Trash zum Sonntag (III)

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dieses Jahr zumindest noch einmal ein bisschen Trash zum Sonntag absondern muss (bzw. darauf hinweisen, denn abgesondert haben ihn ja schon andere). Und da unsere Printmedien sich in den letzten Tagen sosehr ins Zeug gelegt haben, haben sie es sich auch redlich verdient, einmal exklusiv ihre besonderen Verdienste bei der Produktion von Ausschuss anerkannt zu bekommen. Die Schwierigkeit war dabei nicht so sehr Trash zu finden, sondern eine Auswahl zu treffen. Die fiel auf einige Dauergäste in meiner Rubrik „Medienschelte“ und ein Blatt, dass sich schon seit Jahren abrackert, auch mal aufgenommen zu werden, mir bisher aber immer einen Tick zu untrashig war. Apropos „un…“.

BILDs Un(glaublich) kreativer Spitzname

Warum nicht gleich mit unser aller Lieblingsunterhaltungsmedium und seiner neuen publizistischen Linie gegenüber Nordkoreas Diktator beginnen. Von Zeit zu Zeit habe ich mich ja schon an Springers Bestem und seinen Namensentwürfen für Kim Jong Un abgearbeitet. Die entwickelten sich vom wenig kreativen „noch irrer als sein Vater“ vor Amtsantritt über den irgendwie lahmen „Bubidiktator“ zum bisherigen kreativen Höhepunkt springerschen Medienschaffens: „Kim Jong Un(heimlich)“ finde ich schon ziemlich in Ordnung und was vor allem toll daran ist. Die Idee hat potential. So wurde das höchstinspirierende Bild, dass auch mich gestern zu geistigen Tiefflügen animiert hat mit „Kim Jong Un(cool)“ beschrieben. Der Anfang ist also getan und jetzt kann selbst der popeligste Bildvolontär lustige Schöpfungen wie Kim Jong Un(tadelig) /(terirdisch) /(bewaffnet) /(ten ohne) /(zerstörbar) /(tergeganen) /(derberg) /(endlich viele Optionen lustiger Namenszusätze eben) in die Welt blasen. Astreine Sache! Das Ding ist ein Selbstläufer und echter Schrott, dafür vielen Dank an die BILD. Ansonsten muss man nicht viel über den Artikel  sagen. BILD eben. Da wird an der antiquierte Inneneinrichtung nordkoreanischer Satellitenkontrollzentren genauso herumgenörgelt wie an ihrer mangelhaften technologischen Ausstattung:

Und ein Satelliten-Kontrollzentrum stellt man sich auch irgendwie technologisch besser ausgerüstet vor. Nur wenige Computer sind zu sehen.

So ein Ärger! Eigentlich schon bedenklich, wenn man überlegt, dass in einer durchschnittlichen Springer-Redaktion vermutlich viermal soviele Computer rumstehen. Hoffentlich kommt der Autor jetzt nicht auf die Idee selbst einen Satelliten ins All zu schicken. Scheint ja technologisch ziemlich anspruchslos zu sein. Mit den paar blöden Computern…

Die Schäbigkeit der Interpretation

Auch unser zweiter Aspirant ist in die Bildinterpretation eingestiegen. Und das ist er ziemlich ernsthaft angegangen. Anders als die Springerkollegen hat der Autor von Spiegel Online sich derart in die (Un)tiefen des Bildes verstrickt, dass er sogar (Un)geheuerlichkeiten aufdeckte, die ohne sein Zutun vermutlich vollkommen (un)bemerkt und (un)beschrieben geblieben werden (ich (un)terlasse das jetzt mal, da wird man ja wahnsinnig mit der ganzen Unnerei hier). Dazu bemüht der Autor sogar einigen theoretischen Unterbau, aber die Frage die sich mir stellt. Gibt das Bild das überhaupt her. Ich meine nein. Die kulturhistorischen Überlegungen zur Repräsentation von Operettendiktatoren im Bild finde ich zwar durchaus lesenswert, aber zu schreiben, Kim Jong Un wäre auf dem Bild dargestellt/inszeniert „wie ein schäbiger Gangster“ finde ich dann doch etwas weit gesprungen. Erstens sind Fotos wie die samt seltsam anmutenden Klamotten, Desinteresse im Blick und leerem Aschenbecher vor sich bereits von seinem Vater in großer Zahl überliefert, zweitens hatte ich bei diesem Bild eine Menge Assoziationen, aber einen schäbigen Gangster stelle ich mir anders vor. Vor allem aber sind die Schlüsse, die der Autor aufgrund seiner Überinterpretation zog finde ich daher mehr als schwierig:

Das Agenturfoto des nordkoreanischen Diktators lässt nur zwei Interpretationen zu: Entweder Kim Jong Un ist entmachtet, eine Witzfigur mit groteskem Irokesenschnitt, vorgeführt von den nordkoreanischen Militärs.

Oder es handelt sich bei ihm um einen visionären Strategen: Der Mann, der die überkommene Optik der Operettendiktaturen des 20. Jahrhunderts überwindet.

Ich verstehe natürlich, der Autor kommt eher aus der Kulturecke und macht deshalb das, was er gut kann: Bilder beschreiben und interpretieren. Aber erstens geht es hier nicht um Kultur sondern um Politik und in der politischen Sphäre stehen Bilder anders als im Bereich der Kunst nicht für sich selbst, sondern sind (nur) im Kontext zu verstehen und deshalb genügen zweitens Bilder nie, um mit ihnen die Realität zu erklären. Da hätte der Autor sich mal bei den Geheimdienstlern und Beobachtern die mit der Satellitenaufklärung Nordkoreas befasst waren informieren können. Die hätten ihm ein Liedchen davon singen können, dass die Bilder die man so sieht eben manchmal nur das zeigen was sie zeigen sollen und dass man vor lauter Bilderinterpretiererei schonmal einen Raketenstart übersehen kann…

Neues vom Godfather of Bildinterpretierei – oder auch nicht

Ach und wenn wir schon bei Bilderinterpretiererei sind, dann liegt es ja extrem nahe, dass wir uns zum Abschluss auch nochmal mit dem Godfather of Bilderinterpretieren himself beschäftigen. Der Mann, der allein an der Farbe eines Daches erkennt, was darunter vorgeht. Der Mann, der sich besser mit den Besitzverhältnisse nordkoreanischer Villen auskennt als die Nordkoreaner…Oder auch nicht. Leider ist der jüngste Artikel in der WELT nämlich nicht mit einem Namen gekennzeichnet. Aber wer schon einmal das Vergnügen hatte, einen Artikel dieses Autors zu lesen, der weiß was dazugehört und dem fällt auf, dass dieser Artikel genau dem typischen Bauschema folgt. Ein ordentlicher Schuss Kalter Krieg Romantik (hier hervorragend präsent durch die Erinnerung an Erich Honecker), ein gute Portion Gerüchte und Sensationen (Iranische Wissenschaftler wurden eingeflogen, damit der Test hinhaut — vielleicht wurden sie eingeflogen und vielleicht aus diesem Grund), eine saftige Prise Faktenwissen (wer die Ereignisse in Nordkorea nicht regelmäßig verfolgt, der kann nicht alle die Detailinfos einbauen die hier einfließen), gewürzt mit einer erstaunlichen Portion von Schlampigkeit bei der Recherche (nein, der Satellit heißt nicht „Kwangmyongsong 2“ (der kreist nämlich laut Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA schon seit 2009 um die Erde). Diese Auskunft hätten übrigens auch die Kollegen von der BILD (oder so ziemlich jeder anderen Zeitung) geben können, die haben das nämlich alle sachlich richtig dargestellt) und teils unverständlichen kausalen Erklärungen.

Nur zögernd und eher leise entschloss Washington sich zu einer Verurteilung des Starts, obwohl der einzige Funktionär, der Kim Jong-un außer dessen Onkel beim Start begleitete, Kims Rüstungschef Pak To-chun war.

Ja und? Und wenn der einzige Funktionär der ihn begleitet hat ein anderer gewesen wäre, oder wenn ihn drei Funktionäre begleitet hätten, wie hätte sich dadurch das erwartbare Verhalten Washingtons wohl verändert? Keine Ahnung! Vielleicht wollte der Autor nur ein bisschen Namedropping betreiben. Ist ja nie schlecht. Was diesen Artikel trotz der zugegeben ordentlichen Faktenkenntnisse (von größeren unerklärlichen Fauxpas mal abgesehen) des Autors zum Trash qualifiziert. Es geht hier nicht um Informationsvermittlung, sondern eigentlich nur darum überlieferte Klischees zu bedienen und zu festigen. Nordkorea, der obskure Staat mit der irren Führung und den bösen Freunden der uns an die guten alten Zeiten des Kalten Krieges erinnert als es noch so schön einfach war die guten von den bösen zu unterscheiden. Das alles ist mehr als bedenklich weil es mit der Realität nicht wirklich was zu tun hat, sonder nur mit einer Hirngeburt eines Chefkommentators.

Bonustrah

Naja, viel schwere (bzw. schwer zu ertragende) Kost so kurz vor Weihnachten und damit ihr nicht schlechtgelaunt den dritten Advent feiern müsst, hab ich noch einen echt trashigen und auf keinen Fall schweren Bonustrash für euch

4 Antworten

  1. Köstlich dieser Bonustrash, dem kann ich nur beipflichten 🙂

    Stichwort Bildinterpretation: Vor kurzem wurde in Pjöngjang eine neues Kim-Wandportrait aufgestellt.Leider fand ich auch nach längerem Googlen kein Foto davon aber ihr kennt ja sicher diese Doppelkimportaits auf denen Kim Il Sung und Kim Jong Il zusammen abgebildet sind.
    Naja jedenfalls hat der Maler Kim Il Sung auf dem Bild eine etwas sonderbare Mütze verpasst (So eine Fellmütze mit Ohren ähnlich der von Kyle aus South Park) und eines der Mützenohren steht sehr weit ab, was den eternal President ein wenig, naja, lächerlich wirken lässt wie ich finde.
    Für mich ganz klar eine subtile Regimekritik des Künstlers.

  2. „[…] das ins rechte untere Bildeck ragende graue Hosenbein zerstört die Illusion vollends. Hier hat offenbar, wie in manchem Gangsterfilm, der Boss hinter dem Boss seine Hand, oder zumindest sein Knie, im Spiel.“

    Habe gestern auch diese meisterliche Hosenbeininterpretation auf Spiegel Online gelesen und mich gefragt, was auf deinem Blog wohl dazu stehen würde. Einen Tag später dann dieser super Trash zum Sonntag. Danke! 😀

  3. der bonustrash ist großartig. danke!

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