auch nicht mindestens siebzig sein, um ein höheres Staatsamt anzustreben) modernisiert, dann ist es ja auch nicht verwunderlich, dass bei den Menschen sowas wie Aufbruchsstimmung aufkommt. Denn wenn sie mit ihrem Gefühl richtig liegen, dann stehen sie ja am Anfang eines Aufbruchs. Allerdings scheint dahingehend noch deutliche Vorsicht zu existieren. Denn selbst die jüngeren Nordkoreaner haben ja schon mindestens einen kleinen Aufbruchsversuch miterlebt, der im Endeffekt versandete.

3 Antworten

  1. Bei dem besagten Lied handelt es sich um um eine Cover-Version eines älteren Songs namens „uh düng pul“ (könnte oh schönes Feuer oder so bedeuten)

    Hier das Original vom berühmten Pochonbo Electronic Ensemble dessen Entstehung etwa um die späten 80er bis frühen 90er angesiedelt sein dürfte.Klingt irgendwie…deutsch.Meint ihr nicht?

    Und noch die Karaokeversion mit schickem Video und Untertiteln zum mitsingen🙂

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